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einestages

Hitler-Putsch

Der Versager und die Fahne

Am 9. November 1923 scheiterte Adolf Hitlers dilettantischer erster Griff nach der Macht kläglich im Kugelhagel der Polizei vor der Münchner Feldherrnhalle. Das Desaster verkehrten die Nazis in einen Propagandamythos. In dessen Mittelpunkt: Die "Blutfahne".

Von Christian Siepmann
Donnerstag, 08.11.2007   23:07 Uhr

Das Blut floss in Strömen, der "Führer" flüchtete - fast unverletzt, aber versteckt in einem Krankenwagen: Am 9. November 1923 fand der versuchte Staatsstreich des selbsternannten Volkstribunen Adolf Hitler und des Generals Erich von Ludendorff Griff ein klägliches Ende im Kugelhagel der Polizei vor der Münchner Feldherrnhalle.

Doch das Desaster wurde von den Nazis schnell umgedeutet - der NS-Kult um die "toten Helden" war geboren. Die Ereignisse des 8. und 9. November 1923 selbst sind schnell erzählt: Die Unruhe im Reich, die explodierende Inflation, die rechtsextreme Quasi-Diktatur in Bayern und Mussolinis erfolgreicher Marsch auf Rom lassen Adolf Hitler im November 1923 glauben, seine Stunde sei schon jetzt gekommen. Mit seiner SA überfällt er am Abend des 8. November den Bürgerbräukeller in München, fuchtelt mit einer Pistole herum, schießt in die Decke, krakeelt etwas von der "nationalen Revolution", zwingt Bayerns starken Mann Gustav Ritter von Kahr, ihm die Macht zu übergeben - und lässt sich nur Stunden später dilettantisch übertölpeln.

Denn schon um Mitternacht war sein Putsch praktisch gescheitert: Nur zum Schein war von Kahr auf Hitlers Forderungen eingegangen, wenig später organisierte er mit Erfolg die Niederschlagung des Staatsstreichs. Als ein von Selbstmordgedanken erfüllter Hitler am späten Vormittag des 9. November dem Drängen des Weltkriegshelden und Mitputschisten Erich von Ludendorff nachgibt und zum Marsch durch München ruft, ist dies nicht mehr als ein Verzweiflungsakt. Ein Verzweiflungsakt, der in einem Blutbad endet: Im Kampfgetümmel vor einer Polizeibarrikade löst sich plötzlich ein Schuss - bis heute ist unklar aus welcher Waffe -, und sofort feuern Polizisten und Putschisten wie wild aufeinander.

Blutgetränkte Hakenkreuzfahne

Die Putschisten-Prominenz kommt glimpflich davon: Hermann Göring wird zwar als einer der ersten von einer Kugel getroffen, jedoch nur in der Leistengegend. General Ludendorff wirft sich zu Boden und lässt sich dann widerstandslos festnehmen. Und der zögerliche "Führer" Hitler entgeht dem Tod, als sein Freund Max von Scheubner-Richter, bei dem er sich untergehakt hat, tödlich getroffen zu Boden stürzt und den Weltkriegsgefreiten mit sich reißt. Hitler kugelt sich beim Aufprall zwar die Schulter aus, doch sein Blut ist es nicht, das an diesem Tag fließt: Dreizehn Putschisten, vier Polizisten und ein unbeteiligter Passant liegen tot auf dem Kopfsteinpflaster vor der Feldherrnhalle, als der Schusswechsel nach kaum einer Minute endet.

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Propagandamythos "Blutfahne": Eine ausgekugelte Schulter und 18 Tote

Darunter sind die NSDAP-Aktivisten Andreas Bauriedl, Anton Hechenberger und Lorenz Ritter von Stransky-Griffenfeld. Ihr Blut tränkt die Hakenkreuzfahne von Heinrich Wilhelm Trambauer, der - flach auf den Boden gedrückt - ungeschoren davon kommt. Trambauer flüchtet mitsamt der besudelten Fahne in ein nahe gelegenes Wohnhaus, löst das blutige Tuch dort von Spitze und Stange, wickelt es um seinen Körper und kehrt nach Hause zurück - es ist die Geburtsstunde des NS-Mythos von der "Blutfahne".

Hitler und Göring selbst sind derweil schon über alle Berge: Der "Führer" lässt sich von SA-Arzt Walter Schulte in dessen Krankenwagen aus der Stadt bringen (und strickt später die - unzutreffende - Legende, er habe ein Kind aus dem Kugelhagel gerettet). Dem verletzten Göring bietet zunächst ein jüdisches Ehepaar Zuflucht. Dann flieht der Fliegerheld des Ersten Weltkriegs nach Österreich, wo er seine Verletzung vor allem mit Morphium therapiert, von dem er fortan abhängig sein wird.

Pompöser Kult

Der Putschversuch Hitlers und Ludendorffs ist an Dilettantismus kaum zu überbieten, die Rolle der Rädelsführer vor, während und nach den Ereignisse alles andere als heldenhaft. Vielleicht gerade deswegen webt Hitler um die Trambauersche Sudelfahne einen pompösen pseudo-religiösen Kult, in dessen Licht die NS-Bewegung fortan den 9. November 1923 zelebriert.

