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einestages

Spanischer Bürgerkrieg

Fotos, die Franco unterdrückte

Tote Kinder, Flugzeugwracks, Madrid in Trümmern: Mehr als 3000 Fotos aus dem Bürgerkrieg, die das spanische Kulturministerium veröffentlicht hat, zeigen eine Realität, die General Franco verschweigen wollte.

Ministerio de Cultura, España
Von
Dienstag, 01.07.2008   11:45 Uhr

Komplett in weiße Verbände gewickelt, erinnert Hans Seiters Kopf an den einer ägyptischen Mumie, nur für Mund, Nase und Augen bleiben Öffnungen zwischen dem Mull. In den bandagierten Armen hält der Kampfpilot eine spanische Zeitung - der Deutsche ist Kriegsgefangener in einem Madrider Krankenhaus, im Fliegerkorps "Legion Condor" kämpfte er für General Franco und gegen die Spanische Republik.

Das Schwarzweißbild des deutschen Fliegers, Referenznummer 56/29, aus dem Archivo Rojo ist eines von 3051 Fotos aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die das Spanische Kulturministerium jetzt im Internet veröffentlicht hat. Die Bilder zeigen zerbombte Hausfassaden in Madrid, Flüchtlinge zwischen Trümmerbergen, Regierungssoldaten mit veraltetem Kriegsgerät.

Fotografen der republikanischen Regierung dokumentierten damit die verheerenden Schäden, die Francos gut ausgestattete Truppen in Madrid angerichtet hatten. Nachdem die Falangisten im März 1939 die Stadt erobert hatten, kamen die Bilder unter Verschluss: Franco wollte verhindern, dass Bilder der Bombardierung von Madrid, die tote Kinder und ausgemergelte Flüchtlinge zeigen, dem spanischen Volk gezeigt werden.

Soldatinnen mit Schwertern

Jetzt soll das Internet bei der Aufarbeitung der in weiten Teilen immer noch unbewältigten spanischen Kriegsvergangenheit helfen: Ein Großteil der Fotos ist nur lückenhaft beschriftet, deshalb werden Besucher des Online-Archivs aufgefordert, selbst Informationen zu liefern, falls sie mehr über abgebildete Personen und Ereignisse wissen. Da viele der Bilder nie zuvor veröffentlicht wurden, könnte das Archivo Rojo damit zur Fundgrube für noch lebende Zeitzeugen und Hobby-Ahnenforscher werden.

Um die Suche zu vereinfachen, legten die Archivare die hochauflösenden Bilddokumente in Kategorien wie Gebäude, Flüchtlinge, Sport und Kultur, Waffen, Propaganda, Gesundheitswesen oder Kriegstote an. Auch die originalen Info-Karteikarten sind abgebildet, manchmal enthalten sie zusätzliche Daten zu den Motiven.

Fotostrecke

Francos Spanien: Das Grauen des Krieges

Die meisten Bilder zeigen Szenen aus der Umgebung von Madrid, das vom Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 1936 bis Anfang 1939 den Eroberungsversuchen von Francos Soldaten standhalten konnte. Zu sehen sind etwa Kinder, die Propagandaplakate kleben, oder auch alte Frauen, die sich mit Pistolen und Schwertern aus rüsten. Sie zeigen, wie die Menschen in ständiger Angst vor Luftangriffen lebten undsich die Verteidiger der spanischen Hauptstadt mit oft stark veralteter Waffentechnik ausrüsteten.

157.000 Kisten Archivmaterial

Die Veröffentlichung der Fotos ist Teil verstärkter Bemühungen des Kulturministeriums, den Bürgerkrieg und die anschließende Franco-Diktatur aufzuarbeiten. In Salamanca, wo der General sein militärisches Hauptquartier hatte, entsteht derzeit ein Museum, das Auszüge aus insgesamt 157.000 Kisten Archivmaterial zeigen wird - unter anderem Protokolle der Staatszensoren, die jedes veröffentlichte Buch, Theaterstück und Gedicht auf staatsfeindliche Tendenzen testeten, und Listen exekutierter Häftlinge.

Neben viel Papier gibt es dort auch Skurriles zu besichtigen - eines der Top-Ausstellungsstücke wird die Perücke des Kommunistenführers Santiago Carrillo sein, der sich verkleidete, um sich nach Francos Tod 1975 unerkannt aus dem Exil nach Spanien zurückzuschleichen.

insgesamt 9 Beiträge
Carlos Abreu 02.07.2008
1.
Es sind wirklich eindrucksvolle Bilder, die vor allem durch ihre Authenzitaet wirken und in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Was hat dieses Land Leiden muessen. Noch einen Hinweis an den Autor des Berichts, die Maedschen [...]
Es sind wirklich eindrucksvolle Bilder, die vor allem durch ihre Authenzitaet wirken und in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Was hat dieses Land Leiden muessen. Noch einen Hinweis an den Autor des Berichts, die Maedschen halten nicht ein Schwert in der hand, sondern ein Bajonett.
Franz Besendörfer 02.07.2008
2.
>Es sind wirklich eindrucksvolle Bilder, die vor allem durch ihre Authenzitaet wirken und in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Was hat dieses Land Leiden muessen. >Noch einen Hinweis an den Autor des Berichts, die [...]
>Es sind wirklich eindrucksvolle Bilder, die vor allem durch ihre Authenzitaet wirken und in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Was hat dieses Land Leiden muessen. >Noch einen Hinweis an den Autor des Berichts, die Maedschen halten nicht ein Schwert in der hand, sondern ein Bajonett. Franz Besendörfer 2. Juli 2008 Als ich vor 15 Jahren in einer mehrtägigen Exkursion das heiß umkämpfte Universitätsviertel von Madrid besichtigte, fand ich keinen Studenten, der von den Kämpfen von 1936/37 etwas Näheres wußte. Dieses Thema wurde zu Francos Zeiten in den Schulen ausgeblendet.
Ernst Pelzing 26.10.2008
3.
Die Fotodokumentation des Ministerio de Cultura zum Spanischen Bürgerkrieg ist sehr eindrucksvoll. Sie sollte jedoch durch einen Blick in die aktuelle spanische Tagespresse ergänzt werden. Eine vom spanischen Richter Baltasar [...]
Die Fotodokumentation des Ministerio de Cultura zum Spanischen Bürgerkrieg ist sehr eindrucksvoll. Sie sollte jedoch durch einen Blick in die aktuelle spanische Tagespresse ergänzt werden. Eine vom spanischen Richter Baltasar Garzón angeordnete Exhumierung von Massengräbern aus dieser Zeit ist ein beredtes Zeugnis dafür. Der zuständige Staatsanwaltschft legt sich jedoch quer. Juristisch nicht machbar, Fragen der Zuständigkeit etc. Eine nach Francos Tod ergangene Generalamnestie für die im Rahmen dieses Bürgerkrieges von Francoanhängern und Republikanern begangenen Gräuel sind somit offensichtlich Geschichte. Also keine juristische, sondern nur noch historische Aufarbeitung? Neben der Aufarbeitung der deutschen Geschichte zur Kriegsgräuel gibt es diesbezügliche Beispiele aus jüngerer Zeit wie Argentinien und Chile, in denen die Verantwortlichen trotz eines offiziellen Mantels des Schweigens zur Rechenschaft gezogen wurden und noch werden. Von den Ereignissen der Stalinzeit ganz zu schweigen. Das kollektive Gedächtnis ruht nicht auf Knopfdruck. Ernst Pelzing
Ernst Pelzing 31.10.2008
4.
Ernst Pelzing 30. Oktober 2008 Eine sozusagen als Post-Zeitzeuge gemachte persönliche Erfahrung mag als sinnvolle Ergänzung zu der vom spanischen Ministerio de Cultura zum Thema Spanischer Bürgerkrieg veröffentlichten [...]
Ernst Pelzing 30. Oktober 2008 Eine sozusagen als Post-Zeitzeuge gemachte persönliche Erfahrung mag als sinnvolle Ergänzung zu der vom spanischen Ministerio de Cultura zum Thema Spanischer Bürgerkrieg veröffentlichten Bilddokumentation und dem in der aktuellen spanischen Tagespresse behandelten Thema der Exhumierung von Massengräbern aus dieser Zeit dienen. Ort und Zeitpunkt: Eine typische Ortskneipe in einem 35 Km nördlich von Madrid gelegenen Ort Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Verfasser dieser Schilderung sitzt mit einem guten älteren Bekannten bei einem Glas Rotwein an einem Tisch im Freien vor dieser Kneipe. Ein weiterer guter Bekannter von uns beiden lässt im Vorbeigehen in meine Richtung den abschätzigen Begriff "facha" (abschätzig für "Faschist") fallen. Zur Klärung für den geschätzten Leser, der mit diesem Begriff nicht viel anfangen kann: Mein Tischnachbar war als "franquista", also ehemaliger Frankoanhänger und damit Faschist im Ort bekannt. Daraus machte er keinen Hehl. Dass diese politische Abkanzelung als Faschist knapp 20 Jahre nach Francos Tod großzügig auf mich als Tischnachbarn Anwendung fand, war jedoch aus damaliger Sicht reichlich ungewöhnlich. Wie die oben angesprochene Dokumentation jedoch zeigt, ist sie es offensichtlich aus heutiger Sicht trotz der nach dem Tode Francos erlassenen Generalamnestie nicht. Beispiele zur juristischen und geschichtlichen Aufarbeitung gibt es in Spanien und weltweit genug. Es mag dem aufmerksamen Leser überlassen bleiben, seine eigenen Schlussfolgerungen aus der vom gemeinsamen Bekannten gemachten Bemerkung vor dem dargestellten heutigen Hintergrund zu ziehen.
Ernst Pelzing 08.11.2008
5.
Es ist die Zeit der Be- und Erkenntnisse, hier wiederum aus der Franco-Zeit. Aller guten Dinge sind drei oder "a la tercera va la vencida", um vor Ort zu bleiben. Wie wir aus der Madrider Tageszeitung "El [...]
Es ist die Zeit der Be- und Erkenntnisse, hier wiederum aus der Franco-Zeit. Aller guten Dinge sind drei oder "a la tercera va la vencida", um vor Ort zu bleiben. Wie wir aus der Madrider Tageszeitung "El País" erfahren, wollte Franco sein Land nach nun freigegebenen CIA-Dokumenten aus dem Jahr 1974 zu einer Atommacht machen. Das Foto von den Azoren mit Bush, Blair und Aznar und dem Hintergrund Irak-Krieg ging um die Welt. Rodríguez Zapatero sucht nach einem Platz für Spanien und findet ihn über Sarkozy ... und immer sind die USA mit von der Partie. Ein Schelm, der Böses dabei denkt oder "Honi soit qui mal y pense". Ernst Pelzing

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