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einestages

Mario Adorf in "Kir Royal"

"Isch scheiß disch so was von zu mit meinem Geld"

Es war ein überragender TV-Moment: Mario Adorf als Fabrikant Haffenloher faltet erst Reporter Schimmerlos zusammen, drückt ihn dann an seine haarige Brust. Hier spricht der Schauspieler über "Kir Royal" und seine Liebe zum Dialekt.

Balance Film
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Dienstag, 02.04.2019   12:39 Uhr

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Ihn umgibt dieses Unerklärliche. Die Adorf-Aura. Eine raumgreifende Präsenz, dazu das Kaminknistern in seiner Stimme. 88 Jahre alt ist Mario Adorf inzwischen, er hat zahlreiche große Rollen übernommen, von seinem ersten Film 1954 als Gefreiter in "08/15" über den "Winnetou"-Schurken oder Vater Matzerath in der "Blechtrommel" bis zum alten Karl Marx im ZDF-Dokudrama "Der deutsche Prophet" 2018. Die aber bis heute fast allen Zuschauern als Erstes in den Sinn kommt, die an ihm regelrecht klebt - das ist die Rolle des Heinrich Haffenloher in "Kir Royal".

Der Fabrikant, Europas Marktführer für Klebstoffe, macht sich in Helmut Dietls sechsteiliger TV-Serie von 1986 aus einem rheinischen Nest auf nach München, Sehnsuchtsziel der "Adabeis", wie die echten Münchner Promis jene "Auch dabei Seienden" nannten. In seiner ganzen Pracht und Prahlerei ist Haffenloher ein zum Bersten komischer Typ. Und Adorf spielt ihn nicht nur als Clown, Großkotz und Geldprotz, sondern auch als brüchigen Charakter.

Binnen Sekunden lässt er den Emporkömmling regelrecht gefährlich werden und macht aus dem Narren einen Paten, einen modernen Kaiser ohne Kleider: wie Haffenloher sich im Bademantel vor dem ähnlich großmäuligen Reporter Baby Schimmerlos (gespielt von Franz Xaver Kroetz) aufbaut. Wie er ihn in seinem rheinischen Singsang zusammenfaltet und einschüchtert - "isch schieb et dir hinten und vorne rein". Wie die Farbe aus dem Gesicht von Schimmerlos zu weichen scheint, bis er nur noch lautlos schlucken kann: "Gegen meine Kohle haste doch jar keine Schangse... Komm, und jetzt sach Heini zu mir!" Dieser Auftritt (hier im YouTube-Video) ist einer der überragenden komödiantischen Momente der deutschen Fernsehunterhaltung.

einestages: Mario Adorf, in viele Ihrer legendären Rollen haben Sie Ihren rheinischen Eifeldialekt hineingelegt. Stichwort: "Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld..."

Adorf: Wenn ich diesen Satz wie Sie gerade in reinem Hochdeutsch gesagt hätte, hätte er sicher nicht diese Wirkung gehabt, nicht? Ich sagte es ja rheinisch gefärbt, noch deutlicher wäre es etwa so: "Isch scheiß disch sowatt von zu mit meinem Jeld, dat de keine ruhije Minute mehr hass." Dieses gefährlich gemütliche Kölsch, was ich auch schon in "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" als Kommissar benutzte. Da war ich der beinharte Ermittler, der aber auch den ganz gemütlichen Kölner rauskehren konnte, um dann wieder mit großer Boshaftigkeit zuzuschlagen. So habe ich schon in meiner allerersten Rolle in "08/15" und viel später in der "Blechtrommel" meinen heimischen, rheinischen Dialekt eingesetzt.

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Mario Adorfs Karriere: Winnetou-Schurke, Mafioso, Kleberfabrikant

einestages: Warum ist dieses Geld-Zitat so unglaublich hängengeblieben bei den Menschen?

Adorf: Das ist ja eine wichtige Szene, weil die Figur vorher als lächerlich dargestellt wird, als Karrieretyp, der in die Schickimicki-Gesellschaft reinkommen will, sich erniedrigt und mit Geld um sich schmeißt. Bis er sich auf einmal in der Nacht, als er besoffen ins Hotel kommt, fragt: "Wer bin ich eigentlich?" Die Zuschauer glaubten ja bis dahin, er sei ein lächerlicher Provinz-Heini. Und auf einmal lässt er diesen Schimmerlos antanzen und putzt den runter. Das hat die Leute gefreut. Weil dieser Schimmerlos von seinem Charakter her zwar charmant und witzig angelegt, aber dann doch kein Sympathieträger war. Ich glaube, man hat ihm das gegönnt, dass er runtergemacht wird von diesem Haffenloher.

einestages: Der Kleberfabrikant bekommt auf einmal etwas Mächtiges, zumindest Gewaltiges durch Ihr Spiel.

