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Sittenstreit in der Provinz

Kein Freibad vor der Ehe

Ein katholischer Geistlicher erwirkte 1959, dass Frauen und Männer in einer norddeutschen Kleinstadt nur getrennt schwimmen durften. Die Bürger begehrten gegen das Badeverbot auf - bis der SPIEGEL darüber berichtete.

Archiv Martin Pille
Von
Mittwoch, 15.05.2019   10:14 Uhr

Strahlender Sonnenschein, Hitze, Trockenheit: Das Frühjahr 1959 war ungewöhnlich sommerlich im Oldenburger Münsterland. Auch in der Kleinstadt Friesoythe, eine knappe halbe Autostunde von Oldenburg entfernt, stiegen die Temperaturen schon in der ersten Maiwoche über 25 Grad.

So warteten vermutlich viele der 5000 Einwohner sehnsüchtig darauf, dass das örtliche Freibad an der Thüler Straße öffnete. Im Vorjahr war es wegen Renovierungsarbeiten geschlossen gewesen, dafür lockte es nun mit drei neuen Sprungtürmen. Und das zu bezahlbaren Preisen: zehn Pfennig für Kinder, 20 für Jugendliche und 30 für Erwachsene. Die Saison sollte am Freitag, dem 15. Mai beginnen. Ein toller Badesommer konnte kommen - so schien es jedenfalls.

Dann aber verkündete der Stadtrat die neue Badeordnung im "Münsterländer", dem Lokalteil der "Nordwest-Zeitung", direkt neben Werbung für eine Zuchtschweineauktion. Das Regelwerk sollte Friesoythe zum Gespött machen und eine Debatte über altbackene Prüderie auslösen. Denn es sah vor, dass Frauen und Männer nur noch getrennt badeten. Montag, Mittwoch, Freitag und Sonntag war das Bad bis 17 Uhr nur für weibliche Gäste geöffnet, danach ausschließlich für männliche.

Dem Geistlichen die Fenster eingeworfen

Das Oldenburger Land war damals tief katholisch, das Wort der Kirche hatte in der Lokalpolitik Gewicht. Hinter der Geschlechtertrennung vermuteten manche Einwohner den Dechanten, also Vorsteher des Kirchenbezirkes, August Wehage.

Wehage war für seine Sittenstrenge bekannt. Ihn empörte es schon, wenn Landarbeiter mit nacktem Oberkörper arbeiteten. Einmal hatte er in der Kirche an die örtlichen Bauern appelliert: "Sie müssten so viel Courage haben, den Arbeitern das zu verbieten und sie nötigenfalls, wenn sie den Anordnungen nicht nachkommen, zu entlassen." Widerworte aus der Gemeinde gegen diese Predigt sind nicht überliefert.

Gegen die Badeordnung aber, die es Familien unmöglich machte, gemeinsam zu baden, begehrten die Bürger auf. "Viele waren dagegen. Dem Dechanten wurden sogar die Fensterscheiben eingeworfen", erinnerte sich der ehemalige Friesoyther Musiklehrer Werner Haselier, 87, im Gespräch mit einestages.

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Sittenstreit in der Provinz: Kein Freibad vor der Ehe

Wehage ließ sich vom Volkszorn jedoch nicht beeindrucken. Am 14. Juni verteidigte er die Badeordnung in einer flammenden Predigt: Die moderne Badekleidung fördere die Entdeckerfreude auch zehnjähriger Kinder schon so ungemein, dass von diesem Alter an nur das getrennte Baden der Geschlechter Sitte und Moral gewährleisten könne. Andernfalls, so Wehage, wolle er "lieber heute als morgen sterben".

Nur Verheiratete dürfen gemeinsam baden

Trotz Wehages angedrohter Todessehnsucht ließ der Druck der Bürger auf den Stadtrat jedoch nicht nach. Eine Woche nach der Predigt - mittlerweile war es 29 Grad heiß - trat das Gremium zusammen und debattierte erneut über die Badeordnung. Zum ersten Mal seit langer Zeit kamen Zuhörer zur Sitzung.

