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Nazis im Dschungel-Camp

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#1 - 23.10.2008, 16:58 von

Ich stehe mit meinem Team hier in Brasilien in der Vorproduktion zu einem filmischen Rekonstruktionsversuch der damaligen Guyana-Expedition, eine deutsch-brasilianische Koproduktion. Ich verfolge Herrn Glüsings Geschichte über Schulz-Kampfhenkel, er hat es offenbar irgendwo "rascheln" hören, aber das Ganze ist schlecht recherchiert. Zugegebenermassen war das Jari-Unternehmen das Produkt des jungen, aber immerhin von Göring stets protegierten Fliegermannes Schulz-Kampfhenkel. Etwas geduldigere und tiefer gehende Recherche hätte Herrn Glüsing und die Leser allerdings darauf gebracht, dass S.-Kampfhenkel während der Kriegszeit ja zum Vorsitzenden der Deutschen Geografischen Gesellschaft ernannt wurde und damit die Gesellschaft und die verbleibenden deutschen Geografen unter den aggressiven Militärkomplex der Nazis subsummiert hat. Auch hat Glüsing nicht die Verbidungen S.Kampfhenkels zur Organisation Gehlen untersucht.

Frederico Füllgraf
Brasilien

#2 - 24.10.2008, 09:55 von

Ende 1944 teilte SCHMIEDER * den Beiratsmitgliedern der Gesellschaft mit, dass er den Leiter der Forschungsstaffel z.b.V. Oberleutnant SCHULZ-KAMPFHENKEL zum neuen Präsidenten der Gesellschaft bestimmt habe. Er begründete diesen Schritt damit, dass seine Hoffnungen hinsichtlich der Beteiligung der Geographie an kriegswichtigen Aufgaben nicht in Erfüllung gegangen seien, vielmehr andere "militärische Dienststellen, die der Kriegsführung die notwendigen geographischen Unterlagen zur Verfügung stellten", entstanden seien. Leiter einer dieser Dienststellen sei SCHULZ-KAMPFHENKEL, der zudem "schon am 2.5.43 als Beauftragter für Sonderaufgaben der erdkundlichen Forschung in den Reichsforschungsrat aufgenommen" worden sei (BÖHM 1991, 291). Mit dieser Aktion wurde die Deutsche Geographische Gesellschaft gegen Kriegsende über die Person SCHULZ-KAMPFHENKEL indirekt dem Reichssicherheitshauptamt unterstellt.

(aus: MAGIE EINES KONSTRUKTES - Anmerkungen zu M. Fahlbusch: "Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die >Volks-deutschen Forschungsgemeinschaften< von 1931-1945. Baden-Baden 1999" von Hans Böhm, Bonn -- in: Geographische Zeitschrift 88, Jg. 2000, S. 177-196)

* Fussnote von mir /F.Füllgraf.: gemeint ist O.SCHMIEDER, NS-Geograf und Mitherausgeber von Lebensraumfragen europäischer Völker. Bd. I: Europa. Leipzig 1941.
"D

#3 - 24.10.2008, 09:55 von Florian Geier

Guayana als U-Bootstützpunkt?
Das war doch wohl nur ein Projekt,
das nicht in die Wirklichkeit umgesetzt wurde, oder?

#4 - 13.01.2009, 09:08 von

Das Buch ist eigentlich eine Enttäuschung für mich. Im Vorfeld der Veröffentlichung wurde damit gepriesen das der Autor an die Original Schauplätze der Schulz-Kampfhenkel Expedition reist und dort Nachforschungen erstellt. Diesem ist leider nicht so.
Über die eigentlichen Hauptdarsteller der damaligen Expedition, den Aparai Indianern an der Flussmündung des Rio Ipitinga in den Rio Jary, wo auch die S-K Expedition ihr Hauptlager aufschlug, hat Jens Glüsing nichts herausgefunden.
Es wäre z.B. interessant gewesen zu erfahren:
- gibt es das Aparai Dorf noch
- haben die Aparai Erinnerungen oder Überlieferungen an die damalige Expedition
- sind die Aparai mit den Pfahlbauindianern des Nordens in Kontakt geblieben
- hatte S-K wirklich eine Tochter mit einer Indianerin (Beweis)
Welchen Einfluss die Jary Expedition auf Otto Schulz-Kampfhenkel und seine spätere Karriere hatte hat Jens Glüsing recherchiert, welche Folgen o. Einfluss die Expedition auf die Aparai Indianer hatte bleibt unklar.
Auch fehlen Information und Beweise zu den Schicksalen von Gerd Kahle und Gerhard Krause.

#5 - 08.04.2009, 17:02 von

Aufgrund der Hinweise auf Glüsings Entdeckungen habe ich mir zusätzlich zur Nachkriegsausgabe auch die Vorkriegsausgabe von Schulz-Kampfhenkels Buch gekauft. Aber in keinem der Bände ist von einem "Deutsch-Guayana" oder derartigen Plänen die Rede. Auch von eventuellem Nachwuchs, den S.-K. mit einer Indianerin gezeugt hätte, ist nicht auch nur eine Andeutung zu finden. Ist dies nur Güsings Buch zu entnehmen, oder welche anderen Quellen mögen das hergegeben haben? Lohnt es sich also doch, dies Buch zu lesen?

