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einestages

"Teenage Mutant Hero Turtles"

Einmal Schildkröten-Truppe, bitte

Cowabunga! Im Juli 1990 enterten die "Teenage Mutant Hero Turtles" das deutsche TV. Kinder liebten die Kampf-Schildkröten und deren Actionfiguren. Dabei waren die "Turtles" ursprünglich alles andere als kindgerecht.

KSM
Von
Donnerstag, 23.07.2015   11:09 Uhr

Fette Beine, gedrungener Körper. An den Armen baumeln Nunchakus, zwei mit einer Kette verbundene Schlagstöcke - die Waffe japanischer Bauern. Über das Gesicht spannt sich ein Tuch, eine Maske, die nur die Augen freilässt. Und aus denen funkelt wilde Entschlossenheit. Mit schnellem Strich hat Kevin Eastman die Schildkröte gezeichnet und "Ninja Turtle" darüber geschrieben.

Jetzt wirft er sie über den Schreibtisch zu Peter Laird. Der grinst, zeichnet schnell eine eigene Kampf-Kröte und reicht das Papier wieder zu Eastman zurück. Hin und her fliegen die Zettel, bis Eastman schließlich vier der Reptilien nebeneinander malt. Aufrechtstehend, mit Maske - und jede von ihnen trägt eine andere Ninja-Waffe. Als Laird das Quartett sieht, ergänzt er den Schriftzug um die Worte "Teenage" und "Mutant".

Kevin Eastman

Ein Bild der ersten Turtles-Zeichnung von Kevin Eastman aus dem Jahr 1983.

Eigentlich sitzen Eastman und Laird gerade an den Entwürfen zu "The Fugitoid", einem Roboter-Comic. In dem Büro ihrer Firma Mirage - dem Wohnzimmer von Laird in seiner Wohnung in Northampton. Das Studio haben sie einige Monate zuvor gegründet, um endlich ihren Traum vom eigenen Comic zu verwirklichen. Der 30-jährige Peter Laird hält sich mit seinen Illustrationen in örtlichen Werbeblättchen über Wasser. Eastman, Studienabbrecher, 21, kocht Hummer und kellnert, wenn er nicht gerade in Lairds Wohnzimmer an seinen Skizzen arbeitet.

Ständig laufen Serien wie "A-Team" und "T.J. Hooker" im Fernseher. Im Müll stapeln sich Pizza-Kartons. Viel haben die beiden nicht zu verlieren, aber dass Eastmans Schildkröten-Gag sie bald zu Multimillionären machen wird, ahnt keiner von ihnen.

Von Hummern und Schildkröten

Im Mai 1984 war die erste Ausgabe von "Teenage Mutant Ninja Turtles" fertig. Auf 40 Seiten hatten Eastman und Laird in ausladenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen den Ursprung der ungewöhnlichen Superhelden dokumentiert:

Die Ratte Splinter, das Haustier eines Ninjutsu-Meisters, wird gemeinsam mit vier kleinen Schildkröten von toxischem Schleim überzogen. Im New Yorker Abwasserkanal mutieren die Tiere zu anthropomorphen Gestalten. Über Jahre lehrt Splinter seine gepanzerten Schützlinge Kampfkünste, benennt sie nach seinen liebsten italienischen Renaissancemalern - und lässt sie schließlich gegen die Gangs des Big Apple antreten.

Mit den letzten Ersparnissen und einem 1000-Dollar-Darlehen von Eastmans Onkel veröffentlichten die beiden Zeichner in einer Auflage von 3000 Stück den ersten "Turtles"-Comic. Der verkaufte sich innerhalb kürzester Zeit so gut, dass die Schildkröten in den Nachdruck mussten. Davon leben konnten die Zeichner aber noch nicht. Nach der ersten Ausgabe hatten sie 200 Dollar Gewinn gemacht - und Eastman begann erneut als Hummer-Koch zu arbeiten. Aber die Lawine, die die beiden losgetreten hatten, war nicht mehr aufzuhalten.

Cowabunga!

