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Mein Mauerfall

"Keiner konnte fassen, was da passiert"

Am Abend des 9. November waren Christian Liebig und seine Bandkollegen von Karat im Studio, sie glaubten die Fernsehnachrichten nicht. Statt sich auf den Weg zu einem Grenzübergang zu machen, spielten sie "Über sieben Brücken" ein.

Das Bundesarchiv/ Ralf Pätzold
Von Christian Liebig
Donnerstag, 23.10.2014   13:12 Uhr

In der Nacht des 9. November 89 waren wir zu Plattenaufnahmen im Studio in der Brunnenstraße, nur wenige hundert Schritte von der Mauer entfernt. Es war das Amiga-Studio, in dem fast alle Rockproduktionen der DDR entstanden. Wir nahmen gerade ein neues Album auf.

Die Streicher vom Studio-Orchester des Rundfunks der DDR waren vor Ort, um an diesem Abend ihren Part für "Über sieben Brücken" einzuspielen. Der Titel sollte neu produziert werden, weil wir ihn zusammen mit Peter Maffay noch einmal herausbringen wollten. Wir hatten das mit ihm schon abgesprochen, aber niemandem gesagt, sonst wäre es wieder verboten worden. Auch die Streicher hatten keine Ahnung. Wir legten ihnen die Partitur hin, und die Aufnahme ging los.

Ein gemeinsamer Auftritt mit Peter Maffay, was die Westveranstalter gerne wollten, hätte natürlich für Furore gesorgt, aber von DDR-Seite wurde das immer wieder unterbunden.

Damals war die allgemeine Stimmung denkbar schlecht in unserer Szene. Auch bei den Rockmusikern hat sich dieser große Exodus bemerkbar gemacht. Jeder kannte irgendjemanden, der in den Westen gegangen war.

"Endlich hatten Rockmusiker den Mut, die Klappe aufzumachen"

Schon im September 1989 entschieden sich einige von uns, ein Papier zur Lage der DDR zu verfassen: "Resolution von Rockmusikern und Liedermachern zur inneren Situation und zum Aufruf des Neuen Forums", das bei einem Treffen mit über 50 Musiker-Kollegen im Maxim-Gorki-Theater diskutiert wurde. Toni Krahl, Sänger von City und damaliger Vorsitzender der "Sektion Rockmusik im Komitee für Unterhaltungskunst der DDR", hatte das Treffen mit Bärbel Bohley vom Neuen Forum abgesprochen. Es wurde vereinbart, dass jede Band diesen Text bei ihren Konzerten verliest.

Zu den Unterzeichnern gehörten unter anderem Hans-Eckardt Wenzel, Steffen Mensching, Jürgen Ehle, die Gruppe Silly, Frank Schöbel, Angelika Weiz, die Band Stern Meißen und wir von Karat.

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Mein Mauerfall: DDR-Kultband Karat

Endlich hatten die Rockmusiker den Mut, mal die Klappe aufzumachen und zu sagen, so geht's nicht weiter, ihr müsst euch jetzt hier was einfallen lassen. Ihr könnt die Leute nicht einsperren, die rennen uns ja alle weg. Wir haben unseren Unmut über die Situation in der DDR geäußert und formuliert, dass wir hinter den Forderungen des Neuen Forums stehen. Dieses Papier ging an die Nachrichtenagentur ADN, an das "Neue Deutschland", Rundfunk und Fernsehen der DDR und das ZK der SED. Das war damals ganz schön aufsehenerregend. Und es kam letztendlich sogar so weit, dass es in verschiedenen Nachrichtensendern im Westen publik wurde und ich meine, mich erinnern zu können, dass es dann sogar im Osten in den Nachrichten zumindest erwähnt wurde, dass eine solche Resolution existiert, wenn auch nicht inhaltlich so viel darüber gesprochen wurde.

"Vieles wurde zwischen den Zeilen ausgedrückt"

Uns ging es nicht um die eigene Reisefreiheit, Karat konnte reisen und hat ab Anfang der Achtzigerjahre mehr im Westen gespielt als im Osten. Der große Durchbruch kam mit dem Titel "Über sieben Brücken". Das war so ein Synergie-Effekt, als Maffay ihn dann auch produzierte. Viele DDR-Bürger waren durchaus ein bisschen stolz, dass ein Lied aus dem Osten auch mal eine große Nummer im Westen wird.

Was die Titelauswahl allgemein betrifft, hatten Bands, die Amiga hohe Umsätze brachten, wie Puhdys, City, Silly und wir, eigentlich relativ viel Narrenfreiheit bei der Schallplatte. Das hieß natürlich nicht, dass sämtliche Texte problemlos durch das Lektorat gegangen sind. Aber künstlerisch konnte man ansonsten eigentlich machen, was man wollte.