Ein Ratsherr schlug sich auf die Seite der Protestierenden und sprach sich für eine liberale Badeordnung aus. Er beschwerte sich, dass die Regeln von Prinzipien getragen seien, die "vor 50 Jahren" gegolten hätten. Der Ratsherr wendete ein, dass das Bad künftig weniger Geld einnehmen würde. Er bezweifelte zudem, dass die Badeordnung mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Und überhaupt: Gemeinsames Baden sei keine Sünde.

Die anderen Ratsherren aber wollten seinem Plädoyer nicht folgen. Einer argumentierte, dass sich Bürger fortgeschrittenen Alters nicht öffentlich in Badekleidung zeigen möchten und man daher Rücksicht auf sie nehmen müsse. Am Ende der Sitzung einigte sich das Gremium mit 13 zu zwei Stimmen auf einen Kompromiss: Mittwochs und samstags sollten Familien gemeinsam baden dürfen - aber nur, wenn die Eltern verheiratet und die Kinder nicht älter als zehn Jahre alt waren.

Familien mit einer neunjährigen Tochter und einem elfjährigen Sohn durften also weiterhin nicht gemeinsam ins Bad. Die Zuschauer lachten laut über den Ratsbeschluss, wie der "Münsterländer" berichtete. Noch war die Friesoyther Badeordnung eine Lokalposse.

Dann aber erfuhr ein SPIEGEL-Redakteur von dem Streit und verfasste Ende Juli einen spöttischen Artikel über die sogenannte Wasserpredigt Wehages: Die Badeordnung habe "den sogenannten Zwickel-Erlass des Reichskommissars Dr. Bracht aus dem Jahre 1932 in der moralischen und sittlichen Wirksamkeit der Maßnahmen weit übertroffen". Dieser Erlass hatte besagt, dass in Badehosen und -anzüge zwischen den Beinen ein Stück Stoff eingesetzt sein muss, das verhindert, dass die Geschlechtsteile zu sehen sind.

Arbeiterverein und Kirchenchor verteidigen die Badeordnung

Der Spott des SPIEGEL ließ die Friesoyther zusammenrücken: Am 3. August 1959 veröffentlichten der Katholische Arbeiterverein, männliche und weibliche Landjugend, Kirchenchor und Marianische Jungfrauenkongregation eine Erklärung, in der sie sich über die "verleumderischen Schmähworte" gegen den Geistlichen empörten. "Wir sind stolz, dass die gewählten Vertreter so mannhaft, mutig und verantwortungsbewusst dafür eintreten, dass die Gesetze von Sitte und Moral auch im öffentlichen Raum Gültigkeit haben." Selbstverständlich verteidigten die Verfasser auch die Badeordnung - sie galt den ganzen Sommer 1959.

Im folgenden Frühjahr aber trat der Stadtrat zu einer neuen Sitzung über die Badeordnung zusammen. Vorsorglich tagten die Herren nicht öffentlich, daher sind keine Details überliefert. Jedoch das Ergebnis: Das Gremium räumte die Geschlechtertrennung wieder ab. "Männlein und Weiblein haben 1960 wieder zusammen gebadet", erinnert sich Zeitzeuge Haselier.

Das Bad kam aber trotzdem nicht aus den Schlagzeilen des "Münsterländers". Erst waren zu wenige geprüfte Bademeister vor Ort, sodass das Becken über Pfingsten geschlossen bleiben musste. Dann berichtete das Blatt, dass zahlreiche Kinder und Jugendliche ins Bad eingebrochen waren. Ob sie allerdings nach Geschlechtern getrennt eintraten, ist nicht überliefert.

