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einestages

Mexiko

Der gehäkelte Comandante

Obszöne Jesusbilder, selbsternannte Menschenrechtsbeobachter und Madonna als Stoffpüppchen: Im Mexiko der neunziger Jahre ist die Wahrheit vor allem symbolisch. Christoph Weber erkundete ein Land, in dem nicht nur Rebellenführer an ihrer eigenen Identität stricken.

AP
Freitag, 19.02.2010   18:46 Uhr

Mühsam schiebt sich der Bus nach Chiapas hinauf. Plötzlich bremst unser Fahrer ab. Vor uns kriecht eine mexikanische Militärkolonne. Aus den gepanzerten Bäuchen der Fahrzeuge ragen die Silhouetten von Regierungssoldaten. Eine rollende Menschenkette. Die jungen Männer wirken ausgelassen. Sie werfen sich Äpfel zu. Von Wagen zu Wagen. Lässig, demonstrativ. Wären da nicht die Uniformen, sie sähen aus wie ein heiterer Trupp Pfadfinder.

Der Bundesstaat Chiapas im Südosten Mexikos ist ein Krisengebiet. Am Neujahrstag 1994 begann hier der Aufstand der EZLN, der nationalen Freiheitsbewegung der Zapatisten, einer Guerilla-Organisation, die sich hauptsächlich aus Ureinwohnern Chiapas zusammensetzte. Es ging um das, worum es immer geht in Lateinamerika: "Pan y Libertad", Brot und Freiheit. Etwas zu essen und der Wille, über das eigene Schicksal bestimmen zu dürfen. Der Aufstand der Zapatisten wurde niedergeschlagen. Von 12.000 Soldaten und 15 Panzern. Seitdem ist es ruhig in Chiapas.

Unser Bus hält an. Frische Bergluft umfängt die Nase, hier auf 1800 Meter Höhe. Wir sind in San Cristóbal de las Casas, der Hauptstadt von Chiapas. Als ich aus dem Bus steige, kommt eine alte Indianerin auf mich zu. In der Hand hält sie ein Stoffpüppchen. Schon handelt sie. Fünf Peso. Ich schaue genauer hin. Den Anblick kenne ich. Das Bild des maskierten Subcomandante Marcos, des legendären Anführers der Zapatisten, ist um die Welt gegangen. Bis heute bleibt seine Identität ein Geheimnis.

Ein Kreuz für jeden Panzer

Alles ist naturgetreu an dieser Wollfigur. Aus den Sehschlitzen der schwarzen Strumpfmaske blitzen Mund und Augen hervor, bedrohlich, militant. Bei uns laufen so nur Bankräuber herum. Der Preis sinkt. Vier Peso nur noch, für den Subcomandante aus Stoff. Wofür soll das eigentlich gut sein? Ein Rebellenführer in der Puppenstube? Damit schon die Kinder lernen, wie ernst der Ernst des Lebens ist, hier in Chiapas? Nein, darum geht es nicht. Der Subcomandante ist eine Ikone, gehäkelt für Touristen. So wie seinerzeit Ché. An den T-Shirt-Ständen der Stadt baumeln sie friedlich nebeneinander, jung und schön das Original aus Kuba, stolz und geheimnisvoll der Kronprinz aus Chiapas. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Nebenan flattern Prince, Madonna und die Doors.

Drei Peso. Auch wenn sein Preis weiter fällt, ist der Rebellenführer längst zur Kultfigur aufgestiegen. Die Grenzen Mexikos überschreitet er dabei mühelos. Auf den Märkten von San Cristóbal machen Revolutionstouristen mit seinem Konterfei Kasse. Marcos Gesicht ist hier und anderswo gefragt und allgegenwärtig. Erst wird er billig ein- und anschließend teuer weiterverkauft. Nur wo Subcomandante Marcos steckt, weiß keiner.

Auch nicht Fabienne. Sie kommt aus Frankreich, hat ihre Arbeit gekündigt und ist Menschenrechtsbeobachterin geworden. Mal eben so. Hier in Chiapas ist das möglich. Das Recht wird hier oft genug gebrochen, und den Tätern kann man auch einfach auf die Schliche kommen. Durch Verkehrszählung zum Beispiel. Fabienne steht an einer Straßenecke und macht Kreuze. Für jeden Panzer ein großes, für Jeeps ein kleines. "Das ist noch kein Beweis", sagt sie, "aber nah dran. Denn wenn das Militär tonnenweise Gerät in eine Region schafft, dann hat das doch seine Logik."

Riskante Geständnisse

So wie Fabienne arbeiten sie alle hier, die europäischen Sympathisanten der Zapatisten. Umsonst und draußen. Die meisten leben von ihrem Ersparten. Oder auf Staatskosten. Für die junge Französin trifft pünktlich jeden Monatsbeginn ein Scheck ein. Arbeitslosenhilfe aus Paris. Freunde leiten das Geld weiter. Entwicklungsdienst unter Piratenflagge - das macht Fabienne doppelt stolz.

