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einestages

Frühe deutsche Graffitis

"Wir waren alle Kritzelbrüder"

Über Nacht besprühten sieben Jugendliche eine S-Bahn von vorn bis hinten. Der Geltendorfer Zug war 1985 der erste Wholetrain in Deutschland - und löste ein Wettrüsten aus, das bis heute anhält.

Cheech H/ From Here To Fame Publishing
Von
Freitag, 22.03.2019   14:17 Uhr

Im März 1985 kam New York nach Bayern. Eine Handvoll Jugendliche aus München und Umgebung holte sich ihre Vorstellung von der großen, bunten Welt ins oberbayerische Örtchen Geltendorf. Die sieben Jungs suchten Anerkennung irgendwo zwischen Vandalismus und Kunst.

Sie nannten sich Blash, Cheech H., Cryptic2, Don M. Zaza, Roscoe, Roy und Zip. Für die Nacht vom 23. auf den 24. März 1985 holten sie sich Sprühdosen aus dem Baumarkt. Aus einem Waldstück spähten die Teenager auf das Geltendorfer S-Bahn-Depot, warteten frierend bei zweistelligen Minusgraden - und schlugen zu. Einige Stunden sprühten sie und liefen danach entlang der Gleise zur nächsten S-Bahn-Station in Türkenfeld. Im Zug schliefen sie ein.

Und da stand er am frühen Morgen, der erste Wholetrain Deutschlands: ein auf ganzer Länge mit Graffitis besprühter Zug der Linie S4. Schriftgemälde und Figuren im Comicstil auf rund 50 Meter Bahnwaggons, bunte Buchstaben, die sich aufbäumten, ein Krokodil und ein Pin-up-Girl. So erreichte die Urban Art erstmals auch die breitere deutsche Öffentlichkeit. Es war längst nicht das erste Graffiti in der Bundesrepublik, bleibt aber bis heute eines der wirkmächtigsten.

Fotostrecke

Geltendorfer Zug: Style auf Schienen

Mit dem Medienecho, das auf ihre Aktion gut 50 Kilometer vor München folgte, hatte keiner der Jugendlichen gerechnet. "Ich saß mit meinen Eltern beim Frühstück", erinnert sich Don Karl, damals 14. Unter dem Namen Don M. Zaza malte er am Geltendorfer Zug mit und wurde später Autor und Verleger von Graffiti- und Street-Art-Büchern. "Mein Vater hat die Zeitung gelesen, da war plötzlich der Zug drin. Mir ist fast der Kakao ausgekippt."

Überraschend: Zwar schrieb die Lokalpresse, wie zu erwarten, vor allem davon, dass eine S-Bahn "beschmiert" wurde - aber ebenso von "Sprühkünstlern" und "Münchens größtem Gemälde".

"Die Jugend muss eine wilde Zeit sein"

"Wir waren alle Kritzelbrüder", sagt Loomit (bürgerlich: Mathias Köhler), der sich 1985 noch Cryptic2 nannte und heute zu Deutschlands bekanntesten Graffitikünstlern zählt. Mittlerweile ist er derart etabliert, dass Münchens früherer Oberbürgermeister Christian Ude sich sein Badezimmer von ihm bemalen ließ.

"Die Jugend muss eine wilde Zeit sein, an die du dich gern zurückerinnerst", sagt Loomit. Es ging auch darum, Grenzen zu überschreiten. "Natürlich war das ein Abenteuer für uns, weit vor dem Diktat der Helikoptermütter. Manche Leute sind in Kioske eingebrochen, um Alkohol zu klauen. Wir haben stattdessen versucht, einen ästhetischen Anspruch in unserer Zerstörung zu haben."

Dieser Wandel vom Vandalismus zur Jugendbewegung und letztlich auch Kunst begann in den USA, vor allem in New York, schon in den Sechzigerjahren. Die urbanen Maler nannten sich Writer und legten es darauf an, ihren Namen ins Stadtbild zu schreiben - mal kunstvoll als Schriftgemälde (Piece), mal als schnell an die Wand gebrachte Unterschrift (Tag). Beim Graffiti-Writing ging und geht es darum, mit einer Zweit-Identität und ausgefallenen Aktionen Ruhm in der Szene zu erlangen. Doch echten Fame erntet nur, wer auch Style hat. Am Ende zählt die Ästhetik.

Ihre Inspiration zogen die ersten Writer aus der Popkultur. Aus TV-Cartoons, Marvels Superheldengeschichten oder Underground-Comics von Zeichnern wie Vaughn Bodé formten sie ihre eigene Bildsprache. Und die ging auf dem Weg der Popkultur um die Welt: Im Zuge der Hip-Hop-Bewegung gelangte das Writing in den Achtzigerjahren nach Europa.

"Wir wussten: Die New Yorker hatten es geschafft, ihre U-Bahn plattzumachen", erinnert sich Loomit. "Wir dachten uns: Das probieren wir hier jetzt mal mit unserer popeligen S-Bahn auf dem Land."

Polizisten holten den Sprüher aus dem Unterricht

Mit dem Geltendorfer Zug begann ein regelrechtes Wettrüsten. Zügig entstand die erste Graffiti-Sonderkommission Deutschlands. Im benachbarten Türkenfeld durchsuchte die Polizei eine Hippie-Kommune, die fälschlich verdächtigt wurde, Urheber des bunten Treibens am Geltendorfer Zugdepot gewesen zu sein. Polizisten durchkämmten zudem das Waldstück, in dem die Sprayer sich versteckt hatten, nach Beweismitteln.

Auch wenn der Fahndungsdruck hoch war: Verglichen mit heutigen Mitteln zur Graffitibekämpfung wirken die damaligen Maßnahmen geradezu unbeholfen. Inzwischen setzt die Bundespolizei Hubschrauber und verdeckte Ermittler bei der Verfolgung von Sprühern ein. Die Bahn und städtische Verkehrsbetriebe sichern ihre Anlagen mit Drohnen, Bewegungs- und Geruchssensoren, die Sprühfarbe in der Luft erkennen. Viele Züge werden zudem mit Speziallackierungen überzogen; Graffitis lassen sich dann leichter entfernen oder bleiben gar nicht erst haften.

Die Writer halten dagegen. Sie arbeiten mit Spähposten und mit moderner Technik wie etwa Nachtsichtgeräten, um Polizei oder Sicherheitsdiensten auszuweichen. Längst sind auch die Baumarktsprühdosen Produkten gewichen, die Speziallackierungen gewachsen sind.

Mit dem Geltendorfer Zug rollte auf die Verkehrsbetriebe ein Riesenproblem zu: Laut Deutscher Bahn betrug 2017 allein der Schaden durch Graffitis auf ihren Anlagen - 18.100 Delikte wurden angezeigt - mehr als 37 Millionen Euro. Die heutigen Reinigungskosten für einen Wholetrain von der Länge des Geltendorfer Zugs beziffert die Münchner Verkehrsgesellschaft auf bis zu 15.000 Euro. Damals entfernte man das Graffiti an der S4 für rund 6000 D-Mark. Als zivilrechtliche Forderung an die Sprüher können solche Kosten über 30 Jahre geltend gemacht werden.

Den Geltendorfer Writern kam die Polizei nach einigen Irrläufen auf die Spur, als sie Sprayer ins Visier nahm, die in München auf legalen Flächen malten. Bis heute sind die Writer davon überzeugt, dass die Beamten sich ohne Durchsuchungsbefehl Zutritt zu einem Dachboden nahe der legalen Graffiti-Fläche an der Dachauer Straße verschafften und so eines der Skizzenbücher fanden, während die Polizei von einer anonymen Zusendung sprach. Zeugenaussagen von anderen Sprayern kamen als Indizien hinzu. Die Elternhäuser von Loomit, Blash und Cheech H. wurden durchsucht, Don Karl holten Polizisten sogar aus dem Schulunterricht.

"Wir älteren Menschen können nicht mehr so schnell weglaufen"

Am Ende musste jeder aus der Gruppe mehrere Tausend D-Mark Strafe zahlen. Außerdem verdonnerte man die Jugendlichen zu einem Gespräch mit dem Reinigungspersonal des Ausbesserungswerks am Münchner Ostbahnhof. "Die waren sauer, dass wir nur zum Reden und nicht zum Putzen verurteilt wurden", erzählt Don Karl. "Die Diskussion ist dann auch ziemlich schnell eskaliert, als Loomit von Pershing-II-Raketen anfing. Da war denen klar, dass wir alle verlorene Hippies sind."

"Graffiti bedeutet, sich öffentlichen Raum zu nehmen", sagt Loomit heute mit 50. "Das ist eine Facette, die sich da nicht herausmanövrieren lässt. Dafür muss man sich auch keine Genehmigung einholen." Und er fügt lachend hinzu: "Für uns als ältere Menschen, die nicht mehr so schnell weglaufen können, ist das schwieriger. Da holt man sich die Genehmigung."

Natürlich wollten die sieben Graffiti-Pioniere das Ergebnis ihrer nächtlichen Aktion fotografieren. Am Morgen warteten sie noch am Karlsplatz in München auf ihren Wholetrain (strenggenommen würde man mittlerweile von einem sogenannten End-to-End sprechen, da nicht jeder Waggon komplett von oben bis unten bemalt war).

SPIEGEL TV (2013): Unterwegs mit Sprayern

Foto: SPIEGEL TV

Sie hofften vergebens: Der Zug stand das ganze Wochenende im Depot. Erst zwei Tage später wurden die Graffitis entdeckt. Die Polizei fotografierte den Zug am Münchner Leuchtenbergring, dann wurde er gereinigt. So verschwand das Gemälde "Geltendorfer Zug" für immer.

Für Loomit kein Makel, seine Kunst ist eben vergänglich: "Mein erstes Bild hat drei Tage gehalten. Man kann sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen." Zur Lust am Ruhm, in der Graffiti-Szene eine entscheidende Währung, hat er ohnehin ein gespaltenes Verhältnis. "Eitelkeit ist der Rohstoff des 21. Jahrhunderts - das haben Apple, Google und Facebook wunderbar kapiert."

Loomit besitzt kein Handy, lädt seine E-Mails nur einmal die Woche herunter. Der Geltendorfer Zug gehört für ihn zu den großen Abenteuern seines Lebens und zu einer Zeit, als man noch nicht den Anspruch hatte, über soziale Medien die gesamte Welt zu erreichen. "So ein Erlebnis ist in dein Gehirn eingebrannt", sagt er. "Was ist das im Vergleich dazu, wenn du zurück an deine wilde Zeit mit dem Smartphone denkst?"

insgesamt 10 Beiträge
Chris Roos 22.03.2019
1. Graffitissss
SPIEGEL, hast Du echt Graffitis geschrieben?
SPIEGEL, hast Du echt Graffitis geschrieben?
Marko Kuhn 22.03.2019
2. #1 @Chris Roos und zum Thema
Das finde ich auch ehrlich gesagt peinlich. Lieber Autor Florian Friedman: "Graffiti" ist schon der Plural... Zum Thema: Leider sind gefühlt 90 % der Tagger heutzutage einfach Idioten, die teilweise an [...]
Das finde ich auch ehrlich gesagt peinlich. Lieber Autor Florian Friedman: "Graffiti" ist schon der Plural... Zum Thema: Leider sind gefühlt 90 % der Tagger heutzutage einfach Idioten, die teilweise an denkmalgeschützten Gebäuden nur die Signets ihrer Crew aufsprühen. Wirklich kunstvolle Graffiti sind leider die Ausnahme... - - - - - Nun, wir halten uns da gerne an den Duden: https://www.duden.de/rechtschreibung/Graffiti; MfG Redaktion Forum
Helge Steinmann 22.03.2019
3. Saure Gurken und das DigiTal der Tränen
Ist schon wieder »Saure-Gurken-Zeit«? Immer wenn es vermeintlich nichts zu berichten gibt, holen viele Medien gerne das altbekannte Bürgerschreck-Thema Graffiti aus der Schreibtischschublade. In weit über 40 Jahren hat sich [...]
Ist schon wieder »Saure-Gurken-Zeit«? Immer wenn es vermeintlich nichts zu berichten gibt, holen viele Medien gerne das altbekannte Bürgerschreck-Thema Graffiti aus der Schreibtischschublade. In weit über 40 Jahren hat sich unfassbar wenig in der Thematik illegal vs. illegal getan. Die Gestaltung (mit der Sprühdose) selbst wird immer beliebiger (auch und Dank der "Kriminal"–Pädagogik) und heute werden selbst Idioten, Einfaltspinsel und Faker als Heroen stilisiert. Dabei ist Graffiti selbst ein Medium. Das älteste der Welt nebenbei. Aufwachen bitte …
Peter Müller 22.03.2019
4. Kunst ist das nur dann...
...wenn die Eigentümer der Flächen damit einverstanden sind. Im Fall dieses Zugs dürfte das wohl kaum der Fall gewesen sein. Also ein Straftatbestand. Darüber sollte es wohl doch keine Meinungsverschiedenheiten geben.-
...wenn die Eigentümer der Flächen damit einverstanden sind. Im Fall dieses Zugs dürfte das wohl kaum der Fall gewesen sein. Also ein Straftatbestand. Darüber sollte es wohl doch keine Meinungsverschiedenheiten geben.-
josef rau 23.03.2019
5. zu Peter Müller
Sehe ich genauso. Das meiste ist sowieso nicht schlechte Schmiererei.Ermitteln und dann saftige Strafen.
Sehe ich genauso. Das meiste ist sowieso nicht schlechte Schmiererei.Ermitteln und dann saftige Strafen.

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