"Hey, jetzt kommen die Hero Turtles, superstarke Hero Turtles", röhrt die Stimme. Ein paar Monate zuvor hat es Frank Zander mit dem Song "Hier kommt Kurt" in die deutschen Charts geschafft. Jetzt preist er einen neuen Helden-Typus an. Im Sommer 1990 läuft in Deutschland eine neue Zeichentrickserie namens "Teenage Mutant Hero Turtles" an. Die Titelmelodie brennt sich in die Gehirnwindungen einer ganzen Generation von Kindern ein. "Sie sind echt ein ultraheißes Team, wenn sie gegen Angst und Schrecken zieh'n".

Die Comics von Eastman und Laird hatten sich Mitte der Achtzigerjahre in immer höheren Stückzahlen verkauft. Doch erst Martin Freedman machte die "Turtles" zu Popstars. Während die beiden Künstler 1985 ihr neues Apartment renovierten, bekamen sie Besuch von dem Agenten für Lizenzrechte. Freedman überzeugte die beiden mit frischer Farbe beschmierten Zeichner von einem Treffen mit dem Spielzeughersteller Playmates.

Zwei Jahre später standen die ersten Actionfiguren der Turtles in den Regalen der Spielzeugläden. Und im US-Fernsehen lief die erste Folge der Zeichentrickserie an, mit der Freedman die Plastikschildkröten vermarkten wollte. Die unterschied sich stark von der Ursprungsversion von Eastman und Laird. In der schwarz-weißen Comic-Vorlage waren die Turtles anarchische Kampfbestien gewesen, die Bösewichte zu Dutzenden in Stücke hackten und sich in der Wohnung ihrer Freundin April O'Neil bis zur Besinnungslosigkeit besoffen.

Ihre TV-Äquivalente trugen hingegen nicht nur bunte Bandanas, damit das neue Zielpublikum der Vier- bis Zehnjährigen sie besser unterscheiden konnte. Auch der hohe Gewaltgrad des Originals wurde zugunsten eher zahmer Action zurückgeschraubt, und Sprüche wie "Cowabunga" und "Turtle Power" flossen in das Vokabular der grünen Helden ein.

Tiefkühlpizza und Popkonzerte

In Europa gingen die Macher noch weiter: Eine japanische Kampfzunft schien unpassend für das Kinderprogramm, und aus den "Ninja Turtles" wurden kurzerhand "Hero Turtles". Auch die Nunchakus von Michelangelo wurden regelmäßig aus den Kämpfen geschnitten, da sie in mehreren europäischen Ländern als Würgewaffe verboten waren.

Immer neue Iterationen durchliefen die Kreaturen aus dem Kanal. Als lebensgroße Puppen in den Kinofilmen und der zweiten TV-Serie der Neunzigerjahre. Als Anime-Charaktere in Japan, als Musiker bei Live-Konzerten in der Radio City Music Hall, auf Bettwäsche, T-Shirts, Tassen, Tiefkühlpizza, grünem Wackelpudding und immer wieder als Actionfiguren.

Corbis

Ein Junge inmitten einer Sammlung von „Turtles“-Merchandise. Ende der Achtzigerjahre überzeugte der Lizenzierungsagent Martin Freedman die Eastman und Laird, ihre Geschöpfe zu vermarkten. Das Ergebnis waren Unmengen von Spielzeug, das besonders bei Kindern reißenden Absatz fand.

So populär waren Leonardo, Michelangelo, Donatello und Raphael, dass besorgte Elternverbände und Politiker zum Boykott aufriefen. Die Kämpfe der Serie seien für einen Anstieg von Gewalt in Kindergärten und Schulen verantwortlich. In Australien warnte 1990 im Kino sogar ein 20-sekündiger Hinweis vor dem Abstieg in die Kanalisation: "Use your brains. Stay out of drains. All the cool turtle action is topside."

Während sich die "Turtles"-Maschinerie immer mehr verselbstständigte, waren Kevin Eastman und Laird mit der Verwaltung ihres neu geschaffenen Imperiums beschäftigt. Viel Zeit für Panels und Papier hatten sie nicht mehr. Ein Heer von Zeichnern brachte immer neue Entwürfe der vier Schildkröten zu Papier, um die Maschine am Laufen zu halten.