#6 - 19.04.2009, 21:06 von

Glüsing scheint im hier zugehörigen Artikel zu Polemik zu tendieren. Anders kann ich mir nicht erklären, dass er z.B. schreibt: "Auf die Heckflosse des "Seekadetts" pinselte er das Hakenkreuz", als ob das etwas etwas besonderes gewesen wäre. Eine große Hakenkreuzflagge war damals einfach das Nationalitätskennzeichen deutscher Luftfahrzeuge, so wie heute eine kleine schwarz-rot-goldene Flagge; Schulz-Kampfhenkel hatte gar keine Wahl, und wahrscheinlich hat gar nicht er, sondern der Hersteller bereits das Hakenkreuz angebracht, sonst hätte er zumindest in Deutschland gar niht fliegen dürfen.
Ferner: "auf den Booten... hissten sie neben der brasilianischen Fahne die Nazi-Flagge - als ob die Indios mit dem Zeichen etwas anfangen könnten". Es war eine deutsch-brasilianische Expdition, und Schulz-Kampfhenkel berichtete darüber auch in der Presse. Bilder mit den Flaggen der Beteiligten machen sich dabei einfach gut. Um die Indios ging es nicht, eher noch um Nationalstolz, so wie heute das Fahnenmeer bei Fußballmeisterschaften. Nicht vergessen: Die Hakenkreuzflagge war nicht nur Flagge der Nazi-Partei, sondern deutsche Nationalflagge.
Oder: "Der Karl-May-Fan nannte seinen treuen Begleiter prompt "Winnetou"." Soll Schulz-K. damit als einfältig dargestellt werden? Es war nicht seine Idee, dem Indianer einen deutschen Namen zu geben, dieser hatte es vielmahr gewünscht.
Und schließlich: "Schulz-Kampfhenkel erlitt überdies eine schwere Diphterie" - wo hat er das denn her? Oder hat er sich vertippt oder ist Opfer der Rechtschreibprüfung geworden: Schulz-Kampfhenkel und eine Indianerin erlitten nämlich auf der Rückfahrt vom Oberlauf des Jary eine schwere Dysenterie, d.h. Durchfall; bei einer Diphterie hätte er wohl keine Chance gehabt.

#7 - 12.04.2010, 11:33 von

So, da bin ich wieder. Ich habe nun Glüsings Buch gelesen.
Man darf nicht vergessen, dass Glüsing Sozialwissenschaftler und Journalist und kein Ethnologe oder Historiker ist. Sein Buch erinnert mehr an Spiegel-Artikel als an ethno- oder historiographische Literatur. Verwoben mit einer teilweise zitierenden Nacherzählung von Schulz-Kampfhenkels Buch sind seine aktuelle Erlebnisse seiner Reisen, die hinsichtlich der Originalschauplätze nur bis an den Wasserfall von Santo Antonio führten, aber einen guten Einblick in die heute dort herrschenden Verhältnisse geben, auch die der Wayapi (Oaya(m)pi). Vor allem aber werden die aktuellen Probleme des Amazonas-Regenwaldes und deren Zusammenhänge in einer hervorragenden Analyse schonungslos offengelegt.
>Und schließlich: "Schulz-Kampfhenkel erlitt überdies eine schwere Diphterie" - wo hat er das denn her? Oder hat er sich vertippt oder ist Opfer der Rechtschreibprüfung geworden: Schulz-Kampfhenkel und eine Indianerin erlitten nämlich auf der Rückfahrt vom Oberlauf des Jary eine schwere Dysenterie, d.h. Durchfall; bei einer Diphterie hätte er wohl keine Chance gehabt.
Das ist wirklich ein Tippfehler hier im Netz. Im Buch ist es korrekt dargestellt.
>in keinem der Bände ist von einem "Deutsch-Guayana" oder derartigen Plänen die Rede. Auch von eventuellem Nachwuchs, den S.-K. mit einer Indianerin gezeugt hätte, ist nicht auch nur eine Andeutung zu finden. Ist dies nur Güsings Buch zu entnehmen, oder welche anderen Quellen mögen das hergegeben haben?
Ja, es gibt eine Quelle, die im Buch angegeben ist, eine Stellungnahme an die SS-Organisation zu einer Idee eines anderen Abenteurers. Nämlich dieser und nicht S.-K. hatte die Idee von einer deutschen Besetzung der drei Guayanas (nicht jedoch Brasilianisch-Guayana). In dieser Stellungnahme behauptet S.-K., die Idee selber auch schon gehabt zu haben. Glüsing glaubt dies, ich hingegen nicht; wenn ich S.-K. gewesen wäre, hätte ich das nämlich auch behauptet, um meinen Ruf als Guayana-Spezialist zu behalten.
>Lohnt es sich also doch, dies Buch zu lesen?
Eindeutig: Ja!
Informationen zur heutigen Lage der bei S.-K. erwähnten Indianer finden sich im Internet u.a. hier:
http://indian-cultures.com/Cultures/wayana.html
http://www.sonsdobrasil.org/aparai.html

#8 - 14.03.2014, 12:02 von Kai Bonte

Nazis im Dschungel-Camp

Eine Nazi-Kolonie im Amazonas-Dschungel? 1935 brachen deutsche Forscher zu einer Expedition in Brasiliens Urwälder auf - und entwickelten den Plan, mit einem NS-Expeditionskorps ein "Deutsch-Guayana" zu erobern. Bis heute finden sich im Dschungel Relikte der braunen Entdecker. Von Jens Glüsing