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einestages

Prostitution in der DDR

Zeitzeugen gesucht

Sex gegen Geld war in Ostdeutschland verboten - und doch alltäglich, ob für Devisen in Interhotels oder auf dem Straßenstrich, in edlen Nachtbars der Großstädte oder in der Provinz. SPIEGEL TV sucht Zeitzeugen, die davon erzählen.

ullstein bild/ Rolf Zoellner

Straßenstrich in der Oranienburger Straße in Berlin (1991)

Von Axel Nixdorf
Sonntag, 07.04.2019   16:38 Uhr

Bis zum 12. Januar 1968 war Prostitution in der DDR erlaubt. Dann wurde sie mit der Novelle des §249 des Strafgesetzbuches verboten - Sex gegen Geld, das passte nicht ins sozialistische Menschenbild. Hatte der Übergang zur "entwickelten sozialistischen Gesellschaft" nicht auch zum Ziel, moralischer Verderbtheit, Kriminalität und Arbeitsscheu die "sozialökonomischen Wurzeln" auszureißen? Und hatte nicht schon Friedrich Engels in "Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats" genau beschrieben, dass das von kapitalistischer Unterdrückung befreite Menschengeschlecht die gegenseitige sexuelle Hingabe von Mann und Frau auf nichts als Liebe zu gründen hatte?

Die Realität der DDR sperrte sich gegen die marxistischen Theorien. Die Prostitution ließ sich nicht per Gesetz in Luft aufzulösen, vielmehr gedieh sie im Verborgenen prächtig. Und damit auch: Zuhälterei, Kuppelei, Diebstahl, Kriminalität sowie - eine sozialistische Spezialität - Schwarzhandel mit Westgeld und Westwaren.

Zur Frühjahrs- und zur Herbstmesse in Leipzig reisten Männer aus dem kapitalistischen Ausland an. Heute sagt man schulterzuckend: Klar, ein paar Mädchen werden sich "was dazu verdient haben". Und wenn im Rostocker Hafen nach großer Fahrt ein Schiff anlegte, soll's in manchen Bars und Kneipen mit den Matrosen hoch hergegangen sein. Die Staatssicherheit hatte ein Auge auf die Devisenhotels, setzte Frauen in "operativen Betten" zur Informationsbeschaffung auf West-Männer an. Längst nicht alles, aber vieles wurde sorgfältig dokumentiert und strategisch ausgebeutet.

Aufzeichnungen von Polizei und Stasi zeigen die Dimension der Prostitution: von der Edelhure aus Karl-Marx-Stadt, für DDR-Verhältnisse unermesslich reich, bis zum Straßenstrich auf der Leipziger Nordstraße oder am Oranienburger Tor in Ostberlin, wo Ostmänner für Ostgeld Sex kauften. Wenn Frauen mit Westfreiern aufkreuzten, hielten Oberkellner, Bardamen, Garderobenfrauen und Türsteher die Hand auf - oder übernahmen die Kuppelei gleich selbst.

Schildern Sie Ihre eigenen Erinnerungen

Ebenso finden sich zwischen den Aktendeckeln Berichte über den Ehemann, der seine Frau auf den Strich prügelte. Über SED-Sportfunktionäre oder Volkspolizisten unter Zuhälterei-Verdacht. Über Balletttänzerinnen aus dem Provinztheater, die der Parteisekretär des Hauses überredet haben soll, zu ausländischen Gästen im Interhotel mehr als nur ein bisschen nett zu sein. Über Taxifahrer, die "ein paar polnische Mädchen laufen" hatten.

Von allen Spielarten der Geldgier und Denunziationen aus Neid ist da zu lesen. Aber ebenso von harmloser Flatterhaftigkeit, romantischen Träumereien, auch von unglaublicher Naivität. Wie die Stasi ausstiegswillige Frauen unter Zwang im Geschäft hielt. Von drastischen Gefängnisstrafen, von Zwangsverbringungen in sogenannte venerologische Kliniken und schmerzhaften Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten - als Mittel der Demütigung und Abschreckung.

SPIEGEL TV dreht einen Dokumentarfilm für das ZDF. Dafür suchen wir nach Menschen, die ihre eigenen Erfahrungen mit Prostitution in der DDR schildern und erklären können. Waren Sie Taxifahrer, Kellner, Bardame, möglicherweise Prostituierte oder Freier zu Zeiten der DDR? Kamen Sie aus dem Westen, hatten geschäftlich im Osten zu tun und lernten dabei das Nachtleben in den großen und kleinen Städten kennen? Arbeiteten Sie bei der Sittenpolizei oder der Abteilung K? Führten Sie bei der Stasi so genannte "HWG"-Personen (also solche mit "häufig wechselndem Geschlechtsverkehr"), waren Sie Arzt einer venerologischen Station? Vielleicht wurden Sie sogar wegen Prostitution oder Zuhälterei zu Haftstrafen verurteilt oder hatten auch nur Kontakt zum einschlägigen Milieu.

Wir interessieren uns für Ihre Erinnerungen. Wie es wirklich war mit der Prostitution in der DDR - berichten Sie davon (auf Wunsch auch unkenntlich und anonymisiert). Bitte melden Sie sich einfach per E-Mail unter nachtlebenddr@spiegel-tv.de oder schicken einen Brief an:

SPIEGEL TV GmbH
Stichwort "Nachtleben DDR"
Ericusspitze 1
20457 Hamburg

Schreiben Sie uns bitte bis zum 1. Mai 2019. Neben Ihrem Namen und Ihrer Adresse benötigen wir Ihr Alter sowie eine Telefonnummer, unter der wir Sie erreichen können, dazu möglichst Ort und Jahr der Begebenheit, von der Sie erzählen können. Falls Sie nicht möchten, dass Ihr Name veröffentlicht wird, schreiben Sie dies bitte dazu.

Wir freuen uns auf Ihre Einsendungen und bedanken uns im Namen des gesamten SPIEGEL-TV-Teams!

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