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einestages

Englands berühmteste Musiksendung

Top of the Flops

Erzwungene Playback-Auftritte und Kuchenschlachten vor laufender Kamera: Im Juni 2006 stellte die BBC ihren Dauerbrenner "Top of The Pops" ein. Ein Rückblick auf die schlimmsten Momente.

BBC
Von
Donnerstag, 28.07.2016   10:15 Uhr

Es war ihre Chance. Ein Auftritt in der Musiksendung "Top of The Pops", dem Quotengaranten der BBC, in Großbritannien so heilig wie in Deutschland die "Tagesschau".

Bis zum 4. August 1988 galt die britische Band All About Eve als Geheimtipp. Doch jetzt konnte sie Millionen Fernsehzuschauern ihre Ballade "Martha's Harbour" vortragen, die auf Platz 22 der Charts geschossen war - so hoch wie keines ihrer Lieder zuvor.

Nur: All About Eve durfte beim Musik-Countdown nicht das tun, was sie nach Ansicht von Fans und Experten am besten konnten: live singen. Das war gegen das Konzept von TOTP, wie die Sendung abgekürzt hieß, und vor allem gegen den Willen der Musikindustrie. Die befürchtete: Ein schlechter Live-Auftritt ist schlecht für den Plattenverkauf. TOTP sollte nur schöne Bilder zu dem perfekten Sound liefern, den man aus dem Radio kannte - ohne Fehler, Kanten, Abweichungen.

An diesem 4. August war es aber die BBC, der ein fataler Fehler unterlief. Er machte All About Eve über Nacht berühmt, allerdings anders als erwünscht. Denn als überall im Land aus den Fernsehern die ersten Gitarrenakkorde von "Martha's Harbour" erklangen, hörte die Band: nichts. Also tat sie: nichts.

Die Kamera zoomte auf Tim Brichenos Finger, die auf den Saiten seiner Akustikgitarre schliefen. Dann schwenkte sie zur Sängerin Julianne Regan, die wahlweise gelangweilt auf den kunstnebelumwaberten Studioboden oder ins Publikum starrte. Ab und an schien sie was zu sagen. Nur eines tat sie nicht: zu singen oder zumindest so zu tun. Erst als ihr in der zweiten Strophe klar wurde, was passiert war, versuchte sie tapfer zu retten, was längst verloren war: Die Band war zur Lachnummer der Nation geworden.

Die Panne war auch für die BBC höchstpeinlich. Jetzt hatte auch der Letzte verstanden, dass in der berühmtesten Musikshow des Landes niemand live sang. Zwar hatten die Produzenten in dieser Frage oft mit sich gerungen und in der 42-jährigen Geschichte von TOTP mehrmals ihre eigenen Richtlinien geändert. So gab es immer wieder auch Live-Auftritte. Doch meist konnten Bands höchstens den Gesangspart live zur Instrumentalmusik vom Tonband einsingen - oder mussten Vollplayback-Auftritte hinlegen.

Boykottieren? oder sich zum Affen machen?

Das ärgerte nicht nur Zuschauer, sondern auch etliche Stars, die stets vor derselben Entscheidung standen: Sollten sie die Show boykottieren? Oder sollten sie lieber, um den kommerziellen Erfolg nicht zu gefährden, ihr musikalisches Ego über Bord werfen und sich ein paar Minuten zum Affen machen?

Viele Musiker wählten einen dritten Weg: Sie traten auf - und prangerten das erzwungene Playback mit humoristischen und irrwitzig überzogenen Darbietungen an. Es war ausgerechnet dieser Protest gegen das Playback, der TOTP ungewollt die legendärsten Momente bescherte.

Da lieferten sich etwa 2001 die Bandmitglieder von Travis eine wilde Kuchenschlacht, die den Irrsinn des Playbacks wunderbar parodierte: Längst waren Instrumente und Musiker völlig sahneverschmiert und doch erklang die Musik immer noch wundersam glasklar aus den Lautsprechern. Die Rocker von Eels traten sogar mit Spielzeuginstrumenten auf, die sie zertrümmerten, als gäben sie gerade das revolutionärste Konzert ihrer Karriere.