Adorf: "Ich mach dich fertisch!", sagt er. Es war schon im Drehbuch eine gute Szene. Das war bei Haffenloher fast so wie in Fassbinders "Lola" bei der Rolle des Schuckert, der war ja auch von Fassbinder als böser Ausbeuter angelegt. Diese ganze Kraft aber, auch seine Jovialität, das waren Zutaten von mir. Ich verdanke sie diesen Leuten, die ich nach dem Krieg in meinen Jobs kennengelernt habe, als junger Arbeiter.

einestages: Im Akkord in der Bimssteingrube...

Adorf: Die Arbeit da unten hieß: jeden Tag zehn Stunden lang schaufeln, zu zweit, und zwar so, dass das Förderband keine Stellen ohne Sand aufwies. Es gab nur schaufeln, schaufeln, schaufeln.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
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Tim Pröse
Mario Adorf. Zugabe!

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
256
Preis:
EUR 20,00

einestages: Und in dieser Hölle kam Ihnen ein Philosoph aus Trier in den Sinn?

Adorf: Ja, im ersten Mainzer Semester meines Philosophie-Studiums war mir ein Buch von Karl Marx in die Hände gefallen, ich glaube das "Kommunistische Manifest". Ich las, wie Marx, der für mich sozusagen ein Eifeler Landsmann war, das Los der ausgebeuteten Arbeiter beschreibt. Und auf einmal sah ich mich nicht nur in der Marx'schen Theorie, sondern in der nackten Praxis als ein solcher Lohnsklave. Wenn ich aus der Bimssteingrube hochschaute, bemerkte ich einige Male einen Mann, der von oben grinsend auf uns herunterschaute und den mein Kumpel "den Chef" nannte. Ein dicker, rotgesichtiger Bauer, der nun in weißem Hemd mit wehender roter Krawatte den Unternehmer spielte und der zu uns herunterschrie: "Hopp, hopp, hopp!" Auf einmal erkannte ich in ihm den Marx'schen Ausbeuter, und ich merkte, wie sich in mir ein Hass auf diesen Menschen entwickelte.

einestages: Diesen Hass haben Sie umgemünzt, um solche Typen künftig lebensnah darzustellen?

Adorf: An meiner Darstellung dieser Figuren ist jemand anderes schuld. In meiner Zeit als Handlanger beim Bau lernte ich einen Unternehmer kennen, der mir einen Hungerlohn von 99 Pfennigen pro Stunde zahlte, für den ich aber keinen solchen Hass empfand. Ich bewunderte ihn sogar, weil ich in ihm einen der "Macher" sah, die den Wiederaufbau nach dem Krieg ankurbelten. Neben seinem ausbeuterischen Geschäftssinn war er am Samstag nach Feierabend humorvoll und großzügig, spendierte Bier und Schnaps mit dem schönen Namen Moselfeuer. Genau dieser Boss wurde 30 Jahre später mein Vorbild für den Bauunternehmer Schuckert.

einestages: Wer stand dann Pate für den Haffenloher?

Adorf: Ein Rheinländer, ein Lackfabrikant, der einmal bei einem Filmball zu mir kam und mir zuraunte: "Herr Adorf, die Nastassja Kinski, dat is ja ein dollet Weib. Können Sie misch der mal vorstellen?" Das hatte ich im Ohr. Er war dann auch ein bisschen sauer, dass ich ihn im Film so nachgeahmt habe.

einestages: Bedauern Sie, dass in Deutschland so wenig Dialekt in der Öffentlichkeit gesprochen wird?

Adorf: Hochdeutsch hat den Vorteil, dass wir alle eine gemeinsame Sprache haben, aber den Nachteil, dass bis heute sehr viele unserer schönen und wichtigen mundartlichen Eigenarten verschwinden. Wenn ich zurückdenke an die Anfangszeiten des Fernsehens, als die meisten Politiker noch alle ihre ganz deutlichen Heimatakzente hatten... Adenauer! Sein Kölsch! Und auch der Schwabe Theodor Heuss, der Bayer Strauß. Das half, sie zu gewichtigen Persönlichkeiten zu machen. Für mich erzählt die Grundfärbung eines Dialekts nicht nur etwas über die Herkunft, sondern auch über den Menschen selber. Ich habe als Schauspieler schnell feststellen können: Wenn ich in einer Rolle meinen Heimatdialekt benutzte, war das ungleich wirksamer als das sogenannte Bühnendeutsch.

einestages: Wurde Ihnen der Dialekt auf der Schauspielschule abtrainiert?

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06.06.2019, 13:30 Uhr
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Kir Royal (2 Discs, Digital Remastered)
Preis:
EUR 13,38
Veröffentlichungsdatum:
1986
Autor:
Helmut Dietl
mit: Franz Xaver Kroetz, Senta Berger, Dieter Hildebrandt, Ruth-Maria Kubitschek

Adorf: Man sollte nicht hören, woher jemand kommt. Dabei kann man im Hochdeutschen nicht so viel Wucht erzeugen wie im Dialekt. Deswegen habe ich trotzdem sehr bewusst und sehr gerne immer wieder Akzente benutzt. Meine erste große Rolle war der angebliche Massenmörder Bruno Lüdke, ein Köpenicker mit schlesischem Einschlag in der Sprache. Ich war bis dahin noch nie in Berlin gewesen, musste mir das also aneignen. Viele Leute hielten mich dann über Jahrzehnte für einen waschechten Berliner.

einestages: Wie sehen Sie als Weltmann auf Dialekte, haben Sie da Abneigungen oder Vorlieben?

