Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Topmodels

Die Nackten und die Toten

10.000 Dollar nur fürs Aufstehen, Heroin beim Fotoshoot: Das Modelbusiness war in den Achtzigerjahren ebenso glamourös wie gefährlich. Linda Evangelista und Christy Turlington stiegen zu Supermodels auf, die Karriere anderer Mannequins endete im Drogensumpf - oder im berüchtigten "Fuck Palace".

Corbis
Von
Dienstag, 11.08.2009   10:29 Uhr

450 Euro für Sex von einem Typen mit selbstgefälligem Grinsen und Sonnenbank-Teint? So hatten sich die Zuschauer der Dokumentation "Fashion Victims" eine Model-Karriere sicher nicht vorgestellt. 1999 hatte die BBC mit versteckter Kamera die düstersten Winkel des als so glamourös geltenden Model-Business erhellt. Der Beitrag zeigte unter anderem, wie der damalige Europachef der Modelagentur Elite, Gerald Marie, einem von der BBC eingeschleusten Mädchen Geld für Sex anbot und einem getarnten Reporter verriet, er wolle mit der Siegerin des Nachwuchswettbewerbs der Agentur ins Bett gehen. Das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen lag bei 15 Jahren.

Rebecca Howard, die den Wettbewerb der Agentur fünf Jahre zuvor gewonnen hatte, berichtet in der Dokumentation: "Die Aufpasser schleppten die jungen Neuankömmlinge in Mailänder Nachtclubs und besorgten alles: Essen, Alkohol, Drogen." Nur fünf Monate nach dem Start ihrer vielversprechenden Karriere kam das Jungmodel wieder nach Hause, "drogenabhängig und als totales Wrack", wie ihre Mutter der britischen Presse erklärte.

Horrorberichten von gekauftem Sex und harten Drogen steht eine märchenhafte Traumwelt aus Catwalks, Covershoots, Top-Designern und Millionenverträgen mit Make-Up-Firmen gegenüber. Das Erfolgreich-Image der Supermodels überstrahlte Anfang der Neunzigerjahre alle Schatten der Branche. "Für weniger als 10.000 Dollar am Tag wachen wir gar nicht erst auf", ließ Linda Evangelista die Modebibel "Vogue" 1990 in einem Interview wissen.

Linda, Christy und Naomi

Evangelista, Turlington und Campbell bildeten die Dreifaltigkeit unter den Top-Models, galten als die Schönsten unter den umwerfend Schönen. Sie waren mehr als lächelnde Gesichter auf Zeitschriften-Covern, in Anzeigen und Modestrecken - sie waren Popstars und Stilikonen. Was die drei Grazien an einem Tag taten und sagten, trugen oder tranken, war am nächsten Tag der letzte Schrei. Oder, wie Evangelista es damals in einem anderen berüchtigten Zitat formulierte: "Wir machen nicht, was en vogue ist. Wir sind en vogue."

Christy Turlington, Naomi Campbell und Linda Evangelista waren die ersten echten Supermodels. Etwas später stießen noch Cindy Crawford, Kate Moss und Claudia Schiffer hinzu und vervollständigten die Catwalk-Clique zu den "Big Six". Was diese Übermodels vom Rest der schönen Elite unterschied, brachte Claudia Schiffer 2007 in einem Interview auf einen simplen Punkt: "Um ein Supermodel zu werden, müssen die Mädchen auf allen Covern auf der ganzen Welt auf einmal sein."

Die Big Six waren damals Stammgäste auf den Titelblättern der einflussreichsten Modemagazine "Vogue", "Elle" und "Cosmopolitan". Christy Turlingtons Gesicht war bis heute auf über 500 Covern zu sehen, Linda Evangelista brachte es immerhin auf mehr als 100. Doch die zynischen Statements der kanadischen Schönheit mit den Gesichtszügen einer griechischen Göttin markierten nicht nur den Höhepunkt ihres Erfolgs, sie zeigten auch, wie versnobt und hedonistisch das Geschäft mit den Schönen geworden war.