Kreativ persiflierte eine Band nach der anderen die ungeliebten Playbacks: Mikrofone fielen folgenlos zu Boden. Sänger sangen Kaugummi kauend und Zunge streckend. Gitarristen spielten plötzlich Cello und Drummer schlugen Luftlöcher, während Schlagzeuggewitter aus den Boxen dröhnten. Manche Musiker versteckten ihre Kritik auch etwas subtiler: Marillions Sänger etwa deutete in dem Moment auf seine geschlossenen Lippen, als die Songzeile "I'm miming" erklang.

Am lässigsten nahm Nirvana-Sänger Kurt Cobain die Show aufs Korn, obwohl er bei seinen Hit "Smells Like Teen Spirit" den Gesangspart live vortragen durfte. Doch Cobain sang einfach nicht in seiner weltberühmt-brüchigen Cobain-Stimme, sondern sonor und eine Oktave tiefer. Nebenbei änderte er eine Songzeile radikal um: Am Ende stand ein ironischer Aufruf zum Mord: "load up on drugs, kill your friends".

Die BBC und die Musikindustrie waren wenig amüsiert. Während glattgebügelte Sänger wie Cliff Richard mehr als hundert Mal bei TOTP auftreten durften, wurde Nirvana nie wieder eingeladen. Noch zwei Jahre später warnte ein Lobbyist der Plattenindustrie die BBC unverblümt vor der Wiedereinführung von "womöglich desaströsen" Live-Auftritten: "In manchen Fällen ist es für die Musiker überhaupt nicht förderlich, live zu singen."

Die Unbekümmertheit der Anfangsjahre war da schon längst verloren und TOTP ein Millionengeschäft mit Ablegern in Deutschland, Kanada und den USA. Dabei war das Konzept nach dem Start der Sendung am 1. Januar 1964 alles andere als ausgefeilt gewesen: In einer Zeit, in der es noch keine Musikvideos gab, hatte sich offenbar niemand Gedanken gemacht, was man dem Fernsehzuschauer denn zeigen wollte, falls eine Band nicht auftreten wollte oder konnte.

"Ich hasste ihn!"

Die Antwort war damals pure Improvisationskunst. Keine Musiker im Studio? Einfach ins Studiopublikum filmen! Müde Zuschauer? Schnell eine langbeinige Tanzgruppe zusammenstellen!

"Unsere Aufgabe war es, das Publikum zum Mittanzen zu animieren, weil die Leute sonst nur blöd durch die Gegend glotzten", erinnerte sich Dee Dee Wilde 2013 in der "Daily Mail". Wilde war Tänzerin der Gruppe Pan's People, die von 1968 bis 1976 fehlende Bands auf der Bühne ersetzten. Am Ende ergatterten Pan's People und andere Tanzkombos ein wenig vom Ruhm der Stars, zu deren Hits sie ihre Beine schmissen.

Bis zur Einführung des Musikvideos in den Achtzigern sicherten diese Tanzgruppen TOTP die Quoten, ebenso wie ihr überdrehter, platinblonder Starmoderator Jimmy Savile, der von 1964 an 20 Jahre lang durch die Musikshow führte. Doch auch hier täuschte der Schein: Savile nutzte seine Nähe zu den Stars, seine Prominenz und seine Rolle als sozial engagierter Wohltäter aus, um sich an Kindern und Jugendlichen zu vergehen.

"Ich hasste ihn", erzählte Dee Dee Wilde der "Daily Mail", aber Savile sei "extrem beliebt und einflussreich" gewesen. Also fühlte sich die Tänzerin genötigt, ihm zu seinem protzigen Van zu folgen, der vor dem Studio parkte. Savile habe ihr lächelnd die Rückbank seines Autos gezeigt - ein riesiges, umgebautes Bett. "Ich habe nur gedacht: Mein Gott, wie widerlich!"

