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einestages

Bizarrer Streit in Schnaps-Dynastie

Wie aus Underberg Brasilberg wurde

Weil im Zweiten Weltkrieg der Kräuternachschub aus Deutschland knapp wurde, entwickelte der brasilianische Ableger der Firma Underberg ein eigenes Geheimrezept. Dessen Erfolg sorgte für Zoff.

Kristin Bethge
Von , Rio de Janeiro
Dienstag, 14.05.2019   20:39 Uhr

Einmal im Monat verlässt ein Mönch seine Klause im Kloster São Bento im Zentrum von Rio de Janeiro für eine geheime Mission. Nach etwa eineinhalb Stunden Autofahrt erreicht er Miguel Pereira, ein Städtchen am Fuß einer Bergkette, und betritt dort durch ein großes Aluminiumtor eine Schnapsfabrik, die dem deutschen Underberg-Konzern gehört.

In einem Nebenzimmer, das nur wenigen zugänglich ist, rührt er nach einem Geheimrezept verschiedene Kräuter zu einer Essenz zusammen. Nur dieser Mönch kenne die Formel für den Brasilberg, wie die brasilianische Variante des deutschen Magenbitters heißt. So erzählt es jedenfalls Marcus Rumen, der brasilianische Fabrikdirektor. Der Geistliche selbst bitte um Verständnis, dass er keine Auskunft geben kann: Er habe gegenüber den deutschen Erben der Underberg-Dynastie ein Schweigegelübde abgelegt.

Immerhin so viel verrät Rumen: "Der Brasilberg wird mit Kräutern aus dem Amazonasgebiet angesetzt, deshalb schmeckt er anders als der deutsche Underberg." Dessen Formel sei ebenfalls geheim, auch der brasilianische Geistliche kenne sie nicht, nur ein paar Benediktinermönche im Rheinland - und die Erben des Unternehmensgründers.

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Brasilberg-Geheimnis: Man nehme Amazonaskräuter und einen Mönch ...

Die Underberg-Formel ist das bestgehütete Geheimnis des deutschen Familienunternehmens, erfunden 1846 von Firmengründer Hubert Underberg. Das parallele Ritual hängt mit einer Familienfehde zusammen, die erst vor wenigen Jahren beigelegt wurde, nachdem das Stammhaus in Rheinberg bei Düsseldorf jahrelang gegen den brasilianischen Familienzweig prozessiert hatte.

Bis 2007 trug auch der brasilianische Schnaps den Namen Underberg, obwohl er nach einer anderen Formel destilliert und in Ein-Liter-Flaschen abgefüllt wird. Überall sonst in der Welt gibt es Underberg nur nach deutschem Rezept in den bekannten Minifläschchen, die in Papier eingewickelt sind.

Wie der Kräuterschnaps in Brasilien mit tropischen Essenzen aufgepeppt und nationalisiert wurde, ist ein ebenso bizarres wie faszinierendes Kapitel deutscher Unternehmensgeschichte. Sie beginnt 1932, als Paul Underberg, ein Enkel des Firmengründers, in Friedrichshafen das Luftschiff "Graf Zeppelin" nach Rio besteigt. Im Auftrag der aufstrebenden Schnapsbrennerei soll er neue Märkte in Übersee erschließen.

Erste Underberg-Fabrik in Südamerika

Magenbitter ist in Südamerika nicht sehr verbreitet. Nur in Argentinien kippt man nach dem Schmaus einen Digestif zur Verdauung; italienische Einwanderer hatten die Sitte aus ihrer Heimat mitgebracht. In Brasilien ist Underberg nur unter deutschen Einwanderern im Süden ein Begriff.

Paul Underberg lässt sich in der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro nieder. Im Stadtteil Tijuca eröffnet er 1933 die erste Underberg-Fabrik auf südamerikanischem Boden. Später lernt er die österreichische Adlige Erna von Knappitsch kennen, die nach dem "Anschluss" ihrer Heimat durch Hitler 1938 nach Brasilien ausgewandert war. Das Paar bezieht ein Haus im Villenviertel Alto da Boa Vista. Die Kräuteressenz für den Schnaps bezieht Paul Underberg aus Deutschland.

Als der Krieg ausbricht, gibt es Probleme mit dem Nachschub, irgendwann kommt der Stoff überhaupt nicht mehr. Paul startet daraufhin eine Expedition ins Amazonasgebiet. Im Urwald findet er Kräuter, mit denen er die deutsche Formel ersetzt.