Fotostrecke

Das dreckige Geschäft mit der Schönheit: Teenager, Sex und Drogen

Seit Ende der Siebzigerjahre waren die Gagen der Mannequins immer schneller in immer schwindelerregendere Höhen geschnellt. Die galoppierende Inflation der Modelgehälter war dem Krieg geschuldet. Genauer gesagt, den "Model Wars", die Ende der Siebzigerjahre in New York ausbrachen.

Als Judas New York eroberte

Die Feindhandlungen begannen, als John Casablancas mit seiner Modelagentur Elite 1977 nach Manhattan übersiedelte. Zuvor war er mit seinem 1972 gegründeten Unternehmen brav in Paris geblieben und hatte die Vorherrschaft in der US-Mode-Metropole der Agentur Ford Models und deren Chefin Eileen Ford überlassen. Die Patin des New Yorker Modelgeschäfts war über Casablancas' Attacke so erbost, dass sie dem Konkurrenten zur Begrüßung einen Stapel Bibeln in sein neues Büro schicken ließ - in jeder einzelnen waren die Passagen über Judas blutrot angestrichen.

Tatsächlich veränderte Casablancas' Geschäftsgebaren die Atmosphäre grundlegend. Denn der schlaue Businessman hatte gemerkt, dass er für seine Models viel höhere Gagen herausschlagen konnte, als bisher für möglich gehalten worden war. Statt fester Tagessätze begann er, jeden Auftrag einzeln auszuhandeln. Die anderen Agenturen verfluchten seine Geschäftspraktiken - und zogen nach. Es war der Beginn einer irrwitzigen Aufwärtsspirale der Modelgehälter.

Mit dem zunehmenden Reichtum in der Branche änderte sich auch der Lebensstil. Rückblickend wirkt es fast prophetisch, dass wenige Wochen vor der Eröffnung des Elite Büros in New York das Studio 54 seine Tore öffnete. Der Club machte den Exzess zum Statement. Auf den Balkonen und im Keller hatten Stars, Sternchen, Schönheiten und schräge Stilikonen öffentlich Sex. Drogen - vor allem Kokain und das Schlafmittel Quaalude - wurden herumgereicht und konsumiert wie Süßigkeiten. Und mittendrin: die Models, Modefotografen und Agenten, die schnell zu einer der Hauptattraktionen in diesem zwielichtigen Zirkus wurden. In seinem Buch "Model - The Ugly Business Of Beautiful Women" von 1995 schreibt der langjährige Modejournalist Michael Gross, Quaalude sei damals die Eintrittskarte für Sex mit Models gewesen.

Alltag im "Fuck Palace"

Auch in der europäischen Modehauptstadt Mailand. Dort wurden die oft nicht einmal 18-Jährigen in einem Haus namens "Prinicipessa Clitoris" oder einem Hotel, das den Spitznamen "Fuck Palace" trug, einquartiert und von ältlichen Playboys belagert. "Mailand ist ein Schnellkurs für den beschissenen Teil des Geschäfts", erklärt ein Ex-Model in Gross' Buch. Drogen waren allgegenwärtig in der Modebranche. "Besonders an der Spitze", berichtet das ehemalige Top-Model Bitten Knudsen. Bei Aufnahmen für die "Vogue" seien die Leute einfach zu ihr gekommen, hätten gesagt: "Nimm das. Ist gut fürs Foto" - und ihr Kokain gegeben. "Das war total irre", erinnert sich die Dänin.

Ein Mahnmal für die Ausschweifungen der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre ist das Schicksal von Gia Carangi. Nachdem sie 1978 noch als neuester Star gefeiert wurde, endete ihre Karriere bereits wenige Jahre später tödlich: Mit 26 starb das Model 1986 nach jahrelanger Heroinabhängigkeit als erste prominente Frau an Aids. Nach Carangis Tod sagte deren ehemalige Geliebte über das aufstrebende Top-Model: "Das Problem war, dass die Leute auf den Shootings mehr daran interessiert waren, die Einspritznarben zu verbergen, als ihr zu helfen."

