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einestages

Geschichte einer explosiven Idee

Ein Cocktail für Molotow

Eine Flasche Brennstoff, zwei Streichhölzer - so bekämpften finnische Soldaten einst sowjetische Panzer. Der schwarzhumorige Spitzname der Finnen für die primitive Handgranate wurde weltbekannt.

Getty Images/ Three Lions/ Hulton Archive
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Freitag, 08.02.2019   15:54 Uhr

Offiziell kam der Molotowcocktail 1973 in der deutschen Sprache an: Die Duden-Redaktion nahm den Begriff in ihr Wörterbuch auf, für "eine mit Benzin und Phosphor gefüllte Flasche, die wie eine Handgranate verwendet wird". Inoffiziell gehörten das Wort und seine Verniedlichungsform "Molli" da längst zum Wortschatz von Medien, Militärs, Demonstranten und Terroristen.

Wie aber war der Begriff entstanden? Und warum setzte er sich durch? Wer nach dem Ursprung sucht, erfährt viel über Revolutionen, Kriege, Desinformationskampagnen - und über den Humor einer kleinen Nation.

Die Geschichte des Molotowcocktails begann 1906 im Russischen Reich, als sich Wjatscheslaw Michailowitsch Skrjabin, 16, den kommunistischen Bolschewiki anschloss. Sie wollten den Zaren absetzen und eine Diktatur der Arbeiter und Bauern errichten. Wie viele seiner Genossen nahm er einen Decknamen an, um der zaristischen Geheimpolizei die Ermittlungen zu erschweren.

Skrjabin wählte einen Alias, der nach Härte und Proletariat klingen sollte. Abgeleitet vom russischen Wort für Hammer nannte er sich: Molotow.

Trotz seines Decknamens wurde Skrjabin in den folgenden Jahren zweimal von der Polizei gefasst und nach Sibirien deportiert, beide Male kehrte er in die Hauptstadt St. Petersburg zurück. Dort arbeitete er bei der Parteizeitung der Bolschewiki. Sein Chef war Iosseb Dschughaschwili, besser bekannt unter seinem Decknamen Stalin.

Im November 1917 putschten die Bolschewiki und riefen die Sowjetrepublik aus. Molotow machte Karriere in der Partei und zog bald ins Politbüro ein, die Machtzentrale des neuen Staates. Als Stalin die Macht übernahm und seine berüchtigten Säuberungen startete, unterzeichnete sein treuer Premierminister Molotow 383 Hinrichtungslisten - insgesamt wurden in den Dreißigerjahren mehrere Millionen Menschen ermordet.

Die Panzer waren doch verwundbar

Während in der Sowjetunion der stalinistische Terror tobte, entdeckten Militärs in anderen Teilen der Welt die Waffe wieder, die wir heute Molotowcocktails nennen. Denn viele Länder setzten nun auf Panzer, die 25 Jahre zuvor erfunden wurden. Die schweren Kettenfahrzeuge waren mit Handfeuerwaffen kaum zu knacken und für herkömmliche Infanterie fast unverwundbar.

Und doch hatten die damaligen Tanks Schwachstellen: Durch die Sehschlitze der Fahrerkabinen und Lüftungsschlitze der Motoren konnte brennende Flüssigkeit ins Innere gelangen. Weil die Panzer zudem nur langsam fuhren, waren sie einfache Ziele für Wurfbrandsätze.

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Molotow-Cocktail: Die Brandbombe aus dem Winterkrieg

Die Idee der Brandflasche war nicht neu - wohl schon in der Antike wurden ähnliche Waffen verwendet. Erwähnungen von Glasflaschen mit Brennstoffen fand der israelische Sprachforscher David L. Gold auch bereits 1863 in Berichten über einen Arbeiteraufstand in New York. Damals bewaffneten die Chefs der New Yorker Finanzverwaltung ihre Angestellten mit den Brandsätzen, als Demonstranten die Behörde belagerten.

Mitte der Dreißigerjahre aber setzten Soldaten die Brandflaschen erstmals massenhaft im Krieg ein. Auf drei Kontinenten kämpften Infanteristen mit den neuen alten Waffen: die Chinesen in der Nähe von Shanghai gegen Japan, die Abessinen in Äthiopien gegen italienische Invasoren und die Faschisten unter General Franco in Spanien gegen republikanische Truppen.

Die Waffe war spätestens jetzt allseits bekannt - ihren heutigen Namen aber trug sie noch nicht.

Molotow-Brotkorb, Molotow-Olympiade, Molotow-Sarg

Das änderte sich im Winter 1939/40. Molotow war inzwischen sowjetischer Außenminister und hatte mit dem Nazi-Außenminister Joachim von Ribbentrop einen Nichtangriffspakt ausgehandelt. In einem geheimen Zusatzprotokoll legten sie auch fest, wie Polen und das Baltikum aufgeteilt werden sollten. Der Hitler-Stalin-Pakt, auch Molotow-Ribbentrop-Pakt genannt, sah zudem vor, dass die Sowjetunion Finnland annektieren könne.

Am 30. November, drei Monate nach dem deutschen Überfall auf Polen, war es soweit: Der "Winterkrieg" begann. Sowjetische Soldaten überquerten die finnische Grenze in Karelien, Flugzeuge der Roten Armee warfen Streubomben auf Helsinki und andere Städte.

Molotow aber versuchte, den Angriff zu verschleiern. In einer Radioansprache sagte er, dass die Sowjetbomber Nahrungsmittel für die angeblich hungernde Bevölkerung abwürfen. Die Finnen nahmen die Streubomben mit schwarzem Humor und nannten sie "Molotow-Brotkörbe".

Auch sonst zog der Name des Sowjetpolitikers in den Slang ein: Wolkenfreien Himmel nannten die Finnen "Molotow-Wetter", die motorisierten Schlitten der Sowjets "Molotow-Särge" und den Sprint zum Luftschutzbunker die "Molotow-Olympiade", wie der israelisch-finnische Sprachwissenschaftler David Landau nachgewiesen hat. Der Name Molotow klang für die Finnen witzig, weil das Verb "molottaa" so etwas wie quasseln, schnattern oder plappern bedeutet.

Mit Brandflaschen aus Schneelöchern

Für den Krieg mit der Sowjetunion war die finnische Armee schlecht gerüstet. Sie verfügte über nur wenige Panzer, Panzerabwehrgeschütze und Artillerie. Um die Panzer der Roten Armee aufzuhalten, blieben nur Brandsätze. Die Finnen perfektionierten die Mischung für die Flüssigkeit und entwickelten Flaschen mit zwei dicken Sturmstreichhölzern an der Seite. Bald stellte die staatliche Alkoholfirma die Brandsätze massenhaft her - genau 542.194 Stück, wie die Recherche des Forschers David L. Gold ergab.

Unter den Soldaten kursierte der Scherz, sie müssten zu Molotows Brotkörben den passenden Drink servieren. So entstand der Name für die Brandflaschen: Molotowcocktail.

Die finnischen Kämpfer trugen weiße Mäntel und liefen auf Skiern durch den verschneiten Wald. Sie gruben Löcher in den meterhohen Schnee und ließen die gegnerischen Panzer nahe heranfahren. Dann entzündeten sie die Streichhölzer, warfen die Flaschen und zerstörten zahlreiche Panzer. Mit dieser Taktik bremsten die Finnen den Sowjetvormarsch zunächst aus.

Millionen Molotowcocktails gegen deutsche Invasion

Ein britischer Kriegsreporter berichtete vom Widerstand der Finnen und ihren Molotowcocktails. Sein Bericht erschien am 17. Februar 1940 im schottischen "Dundee Courier", es war laut Sprachwissenschaftler Landau das erste Mal, dass der Begriff in seiner heutigen Bedeutung in einer Zeitung gedruckt wurde. Fortan tauchte das Wort häufiger in der finnischen und britischen Presse auf.

