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einestages

Deutscher Soldat beim D-Day

"Mensch, du lebst noch!"

Als 16-Jähriger musste Gotthard Neubert zur Wehrmacht und sah 1944 am Omaha Beach Tausende deutsche wie alliierte Soldaten sterben. Als einer der letzten Zeitzeugen erinnert er an das Grauen der Schlacht in der Normandie.

privat
Donnerstag, 06.06.2019   14:00 Uhr

Zur Person

Wir hatten kaum ein Auge zugetan in der Nacht zum 6. Juni 1944. Trotz einer Flasche Calvados, für die Nerven. Alle wussten, dass etwas kam - nur nicht, was genau. Oder wann. Oder wie viele. Jeder spürte es, keiner sprach darüber.

Stattdessen redete Wernicke von seinen Pferden. Seltsam, ich erinnere mich nicht mal mehr an seinen Vornamen. Für uns war er nur "Herr Leutnant". Wir, das waren der Gefreite Bemme und ich als Funker. Mehr als drei passten nicht in unseren kleinen Bunker, ganz vorn an der Küste vor Colleville-sur-Mer mit freiem Blick auf den Ärmelkanal.

Die Pferde waren vergessen, als das Dröhnen einsetzte. Erst ganz fern, schnell immer lauter. Es war so weit. US-Flieger jagten über den Strand, dann donnerten Bombeneinschläge, etliche Kilometer landeinwärts. Glück gehabt: Sie hatten zu spät abgeworfen.

Wir wussten, das war nur der Anfang. Gebannt starrten wir aufs Meer. Und dann, gegen fünf Uhr, kamen sie: erst nur eine Kette kleiner Punkte am sich erhellenden Horizont, unwirklich. Bis daraus Schiffe wurden. Nie werde ich das dumpfe Grollen der Bordkanonen vergessen, als das Bombardement der Küste begann. Links und rechts von uns knallten Detonationen, der Lärm war furchtbar - und die Angst, getroffen zu werden. Mit schlotternden Knien spähten wir hinaus aufs Meer, auf die kleinen Punkte neben den schwimmenden Riesen: Landungsboote.

Fotostrecke

D-Day vor 75 Jahren: Ein deutscher Soldat erinnert sich

Was weiter an diesem Tag passierte, der als D-Day Geschichte machte, lässt sich heute leicht in Zahlen fassen: rund 6000 alliierte Schiffe und Boote, 11.000 US-Flugzeuge. Etwa 160.000 gelandete Soldaten, 40.000 allein an meinem Strandabschnitt, dem am härtesten umkämpften Omaha Beach. Geschätzte 4000 bis 6600 tote Amerikaner, Briten und Kanadier. Ungezählte tote Deutsche.

Der Tod reiste mit

Als Hitler am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg begann, war ich zwölf Jahre alt, zu jung, um als Soldat in den Krieg geschickt zu werden. In den ersten Kriegsjahren schien es fast, als könnte ich ein normales Leben weiterleben. Ich hatte gerade eine Arbeitsstelle beim Gesundheitsamt Chemnitz angetreten, als ich 1943 doch noch einberufen wurde. Meine Familie war am Boden zerstört - mein Cousin war bereits im Krieg gefallen, mein Onkel in Stalingrad. So ging es vielen. Man musste es hinnehmen.

Nun sollte also auch ich kämpfen, mit 16. Die Wehrmacht schickte mich nach einigen Wochen Grundausbildung zum 352. Artillerieregiment, das im Russlandfeldzug die Hälfte der Männer verloren hatte. Diese Lücken sollten Hitlers sogenannte Reserven füllen - Jugendliche wie ich. Nach Frankreich sollte es gehen. Zur Regeneration, hieß es.

SPIEGEL TV (2010): Rommel und der D-Day - der "Wüstenfuchs" am Atlantikwall

Foto: SPIEGEL TV

Meinen 17. Geburtstag erlebte ich im Güterwagen auf der Fahrt an die Westfront. Bei einem Halt wurde schnell Wein aus dem Bahnhofsrestaurant geholt und angestoßen. Es war Ende November, wir hatten nur einen kleinen Ofen, um uns warm zu halten. Man hatte aber zum Schlafen den ganzen Wagen mit Stroh ausgelegt. Es fing Feuer. Beißender Qualm in Augen und Lungen, wir rissen die Schiebetüren auf - augenblicklich schoss das Feuer in Stichflammen aus dem Waggon. Zum Glück war es Nacht, der Lokführer sah den Brand und hielt an, sodass uns ein früher Tod erspart blieb.

Ein bisschen Wärme sollten wir uns noch zurückwünschen, als unser Zug mitten im Nirgendwo hielt, im strömenden Regen. Was genau unser Ziel war, blieb bis zuletzt geheim. Es hieß nur: "Antreten zum Marsch ins Quartier!" Dann los, zwölf Kilometer in voller Ausrüstung, mit Tornister, Gewehr und Kochgeschirr. Schon nach halber Strecke kippte ein Soldat nach dem anderen um. Man ließ sie einfach am Wegesrand liegen, bis sie am nächsten Tag ein Lastwagen einsammelte. Erst kurz vor Mitternacht erreichten wir unser Barackenlager bei Caen und fielen in die Betten.

Auf Socken marschiert

Jetzt waren wir also "Besatzer". Praktisch bedeutete das: marschieren, Schießübungen, angebrüllt werden, Patrouillen, Putzstunde, Flickstunde, marschieren, angebrüllt werden. Der eintönige Drill sollte uns wohl hart machen. Aber als wir zum ersten Mal Weihnachten statt zu Hause in einem fremden Land feierten, hatten viele Tränen in den Augen. Man hatte uns von klein auf zum Soldatentum erzogen - wir waren trotz allem nur 17-Jährige.

Immer wieder wurden wir in anderen Orten stationiert und schliefen mal in leer stehenden Gebäuden, mal in französischen Wohnhäusern. Dann wurden wir in einem Bauernhof bei Bayeux einquartiert, bei einem älteren Ehepaar, feine Leute, die Enkelin spielte hervorragend Klavier. Bei einem wüsten Besäufnis schleuderte dort ein Unteroffizier alle Gläser von der Theke. Seine Kameraden warfen den total besoffenen Kerl aus dem Fenster auf den Misthaufen.

Feindselig begegneten uns die Einheimischen nie. Geschimpft wurde höchstens mal, wenn einer unserer Jungs in einem Laden eine Flasche Wein gemopst hatte. Trotzdem bläute man uns ein: "Die Franzosen sind eure Feinde! Von ihnen habt ihr nur Böses zu erwarten!"

Das wirkte: Als ich krank wurde und zwei Wochen jeden Tag ganz allein vier Stunden zum Inhalieren im Krankenhaus marschieren musste, war mir mulmig. War das nur ein Tier, das da schrie? Eine Katze, die jaulte? Und was verbarg sich hinter diesen hohen französischen Hecken? Ich marschierte in Socken, um zu lauschen, ob mir vielleicht ein Franzose mit bösen Absichten nachschlich. Doch nichts geschah.

Das Ende des eintönigen Soldatenalltags kam schneller, als uns lieb war: Im Frühjahr wurde ich zur Infanterie direkt an die Küste von Colleville verlegt - in den Bunker mit dem Gefreiten Bemme und Leutnant Wernicke, als vorgeschobener Posten der Artillerie gut zehn Kilometer weiter im Landesinneren. Von nun an begleitete uns ständig das Gefühl, dass auf dem Ärmelkanal etwas geschehen würde. Von deutscher Seite wurde verbreitet, ein Angriff auf England stehe bevor.

Das große Sterben

Ende Mai wurden Gerüchte über eine Großoffensive der Alliierten lauter. Selbst die Vorgesetzten waren unruhig, immer öfter pendelten Offiziere zwischen den Bunkern hin und her. Die Artillerie funkte, wir sollten besonders wachsam sein. Darum hielten wir in der Nacht vom 4. zum 5. Juni abwechselnd Wache, und in der folgenden. Bis sie am 6. Juni wirklich kamen, mit dem Morgengrauen.

Als Wernicke, Bemme und ich aus dem Bunker auf die Landeboote starrten, die sich dem Strand näherten, hinter ihnen Hunderte weitere, konnte man schon sein eigenes Wort nicht mehr hören. Das Dauerfeuer aus deutschen Bunkern und Abwehrbatterien hatte eingesetzt und sollte für Stunden nicht mehr verstummen. Die Landeboote hielten wegen der Sandbänke weit vor dem Strand im Wasser, ließen die Luken herab.

D-Day: Als Bomben der Alliierten die Normandie trafen

Foto: SPIEGEL TV

Tausende junger US-Soldaten sprangen heraus, um im schulterhohen Wasser zum Strand zu waten. Etliche wurden schon hier getroffen, viele ertranken. Wer es bis zum Strand schaffte, fand sich zwischen Stacheldraht und Panzersperren auf vermintem Boden wieder, schutzlos im deutschen Feuer.