Was die Texte anbelangt, war das natürlich schwieriger. Da konnte man nicht alles sagen, vieles wurde zwischen den Zeilen ausgedrückt.

Manchmal schrieb man auch extra Formulierungen in die Texte rein, von denen wir ahnten, da fallen sie drüber her. Es war so, dass die auch was finden wollten. Aber die geübten Texter wussten vorher schon, wie man das im Nachhinein geschickt ändern kann.

Dieses sogenannte Lektorat war ein kleines Team aus verschiedenen Leuten, die natürlich auch irgendwelche eigenen künstlerischen Ansprüche vor sich her trugen. Die waren nun nicht alle böse, sie wollten eigentlich eher, dass bestimmte Sachen durchkamen. Diese Gruppe bestand nicht nur aus kritischen alten Männern, die eine Stasiausbildung hatten und jetzt mit einem großen Stock da saßen und sagten: So geht's auf keinen Fall. Das wird nicht geschrieben. Das war mehr ein Lavieren, nicht nur der Autoren, sondern gleichzeitig ein Lavieren dieses Lektorats. Die mussten auch zusehen, wie sie irgendwie mit der Situation klarkamen.

Abgesehen davon hatte natürlich nicht jedes Lied einen revolutionären Touch, wir spielten auch ganz normale Lieder, die vom Alltag oder von einer Zweierbeziehung erzählten.

"Im Westen war man einfach viel offener"

Wir haben immer deutsche Texte gesungen. Auch bei meiner ersten Tournee in den Westen, da spielte ich noch in einer anderen Band. Ich kann mich ganz deutlich an meine Gedanken damals erinnern, in dem Moment, als ich durch die Mauer fuhr und in Westberlin ankam. Ich dachte: Das gibt's ja gar nicht, jetzt kommst du aus dem Osten, wo immer diese Plakate, diese Losungen, Banner hängen, "Sieg des Sozialismus" bla, bla, und jetzt im Westen überall Riesenplakate - mit Reklame. Das ist ja furchtbar, zwar anders, aber eigentlich auch furchtbar. Das war mein erster Gedanke.

Ansonsten war es natürlich toll, wir sind direkt zum Quasimodo gefahren, haben dann aufgebaut und abends vor ausverkauftem Haus gespielt.

Später folgten im Laufe der Jahre viele Karat-Tourneen in den Westen. Das Publikum dort war wirklich sehr aufgeschlossen. Ich hatte teilweise sogar den Eindruck, dass es noch interessierter war als im Osten, was ich unter anderem darauf zurückführen würde, dass die Leute ein höheres Eintrittsgeld bezahlten. In der DDR kosteten die Karten 3,10 DDR-Mark, die Preise waren gestützt. Da sind viele quasi als Laufkundschaft gekommen. Die sind einfach dahin gegangen, wo was los war, ob sie nun Karat gut fanden oder nicht, das war eigentlich erst mal egal. Im Westen war das anders. Da sind nur die Leute gekommen, die uns hören wollten. Und deshalb waren die auch von vornherein sehr aufgeschlossen. Und es gab nicht so viele Leute, die alles sehr kritisch beäugt haben, im Westen war man einfach viel offener.

"Niemand hat geglaubt, dass die wirklich die Grenze aufmachen"

Aber das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Rockgruppen, das war in der DDR größer. Es gab unzählige Festivals, wie das "Pfingstreffen", "Rock für den Frieden", "Liedersommer" und noch eine ganze Menge derartiger Veranstaltungen, zu denen die Bands regelmäßig eingeladen wurden, insofern hat man sich öfter gesehen.

Auch durch das Fernsehen, "rund", " bong" und "stopp-Rock", das waren schon mal drei Sendungen, in denen immer Rockbands auftraten. Es gab mehr Medienpräsenz.

An all das dachten wir nicht am 9. November 1989. Wir freuten uns auf die neue Produktion von "Über sieben Brücken" mit Peter Maffay.

Die Streicher spielten ihren Part ein, und als sie eine Pause machten, gingen wir in die Kantine. Auf dem Tresen stand ein Junost-Fernseher, ein kleines weißes russisches Gerät, vielleicht 9 Zoll oder so. Da flimmerte gerade die Rede von Schabowski über den Bildschirm. Alle guckten gespannt hin und hörten zu. Keiner konnte wirklich fassen, was da passiert. Niemand hat daran geglaubt, dass die jetzt wirklich die Grenze aufmachen. Das gibt's doch gar nicht. Wir sind dann zurück ins Studio und haben weiter aufgenommen.