Adorf: Ich habe festgestellt, dass alle Metropolen eine ganz besondere Art von Dialekt haben. Einen harten, schnoddrigen, überheblichen und nicht immer angenehmen Ton. Das Berlinerische kann man noch irgendwie sympathisch finden, aber es kann auch sehr ungemütlich sein. In Rom gibt es dieses Romanaccio, sehr schnodderig und überheblich. In Paris klingt das Französisch oft wie eine Art Milieusprache. Und das Deutsche hatte und hat ja im Ausland nicht den besten Ruf. Wenn ich in Italien am Telefon in Gegenwart italienischer Freunde Deutsch sprach, sagten die danach zu mir: "Was war denn das für eine Sprache? Das war doch kein Deutsch! Deutsch geht doch so: 'Jawoll, mein Führer, raus, raus, schnell, jawoll, ja'. Das ist Deutsch."

insgesamt 6 Beiträge
Michael Udo 02.04.2019
1.
Diese Folge, die erste von Kir Royal, ist mein absolutes TV-Highlight. Natürlich gibt es viele großartige Leistungen. Für mich entscheidend: Der Dreiklang. Der Dreiklang aus 1. Gesicht und Mimik 2. Sprach-Timbre und Dialekt 3. [...]
Diese Folge, die erste von Kir Royal, ist mein absolutes TV-Highlight. Natürlich gibt es viele großartige Leistungen. Für mich entscheidend: Der Dreiklang. Der Dreiklang aus 1. Gesicht und Mimik 2. Sprach-Timbre und Dialekt 3. Darstellung/Charakter. Ich meine damit: Es gibt einmalige Ereignisse. Kein anderes Gesicht, keine andere Mimik, keine andere Sprachleistung, kein anderer hätte diese Darstellung so rüberbringen können, wie Mario Adorf. Für mich steht er mit seiner gesamten Leistung auf einer Stufe mit Heinz Rühmann, den man hierzulande gerne für den größten Schauspieler hält. Nein, Mario ist gleich gut.
B Schmitz 02.04.2019
2. Haffenlohr kommt aus Kleinweilersheim…
bei Tauber-Bischofsheim, wenn ich mich recht entsinne - "da mach isch in Kleber". In so fern passt der Dialekt nicht ganz. Aber Schwamm drüber - Kir Royal war einfach genial und hat keinen Millimeter an Aktualität [...]
bei Tauber-Bischofsheim, wenn ich mich recht entsinne - "da mach isch in Kleber". In so fern passt der Dialekt nicht ganz. Aber Schwamm drüber - Kir Royal war einfach genial und hat keinen Millimeter an Aktualität eingebüßt.
Frank Zimmermann 02.04.2019
3. Ich liebe Mario!!
Einer der besten deutschen Schauspieler überhaupt!!! Der kann fast alles spielen!
Einer der besten deutschen Schauspieler überhaupt!!! Der kann fast alles spielen!
Daniel Banek 02.04.2019
4. Ich muss mal auf die Suche gehen.......
Irgendwo habe ich noch Kir Royal als DVD Pack. Wird Zeit das mal wieder anzusehen. Aber es stimmt, von der Serie blieb einem diese Scene einfach im Gedächtnis.
Irgendwo habe ich noch Kir Royal als DVD Pack. Wird Zeit das mal wieder anzusehen. Aber es stimmt, von der Serie blieb einem diese Scene einfach im Gedächtnis.
danny1805 02.04.2019
5. Dialekte
Ich bin absolut froh, dass mein Opa mir noch Kölsch beigebracht hat, da ich viel beruflich mit "Muttersprachlern" in diversen Alten und Pflegeheimen zu tun gehabt habe hat mir dies einen sehr großen Vorteil verschafft [...]
Ich bin absolut froh, dass mein Opa mir noch Kölsch beigebracht hat, da ich viel beruflich mit "Muttersprachlern" in diversen Alten und Pflegeheimen zu tun gehabt habe hat mir dies einen sehr großen Vorteil verschafft Zugang überhaupt zu bekommen und mich gegebenenfalls auf Dialekt unterhalten zu können, heute mach ich nebenbei mein Abitur auf dem 2.bildungsweg und bin so gut wie der einzige der noch Dialekt kann in der Schule, sehr zur Bespassung der Lehrerinnen und Lehrer bzw Mitschüler,in diesem Sinne maat et joot äwwer nit esu schnell (macht es gut aber nicht so schnell) ??

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