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einestages

Gewalt gegen Schwule

Das Fanal von Laramie

Gekreuzigt, weil er schwul war: 1998 erschütterte der Mord an Matthew Shepard Amerika. Der Tote wurde zur Ikone der Schwulenbewegung - und zum Hassobjekt von Fundis.

REUTERS
Von Frank Stern
Samstag, 20.09.2008   16:01 Uhr

Laramie ist kein Ort für einen Schwulen. Laramie - das klingt eher nach Cowboys, die durch Saloon-Türen poltern, sich eine Flasche Whiskey greifen und ein, zwei Mädchen mit aufs Zimmer nehmen. Es klingt nach Sternenbanner statt nach Regenbogenfahne. Wenn Amerika schwul ist, dann an den Rändern, in New York oder San Francisco. Nicht im Herzen. Nicht in Laramie, Wyoming, mitten im Mittleren Westen der USA.

Matthew Shepard hätte auch anderswo studieren können. Er war in der Schweiz zur Schule gegangen, sprach Deutsch und Italienisch. Doch er entschied sich für die amerikanische Provinz und schrieb sich im Herbst 1998 an der Uni von Laramie ein, an der schon sein Vater studiert hatte. Ein paar Wochen später war er tot - für die einen eine Art Märtyrer, für die anderen ein Schwuler, der sich in Gefahr begeben hatte und darin umgekommen war.

1998 wurden in den USA 26 Homosexuelle aus Schwulenhass umgebracht, aber keiner dieser Fälle hat so hohe Wellen geschlagen wie der von Matthew Shepard. Selbst ausländische Medien griffen die Story vom Tod des 21-jährigen Studenten auf. Shepard war zu zwei Gleichaltrigen aus Laramie in den Wagen gestiegen. Sie waren mit ihm an einen einsamen Ort gefahren. Dort schlugen sie ihm mit einem Revolver den Schädel ein. Mit ausgestreckten Armen an einen Koppelzaun gebunden, wurde Matthew Shepard 18 Stunden später gefunden. Da lebte er noch. Oder besser, er atmete. Fünf Tage lang hing er an Schläuchen und Maschinen. Am 12. Oktober 1998 starb er, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

"Keine Tränen für Schwule"

Vielleicht brauchte Amerika diesen schmächtigen Jungen mit der Zahnspange, um sich selbst einzugestehen, dass es sich trotz aller Political Correctness und aller öffentlicher Toleranz-Appelle eigentlich nicht um die Situation von Schwulen scherte. Vielleicht brauchte es die Bilder der fassungslosen Eltern und jener Gruppe christlicher Fanatiker, die der Trauernden beim Begräbnis ihres Sohnes Schilder mit der Aufschrift "No Tears for Queers" ("Keine Tränen für Schwule") und "Matt in Hell" ("Matthew in der Hölle") entgegenreckten.

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Mord an Matthew Shepard: Der Hass christlicher Fanatiker

Jedenfalls kam nach dem Mord die alte Diskussion um den "Hate Crimes Prevention Act" wieder in Gang, ein Gesetz zum Schutz vor Verbrechen aus Hass, die als Bundesangelegenheiten vom FBI verfolgt werden können und die harte Strafen nach sich ziehen. Angriffe auf Schwule zählten bis dahin nicht dazu - und sie tun es bis heute nicht: Nachdem der US-Senat 2007, nach jahrelangem Hin und Her endlich den "Matthew Shepard Act" befürwortet hatte, kündigte Präsident Bush umgehend sein Veto an. Seither liegt das Gesetz auf Eis.

Überhaupt war 2007 ein schlechtes Jahr für Amerikas Homosexuelle. 21 von ihnen fielen nach Angaben des New Yorker "Anti-Violence Project" (AVP) Hassverbrechen zum Opfer - die dritthöchste Zahl in den vergangenen zehn Jahren. Die Zahl der verbalen und körperlichen Angriffe auf Schwule, Lesben und Transsexuelle stieg gegenüber dem Vorjahr landesweit um 24 Prozent auf über 2400 an.