Freitagabend haben die Menschenrechtsbeobachter von San Cristóbal ein Problem. Dann ist nämlich Ausgehzeit. Mit ihren Parkas und Pullis füllen sie die "Tierra Madre", die einzige Diskothek des Ortes. Wenn das Bier geflossen ist, kommt die Zeit der Geständnisse. Dann will das gute Gewissen ans Tageslicht. "Und was machst du hier?" Zögern. Ein Schluck aus der Flasche. "Ich bin Beobachter." Den Regierungsspitzeln machen es solche Bekenntnisse einfach. Auch sie tragen Parkas und Pullis. Tarnung ist eben alles. Mit ihren Opfern spielen sie Flüsterpost. Wer mitflüstert, findet sich am nächsten Tag hinter der Grenze. Ausgewiesen. Ohne Chance auf ein neues Visum. "Einmischung in innenpolitische Angelegenheiten" nennt die Regierung das.

Die Fassade der Kirche von San Cristóbal scheint von der Grausamkeit der Geschichte zu wissen. Wie ein Traumschleier schwebt sie über der Stadt. Die Spanier haben hier einen merkwürdigen Barock gefeiert: zuckergebacken, verschnörkelt, märchenhaft. Ich trete durch die Seitentür. Hinter der Fassade tobt die Düsternis. Wie ein Hund an der Leine kriecht Jesus dort zu Kreuze. Grob geschnitzt, auf allen Vieren. Ein seltsam obszönes Bild. Hier scheint er wieder lebendig zu werden, der Geist der Vergangenheit.

Drogenbekämpfung als Alibi

"Schon möglich, dass in den hiesigen Kirchen die Christusdarstellungen blutiger sind als in Spanien", schreibt der US-amerikanische Reiseschriftsteller Paul Theroux. "Aber hier ist auch das Leben blutiger, nicht wahr?" Auf Reisen Reiseliteratur zu lesen, ist meist ernüchternd. Man sucht Bestätigung, die allzu oft ausbleibt. Theroux' "Patagonien-Express" ist anders. Ein Glücksfall. Den Katholizismus seziert er bis ins Mark: "Um an das Leiden Christi glauben zu können, muss man wissen, dass Er mehr litt als man selbst. In den Vereinigten Staaten sieht die Christusfigur leicht verletzt aus; ein paar Tränen, ein paar kleine Kratzer. Aber hier? Wie kann man mehr erdulden als diese Indios?"

Später kniet ein alter Indio regungslos im Gewühl der Marktgänger. Die Hände hat er vor die Brust gefaltet. Wie ein Engelchen. Demütig und still bittet er um eine Gabe. Ich gehe vorbei. Aus dem Augenwinkel erkenne ich die trübe Färbung seiner Augen. Das milchige Grau, durch das kein Licht mehr dringt. Das Bild will mir nicht aus dem Kopf. Den ganzen Markttag lang. Ich kehre zurück. Immer noch kniet der Greis dort. Ein Stillleben im Tosen der Brandung. Und morgen und übermorgen kniet er auch noch da.

Am nächsten Tag mache ich mich auf, die Gegend zu erkunden. Kurz hinter San Cristóbal gerate ich in eine Militärkontrolle. Mit vorgehaltenem Gewehr streunt ein Soldat durch die Sitzreihen des Busses. Lustlos und routiniert stochert er in Tüten und Taschen herum. Das Gepäck der Touristen bleibt ausgespart. Ich frage den Fahrer, was das soll? "Drogenbekämpfung", sagt er. Am nächsten steht in der Zeitung, amerikanische Helikopter seien in Chiapas entdeckt worden. Die offizielle Begründung der Regierung: Drogenbekämpfung. Damit, scheint es, legitimiert man hier alles.

Narben aus Stein

Ortswechsel. Enrique, der Reiseführer, steht ruhig im Staub des historischen Mitla und sagt: "Das ganze Drama der Conquista schlummert dort, zwischen diesen Steinen." Doch seine Stimme klingt bitter. Die Sanftmut, mit der er uns begrüßte, ist gewichen. Das Anliegen, das schon so lange in ihm schwelt, hat ihn übermannt. "Schauen sie ganz genau hin. Und gehen sie ruhig näher." Er selber bleibt stehen. Auf Distanz zu dem, was er uns näherbringen möchte. Dabei braucht man gar nicht näher zu treten. Man sieht es auch aus der Ferne. Dass mit dem Mauerwerk etwas nicht stimmt. Zwei Meter über unseren Köpfen verläuft die Scheidelinie. Exakt, wie mit einem einzigen Machetenhieb, ist die Geschichte Mexikos hier in zwei Hälften zerteilt worden. Unten ruht das Tempelfundament der Zapoteken, oben reckt sich die Kathedrale der Spanier. Dazwischen klafft eine Narbe aus Stein.

