Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Holocaust-Überlebende Janina Hescheles

"Ich fühlte, wie etwas in mir rief: Lebe! Lebe!"

Weil sie als Zwölfjährige über das Grauen im Getto schrieb, wird sie auch "polnische Anne Frank" genannt. Janina Hecheles verlor ihre Familie im Holocaust und entrann der Lagerhölle. Heute ist sie 88 und lebt in Israel.

Metropol Verlag
Von
Dienstag, 16.04.2019   15:59 Uhr

Das Mädchen versucht wegzulaufen, doch der Aufseher schickt es zurück in seine Reihe. Also muss Janina Hescheles, zwölf Jahre jung, zusehen, wie der Mann, der ihr gestern noch Seife verkauft hat, sich entkleiden und die Schlinge selbst um den Hals legen muss. Und dann vor den Augen der Lagerinsassen erhängt wird.

"Während dieser Erhängung nun", schrieb Janina in ihren Erinnerungen, "hatte ich keine Angst mehr vor dem Tod, weder vor dem eigenen noch dem anderer; ich konnte mich in keiner Weise mit ihm abfinden. Ich wollte unbedingt leben und fühlte, wie etwas in mir rief: Lebe! Lebe!"

Und Janina überlebte - anders als fast alle ihrer Leidensgenossen: Im Herbst 1943 organisierten polnische Widerständler ihre Flucht aus dem Zwangsarbeitslager Lemberg-Janowska. Sie tauchte unter falschem Namen bei verschiedenen Familien unter. Und schrieb unmittelbar nach der Rettung ihr Martyrium nieder. Zwei graue Hefte, 142 Seiten, in kindlicher Handschrift: ein Protokoll des Grauens.

Fotostrecke

Janina Hescheles: Der Holocaust aus der Kinderperspektive

"Mit den Augen eines zwölfjährigen Mädchens" heißt das berührende Zeugnis, das nun erstmals vollständig auf Deutsch erschienen ist. Als "polnische Anne Frank" wird Janina Hescheles mitunter bezeichnet - weil sie zu schreiben begann, wo Annes Tagebuch endete: Nüchtern und präzise schilderte das Mädchen im Herbst 1943 aus ihrer Kinderperspektive, wie Deutsche und Ukrainer in ihrer Heimatstadt Lemberg (heute: Lwiw) mordeten und wüteten, ihr Eltern, Großeltern, Freunde entrissen. Wie sie eingesperrt, ausgebeutet, erniedrigt wurde. Und sich doch weder Lebenswillen noch Würde rauben ließ.

"Es ist die Situation, die einen stark macht", sagt die alte Dame am Telefon. "Ich war nichts Besonderes, wie mir erging es so vielen damals." Janina Hescheles ist heute 88 Jahre alt und lebt mit ihrem Ehemann in Haifa. Die pensionierte Chemikerin hat zwei Söhne und fünf Enkel, sie leidet unter Parkinson.

Unter falschem Namen versteckt

Dass die Holocaust-Überlebende mit einer deutschen Journalistin reden kann, ist nicht selbstverständlich: "Nach dem Krieg wollte ich über Jahre nichts mit Deutschen zu tun haben, das war ein langer Prozess." Zu schmerzhaft ist die Erinnerung an das Inferno, das am 30. Juni 1941 über Lemberg hereinbrach.

Anzeige
Janina Hescheles:
Mit den Augen eines zwölfjährigen Mädchens

Ghetto - Lager - Versteck

Metropol-Verlag; 144 Seiten; 16,00 Euro.

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier.

An diesem Montag marschierte die Wehrmacht in die Hauptstadt Galiziens ein. Tags darauf ging Janina mit ihrem Vater durch die Stadt - und wurde Zeugin grauenvoller Hetzjagden:

"Die Straße war voll von jungen Burschen, die mit Besen, Teppichklopfern und Steinen auf Juden einschlugen (...). Ich sah 6-jährige Lulatsche, die Frauen die Haare vom Kopf und Greisen die Bärte ausrissen. Schreie und Weinen, immer heftiger. Ich schloss die Augen, hielt mir die Ohren zu und rannte so schnell ich konnte nach Hause."