Nach dem Krieg war die Versorgung aus Deutschland zwar wieder gesichert. Doch der brasilianisierte Underberg verkaufte sich so gut, dass Paul fortan auf Importe verzichtet. Den Namen "Underberg", der sich in Brasilien eingebürgert hatte, behielt er bei - gegen den Wunsch seiner deutschen Verwandten. "Er hatte sich von der Familie distanziert", sagt Rumen.

Dona Erna erbt

In Rio gehört der Trunk noch immer zur Grundausstattung jeder Stehkneipe. Seine Sauftouren habe er immer mit einem Underberg begonnen, bekannte der verstorbene Sérgio de Magalhães Gomes Jaguaribe, genannt "Jaguar", ein legendärer Chronist des Nachtlebens von Rio, in seinem Buch "Ich bekenne, ich habe getrunken".

Serviert wird der Schnaps ganz nach Gusto: Man trinkt ihn pur mit Eis oder mischt ihn mit Coca-Cola. Ganz Verwegene setzen sogar Caipirinha mit Underberg an. Sein Aroma nehme "der Limone ihre Bitterkeit", schrieb eine anonyme Cocktail-Liebhaberin in ihrem Blog zur "Happy Hour".

Paul Underberg starb 1959 an Krebs. Als Alleinerbin hatte er seine Frau Erna eingesetzt, das Ehepaar war kinderlos. Erna war feierfreudig und extrovertiert, sie zählte zur Boheme von Rio. Zu Zeiten, als Sportwagen als Männerdomäne galten, brauste sie in einem weißen VW Gol GT durch die Stadt, einem der schnellsten Autos, die damals in Brasilien gefertigt wurden. "Sie war eine starke und außergewöhnliche Frau", erinnert sich Rumen. "Die Arbeiter haben sie geliebt und geachtet."

"Dona Erna", wie sie nur genannt wurde, war mit den alteingesessenen Familien der Elite von Rio befreundet. Zum Clan ihres verstorbenen Mannes und zum Underberg-Stammsitz in Rheinberg bei Düsseldorf pflegte sie dagegen keinen Kontakt. Ihr Anwalt schmettert alle Versuche des Stammhauses ab, die Verwendung des Markennamens zu untersagen.

Namenswechsel in "Brasilberg"

Erst kurz vor ihrem Tod 2006 schloss Dona Erna Frieden mit den deutschen Verwandten. Das Stammhaus übernahm die Fabrik, die Marken wurden unter einem Dach vereint. Der echte Underberg wird seither in den traditionellen Fläschchen aus Deutschland importiert, der brasilianische Schnaps wurde in "Brasilberg" umbenannt.

Den seltsamen Namen habe ein Urenkel des Firmengründers vorgeschlagen, sagt Fabrikdirektor Rumen. Kellner und Kneipengäste ignorieren den Namenswechsel jedoch beharrlich: In Rio bestellt man weiterhin einen "Underbersche", wenn man einen Brasilberg will.

700.000 Flaschen füllt die neue Fabrik jährlich ab, der Schnaps wird in sieben Länder exportiert, darunter auch Deutschland. Mit der Neueröffnung der modernen Produktionsstätte in Miguel Pereira war eine Neupositionierung der Marke verbunden: "Wir versuchen, ein teureres Segment zu erobern", sagt Rumen. Der Flaschenpreis wurde auf 52 Real erhöht, rund 13 Euro. Als Hauptkonkurrent gilt jetzt der italienische Bitter Campari, der ebenfalls in Brasilien produziert wird.

Professionelle Barkeeper machen im Auftrag der Firma Werbung für das einstige Volksgetränk, das heute auch in edlen Cocktailbars serviert wird. "Rio Negro" heißt die Brasilberg-Variante des Gin Tonic, Brasil Libre ist ein Mix aus Brasilberg, Coca-Cola, Pfefferminz und Limonen.

Vom Erbe des Paul Underberg und seiner Erna findet man in Rio nur noch wenige Spuren. Die alte Fabrik im Stadtteil Tijuca wurde schon vor Jahren geschlossen. Sie lag direkt neben einer riesigen Favela, dort kam es immer wieder zu Schießereien. Das einstige Firmengebäude beherbergt heute ein Sozialprojekt für Kinder aus dem Elendsviertel.

An die Firmengeschichte erinnert nur die Straße, an der das Gebäude liegt: Zu Ehren des Gründers wurde sie nach Paul Underberg benannt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, die Fabrik fülle jährlich 70.000 Flaschen ab. Tatsächlich sind es 700.000 Flaschen. Wir haben den Fehler korrigiert.

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