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einestages

Frühe Luftbild-Fotografie

Drohnen an der Leine

Von oben sieht man besser: Vor mehr als 150 Jahren begann der Aufstieg unbemannter Luftfahrzeuge - anfangs als aberwitzige Konstruktionen. Es ging dabei nicht allein um gute Bilder.

Courtesy of the Boston Public Library/ Leslie Jones Collection
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Montag, 12.12.2016   15:13 Uhr

Die Idee hatte von Anfang an etwas Perfides: Unbemannte Flugobjekte sollten eine tödliche Fracht überbringen, ohne dass sich der Angreifer selbst in Gefahr begab. Selbst wenn die Zielpersonen die Bedrohung frühzeitig bemerkten und sich wehrten, sie würden dem Absender nie in gleicher Weise schaden können.

Das Aufbegehren Venedigs im Revolutionsjahr 1848 stellte die Armee des Vielvölkerstaats Österreich vor eine Herausforderung: Mit Kanonen war der Lagunenstadt nicht beizukommen, die Geschütze reichten nicht weit genug. Eine Belagerung - bis dato üblich, um Abtrünnige unter Kontrolle zu bringen - hätte ewig dauern können.

Stattdessen warteten die Österreicher auf günstigen Wind: Sie ließen Ballons steigen und mit Sprengstoff beladen in Richtung der Inseln treiben. Die Lunten brannten bereits. Direkt über der Stadt, so hatten die kaiserlichen Strategen errechnet, würden die Zündschnüre abgebrannt sein und einen Mechanismus auslösen, der die explosive Fracht abwarf.

Vorsicht, drehende Winde

Die psychologische Wirkung war enorm - Venedig kapitulierte. Die tödlichen Flugobjekte, sie waren so etwas wie die Vorläufer bewaffneter Drohnen. Doch ihr Einsatz blieb eine kurze Episode. Nicht zuletzt, weil die neue Waffe nicht allein die Venezianer in Angst und Schrecken versetzte: Als der Wind sich drehte, trieben einige Ballons direkt auf die Belagerer zu. Man verzichtete auf weitere Versuche.

Fotostrecke

Frühe Luftbildfotografie: Als die Bilder fliegen lernten

Unbemannte, wiederverwendbare Luftfahrzeuge interessierten Militärs erst wieder, als man nicht mehr auf die Launen des Windes angewiesen war. Auf anderem Gebiet aber machte die Eroberung des Luftraums etwa zur gleichen Zeit durchaus Karriere: mit Fluggeräten, die statt Bomben Kameras trugen. Schäden und Verluste hielten sich dabei in Grenzen - auch weil für die Urahnen des Quadrocopters gewissermaßen Leinenzwang bestand.

George R. Lawrence, experimentierfreudiger Fotograf aus den USA, hatte die Idee mit den Ballons ebenfalls rasch aufgegeben. Er war auf lange Leitern und hohe Türme gestiegen, 1901 auch in einen Heißluftballon. Doch seine Ambitionen wurden schwer erschüttert: Als er sich mehr als 60 Meter über Chicago befand, löste sich der Korb vom Ballon und stürzte ab.

"Das bisher Unmögliche in der Fotografie ist unsere Spezialität", lautete die Firmenphilosophie des enthusiastischen Luftbildfotografen. Er überstand das Unglück nur, weil Telefon- und Telegrafenleitungen seinen Fall bremsten. Das Erlebnis spornte Lawrence an, nach Alternativen zur bemannten Ballonfahrt zu suchen - einer Technik, die immerhin bereits seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) der militärischen Aufklärung diente.

Flieg, Kamera, flieg

Lawrence bevorzugte den sicheren Stand mit beiden Füßen auf dem Boden. Nicht er wollte fliegen - nur die Kamera sollte in die Luft gehen. Anderswo hatten ein paar Männer das bereits vorgemacht.

Der Franzose Arthur Batut lichtete im Mai 1889 seinen Heimatort Labruguière aus der Luft ab - mit Hilfe eines Drachens aus Schnur, Papier und Holz. Dazu veröffentlichte Batut eine detaillierte Bauanleitung, ebenso für seine kastenförmige Kamera. Als Auslöser benutzte er einen brennenden Docht, der das Motiv bis zu einem gewissen Grad zu einem Zufallsergebnis machte. Der Franzose erwog auch einen elektrischen Auslöser, fürchtete aber, der um die Drachenschnur gewickelte Draht könnte bei starkem Wind brechen. Außerdem hätte er eine Batterie mit sich herumtragen müssen. Batut liebte es minimalistisch. Er entschied sich für selbstgebaute Drachen und gegen teure, umständlich zu transportierende Ballons.

Lawrence kümmerte die Frage des Aufwandes weniger. Der Mann, der mit bis zu 600 Kilogramm schweren Großformatknipsen zu Werke ging, mochte es gigantisch: Nicht nur einer, sondern bis zu 17 Drachen zogen schließlich seine 22 Kilogramm schwere Panoramakamera auf 600 Meter Höhe. Auch das Motiv wollte er nicht dem Zufall überlassen. Ein System von Auslegern, Leinen und Gewichten hielt die Kamera stabil und verhinderte, dass sie sich in der Luft drehte. Den Auslöser betätigte Lawrence über ein Stromkabel.