Ihren Vater, den Journalisten Henryk Hescheles, sah Janina nie wieder. Er war einer von Tausenden Juden, die binnen weniger Tage von ukrainischen Nationalisten, Wehrmachtssoldaten und Angehörigen der Einsatzgruppe C ermordet wurden. Vorwand dafür: Kurz vor dem Abmarsch der Roten Armee aus Lemberg hatte die sowjetische Geheimpolizei NKWD rund 5000 politische Gefangene erschossen. Deutsche Propagandaplakate machten "jüdische Bolschewiken" für den grausigen Fund in den Gefängnissen verantwortlich - und schürten die Pogromstimmung in der Stadt.

In ihrem Tagebuch beschrieb Janina detailliert, wie die jüdische Bevölkerung aus ihren Häusern gezerrt, beraubt, misshandelt, getötet wurde. Wie das Lemberger Getto und das Zwangsarbeitslager an der Janowskastraße eingerichtet wurden.

Denunziert: "Bei Ihnen befindet sich eine Drecksjüdin"

Janinas Mutter Amalia arbeitete im Getto-Krankenhaus. Sie brachte ihre Tochter zunächst bei Freunden auf der "arischen Seite" der Stadt unter, wo sie sich unter falschem Namen versteckte. Einmal kam eine Erpresserin zu ihr und verlangte 5000 Zloty - andernfalls würde sie das Mädchen an die Gestapo ausliefern. Janina kam davon, die Frau gab sich mit 100 Zloty zufrieden.

Doch der Tod lauerte überall: Regelmäßig fanden Razzien und Selektionen statt, wurden Juden aus Lemberg auf den "Piaski" - sandige Anhöhen hinter dem Lager - erschossen oder ins 80 Kilometer entfernte Vernichtungslager Belzec deportiert. Im Januar 1943 wurde das Getto in ein "Judenlager" (Julag) umgewandelt und vier Monate später aufgelöst.

Metropol Verlag

Janina mit ihrer Mutter, 1936

Als die Mutter begriff, dass ihr Tod unausweichlich war, beschloss sie, Zyankali zu nehmen. Janina wollte mit ihr sterben, wie sie schrieb:

"Wozu soll ich denn leben? Ohne Papiere kann ich doch sowieso nicht durchkommen. Willst du mir diese Qualen noch verlängern, Mama? Wäre es nicht besser, nun endlich Schluss zu machen, Arm in Arm? Mama begann mich anzuflehen: 'Du musst gehen! Du musst mich und Papa rächen!'"

Ihre Mutter habe sie damals geradezu "fortgejagt", sagt Janina Hescheles am Telefon auf Französisch. "Fortgejagt", wiederholt sie langsam. Die Mama im Getto zurückzulassen, gehörte zu den schlimmsten Momenten ihres Lebens. Doch als folgsame Tochter hörte Janina und ging: Sie tauchte bei einer Tante unter - und wurde erneut verraten.

"Bei Ihnen befindet sich eine Drecksjüdin", lautet der Erpresserbrief, den Janinas Tante laut Tagebuch selbst in Auftrag gegeben hatte: "Beschaffen Sie bis morgen 20.000, andernfalls wandert die Drecksjüdin auf die Piaski." Janina kapitulierte: Auf Anraten von Freunden meldete sich die Zwölfjährige beim SS-Rüstungsunternehmen "Deutsche Ausrüstungswerke" (DAW) als Näherin, erfüllte die Arbeitsnorm aber nicht.

"Wie wandelnde Skelette"

Nach zwei Wochen kam Janina ins Zwangsarbeitslager Janowska, das der SS auch als zentrale Mordstätte und "Durchgangslager" für die Transporte nach Belzec diente. "Im Lager war es sehr schlimm", so Janina. "Es wurde gnadenlos geprügelt. Die Lagerinsassen sahen aus wie lebendige Leichen, wie wandelnde Skelette." Janina musste um 3.30 Uhr aufstehen und zwölf Stunden am Tag arbeiten, wurde schikaniert und geschlagen:

"Der erste Monat im Lager war entsetzlich, da wir bei der Rückkehr von der Arbeit täglich Kinder und Erwachsene aus dem Julag und dem Bunker vorfanden, die man bei uns neben dem Toilettenraum erschossen hatte. Sie hatten sich nackt ausziehen und ihre Sachen sorgfältig zu einem kleinen Haufen zusammenlegen müssen."

Doch Janina fand eine Form des Widerstands: ihre eigenen Gedichte. Obwohl es verboten war, schlüpfte sie abends heimlich aus der überfüllten, stinkenden, vor Flöhen wimmelnden Baracke. Dort traf sie sich mit anderen Frauen und trug selbstverfasste Reime vor.

Ihnen gegenüber "loderten auf den 'Piaski' die Flammen der brennenden Leichen", schrieb das Mädchen. Ab Sommer 1943 ließ die SS die dort verscharrten Toten ausgraben und verbrennen, um den systematischen Massenmord zu vertuschen: "Der Gestank vergiftete die Luft."

Lebensrettende Lyrik

Die heimlich vorgetragenen Gedichte sollten Janina das Leben retten. Denn der polnische Literat und Widerständler Micha Borwicz, ebenfalls im Lager interniert, wurde auf das außergewöhnliche Mädchen aufmerksam. Nach seiner Flucht holte er Janina nach, die von sich schrieb: "Ich war eine lebende Tote." Im Oktober 1943, kurz vor der Liquidierung des Lagers und der Ermordung der meisten Insassen, fädelte Borwicz ihre Rettung ein.

Aus dem Lager rauszukommen, erklärt Janina Hescheles, sei nicht schwer gewesen - nur habe man sich nirgends verstecken können. Auf dem Rückweg von der Zwangsarbeit konnte sie mit einem älteren Mädchen fliehen und wurde zunächst bei polnischen Untergrundkämpfern in Krakau einquartiert, die sie ermunterten, ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

Ein Dokument von enormer Bedeutung, sagt Markus Roth, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur: "Es gibt nur sehr wenige Zeugnisse von Kindern, die aus ihrer eigenen Perspektive in unmittelbarer zeitlicher Nähe über die Bedingungen eines KZ berichten."

Mehr dazu in SPIEGEL GESCHICHTE 2/2019

1944 wurde Janina Hescheles in einem Waisenheim versteckt, nach dem Krieg ging sie nach Israel, wurde Chemikerin, bekam Kinder. Deutschland verabscheute sie und boykottierte auch deutsche Produkte. Erst ein Forschungsaufenthalt in den Achtzigerjahren an der Münchner Universität veränderte ihre Einstellung: "Ich arbeitete dort, wo die 'Weiße Rose' tätig war, beschäftigte mich mit ihrer Geschichte und bekam einen ganz neuen Blick auf die Deutschen", sagt sie.

Dass ihre Erinnerungen jetzt auf Deutsch vorliegen, bewegt die Holocaust-Überlebende zutiefst. "Ich hoffe, dass die Welt sich noch ändert, offener gegenüber Flüchtlingen wird", sagt sie. Seit der Ersten Intifada, dem Palästinenseraufstand 1987, engagiert sie sich bei der pazifistischen Gruppe "Women in Black" gegen die Besetzung der Palästinensergebiete. "Unsere tragische Vergangenheit gibt uns nicht das Recht, Land zu konfiszieren und Häuser zu zerstören", so Janina Hescheles.

insgesamt 1 Beitrag
erwin fortelka 17.04.2019
1. Wir lesen heute eine Überschrift auf SPON:
"Judenfeindlichkeit in Berlin" "Antisemiten werden dreister und brutaler." Und die Täter wenden öfter Gewalt an. Es stockt einem der Atem, besonders, wenn ich den hier vorliegenden Artikel lese. Es ist [...]
"Judenfeindlichkeit in Berlin" "Antisemiten werden dreister und brutaler." Und die Täter wenden öfter Gewalt an. Es stockt einem der Atem, besonders, wenn ich den hier vorliegenden Artikel lese. Es ist einfach unfassbar, und es lohnt einen Blick in die Geschichte Deutschlands nach dem Ende des II. Welktkrieges. Die Geschichte Nazideutschlands ist nach dem Krieg nie ehrlich und konsequent aufgearbeitet worden, weder juristisch noch politisch. Viele zu viele Täter sind nie belangt worden, noch heute(!) finden viel zu spät Prozesse gegen Täter statt, die nicht mehr verhandlungsfähig sind. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte seinerzeit den richtigen juristischen Weg beschritten, er ist leider teilweise gescheitert. Zurück zu dem hier vorliegenden Artikel: Es ist völlig richtig, dass solche Dinge auch heute noch veröffentlicht werden, es zeigt dass noch viel zu sagen und zu erkennen ist. Und was die aktuellen Ereignisse angeht: Mir komme keiner mehr mit der Gnade der späten Geburt. Mir fällt wieder nur Bertolt Brecht ein: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch." Erwin Fortelka (Klarname)

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP