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einestages

Putschversuch in Bayern 1923

Rechtsruck für die Republik

Ein Land im Wahn: Im Herbst 1923 schien die Weimarer Republik am Ende. Die rasende Inflation ruinierte das Reich, Kommunisten und Rechtsradikalen schmiedeten Umsturzpläne. Als Bayern zum Alleingang blies, rief die Reichsregierung verzweifelt den Notstand aus - und rettete die junge Republik.

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Mittwoch, 25.09.2013   15:40 Uhr

Gustav Stresemann zauderte nicht lange. Kaum erreichte ihn die Nachricht, dass Bayern den Notstand ausgerufen und den Konservativen Gustav von Kahr mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet hatte, beraumte er eilig eine Kabinettssitzung ein. Noch am selben Abend kamen die Minister zusammen. Alle waren sich über den Ernst der Lage einig. Bayern hatte die Autorität der Reichsregierung in Frage gestellt und im Alleingang eine autoritäre Wende vollzogen. Was, wenn die "Kahr-Diktatur", wie die Presse sie nannte, Schule machte? Hätte die junge Republik dann überhaupt eine Chance zu überleben?

Der bayerische Vorstoß traf die junge Weimarer Republik in einer ihrer schwersten Stunden. Die rasende Inflation drohte das Reich zu ruinieren. Aufgepeitscht von den Sorgen des Alltags marodierten Kommunisten und Rechtsradikale durch die Straßen der Großstädte und lieferten sich Straßenschlachten. "Der kollektive seelische Zustand der Deutschen kam in diesen Monaten dem Wahnsinn nahe", fasst der Historiker Hagen Schulze die Stimmung treffend zusammen.

Kommunisten und Rechtsradikale witterten angesichts der aufgepeitschten Stimmung ihre Chance, die verhasste Republik ein für alle Mal aus dem Weg zu schaffen. In Sachsen und Thüringen bereiteten die Kommunisten die proletarische Revolution vor, in Bayern plante ein Sammelsurium von rechtsextremen, völkischen Verbänden unter dem Schlagwort "nationale Revolution" den Rechtsputsch. Die junge Demokratie drohte in diesem Chaos zu versinken - und Bayern half kräftig nach.

"Das Reich von Bayern aus retten"

Für die Reichsregierung war klar: Der bayerische Alleingang war der Auftakt eines trockenen Rechtsputsches. Am Morgen nach der nächtlichen Sitzung, dem 26. September 1923, verkündete Stresemann deswegen den reichsweiten militärischen Notstand und übergab das politische Ruder an Reichswehrminister Otto Geßler. Man sei durch die Ereignisse "gezwungen gewesen, die Verordnung unverzüglich in Kraft zu setzen", erklärte Stresemann.

Es war sein letzter Joker: Zum einen bot das Instrument die Möglichkeit, Bayern notfalls mit Waffengewalt in seine Schranken zu weisen - auch wenn das in Berlin keiner ernsthaft erwog. Zum anderen hebelte der reichsweite Notstand rein rechtlich betrachtet den bayerischen aus. Kahr war somit theoretisch verpflichtet, sich Berlin erneut unterzuordnen.

Die Angst vor Bayern als Anstifter für einen Rechtsputsch war durchaus begründet. Bayern war die Hochburg rechtsnationalistischer und konservativer Kräfte, hinter denen mehr oder weniger straff organisierte bewaffnete Verbände standen. Es war ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der nur ein Ziel kannte: die Republik zu stürzen. Unter der diffusen Parole "Das Reich von Bayern aus retten" wurden auf höchster Ebene revolutionäre und separatistische Szenarien diskutiert. Von einer Abspaltung Bayerns unter französischem Protektorat bis zum Putsch durch einen "Marsch auf Berlin" nach dem Vorbild von Mussolinis "Marsch auf Rom" schien alles denkbar.

Aktiver Aufrührer: Adolf Hitler

Zwei, die in dieser Szene kräftig mitmischten, waren der neue Bayern-Diktator Gustav von Kahr - und Adolf Hitler. Beflügelt von seinen scheinbar unbeschränkten Befugnissen dachte Kahr gar nicht daran, sich Berlin wieder unterzuordnen. Gemeinsam mit dem Chef der bayerischen Landespolizei, Hans von Seißer, und dem Landeskommandanten der Reichswehr, Otto von Lossow, bildete er ein bayerisches Triumvirat, das der Reichsregierung konstant die Rote Karte zeigte.

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Putschversuch in Bayern 1923: Rechtsruck für die Republik

Kahr ignorierte sämtliche Anweisungen aus Berlin und provozierte im Schulterschluss mit Lossow, der sich ostentativ gegen seinen Chef Geßler in Berlin stellte, den Bruch mit der Reichsregierung und Heeresleitung. Der Faden zwischen Berlin und München riss endgültig ab, als sich das Triumvirat trotz Geßlers unmissverständlichen Befehls weigerte, den "Völkischen Beobachter" zu verbieten. Es war offene Meuterei.

Unter der schützenden Hand des Triumvirats machten die rechtsradikalen Wehrverbände mobil und positionierten sich an der Nordgrenze Bayerns, um sich, wie es offiziell hieß, bei einem möglichen kommunistisch Putsch in Sachsen und Thüringen in Stellung zu bringen. Tatsächlich sollte aber von hier aus der "Marsch auf Berlin" starten, der nur ein Ziel hatte: von der Hauptstadt aus die "nationale Diktatur" auszurufen. Allen voran scharrte der Deutsche Kampfbund unter der Führung Hitlers mit den Füßen.

Keine gewaltsame Übernahme

Trotz der Dynamik, die die Rechtsputschisten entfachten, griff die Reichswehr nicht militärisch ein. Zum einen wollte der Chef der Heeresleitung, Hans von Seeckt, verhindern, dass "Reichswehr auf Reichswehr" schießt, was angesichts von Lossows Doppelrolle unweigerlich geschehen wäre. Zum anderen sympathisierte er mit dem bayrischen Putschgedanken. Er selbst hatte mehrfach erwogen, die Macht an sich zu reißen. Allerdings kam für ihn nur der legale Weg über den Notstandsartikel 48 in Absprache mit Reichspräsident Friedrich Ebert in Frage. Eine gewaltsame Übernahme im Gespann mit so umstrittenen Persönlichkeiten wie Hitler oder dem Weltkriegsgeneral und Kapp-Putschisten Erich Ludendorff schloss er aus.

Am Ende vereitelte Berlin die bayerischen Pläne auf anderem Wege. Ende Oktober marschierte die Reichswehr in Thüringen und Sachsen ein und schlug den kommunistischen Aufstand nieder, bevor er überhaupt angefangen hatte. Damit nahm sie den selbsternannten bayerischen Vaterlandsrettern den Wind aus den Segeln.

Die Rechtsputschisten konnten nun nicht mehr behaupten, Stresemann liefere das Reich einer kommunistischen Diktatur aus. Das Triumvirat begann angesichts der neuen Gemengelage, die eigenen Pläne zu überdenken. Die Entschlossenheit zum Putsch schwand. Zum Ärger von Hitler, der weiter Druck machte und mehrfach von Kahr in die Schranken gewiesen wurde.

Blitzschnell war der Spuk vorbei

Am 8. November 1923 kam es schließlich im Münchener Bürgerbräu-Keller zum finalen Showdown zwischen Kahr und Hitler. Kahr hatte zu einem Vortrag eingeladen und wollte darin seinen Rückzug aus den Putschaktivitäten ankündigen. Doch dazu kam es nicht mehr. Hitler tauchte unvermutet auf, ließ den Saal von seinen SA-Schergen umstellen und legte einen bühnenreifen Auftritt hin. Er postierte sich mitten im Saal, zog seine Pistole und schoss in die Decke. Schlagartig wurde es still. Mit vor Erregung zitternder Stimme rief er den Beginn der "nationalen Revolution" aus. Kahr, Lossow und Seißer rang er in einem Hinterzimmer unter Gewaltandrohung ihr Einverständnis für den "Marsch auf Berlin" ab und verkündete das Ergebnis triumphal im Saal.

Doch dann zogen sich Kahr, Lossow und Seißer unbemerkt aus dem Bürgerbräukeller zurück und mobilisierten noch in der Nacht die Reichswehr und die Polizei. Dennoch setzte Hitler, unterstützt von Ludendorff, am nächsten Tag den "Marsch auf Berlin" in Gang. Mehrere tausend bewaffnete Männer hinter sich, marschierten Ludendorff und Hitler an der Spitze los - direkt in das Feuer von Seißers Polizei, die sich an der Feldherrenhalle auf dem Odeonsplatz postiert hatte. Vier Polizisten und 14 Aufständische kamen bei dem kurzen Scharmützel ums Leben. Blitzschnell war der Spuk wieder vorbei.

Eine Woche später führte Stresemann die Rentenmark ein, um die rasende Inflation endgültig zu stoppen. Sie stieß auf unerwartet hohe Akzeptanz in der Bevölkerung, so dass sich innerhalb weniger Wochen die Währungsverhältnisse stabilisierten und die Volksseele beruhigte. Mitte November hatten sich die Probleme, die das Reich wenige Wochen zuvor an den Rand des Abgrund gebracht hatten, nahezu in Rauch aufgelöst: Das Wunder Rentenmark hatte die Inflation gestoppt. In Thüringen und Sachsen regierten wieder verfassungstreue Regierungen. Nur Bayern hinkte der Entwicklung hinterher. Es sollte noch drei weitere Monate dauern, bis Kahr sein Amt als Generalstaatskommissar niederlegte, der bayerische Ausnahmezustand endgültig aufgehoben wurde und eine demokratische Regierung ans Ruder kam.

insgesamt 9 Beiträge
Mario Troebst 26.09.2013
1.
Gerne möchte ich zu diesem Thema auf die Aufzeichnungen meines Großvaters aus dem Jahre 1934 verweisen. Hitler-Putsch ? "Hauptmann Tröbst spricht in meinem Auftrage." gez. Ludendorff [...]
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Mario Troebst 26.09.2013
2.
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Mario Troebst 26.09.2013
3.
Gerne möchte ich zu diesem Thema auf die Aufzeichnungen meines Großvaters aus dem Jahre 1923 verweisen. Hitler-Putsch ? "Hauptmann Tröbst spricht in meinem Auftrage." gez. Ludendorff. [...]
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Peter Müller 26.09.2013
4.
Ein Hinweis zur Person des Gustav Ritter von Kahr. Er wurde bei der Aktion 1934, die der Bevölkerung von der Goebbels-Propaganda als Röhm-Putsch unter die Nase gerieben wurde, die aber nichts anderes als eine Liquidierung [...]
Ein Hinweis zur Person des Gustav Ritter von Kahr. Er wurde bei der Aktion 1934, die der Bevölkerung von der Goebbels-Propaganda als Röhm-Putsch unter die Nase gerieben wurde, die aber nichts anderes als eine Liquidierung innerparteilicher Gegner und eine Abrechnung mit ehemaligen Widersachern war, sozusagen in einem Aufwasch mit ermordet.
Mario Troebst 27.09.2013
5.
In den Aufzeichnungen meines Großvaters findet sich hierzu auch noch Folgendes: ?"Den alten Kahr, der 1923 Bayerischer Ministerpräsident gewesen war und der sich seitdem aus dem politischen Leben zurückgezogen hatte, warf [...]
In den Aufzeichnungen meines Großvaters findet sich hierzu auch noch Folgendes: ?"Den alten Kahr, der 1923 Bayerischer Ministerpräsident gewesen war und der sich seitdem aus dem politischen Leben zurückgezogen hatte, warf man die Treppe in seiner Wohnung herunter, sodass er am Herzschlag verstarb ? nur weil er 1923 den Hitlerputsch am 9.11. verhindert hatte."? http://www.amazon.de/Heimaturlaub-1934-Eindrücke-Auslandskorrespondenten-ebook/dp/B00EORJRIG/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1380212594&sr=1-1&keywords=Hans+Tröbst

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