Ergebnis seiner Mühen war eine der spektakulärsten frühen Luftaufnahmen: der Blick auf das im April 1906 vom Erdbeben zerstörte San Francisco. Das 45 mal 120 Zentimeter große Zelluloid-Negativ zeigte Menschen, die auf der Straße ihren Geschäften nachgingen oder nach oben zu den Drachen schauten; Pferde und Wagen inmitten von Schutt und Ruinen und die aufgereihten Zelte obdachloser Bewohner.

Das hatte die Welt noch nicht gesehen. Selbst US-Präsident Theodore Roosevelt war beeindruckt - und dachte an Lawrence' Drachenzug als künftiges Aufklärungsinstrument seiner Armee und Marine. Luftschiffe und Heißluftballons waren mittlerweile ein allzu leichtes Ziel für die gegnerische Artillerie.

Kühne Luftexperimente

Ein Deal zwischen Lawrence und der US-Marine kam jedoch nicht zustande. Der Trend ging in eine andere Richtung: In Europa schickten die Militärs nicht nur Kameras, sondern auch Männer mit Drachen in den Himmel.

Mit einer der kühnsten Anwendungen der Luftfotografie wandte sich der Amerikaner Samuel Franklin Cody um die Jahrhundertwende ans britischen Kriegsamt. Cody war eigentlich Schausteller und mit Wild-West-Nummern durch England getourt, bis er sein Publikum rund um London mit Schauflügen faszinierte und sich von selbstgebauten Kastendrachen Hunderte Meter in den Himmel ziehen ließ.

Im Mai 1909 reisten auch zwei französischen Offiziere nach England, um Codys Aufstiegstests zu beobachten und ihre Erkenntnisse für eigene Experimente zu nutzen. Frankreich veranstaltete einen Ingenieur-Wettbewerb um die beste Technik zur Feindbeobachtung. Weil der Sieger kurz danach verunglückte, griff die französische Armee die Ideen von Jacques-Théodore Saconney auf: Dessen Drachenflug-Einheiten bestanden aus Monteuren und Piloten samt Automobil, Anhänger und Winde, angetrieben vom Automotor. Damit konnten die Teams Drachen samt Besatzung praktisch überall und bei fast jeder Windstärke in die Luft hieven. Sie wurden das Auge der Armee.

Doch auch die unbemannte Luftaufklärung machte derweil große Fortschritte: 1903 hatte der deutsche Ingenieur Alfred Maul einen fotografischen Apparat patentieren lassen, den er per Rakete in den Himmel schoss und der genau am Scheitelpunkt der Flugbahn eine Aufnahme auslöste. Kamera und Raketenrumpf schwebten danach am Fallschirm zur Erde.

1906 führte Maul Militärbeobachtern seine Fotorakete in Sachsen vor. Sie erreichte eine Höhe von bis zu 800 Metern; das Bild ließ landschaftliche Details in einem Umkreis von drei Kilometern erkennen. Nur sechs Minuten nach der Landung lag das Foto vor. Bis 1912 war die Fotorakete in allen Details ausgereift - und blieb doch unbeachtet. Denn von nun an waren Luftaufnahmen aus Flugzeugen möglich.

Drohnen können sich lohnen

Dabei sollte es lange bleiben: Den Vorzug vor unbemannten Flugmaschinen erhielten Lösungen, bei denen ein Pilot am Steuer saß. Mit Ausnahme der funkgesteuerten "Queen Bee", die Mitte der Dreißigerjahre in Großbritannien in Serienproduktion ging. Ein langes Leben war der "Bienenkönigin" allerdings per se nicht beschieden, denn das Flugzeug diente dazu, Schwächen der britischen Luftabwehr offenzulegen - als Zielscheibe. Ihr unvermeidliches Ende war eher mit dem Schicksal männlicher Bienen zu vergleichen; wohl deshalb tauchte bald darauf in US-Dokumenten zum ersten Mal die Bezeichnung "Drohne" auf.

"Wir haben gerade einen Krieg mit Hilfe vieler Helden in Flugzeugen gewonnen. Der nächste Krieg könnte mit Flugzeugen geführt werden, in denen keine Männer mehr sitzen", verkündete im August 1945 Henry "Hap" Arnold, Oberbefehlshaber der U.S. Air Force, am Tag des Sieges über Japan. Doch so schnell sollte es nicht gehen - oder die nächsten Kriege kamen rascher, als Arnold erwartet hatte.

Von den Aufklärungsdrohnen, die die USA in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Vietnam, China und Nordkorea einsetzten, ging ein erheblicher Teil verloren. Erst die Kombination einer ganzen Reihe von Innovationen inklusive Satellitennavigation brachte den Durchbruch - und machte die Drohne zum Jedermann-Werkzeug.