Zum Teil soll Carangi gar auf dem Set von den Redakteuren mit Heroin versorgt worden sein, damit sie nicht während der Aufnahmen abhaute und in einer Fixerstube in den mieseren Vierteln der Stadt verschwand, wo die schmutzigen Nadeln herumgereicht wurden. Carangis letztes großes Cover-Shooting fand Anfang 1982 statt. Sie hatte den Fotografen, einen Freund und Bewunderer aus besseren Tagen, darum angebettelt, weil sie Geld brauchte. Auf dem Titel der Cosmopolitan musste Gia ihre Arme dann hinter einem voluminösen Rock verstecken - damit man die vernarbte Haut und die zerstochenen Venen nicht sehen konnte.

Das Ende der Supermodels

Der ausschweifende Lebensstil in der Modebranche machte das Arbeiten immer schwieriger. Ein neuer Modeltyp gelangte an die Spitze. Für die Verlage und Labels war das Buchen mancher Mannequins zu einem Glücksspiel geworden. Zuverlässigkeit und Professionalität wurden zum Markenzeichen der neuen Generation. Models wie Paulina Porizkova und bald darauf Christy Turlington nahmen ihre Karriere selbst in die Hand. Turlington wurde zur Muse des Fotografen Steven Meisel, der noch heute mit seinen Vorlieben für bestimmte Models Trends setzt und sie quasi per Druck auf den Auslöser zu Stars machen kann.

Bis heute denken die meisten Menschen bei dem Begriff Supermodels an die Big Six aus den Neunzigerjahren. "Supermodels, wie wir es damals waren, existieren heute nicht mehr", erklärte Claudia Schiffer 2007. Die Werbeindustrie würde mittlerweile zu stark von Schauspielern und Popstars dominiert. Und tatsächlich: Keira Knightley ersetzte Kate Moss als Gesicht für das Parfum Coco Madmoiselle, Penélope Cruz wirbt für L'Oreal und Angelina Jolie hat unlängst einen millionenschweren Deal mit Armani abgeschlossen.

Noch immer ganz dick im Geschäft ist hingegen Gerald Marie, der einstige Elite-Europachef. Nach den Enthüllungen der BBC-Dokumentation von 1999 und dem darauffolgenden Skandal wurde er für kurze Zeit suspendiert - um bald darauf wieder reaktiviert zu werden. Heute ist er Präsident des Unternehmens. Zuletzt machte er im März dieses Jahres von sich reden. Die britische "Daily Mail" berichtete, dass der Elite-Boss wegen Kokainbesitzes verhaftet worden sei.

insgesamt 27 Beiträge
felix-culpa 11.08.2009
1.
...sicher fehlt: Inès de la Fressange
...sicher fehlt: Inès de la Fressange
André Jung 11.08.2009
2.
Eva Herzigová
Eva Herzigová
Jan Schubert 12.08.2009
3.
Nadia Auermann, ganz klar
Nadia Auermann, ganz klar
Till Scheller 12.08.2009
4.
Heidi Klum? Ja, ich weiß, ihre Medienpräsenz nervt, aber sie ist wirklich ein Supermodel. In den USA wird sie, so weit mir bekannt, schon länger mit Claudia Schiffer in einem Atemzug genannt. Auch wenn ich sie nicht so toll [...]
Heidi Klum? Ja, ich weiß, ihre Medienpräsenz nervt, aber sie ist wirklich ein Supermodel. In den USA wird sie, so weit mir bekannt, schon länger mit Claudia Schiffer in einem Atemzug genannt. Auch wenn ich sie nicht so toll finde.
Carolin Quirmbach 12.08.2009
5.
Hey,was ist mit LaetitiaCasta und Kate Moss?!
Hey,was ist mit LaetitiaCasta und Kate Moss?!

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP