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Leben als psychisch Kranker: "Wer depressiv ist, wird schräg angesehen"

Gene Glover / Agentur Focus / DER SPIEGEL Sein Leben schwankt zwischen Manie und Depression, mehrfach war Thomas Melle in der Klinik. Harsch kritisiert der Schriftsteller den Umgang mit psychisch Kranken - und wehrt sich gegen den Mythos von Genie und Wahnsinn. Ein Interview von Tobias Becker
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#1 - 01.09.2016, 16:26 von 93160

Depressionen

Was auch zur Wahrheit gehoert, viele Depressionskranke haben Drogen genommen oder sind labile Menschen.
Was auch zur Wahrheit gehoert, man kann den Menschen zur Depression bringen. Hiermit meine ich Soldatenheimkehrer.
Eine ganz normale Krankheit die es schon immer gab und nur erst heute besprochen wird.Nur das diese Krankheit aus der Gesellschaft selbst gezuechtet herausbricht.

#2 - 01.09.2016, 16:37 von hatem1

Beeindruckend

Gutes Interview. Ich bewundere Thomas Melle, dass er die Stärke besitzt, darüber zu sprechen und zu schreiben. Bin gespannt auf das Buch.

#3 - 01.09.2016, 17:57 von mkalus

Zitat von 93160
Was auch zur Wahrheit gehoert, viele Depressionskranke haben Drogen genommen oder sind labile Menschen.
Das ist oft selbst-medikation und wenn sie mal versucht haben fuer so etwas wie Depression hilfe zu bekommen werden sie auch sehr schnell merken das das System an sich recht kaputt ist.

Sofern man nicht mit aufgeschnitten Pulsadern da steht und dinge mehr oder weniger (scheinbar) unter Kontrolle hat wird einem naemlich regelmaessig unterstellt das ja nichts mit einem kaputt ist.

Tatsache ist das man eben Mentale Verwundungen oft nicht sieht und selbst als betroffener, wie er ja auch schreibt, man es oft selbst nicht sieht, selbst wenn man komplett schon weg ist.

Also sucht man halt etwas das zu helfen scheint, und Drogen sind da nunmal ein "probates" Mittel.

Was wirklich fehlt ist der wille dem Menschen zu glauben anstatt deren qual / probleme abzuschreiben. Kein Arzt wuerde einem Blutenden unterstellen das er nicht verwundet ist, aber wenn es um die Geistige Gesundheit geht dann ist das immer genau der erste schritt / Vermutung die getroffen wird.

#4 - 01.09.2016, 18:40 von 93160

@mkalus

Zitat von mkalus
Das ist oft selbst-medikation und wenn sie mal versucht haben fuer so etwas wie Depression hilfe zu bekommen werden sie auch sehr schnell merken das das System an sich recht kaputt ist. Sofern man nicht mit aufgeschnitten Pulsadern da steht und dinge mehr oder weniger (scheinbar) unter Kontrolle hat wird einem naemlich regelmaessig unterstellt das ja nichts mit einem kaputt ist. Tatsache ist das man eben Mentale Verwundungen oft nicht sieht und selbst als betroffener, wie er ja auch schreibt, man es oft selbst nicht sieht, selbst wenn man komplett schon weg ist. Also sucht man halt etwas das zu helfen scheint, und Drogen sind da nunmal ein "probates" Mittel. Was wirklich fehlt ist der wille dem Menschen zu glauben anstatt deren qual / probleme abzuschreiben. Kein Arzt wuerde einem Blutenden unterstellen das er nicht verwundet ist, aber wenn es um die Geistige Gesundheit geht dann ist das immer genau der erste schritt / Vermutung die getroffen wird.
Den Menschen zu glauben ist nicht das Problem. Oft sind es die betroffenen selbst die sich nicht eingestehen koennen, ein Problem zu haben.
Deshalb befuerworte ich immer, die betroffenen Menschen sagen laut ein Problem zu haben.
Und die Gesellschaft (oder das System) sollte sich endlich hinterfragen woher diese mentale Verwundungen kommen. Angefangen im Elternhaus.Ob es ein Elternhaus ist mit Leistungszwang, ein streng religioeses Elternhaus oder ein Elternhaus wo Kinder vernachlaessigt werden. Alles beginnt im Elternhaus.
Solange es die Worte Versager gibt, Sozialempfaenger, dumm,die Saetze wie "du sollst etwas werden", solange gibt es diese Krankheit.
Es kommt, wie Sie richtig beschreiben aus dem System.

#5 - 01.09.2016, 19:16 von Zaunsfeld

Zitat von 93160
Den Menschen zu glauben ist nicht das Problem. Oft sind es die betroffenen selbst die sich nicht eingestehen koennen, ein Problem zu haben. Deshalb befuerworte ich immer, die betroffenen Menschen sagen laut ein Problem zu haben. Und die Gesellschaft (oder das System) sollte sich endlich hinterfragen woher diese mentale Verwundungen kommen. Angefangen im Elternhaus.Ob es ein Elternhaus ist mit Leistungszwang, ein streng religioeses Elternhaus oder ein Elternhaus wo Kinder vernachlaessigt werden. Alles beginnt im Elternhaus. Solange es die Worte Versager gibt, Sozialempfaenger, dumm,die Saetze wie "du sollst etwas werden", solange gibt es diese Krankheit. Es kommt, wie Sie richtig beschreiben aus dem System.
Depressionen haben nicht in erster Linie etwas mit Vernachlässigung oder Druck im Elternhaus zu tun.

Depressionen können jeden treffen, auch noch im mittleren oder hohen Alter. Es wird sogar davon ausgegangen, dass es nicht nur seelische, sondern auch körperliche Ursachen geben kann. Eine Depression ist im Grunde ein starkes Hormonungleichgewicht im Gehirn. Das kann durch psychische Probleme ausgelöst werden, kann aber auch durch bestimmte körperliche Krankheitsbilder, die einen Einfluss auf den Hormonhaushalt haben, ausgelöst oder begünstigt werden. Lichtmangel gerade im Herbst und Winter sind ein typischer Faktor, der den Hormonhaushalt entsprechend beeinflusst.

Und irgendwann ist beim Hormonhaushalt eben eine Schwelle überschritten, von der aus es nicht so schnell eine Umkehr gibt, sondern wo sich Hormonhaushalt im Gehirn und depressive Stimmung gegenseitig verstärken und hochschaukeln. Quasi wie ein sich selbst verstärkender Effekt.
Und diese Schwelle liegt halt bei jedem Menschen anders, bei jedem haben verschiedene Faktoren verschiedene Wirkungen auf die Hirnchemie, die Lebsnumstände usw. spielen eine Rolle und auch genetisch Effekte.

Viele Menschen schaffen es, nach Wochen, Monaten oder manchmal Jahren allein wieder, heraus zu kommen, manche schaffen es nur mit einer Therapie, manche schaffen es gar nicht oder werden rückfällig und in vielen schweren Fällen beendet der Betreffende es auf andere, endgültige Weise.
Insgesamt ein sehr vielschichtiges Krankheitsbild.

#6 - 01.09.2016, 21:39 von 93160

@Zaunsfeld

Zitat von Zaunsfeld
Depressionen haben nicht in erster Linie etwas mit Vernachlässigung oder Druck im Elternhaus zu tun. Depressionen können jeden treffen, auch noch im mittleren oder hohen Alter. Es wird sogar davon ausgegangen, dass es nicht nur seelische, sondern auch körperliche Ursachen geben kann. Eine Depression ist im Grunde ein starkes Hormonungleichgewicht im Gehirn. Das kann durch psychische Probleme ausgelöst werden, kann aber auch durch bestimmte körperliche Krankheitsbilder, die einen Einfluss auf den Hormonhaushalt haben, ausgelöst oder begünstigt werden. Lichtmangel gerade im Herbst und Winter sind ein typischer Faktor, der den Hormonhaushalt entsprechend beeinflusst. Und irgendwann ist beim Hormonhaushalt eben eine Schwelle überschritten, von der aus es nicht so schnell eine Umkehr gibt, sondern wo sich Hormonhaushalt im Gehirn und depressive Stimmung gegenseitig verstärken und hochschaukeln. Quasi wie ein sich selbst verstärkender Effekt. Und diese Schwelle liegt halt bei jedem Menschen anders, bei jedem haben verschiedene Faktoren verschiedene Wirkungen auf die Hirnchemie, die Lebsnumstände usw. spielen eine Rolle und auch genetisch Effekte. Viele Menschen schaffen es, nach Wochen, Monaten oder manchmal Jahren allein wieder, heraus zu kommen, manche schaffen es nur mit einer Therapie, manche schaffen es gar nicht oder werden rückfällig und in vielen schweren Fällen beendet der Betreffende es auf andere, endgültige Weise. Insgesamt ein sehr vielschichtiges Krankheitsbild.
Ich verneine nicht was Sie anfuehren.Aber Sie schreiben doch selbst:
"Und diese Schwelle liegt halt bei jedem Menschen anders, bei jedem haben verschiedene Faktoren verschiedene Wirkungen auf die Hirnchemie, die Lebsnumstände usw. spielen eine Rolle und auch genetisch Effekte."