Der sieben Kilometer lange Abschnitt Omaha Beach war die breiteste Landungszone des D-Day und auch die, in der sich das grausamste Blutbad ereignete. Die Steilküste bildete eine Art natürliche Mauer. Aus unserem Bunker sahen wir, wie Angriffswelle nach Angriffswelle dagegen anbrandete und sich brach. Etwa 2400 US-Soldaten fanden am 6. Juni hier ihren Tod, viele Einheiten wurden im deutschen Dauerfeuer förmlich niedergemäht.

Nichts wie raus

"Bloß raus hier und mir nach!", riss der Schrei des Leutnants uns aus dem Entsetzen, als die Schlacht schon die ganze Küste entlang tobte. Wir rannten hinter ihm her durch einen Laufgraben am Küstenrand und sprangen knapp vier Meter hinab zu einem unbesetzten Geschützstand. Bemme richtete die Haubitze auf ein Ziel am Wasser, einer reichte ihm Granaten an. Kaum hatten wir vielleicht zehn Schuss abgefeuert, riss Bemme mich zu Boden, schon schlug es ein. Er hatte gerade noch bemerkt, wie ein gelandeter Panzer seinen Turm zu uns drehte.

Der Leutnant führte uns aus dem Seitenausgang des Bunkers - da spürte ich ein leichtes Klatschen am linken Oberschenkel. "Ich glaube, es hat mich erwischt!", sagte ich zu Bemme. Gottseidank ein glatter Durchschuss, der Knochen war unverletzt. Ich fühlte, wie die Wärme einsetzte und mein Bein anschwoll. Ein Sanitäter verarztete mich notdürftig in einem Bunkerstollen, überall lagen Verwundete. Einer schrie furchtbar, man hatte ihm den ganzen Arm abgeschossen, er muss wohl verblutet sein. Viele andere waren schon tot. Ich weiß nicht, wie lange ich so neben Leutnant Wernicke lag, als es plötzlich eine gewaltige Detonation gab. Das Letzte, was ich sah, war ein riesiger Feuerschein, dann Dunkelheit.

Als ich zu mir kam, dachte ich nur: "Mensch, du lebst noch!" Mein Kopf war blutverschmiert, er lag in einer Schachtel mit geplatzten Glühbirnen. Aus meinem linken Auge quoll eine Flüssigkeit, ich glaubte, das Augenlicht verloren zu haben. Alles tat weh, mir war kalt, ich konnte mich nicht bewegen. Quer über mir hing ein Balken. Der Leutnant neben mir antwortete nicht, als ich ihn ansprach. Erst als ich ihn anstieß, zeigte er auf sein Ohr - Trommelfell geplatzt. Er brüllte: "Wir müssen hier raus!"

Dem Lichtschein entgegen robbten wir zum Eingang. Draußen war es taghell, aber nirgends fiel mehr ein Schuss. Rings umher nur eine ungeheuerliche Stille. Und dann: "Hands up!" Ein schwarzer Soldat richtete seine Pistole auf uns und zeigte Richtung Wasser. Zielsicher dirigierte er uns durch den minenfreien Weg, den eigentlich nur deutsche Truppen kannten.

Das Ende der Angst

Auf halbem Weg blieb ich mit dem geschwollenen Bein an einem Stolperdraht hängen - ein Feuerwerkskörper knallte los. Damit hatten wir die Wege gegen nachts landende Feinde gesichert. Hektisch redete ich auf den Amerikaner ein, nicht zu schießen. Der sagte nur freundlich und gelassen: "Go on."

Am Wasser mussten wir uns auf den Bauch legen und die Taschen leeren - zwischen Bergen gefallener US-Soldaten. Ich hatte ein Bild meiner Eltern neben mir hingelegt und wollte es gerade wieder einstecken, als ein GI seinen Gewehrkolben auf meine Hand schlug. Das Foto habe ich nie wiedergesehen.

Video: Die historischen Schauplätze aus der Luft

Foto: REUTERS

Sechs Kilometer trieben uns zwei GIs zum Sammelplatz und ballerten wie Cowboys in die Luft. Vielleicht wollten sie sich einfach wieder stark fühlen, nach all der Angst. Irgendwie hielt ich Schritt, mit verzerrtem Gesicht. Ich muss toll ausgesehen haben: mein Hosenbein abgeschnitten, Notverband, keine Jacke mehr, aber mit völlig verklebtem Auge und blutigen Schürfungen am Kopf durch die Glassplitter. Am Mittag erreichten wir endlich das Lager, man legte mich auf eine Trage.