"Hmpf, Sell-outs"

"Ihr sollt wir sein? Aus anderen Welten? Ich sehe es irgendwie nicht", brummt Michelangelo. Seine harten Gesichtszüge verziehen sich verächtlich. Seine drei Brüder, alle in Schwarz und Weiß, schauen genauso grimmig drein. Ihnen gegenüber, wie in einem Western-Showdown, acht andere Turtles - in Farbe. "Was sollen diese mehrfarbigen Kopfbänder", fragt der schwarz-weiße Donatello. Und Raphael zischt nur verächtlich: "Hmpf, Sell-outs."

Im Fernsehfilm "Turtles Forever" von 2009 trafen drei Generationen der Schildkröten aufeinander. Die originalen Comicfiguren von Eastman und Laird, ihre TV-Nachfolger aus den Achtzigern - und die Neuauflage aus dem neuen Jahrtausend. Ganz selbstironisch prangerten die Urversionen ihre Nachfolger an, für den Ausverkauf an den Mainstream.

Eine geradezu prophetische Darstellung. Denn kurz nach dem Treffen der Generationen hatte Peter Laird die Kontrolle über das Schildkröten-Imperium abgegeben - an den Multimediagiganten Viacom.

Mittlerweile gibt es eine neue Trickserie - und einen Kinofilm, der 2014 unter Produzent Michael Bay zur Effektorgie mutierte. Natürlich sind die Turtles heute am Computer generiert. Die Gelddruckmaschine im Schildkrötenpanzer ist nicht totzukriegen. In einem Interview mit dem "Comic Journal" erinnerte sich Kevin Eastman an den Moment, in dem er zum ersten Mal in einem Spielzeuggeschäft den Streit einer Mutter mit ihrem Sohn um eine der Actionfiguren seiner "Turtles" anhörte. Sein einziger Gedanke: "Oh mein Gott, was haben wir getan?"

insgesamt 6 Beiträge
Christian Schmidt 23.07.2015
1. Chuck Lorre
Das Titellied von "Teenage Mutant Hero (Ninja) Turtles" schrieb übrigens Chuck Lorre, der später die Comedyserien "Two and a half Men" und "Big Bang Theory" aus der Wiege hob.
Das Titellied von "Teenage Mutant Hero (Ninja) Turtles" schrieb übrigens Chuck Lorre, der später die Comedyserien "Two and a half Men" und "Big Bang Theory" aus der Wiege hob.
Alexander Schleissinger 23.07.2015
2.
Oh mein Gott, was haben wir getan? Diese Frage sollte im Zusammenhang mit dem Traum vom großen Geld noch viel häufiger gestellt werden... Bei Produkten, Aktien, Medien etc.
Oh mein Gott, was haben wir getan? Diese Frage sollte im Zusammenhang mit dem Traum vom großen Geld noch viel häufiger gestellt werden... Bei Produkten, Aktien, Medien etc.
Hans Heckenhauer 23.07.2015
3. Und jedes mal wird mir schlecht
wenn ich den Trailer oder ähnliches der Neuverfilmung sehe.
wenn ich den Trailer oder ähnliches der Neuverfilmung sehe.
Susanne Meier 23.07.2015
4. Nachvertonung
Kleiner Tipp: Falls man sich noch erinnert: Die Kampf- und Schlaggeräusche in den Kinofilmen der 90'ziger wurden in Deutschland durch Comicgeräusche nachvertont. Das Ganze klingt eher wie die alte Batman-TV-Serie. Grausam. [...]
Kleiner Tipp: Falls man sich noch erinnert: Die Kampf- und Schlaggeräusche in den Kinofilmen der 90'ziger wurden in Deutschland durch Comicgeräusche nachvertont. Das Ganze klingt eher wie die alte Batman-TV-Serie. Grausam. Besser zum Original greifen.
Markus Wollbrueck 23.07.2015
5. Ich habe Miami Vice vergöttert.
Frauen, Karren, Knarren halt.. Heute Frage ich mich, Warum...
Frauen, Karren, Knarren halt.. Heute Frage ich mich, Warum...

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