Trotz ihrer anfänglichen Erfolge konnten die Finnen der überlegenen Roten Armee nur gut 100 Tage widerstehen. Als die Sowjetunion Anfang 1940 eine zweite Offensive startete, musste die Regierung in Helsinki einlenken und tauschte die Region Karelien und andere Gebiete gegen Frieden.

Der Begriff Molotowcocktail war inzwischen in der Welt. Endgültig setzte er sich wohl im Sommer 1940 durch, als das britische Kriegsministerium bekanntgab, dass die Bürgerwehr mit Millionen Molotowcocktails ausgestattet werden solle, um einer drohenden deutschen Invasion zu trotzen.

Von da an wanderte die Bezeichnung in Dutzende Sprachen, etwa ins Französische, Türkische, Russische und auch ins Deutsche. Im SPIEGEL stand Molotowcocktail erstmals 1948 - als Metapher für eine überraschende diplomatische Initiative des Sowjetministers - und drei Jahre später im engeren Sinn als Wurfbrandsatz. Auch in anderen Blättern tauchte das Wort auf, anfangs in Anführungszeichen, später ohne.

Im Februar 1968 veröffentlichte der Vorsitzende des Liberalen Studentenbundes Deutschlands (LSD) einen Artikel mit dem Titel "So baut man einen Molotow-Cocktail". Die Brandflasche war mittlerweile zum Symbol für den Kampf gegen die Staatsmacht geworden. Der LSD-Mann musste sich vor Gericht verantworten. Molotowcocktail gehörte spätestens da zum allgemeinen Wortschatz und landete folgerichtig im nächsten Duden.

Ausgerechnet in Finnland jedoch hat sich der Begriff nie vollends durchgesetzt. Dort sagen die Leute statt Molotowcocktail meist "Polttopullo" - Brandflasche.