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Gegen ein Uhr endete die Aufnahme. Wir waren alle ziemlich kaputt von den vielen Stunden im Studio, dennoch gingen wir nicht, sondern setzen uns vor den russischen Fernseher. So langsam begriffen wir, dass die Grenze an der Bornholmer Straße tatsächlich auf war. Irgendwann in der Nacht bin ich nach Hause gefahren. Damals wohnte ich in Pankow, und fuhr die Schönhauser Alle hoch. Weit vor der Bornholmer Straße, wo links abbiegen verboten war, hatte sich eine riesenlange Linksabbiegerschlange gebildet. Es war der Rückstau vor dem Grenzübergang. Da war ich dann echt überrascht, wie sich die Ereignisse überschlugen.

Wenige Monate später erschien unser Album "Im nächsten Frieden". Titel Nummer acht ist das Duett "Über sieben Brücken" mit Herbert Dreilich und Peter Maffay.

Da ist Geschichte passiert, und ich bin live dabei gewesen.

Buchauszug leicht gekürzt.

insgesamt 9 Beiträge
Stefan Claus 23.10.2014
1. Bildunterschrift 10
Karat: Claudius Dreilich, Bernd Römer und Christian Liebig (von links) im April 2010 gemeinsam auf der Bühne. Sänger Dreilich verstarb 2004 an einem Krebsleiden. Wie ist das zu verstehen? Ein Hologramm auf der Bühne oder [...]
Karat: Claudius Dreilich, Bernd Römer und Christian Liebig (von links) im April 2010 gemeinsam auf der Bühne. Sänger Dreilich verstarb 2004 an einem Krebsleiden. Wie ist das zu verstehen? Ein Hologramm auf der Bühne oder ist es der bereits verstorbene Dreilich, der sich nach sechs Jahren Tod noch ganz wacker schlägt?
Hans Joachim Heinke 23.10.2014
2.
Wenn sie sich mit der DDR Rockmusik auskennen würden wüssten sie das Claudius der Sohn von Herbert Dreilich ist und seit dem Tod seines Vaters bei Karat singt
Wenn sie sich mit der DDR Rockmusik auskennen würden wüssten sie das Claudius der Sohn von Herbert Dreilich ist und seit dem Tod seines Vaters bei Karat singt
Peter Kaul 23.10.2014
3. Wat'n Quatsch!
Karat hat diesen Song bereits 1978 aufgenommen und er wurde zu diesem Zeitpunkt auch veröffentlicht. Schlechte Recherche! Sechs setzen!
Karat hat diesen Song bereits 1978 aufgenommen und er wurde zu diesem Zeitpunkt auch veröffentlicht. Schlechte Recherche! Sechs setzen!
Wolf - Dieter Böhrendt 23.10.2014
4. Mein Mauerfall im Fernsehen der USA
Ich weiß es noch genau: Wir waren in Kalifornien im Urlaub und hatten gerade in einem Motel irgendwo zwischen Yosemite und San Francisco eingecheckt. Ich hatte meiner Frau den Fernseher eingeschaltet und als ich vom Auto zurück [...]
Ich weiß es noch genau: Wir waren in Kalifornien im Urlaub und hatten gerade in einem Motel irgendwo zwischen Yosemite und San Francisco eingecheckt. Ich hatte meiner Frau den Fernseher eingeschaltet und als ich vom Auto zurück kam hörte ich sie rufen: Die Mauer ist offen! Ich sagte: Das ist bestimmt ein Film - Nein es sind die Nachrichten! Und so sa0en wir gebannt vorm TV und schauten den Trabis mit jubelnden Leuten zu, die nach West Berlin rein fuhren ... Das waren bewegende Momente!
Sebastian Gätcke 23.10.2014
5. In diesem Fall aber richtig...
Wäre schon schlimm, wenn Christian Liebig nicht wüsste, wann seine Kapelle ihr Lied von 1978 noch einmal mit Peter Maffay aufgenommen hat. Im Text steht auch, dass der Titel neu produziert wurde. Nicht so schnell mit der Sechs [...]
Wäre schon schlimm, wenn Christian Liebig nicht wüsste, wann seine Kapelle ihr Lied von 1978 noch einmal mit Peter Maffay aufgenommen hat. Im Text steht auch, dass der Titel neu produziert wurde. Nicht so schnell mit der Sechs um sich werfen. Und jetzt setze ich mich wieder hin.

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