Es geht um die Faktoren die eine nicht zu verniedlichte Stellung einnehmen.
Genetisch erklaere ich mir damit, ein Kind was bei einem depressiven Vater oder Mutter aufwaechst hat eine grosse Chance selbst depressiv zu werden. Es geht ebnen nicht um biologische Vererbung, sondern um Vorleben.
Ein labiler oder sehr sensibler Mensch ist immer bedroht von dieser Krankheit.Egal in welchen Alter.
Fuer mich bleibt, bis zum Gegenbeweiss, die Umwelt der groesste Faktor dieser Krankheit.
Das groesste Beispiel ist fuer mich der Soldat. Ein Soldat der freiwillig und aus seiner Ueberzeugung in den Krieg zieht wird fast nie depressiv. Ein junger Mensch den man zwingt zu toeten wird fast automatisch depressiv.

#7 - 02.09.2016, 07:06 von molkeboy

Psychisch krank, wer eigentlich?

In einem, von einem renommierten Psychiater verfassten, Artikel las ich einmal das bemerkenswerte Statement, dass eigentlich bei der sogenannten gesunden Mehrheit ein pathologischer Befund vorläge. Denn es sind die nicht-depressiven, die trotz Kenntnis von Tod und Krankheit so leben, als sei Ihnen das ewige Leben sicher. Debil lächelnd Häuser bauen, Geld sparen, Bling-Bling sammeln. Obwohl, wie heißt es so schön: Das letzte Hemd keine Taschen hat. Grund genug verstimmt durch den Tag zu gehen ;).

#8 - 02.09.2016, 17:52 von 93160

Zitat von molkeboy
In einem, von einem renommierten Psychiater verfassten, Artikel las ich einmal das bemerkenswerte Statement, dass eigentlich bei der sogenannten gesunden Mehrheit ein pathologischer Befund vorläge. Denn es sind die nicht-depressiven, die trotz Kenntnis von Tod und Krankheit so leben, als sei Ihnen das ewige Leben sicher. Debil lächelnd Häuser bauen, Geld sparen, Bling-Bling sammeln. Obwohl, wie heißt es so schön: Das letzte Hemd keine Taschen hat. Grund genug verstimmt durch den Tag zu gehen ;).
Nur zum Teil mit Ihnen einverstanden. Denn wenn Menschen ein Haeusschen bauen, wissen Sie, den Profit haben sie nicht selbst, denn sie muessen verzichten um Kredit zu zahlen.Aber sie koennen in Frieden sterben da ihre Kinder ein wenig abgesichert sind.
Wenn Sie in einer Wohnung leben die Ihnen nicht gehoert, hat ein anderer fuer Sie diese Wohnung gebaut.
Und jeder sogenannte Psychiater behandelt nur seine eigenen Neurosen.

#9 - 26.09.2016, 07:14 von GinaBe

Perfide Ursache.

Das Interview mit Thomas Melle las ich im print- Spiegel vorvorletzter? Woche.
Leider geht aus ihm sowie meistens innnerhalb der Gesamtbeleuchtung psychischer erkrankungen und Depressionen als Folge daraus nicht hervor, aus welcher Definition heraus Krankheit zu verstehen ist. Das Stigma, welches besonders psychischen gebrechen anhaftet, wird beibehalten, Erkrankte werden behandelt und verwaltet und betreut, doch an vielen ursachen ihrer depressionen geht die debatte spurlos vorüber, ohne daß gravierende Änderungen innerhalb der staatstragenden und leistungsbezogenenen Ideologie des angeblich freien und gerechten Wettbewerbs zwischen Bürgern und Staaten vollzogen werden. Aus diesem Grund der Tabuisierung des inneren Zusammenhangs fällt leider der Schatten des Verdachtes auf das Subjekt, welches in seiner "Selbstverantwortung" fehlgeleistet haben soll und zuwenig Achtsamkeit mit sich selbst gepflegt haben soll, zu selten Enspannungstechniken angewendet zu haben etc.

Auf der anderen Seite wird durch Entpsychiatrisierungskampagne eine neue, erhöhte Selbstverantwortung Kranker eingefordert bzw. angeboten, damit jede(r) trotz psychischer Belastungen in der Lage ist, in der Gesellschaft ohne strikte Internierung in geschlossenen Psychiatrien zu leben- durch betreute Wohngemeinschaften etwa.

Auf der einen Seite der leistungsorientierten Bürger stehen eben die Macher, Manager, Politiker, Unternehmer und kleine Patriarchen innerhalb von Familien und auf der anderen Seite jene, die weniger potent gesellschaftspolitische Mechanismen für sich selbst zu nutzen wissen und krank werden durch ein System, welches auf Ausgrenzungen baut, Hierarchien zu schaffen. Diese werden dadurch, durch ihre psychische Verweigerung und Annahmen und Umwandlungen von Herrschaftsstrukturen, quasi Opfer von sich selbst.