insgesamt 12 Beiträge
Michael Schnickers 08.02.2019
1. Nun...
Karelien (und andere finnische Gebiete an der Ostgrenze sowie der Zugang zum Nordmeer) wurden nicht "getauscht", sondern abgetreten an einen brutalen Räuber, der das kleine Land hinterrücks und ohne jeden Anlass [...]
Karelien (und andere finnische Gebiete an der Ostgrenze sowie der Zugang zum Nordmeer) wurden nicht "getauscht", sondern abgetreten an einen brutalen Räuber, der das kleine Land hinterrücks und ohne jeden Anlass überfallen hatte. Hunderttausende Finnen mussten fliehen, auch aus Viipuri (Wyborg), damals die zweitgrößte finnische Stadt (heute als Startpunkt der "North Stream"- Gaspipeline bekannt). Das war auch der Grund für den Eintritt der Finnen in den Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite (obwohl die ihr Land ja zur sowjetischen Einflusszone geschlagen hatten), die wollten einfach nur ihre geraubten Gebiete wiederhaben. Nach der Niederlage mussten sie dann gezwungenermaßen die endgültige Abtretung unterschreiben und lange Zeit neutral bleiben. Als die Sowjetunion auseinanderbrach, blieben die ehemals finnischen Gebiete bei Russland. Die heutigen Einwohner Kareliens würden sich mit Freuden für Finnland entscheiden, wenn sie die Wahl hätten. PS: Der unerwartet mühsame und kostspielige Sieg der Roten Armee gegen das kleine Finnland verleiteten Hitler und seine Generäle dazu, die Kampfkraft der Sowjetunion drastisch zu unterschätzen.
Niklas Kleinenkuhnen 08.02.2019
2. Tippfehler
"Denn viele Ländefdr setzten nun auf Panzer, die 25 Jahre zuvor erfunden wurden. " Da hat sich wohl ein Tippfehler eingeschlichen. Ansonsten ein sehr interessanter Artikel.
"Denn viele Ländefdr setzten nun auf Panzer, die 25 Jahre zuvor erfunden wurden. " Da hat sich wohl ein Tippfehler eingeschlichen. Ansonsten ein sehr interessanter Artikel.
David Landau 08.02.2019
3. Correction
In preparing this article, the journalist Martin Pfaffenzeller contacted me and has used my study on the topic. In his thorough article he indeed mentions my name. However, I would like to correct one mistake. He writes: [...]
In preparing this article, the journalist Martin Pfaffenzeller contacted me and has used my study on the topic. In his thorough article he indeed mentions my name. However, I would like to correct one mistake. He writes: "Ein britischer Kriegsreporter berichtete vom Widerstand der Finnen und ihren Molotowcocktails. Sein Bericht erschien am 17. Februar 1940 im schottischen "Dundee Courier", es war laut Sprachwissenschaftler Landau das erste Mal, dass der Begriff in seiner heutigen Bedeutung in einer Zeitung gedruckt wurde. Fortan tauchte das Wort häufiger in der finnischen und britischen Presse auf." Well, this is not what I wrote. In 1995, while studying this topic, I examined the microfilms of The Times of London which are kept at Tampere University, Finland. I came across this text from January 27, 1940 (p.5), 'From Our Special Correspondent, on the arctic front:' "Molotoff Cocktail" One of the Russian tanks had been destroyed by only one direct hit from a 3in. gun. The tanks often get stuck on the road, as the petrol mixture used – the so-called Molotoff cocktail – seems to be unsuitable for these temperatures. It is absolutely impossible to drive the tanks anywhere off the roadway, as the snow-drifts are in places more than 30ft. deep. The Times' special correspondent was Reginald Oliver Gilling Urch (1884-1945). While stationed with the troops in the front line, he apparently heard a term used by the Finns and interpreted it wrongly as a 'petrol mixture' instead of a weapon. Actually, the original Finnish term is 'Molotovin cocktail' or 'Molotovin koktail' which is translated as 'Molotov's cocktail.' In my opinion Reginald Oliver Gilling Urch, with his 'whimsical sense of humour' as written in the obituary published by The Times, is the one who coined the English version 'Molotov Cocktail' of the original Finnish term Molotov's cocktail. David Landau Tampere, Finland
Werner Haertel 09.02.2019
4. Leider...
... verschweigt der Autor die Vorgeschichte des "Winterkriegs": Angesichts der Tatsache, dass die damalige Grenze zum - mit Nazi-Deutschland sympathisierenden - Finnland nur knapp 50 km vor Leningrad verlief, hatte die [...]
... verschweigt der Autor die Vorgeschichte des "Winterkriegs": Angesichts der Tatsache, dass die damalige Grenze zum - mit Nazi-Deutschland sympathisierenden - Finnland nur knapp 50 km vor Leningrad verlief, hatte die Sowjetunion vorgeschlagen, den Südteil der Karelischen Landenge gegen andere karelische Gebiete auszutauschen, die flächenmäßig immerhin doppelt so groß waren. Erst nach der Weigerung der finnischen Regierung, auf diesen Vorschlag einzugehen, sah sich die Sowjetunion genötigt, die Grenze mit kriegerischen Mitteln vorzuverlegen.
Luca Brasi 09.02.2019
5. Seltsame Sache
"In einem geheimen Zusatzprotokoll legten sie auch fest, wie Polen und das Baltikum aufgeteilt werden sollten." Ich habe nie verstanden, warum Großbritannien und Frankreich nach der deutsch-sowjetischen Invasion Polens [...]
"In einem geheimen Zusatzprotokoll legten sie auch fest, wie Polen und das Baltikum aufgeteilt werden sollten." Ich habe nie verstanden, warum Großbritannien und Frankreich nach der deutsch-sowjetischen Invasion Polens nicht auch Russland den Krieg erklärt haben. Das hätten sie aufgrund ihres Beistandspaktes eigentlich tun müssen. Spätestens mit dem Überfall auf Finnland hätte klar sein müssen, dass Hitler und Stalin gemeinsame Sache machen.

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