Als Hernan Cortés am 21. April 1519 die spanischen Truppen in Veracruz an Land führte, konnte noch keiner ahnen, mit welcher Wucht die Conquista über die Maya hereinbrechen würde. Nach gerade einmal zwei Jahren war ganz Mexiko unterworfen. Cortés beutete das Land gnadenlos aus. Als erstes ließ er die Tempel der Indios schleifen und errichtete an gleicher Stelle und aus denselben Steinen prunkvolle Kathedralen. Eine Demütigung. Selbst das Niederbrennen der Tempel wäre nicht so schlimm gewesen. So aber setzten seine Kirchen der Conquista buchstäblich die Krone auf.

Mutmaßungen über Marcos

Als wir zurückkommen, schweigt Enrique. Für einen mexikanischen Fremdenführer eine ungewöhnliche Geste. Enrique vertraut auf die Wirkung weniger Worte. Die Prahlsucht und das Marktgeschrei seiner Kollegen sind ihm fremd. Nur einmal greift er zu einer imposanten Zahl: 100.000! Das brennt sich ein. So viele Steine mussten die Mixteken schleifen, um die Tempelwand von Mitla mit ihren filigranen Ornamenten zu verzieren. Der Sinn für Schönheit ergriff offenbar auch den Eroberer. Cortés lies die Wand stehen.

Am nächsten Tag schreiben die Zeitungen plötzlich, der Subcomandante Marcos sei endgültig untergetaucht. Die einen behaupten, er habe sich an der Seite seiner Kämpfer in den tropischen Regenwald zurückgezogen. Die anderen spekulieren, er reise unter falschem Namen mit dem Zug durch Europa, um dort Vorträge zu halten. Doch solche Artikel, das weiß jeder in Mexiko, können frei erfunden sein. Denn die Wahrheit ist hier vor allem eines: symbolisch. Auf die Frage nach seinem Alter antwortete Marcos einmal: "518 Jahre". So lange liegt die Eroberung Mexikos zurück.

insgesamt 2 Beiträge
Ernst Pelzing 22.02.2010
1.
Hernán Cortés, Mayas und Azteken Als Ergänzung zum Beitrag "Der gehäkelte Com(m)andante" von Christoph Weber " sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Hernán Cortés' Landung mit seinen Truppen 1519 in Veracruz [...]
Hernán Cortés, Mayas und Azteken Als Ergänzung zum Beitrag "Der gehäkelte Com(m)andante" von Christoph Weber " sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Hernán Cortés' Landung mit seinen Truppen 1519 in Veracruz in erster Linie gegen Tenochtitlán, die Haupstadt des Aztekenreiches (auf dessen Ruinen heute die mexikanische Hauptstadt steht), gerichtet war. Namen wie Moctezuma (auch: Montezuma), der Herrscher der Azteken, und die "Noche Triste" ("Traurige Nacht") am 30.6.1520, in der die spanischen Besatzer aus Tenochtitlán flohen, haben in Verbindung mit den spanischen Eroberern traurige Berühmtheit erlangt. Das soll selbstverständlich nicht die Rolle der Tief- und Hochland-Mayas in Chiapas und Yucatán "schmälern", die unter der Eroberung der Spanier litten. Hier sei besonders auf die vom Bischof von Yucatán, Diego de Landa, 1561 angeordnete Verbrennung aller Maya-Zeugnisse hingewiesen. Nur vier Codices aus der Maya-Zeit, unter ihnen der Popol Vuh, die Quiché-Maya Bibel, überlebten diesen Biblioklasmus.
Ernst Pelzing 04.02.2014
2.
?Keine Entwaffung? ?Nadie se va a desarmar?, so der Titel eines von der spanischen Tageszeitung EL PAÍS mit dem Arzt José Manuel Mirelles, Führer der ?Autodefensas de Michoacán? (Selbstverteidigung), geführten Interviews. [...]
?Keine Entwaffung? ?Nadie se va a desarmar?, so der Titel eines von der spanischen Tageszeitung EL PAÍS mit dem Arzt José Manuel Mirelles, Führer der ?Autodefensas de Michoacán? (Selbstverteidigung), geführten Interviews. Zur Orientierung: Michoacán ist einer der 31 mexikanischen Bundesstaaten und liegt westlich von México D.F. am Pazifik. Der Name bedeutet in der Náhuatl-Sprache ironischerweise ?paradiesisches Gebiet?. Es geht konkret um Selbstverteidigung gegen das organisierte Verbrechen auf der Grundlage eines ?pacto? mit dem Staat, also zwischen der Zentralregierung Peña Nieto und der Exekutive in Michoacán einerseits und den genannte ?Autodefensas? andererseits, um so dem Verbrechen zu begegnen. OT des Interviews: ?Der gesamte Bundesstaat ist vom organisierten Vertrechen durchsetzt. Die Zentralregierung ist gerufen, das Notwendige zu tun, um Michoacán zu säubern. Wir werden bei den bevorstehenden Wahlen darauf achten, dass niemand mit der Waffe bedroht wird.? In der Einigkeit liegt die Stärke, eine andere Art, in Michoacán den sozialen Frieden zu erstreiten, als es in den 1990 er Jahren in Chiapas unter der zapatistischen EZLN der Fall war, um ?Brot und Frieden? unter dem ?subcomandante Marcos? zu erkämpfen. Ernst Pelzing

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