Homo-Witzen und Schwulenklatschen

Dabei reicht die Phalanx der Anheizer, die in den USA Stimmung gegen Schwule machen, von Rap-Musikern über Politiker bis hin zu bibelfesten Kirchenmännern, die von Bühne, Pult und Kanzel aus zum großen Halali blasen. "Gerade wenn ein Wahljahr ansteht, beobachten wir eine Zunahme der Gewalt", sagt AVP-Sprecherin Kim Fountain. Im Frühjahr warnte die republikanische Kongressabgeordnete Sally Kern aus Oklahoma mal wieder vor Homosexuellen als Gefahr für die nationale Sicherheit. "Leute wie sie liefern den meist jungen Gewalttätern die Schlagworte", fürchtet Schwulen-Aktivistin Fountain.

Sie kennt die Folgen aus eigenem Erleben, die von den kleinen schmierigen Homo-Witzen über Beleidigungen und Bedrohungen bis hin zum Schwulenklatschen. Deshalb hält Fountain die Harvey Milk Highschool für eine gute Idee, Amerikas erste Schule für homosexuelle Jugendliche. Doch als vor fünf Jahren die ersten Teenager den Unterricht am New Yorker Astor Place aufnahmen, wurden sie von Gegnern der Einrichtung mit dem Ruf "Tod den Schwuchteln" empfangen.

Doch auch Bürgerrechtsaktivisten und Schwulenorganisationen waren über die "selbst gewählte Isolierung" nicht sonderlich glücklich. Andere fragten, ob es nun bald auch Sonderschulen für dicke Kinder oder für Brillenträger geben werde. Ein demokratischer Senator reichte am Obersten Gerichtshof von New York sogar Klage gegen die Verschwendung von Steuergeldern ein - sie wurde abgewiesen.

"Toleranz ist ein zwiespältiger Begriff"

"Teenager brauchen einen Schutzbereich für ihre Entwicklung", erläutert Kim Fountain das Konzept der Harvey Milk Highschool, benannt nach San Franciscos erstem bekannten schwulen Stadtrat, der 1978 erschossen wurde. "Für viele von ihnen war das Leben zuvor ein Spießrutenlauf, sie wurden bedroht, beleidigt, verprügelt. Bei Harvey Milk erfahren sie oft das erste Mal Anerkennung und Unterstützung." Mit erstaunlichem Erfolg: Die Abschlussquoten liegen weit über dem Durchschnitt der New Yorker Schulen, mehr als die Hälfte schafft die Aufnahme ans College. Auf anderen Schulen liegt die Abbrecherquote von homosexuellen Jugendlichen dagegen dreimal höher als bei ihren Altersgenossen, genau wie die Zahl der Selbstmordversuche.

Matthew sei nicht allein gewesen, als er da draußen am Zaun hing, hat Dennis Shepard in der Verhandlung gegen die Mörder seines Sohnes gesagt. Die Sterne seien in jener Nacht bei ihm gewesen. Und am nächsten Morgen die Sonne. "Und er hatte einen Freund bei sich. Er hatte Gott." Vor dem Gerichtsgebäude machten derweil Amerikas Inquisitoren deutlich, was ihr Gott von seinem Jungen hält: "God Hates Fags!" - Gott hasst Schwule.

Seit dem Tod ihres Sohnes vor zehn Jahren habe es viele Veränderungen gegeben, doch kaum Fortschritte - so lautete vor kurzem das ernüchterte Fazit von Judy Shepard, Matthews Mutter. Sie kann das recht gut beurteilen, denn sie selbst hat in dieser Zeit einen ziemlich radikalen Wandel vollzogen - von der Hausfrau zur landesweit bekannten Aktivistin. Anfangs hatte sie noch ungläubig verfolgt, wie ihr toter Sohn zur Ikone der Schwulenbewegung aufstieg und gleichzeitig zur Zielscheibe homophober Hassprediger wurde.

Im Dezember 1998 dann rief sie zusammen mit ihrem Mann die Matthew-Shepard-Stiftung ins Leben. Seither reist sie kreuz und quer durch die USA, tritt auf Kongressen auf, hält Vorträge, wirbt für Akzeptanz. Doch die Quelle, aus der sich Amerikas Vorurteile speisen, scheint unerschöpflich. Auf der Webseite der Westboro Baptist Church, die von einem mittlerweile 78-jährigen Pfarrer mit besonderem Draht zum Herrn angeführt wird, gibt es bis heute einen eigenen Bereich zum ewigen Gedenken an Matthew Shepard - mit seinem von Flammen umzüngelten Bild und einer Audio-Botschaft direkt aus der Hölle.

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