insgesamt 21 Beiträge
Karl Martin Born 15.05.2019
1. OM als Rückstandsgebiet
Man muss wissen, dass der Nordwesten in den 50er Jahren als derartig rückständig galt, dass der Emslandplan als bis heute einmalige bundesstaatliches Förderprogramm für eine Region beschlossen wurde. Das hatte nicht nur mit [...]
Man muss wissen, dass der Nordwesten in den 50er Jahren als derartig rückständig galt, dass der Emslandplan als bis heute einmalige bundesstaatliches Förderprogramm für eine Region beschlossen wurde. Das hatte nicht nur mit den schlechten Böden, sondern auch mit der Rückständigkeit in den Köpfen zu tun. Heute sieht das hier natürlich anders aus: Das katholische Milieu sorgte für enge Verbindungen, die die Entwicklung konkurrenzfähiger Landwirtschaftsindustrien ermöglichte. Leider spielt die katholische Kirche als Institution hier wieder keine besonders gute Rolle, da sie mit einer Ausnahme (Prälat Kossen) den Raubbau an Mensch, Tier und Natur kommentarlos hinnimmt. Kein Wort zur Ausbeutung von Werkvertragsnehmern, zur Praxis in der Tierhaltung (Kükenschreddern (Du sollst nicht töten), betäubungslose Kastration etc.). Wenn ich mir diese Berichterstattung und die Rolle der Kirchen in Alabama anschaue, frage ich mich, welche Probleme es mit dem Iran oder den Taliban gibt: Strukturell sehe ich keine Unterschiede! Intolerant, selbstsicher, selbstvergessen!
Rainer Braun 15.05.2019
2. Zum Glück
sind ja in Deutschland Staat und Kirche getrennt.
sind ja in Deutschland Staat und Kirche getrennt.
Mark Muck 15.05.2019
3. @2 Staat und Kirche getrennt?
In F ja in D leider nicht. Schon deshalb nicht, weil der Staat das Inkasso für die Kirchen übernimmt. Zudem gibt es immer wieder Bezüge auf die sogenannten christlichen Werte, diese stehen aber oft im direktem Widerspruch zur [...]
In F ja in D leider nicht. Schon deshalb nicht, weil der Staat das Inkasso für die Kirchen übernimmt. Zudem gibt es immer wieder Bezüge auf die sogenannten christlichen Werte, diese stehen aber oft im direktem Widerspruch zur Aufklärung. In Bayern gibt es nicht-theologische Professorenstelllen, deren Besetzung von der Kirche festgelegt wird. Noch in den 70ern gab es karlfreitags behördlich angeordnete Tanzverbote. Frau Kalicek möchte daß sich die Wissenschaft den christlichen Werten unterordnet usw.
Dieter Graeff 15.05.2019
4.
War das 1359 oder handelt es sich um ein Späßchen? 1959 war ich ein Knirps, kann mich aber gut daran erinnern, daß der Sommer ein Supersommer war und meine Schulkameraden u. ich die Ferien praktisch nur im Freibad verbrachten. [...]
War das 1359 oder handelt es sich um ein Späßchen? 1959 war ich ein Knirps, kann mich aber gut daran erinnern, daß der Sommer ein Supersommer war und meine Schulkameraden u. ich die Ferien praktisch nur im Freibad verbrachten. Klar war die Zeit damals von reichlich Spießigkeit gekennzeichnet, aber solch eine Nummer wie die durch einen Pfaffen vorgegebene Badeordnung erstaunt mich doch sehr! Vermutlich landeten alle Gemischt-Badenden in der Hölle und diejenigen, die sogar eine gemischte Sauna besuchen, müssen das Höllenfeuer in Betrieb halten - na, was da auf mich zukommt... ;-)
reinhard tümmel 15.05.2019
5. 1959 war ein Supersommer.
Ich war mit drei Freunden mit dem Jugendzug nach Basel und dann durch die Schweiz zum St Gotthard Tunnel.Unterwegs wurde ich aus den Bäckerladen geworfen, weil ich es wagte den mit bloßen Oberkörper zu betreten. Die Zeit damals [...]
Ich war mit drei Freunden mit dem Jugendzug nach Basel und dann durch die Schweiz zum St Gotthard Tunnel.Unterwegs wurde ich aus den Bäckerladen geworfen, weil ich es wagte den mit bloßen Oberkörper zu betreten. Die Zeit damals war so prüde. In Italien und Frankreich schon lockerer. nach fünf Wochen zurück in Basel.Einen haben wir verloren,aber noch jetzt erinnern wir uns Drei über diese Tour.

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