Gerüchte hatte es schon viel früher gegeben, doch erst nach Saviles Tod 2011 wurde das wahre Ausmaß des Missbrauchsskandals öffentlich, als sich Hunderte Opfer meldeten. Eine interne Untersuchung sprach im Frühjahr 2016 von übertriebener Ehrfurcht vor dem Star und einem "Klima der Angst", das Savile geholfen habe, seine Taten zu vertuschen. Der Moderator der einst beliebtesten Musiksendung Großbritanniens hatte den Sender in eine seiner tiefsten Krisen gestürzt.

insgesamt 12 Beiträge
John King 28.07.2016
1.
Vox, RTL, ARD, Sat1, überall ist playback angesagt, ist auch besser so, die meisten können nur in der studio einigermaßen vernünftig singen. Fernsehen ist halt die letzte 40 Jahre verändert in eine große Musiklüge. Das [...]
Vox, RTL, ARD, Sat1, überall ist playback angesagt, ist auch besser so, die meisten können nur in der studio einigermaßen vernünftig singen. Fernsehen ist halt die letzte 40 Jahre verändert in eine große Musiklüge. Das allerschlimmste finde ich aber das bei deutsche texte, die Wörter halb eingeschluckt werden. Statt finden wird dann findnn gesungen. Traurig! Und für mich ein grund so ein lied nicht zu kaufen.
Alexander Kuffner 28.07.2016
2.
... stammen in Wahrheit aus Los Angeles.
... stammen in Wahrheit aus Los Angeles.
Robert Bosse 28.07.2016
3. Kleine Korrektur
Die Eels kommen aus den USA und nicht aus Schottland ;)
Die Eels kommen aus den USA und nicht aus Schottland ;)
Ralf Twellenkamp 28.07.2016
4. Eels
Die Eels um Mark Oliver Everet kommen nicht aus Schottland sondern den USA :-) siehe Bild und Text zum tollen Song Novocaine for your soul
Die Eels um Mark Oliver Everet kommen nicht aus Schottland sondern den USA :-) siehe Bild und Text zum tollen Song Novocaine for your soul
Axel Weitermann 28.07.2016
5. Bbc? Zdf!
Am 20.08.1986 traten Iron Maiden im Bochumer Tarm Center im (wahnsinnig tollen) Peter Illmann Treff auf, was alleine deswegen schon ungewöhnlich war, weil Hard Rock oder gar Heavy Metal spätestens ab Mitte der 80er schwer [...]
Am 20.08.1986 traten Iron Maiden im Bochumer Tarm Center im (wahnsinnig tollen) Peter Illmann Treff auf, was alleine deswegen schon ungewöhnlich war, weil Hard Rock oder gar Heavy Metal spätestens ab Mitte der 80er schwer verpönt im deutschen Fernsehen war. Es hob sich zu sehr von der bevorzugten Haarspray-Keyboard-Cool-Und-Steril-Atmosphäre der 80er ab. Maiden hatte die ganzen 80er über sowohl in England als auch in Deutschland sehr erfolgreiche Hitsingles (was vor allen Dingen an der attraktiven B-Seiten-Politik lag). So kamen sie wohl zu diesem "Auftritt" mit ihrer neuen Single "Wasted Years". Die ersten Sekunden verlaufen noch fast normal, wenn da nicht diese aufblasbare Banane wäre. Dann tauschen Bassist Steve Harris, Sänger Bruce Dickinson und Drummer Nicko McBrain die und treiben ihre Späße auf der Bühne, deutlich demonstrierend, was sie von Playback und damit der Show halten. https://www.youtube.com/watch?v=EuIol63oAmI Obwohl Iron Maiden später noch erfolgreicher waren, war es das für sie (und ähnliche Bands) in deutschen TV-Studios. Sie wurden nie wieder gesehen.

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