Schon wünscht sich mancher, die unbemannten Allzweckflieger wieder an die Leine zu legen. Und sei es wenigstens mit Gesetzen und Flugverboten im zivilen Raum.

insgesamt 8 Beiträge
Volker Scheil 12.12.2016
1. Ballone fliegen nicht...
Ballone fahren. Luftschiffe im übrigen auch. Vielleicht kann man das im Artikel und den Bilderbeschriftungen korrigieren.
Ballone fahren. Luftschiffe im übrigen auch. Vielleicht kann man das im Artikel und den Bilderbeschriftungen korrigieren.
Dieter M. Schulz-Hoos 12.12.2016
2. @Volker Schell
Es ist richtig, Fluggeräte, die aerostatischen statt aerodynamischen Auftrieb nutzen, um zu "fliegen", fliegen nicht, sondern sie fahren. Tatsächlich werden aber auch bei Ballonen und Zeppelinen beide Formen von [...]
Es ist richtig, Fluggeräte, die aerostatischen statt aerodynamischen Auftrieb nutzen, um zu "fliegen", fliegen nicht, sondern sie fahren. Tatsächlich werden aber auch bei Ballonen und Zeppelinen beide Formen von Auftrieb beobachtet, wenn man den Coanda-Auftrieb - Überströmung gewölbter Flächen - mit zu den dynamisch erzeugten Auftrieben zählt. Ich halte es für einen Anachronismus, Leuten zu belehren, dass Zeppeline, Blimps und Ballone fahren statt zu fliegen. Das tun sie ja auch nur in der deutschen Sprache. Das Fahren der Ballone entspricht dabei dem Fahren von Schiffen, die hydrostatischen Auftrieb haben, demzufolge sie im Wasser schwimmen. Das Fahren sagt in beiden Fällen nur aus, das das Gefährt gerichtet navigiert werden kann. Das aber ist beim flying balloon nur eingeschränkt der Fall. Er fliegt eher als er denn fährt.
Achmed Adolf Wolfgang Khammas 12.12.2016
3. Hintergrund
Ich habe einmal die Entwicklung der Drachen zusammengetragen - allerdings mehr mit der Priorität von Transport und Energieerzeugung: http://www.buch-der-synergie.de/c_neu_html/c_08_09_windenergie_andere_systeme.htm#Drachen
Ich habe einmal die Entwicklung der Drachen zusammengetragen - allerdings mehr mit der Priorität von Transport und Energieerzeugung: http://www.buch-der-synergie.de/c_neu_html/c_08_09_windenergie_andere_systeme.htm#Drachen
Gunnar Ganz 12.12.2016
4. Drachen und Zeppelin
Graf Zeppelin ließ sich im amerikanischen Bürgerkrieg,dem er zu Teilen als Beobachter beiwohnte,von den Fesselballonen inspirieren-allerdings sollte seine Konstruktion steuerbar! sein-den 'Rest 'zeigt das Museum in [...]
Graf Zeppelin ließ sich im amerikanischen Bürgerkrieg,dem er zu Teilen als Beobachter beiwohnte,von den Fesselballonen inspirieren-allerdings sollte seine Konstruktion steuerbar! sein-den 'Rest 'zeigt das Museum in Friedrichshafen.......Ich besitze einen Codydrachen:1,90 lang und beinahe 3,00 m breit.Also immerhin mannshoch!Gefertigt wurde er in England aus modernen Materialien :Glasfaserstäbe und modernem Segeltuch.Die Steigleistungen(Nur 100 m vorgeschrieben ) sind enorm und manchmal bei Windstärke 4 empfiehlt sich ein Erdanker.Eben ein schön anzusehender Spaß!
Gunnar Ganz 12.12.2016
5. An Dieter M.Schulze -Hoos. Nr2
Nun ja,ich würde es beim 'Fahren 'belassen .Sie beschreiben zwar den Coandaeffekt ,doch die tragende ,gewölbte Fläche werden Sie am Zeppelin schwerlich finden und wenn,dann nur in unbedeutenden Teilbereichen der [...]
Nun ja,ich würde es beim 'Fahren 'belassen .Sie beschreiben zwar den Coandaeffekt ,doch die tragende ,gewölbte Fläche werden Sie am Zeppelin schwerlich finden und wenn,dann nur in unbedeutenden Teilbereichen der Konstruktion.Die Form sollte nur möglichst wenig Widerstand bieten. Zuallererst gehen Sie einfach von einem Schweben aus-leichter als Luft.Mit Hilfe der Steuerflächen konnte dann das Luftschiff gesteuert werden.Der Ballon,leidend unter seiner kugeligen Form(dreht sich gerne!) ist sowohl als Gas wie auch als Heißluftballon leichter als Luft und fliegt nicht.Auch hier können Sie von schweben sprechen.Seine 'Steuerung 'besteht nur aus den unterschiedlichen Flughöhen ,da im allgemeinen in unterschiedlichen Höhen unterschiedliche Winde herrschen.Das richtig zu treffen ist die Kunst der Ballonfahrerei um halbwegs sein Ziel zu erreichen.Aber warum reden wir über das 'Fahren' so ausgiebig?Es besteht oder bestand doch keine Not diese Bezeichnung oder Redensart zu ändern?

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