Dem ersten Teil von "Mein Kampf" stellt Hitler eine Widmung an die toten Putschisten voran, die "als Blutzeugen unserer Bewegung dauernd voranleuchten mögen". Und die Fahne Trambauers lässt Hitler, kaum aus der durchaus bequemen Festungshaft entlassen, mit einer silbernen Widmungsmanschette versehen, in die die Namen der drei Toten geprägt sind, deren Blut die Fahne auf dem Pflaster vor der Feldherrnhalle netzte.

Immer wieder stehen fortan die "Blutzeugen" und die "Blutfahne" im Mittelpunkt von größenwahnsinnigen Ritualen der Nazis. Als "Heiligtum der SA", die durch das Blut von "Märtyrern" geweiht sei, wird das stockige Tuch im Juli 1926 der SA übergeben auf dass die braune Schlägertruppe sich "immer der Fahne wert" erweise. Ihren Platz findet die zunächst in der Geschäftsstelle der NSDAP in der Münchener Schellingstraße, wo sie die Hauptattraktion im "Ehrensaal der SA" wird, dann zieht sie 1931 mit ins "Braune Haus", den neuen Sitz der Partei in der Brienner Straße.

Reliquie der Partei

Sie ist nun die wichtigste Reliquie der Partei. Bei "Heldenehrungen" auf den Reichsparteitagen in Nürnberg "weiht" Hitler alle neuen Fahnen und Standarten der NSDAP durch Berührung mit der "Blutfahne". Und auch bei den bombastischen Gedenkfeiern, mit denen die Nazis an den gescheiterten Staatsstreich von 1923 erinnern, spielt sie eine Haupttrolle.

Seit 1933 wird der 9. November jährlich groß zelebriert. Seine Höhepunkt erreicht es 1935 mit der Umbettung der 1923 getöteten NSDAP-Anhänger: "Alte Kämpfer" marschieren zunächst schweigend hinter der "Blutfahne" die historische Route der Putschisten ab. Hakenkreuzfahnen flattern überall und entlang der Strecke sind dunkelrot verkleidet Pylonen postiert, in deren Sockeln jeweils der Name eines toten Putschisten eingemeißelt ist. Jedes Mal, wenn die "Blutfahne" ein Pylonenpaar passiert, wird der Name eines Putsch-Toten laut verlesen. An der Feldherrnhalle angelangt feuert eine "Ehrengarde" sechzehn Schüsse ab, eine Kapelle spielt "Ich hatt´ einen Kameraden", der "Führer" legt einen Kranz nieder, und die Menge gedenkt andächtig "ihrer" Toten.

Von dort geht es in einer Art Triumphzug weiter zum nahe gelegenen Königsplatz. Die Marschierer führen jetzt auf Pferdegespannen 16 Sarkophage mit den Nazi-Toten des 9. November 1923 mit sich, denn auf dem Königsplatz warten zwei neu errichtete "Ehrentempel" darauf, die 16 "Blutzeugen" aufzunehmen. Fanfaren künden ihr Kommen an, ein Schuss hallt zur Begrüßung, die Fahnen senken sich, und 16 Eisensärge werden in ihre neue Ruhestätte gebracht. Wie der Hohepriester eines neuen Kults betritt dann Adolf Hitler die Tempel - allein, um "stumme Zwiesprache" mit den "Märtyrern" zu halten. Die schaurige Zeremonie schließt mit einem - von den italienischen Faschisten übernommenen - "Letzten Appell": Laut ruft ein Sprecher der Partei die Namen der 16 Getöteten auf - und auf jeden antworten die zu Tausenden auf dem Königsplatz angetretenen Hitlerjungen mit einem lauten "Hier!".

Verspäteter Suizid

Dass Hitler ausgerechnet den Tag seines totalen Versagens und seiner größten politischen Niederlage zum quasi-religiösen Feiertag erhob, erklärt die Historikerin Sabine Behrenbeck als Ausdruck von "persönlichen Strategien Hitlers und Goebbels´ zur Krisenbewältigung" im Angesicht "augenscheinlichen Versagens" - das größenwahnsinnige Gehabe der Nazis am 9. November war also aus Schwäche geboren.

Mit Kriegsausbruch begann dann auch bald der Abschied von dem Ritual - Totengedenken gab es nun mehr, als den Deutschen lieb sein konnte. Als sein "Drittes Reich" in Trümmern lag, erschoss sich Hitler im April 1945 dann doch noch - knapp 22 Jahre verspätet. Seine Münchener "Ehrentempel" wurden 1947 gesprengt, das "Braune Haus" im selben Jahr abgetragen. Die "Blutfahne" bleibt seither verschollen. Sie befindet sich, so wird spekuliert, im Besitz eines privaten Militaria-Sammlers in Norddeutschland.

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