Der Leutnant kam zu mir, nahm seine Mütze ab und setzte sie mir auf den Kopf. Dieses Zeichen eines Offiziersranges führte dazu, dass die Amerikaner mich noch am gleichen Tag als Kriegsgefangenen auf einen US-Truppentransporter brachten. Damit begann eine dreijährige Reise, die mich erst in ein US-Militärhospital führte, dann über den Atlantik nach New York, ins Camp Ellis, in eine Dosenfabrik in Illinois. Ich begegnete herzlichen Menschen, mit denen ich noch Jahre Kontakt halten würde, und etlichen anderen, an deren Namen ich mich heute nicht mehr erinnern kann.

Was mir jedoch im Gedächtnis blieb, war der erste Satz, als amerikanische Matrosen mich mit der Trage auf das Schiffsdeck hievten: "What a kid."


Die Perspektive eines amerikanischen Soldaten schildert hier John Raaen: "Keiner von uns erwartete zu überleben" , sagt der wahrscheinlich letzte noch lebende US-Offizier, der 1944 am Omaha Beach landete. Vom D-Day erzählt auch ein französisches Ehepaar - das Grauen der Schlacht um die Normandie lässt Marguerite und Rémy Cassigneul bis heute nicht los .

Protokolliert von Danny Kringiel

insgesamt 29 Beiträge
Sandra Belms 06.06.2019
1. Fesselnde Schilderung
Gut, dass wir das nicht mehr erleben müssen. Aber über einen Satz bin ich gestolpert: 1943 Einberufung zur Wehrmacht mit 16? Von den Kinderbataillonen weiß ich, das war aber 45, kurz vor Kriegsende.
Gut, dass wir das nicht mehr erleben müssen. Aber über einen Satz bin ich gestolpert: 1943 Einberufung zur Wehrmacht mit 16? Von den Kinderbataillonen weiß ich, das war aber 45, kurz vor Kriegsende.
Glyon 06.06.2019
2. Anzahl der Toten ?
im text ist von 4000-6600 Toten die Rede, müssten es nicht weit mehr sein ?
im text ist von 4000-6600 Toten die Rede, müssten es nicht weit mehr sein ?
Helmut Unger 06.06.2019
3. @Sandra Belms
Es wurden schon 1942 15jährige eingezogen. Lesetipp: "Meine gestohlenen Jahre" von Rudi Schürer. 1942 mit 15 eingezogen, 1955 nach 10jähriger Gefangenschaft als einer der letzten aus Kriegsgefangeschaft entlassen. [...]
Es wurden schon 1942 15jährige eingezogen. Lesetipp: "Meine gestohlenen Jahre" von Rudi Schürer. 1942 mit 15 eingezogen, 1955 nach 10jähriger Gefangenschaft als einer der letzten aus Kriegsgefangeschaft entlassen. Wahrlich kein "Jubelbuch", sondern schon fast zu sachlich. Aber wohl nur mit einer solchen Distanz lassen sich diese Erinnerungen erzählen. Rudi Schürer lebt noch und ist ein ziemlich beeindruckender Mensch.
Tobias Helmer 06.06.2019
4. Die Generation meines Vaters
wie aus dem Artikel hervorgeht, alles noch Kinder gewesen, damals. So alt wie meine Söhne heute. Und das alles wegen den Ideen eines einzigen...? Viele konnten auch jahrzehntelang darüber nicht sprechen, weil es unerträglich [...]
wie aus dem Artikel hervorgeht, alles noch Kinder gewesen, damals. So alt wie meine Söhne heute. Und das alles wegen den Ideen eines einzigen...? Viele konnten auch jahrzehntelang darüber nicht sprechen, weil es unerträglich war, überhaupt daran zu denken. Genauso wie mein Vater sicher nicht alles erzählt hat, was er hätte erzählen können. Und dann gibt es 75 Jahre später bereits wieder Tendenzen zum Nationalismus.... interessant, dass einem die Tränen kommen, wenn man darüber nachdenkt.
Christian Müller 06.06.2019
5. Danke für...
...die breite Berichterstattung zum Jahrestag. Der Artikel ist beklemmend und lässt das Herz mit Dankbarkeit füllen, dass wir in Frieden leben dürfen und als Deutsche in den Ländern der Alliierten so offen empfangen werden.
...die breite Berichterstattung zum Jahrestag. Der Artikel ist beklemmend und lässt das Herz mit Dankbarkeit füllen, dass wir in Frieden leben dürfen und als Deutsche in den Ländern der Alliierten so offen empfangen werden.

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