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Gesundheit

Interview über Borderliner: "Gefühlsleben wie ein wilder Araberhengst"

imago/ Ikon Images Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung schwanken zwischen Extremen - viele verletzen sich selbst. Ein Gespräch mit dem Psychiater Martin Bohus über den Umgang mit schwierigen Gefühlen und mögliche Hilfestellungen.
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#1 - 04.11.2017, 17:17 von Kerze

Was verschweigt Prof. Dr. Bohus?

Ich finde, dass Prof. Dr. Bohus verschweigt, dass sich Angehörige von Borderliner in den USA, Canada, ... sehr gut zusammen gefunden haben und ihr eigenes kostenloses Selbsthilfeprogramm (Family Connections Program) entwickelt haben und es sehr gerne in andere Länder wie Schweden, Italien, ...weitergeben. Sie würden es gerne auch nach Deutschland (kostenlos) bringen, nur dafür muss es auch bekannt werden. Es sind schon mehrere Angehörige von Borderliner, die von dem Programm sehr stark profitiert haben nach Deutschland gekommen und haben es vorgestellt. Aber hört auch so einer wie Prof. Dr. Bohus und weitere aus dem Team ihnen zu? Oder ist deren Nase zu weit oben - weit weg von dem Level der Angehörigen von Borderline?
Als nächstes wird der Nachteilsausgleich für Borderliner in Schule / Studium / Ausbildung verschwiegen. Borderliner haben (da in der Regel sie es über 6 Monate haben und darunter sehr stark leiden) ein Anrecht, dass man auf ihr Borderline in Schule / Studium / Ausbildung Rücksicht nimmt. Das Recht dazu ist da. Wie es genau im einzelnen umgesetzt wird, muss der Borderliner mit der Insititution selber aushandeln. Erzählt Prof. Dr. Bohus und sein Team den Borderliner von ihren Rechten?
Wie Barrierefrei ist das Zentralinstitut für seelische Gesundheit? Werden Borderliner, die Sehprobleme (z.B. Blind), Hörprobleme (z.B. Taub), Mobilitätsprobleme (z.B. sitzend im Rollstuhl), Analphabeten genauso gut in dem Krankenhaus behandelt wie andere Patienten, die das nicht haben? Hallten die Therapie-Gebäude vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit, besonders die, die vor max. 5 Jahren errichtet worden sind, wirklich alle DIN 18404-1 ein?
In dem Artikel finde ich es sehr interessant, was Prof. Dr. Bohus nicht alles verschweigt... aber mit der Krankenkasse abrechnet ...

#2 - 04.11.2017, 18:52 von freigeistiger

Das sind Depressionen

Die Sichtweise von Bohus ist von seinen Elfenbeinturm und seinem Sozialstatus herunter, ferner angelerntes Lehrbuchwissen. Was er beschreibt ist Symptomkosmetik. Nach außen hin sieht dass in Ordnung aus. Die Umwelt und die Therapeuten sind zufrieden. Die Betroffenen sind es nicht. Es ist nur der minimale erträgliche Notfallmodus, um halbwegs über die Runden zu kommen. Borderline, Süchte, Hypersensibilität, Gewalttätigkeiten etc. sind, wenn sie nicht auf Prägung und Sozialisation beruhen, durchweg die sichtbaren Symptome von Depressionen. (Ersatzbefriedigungen bei seelischer Unausgeglichenheit). Ursachen sind durchweg lange seelische Überbelastungen. Die nominalen Fachmenschen müssen sich einmal informieren, wie in der Gesellschaft wirklich die Umgangsformen sind. Alle sind durchweg darauf ausgerichtet, anderen zu schaden und Schwierigkeiten zu bereiten. Das aus verschiedenen Gründen. Dass trifft auch für Sozialeinrichtungen und SozialarbeiterInnen zu. Ferner auf Kosten anderer es sich bequemer zu machen, oder von der Arbeit anderer zu profitieren. Eine reale sozial angemessene Sozialisation besteht darin, ebenso sich einen Egoismus, Achtsamkeit, anzueignen. Auch Aggressivität und Konflikbereitschaft, narzisstische Psychopathität, gehören dazu. Dazu gehört, nicht in Verteidigung zu machen, sondern auch bereit sein Angriffe zu machen. Dass verschafft Respekt. Damit können eigene Interessen verfolgt werden. Und es bietet Schutz vor Übergriffen und Einbrüchen in die eigene Privatsphäre. __ Wichtig ist ein gutes Umfeld. Sich von belastenden Situationen und Personen trennen wirkt befreiend. Dafür anregende und gute Bekanntschaften pflegen und fördern. __ Mit all dem Ausgeführten habe ich gute Erfahrungen gemacht.

#3 - 04.11.2017, 18:56 von Spiegelansgar

Sich selbst in Liebe ertragen können...

Sehr interesante Anmerkungen über diese überaus bunte und facettenreiche Erkrankung. Allerdings sind die Übergänge fließend, bis man von einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung (Borderline-Persönlichkeitsstörung ) sprechen kann.
Nach meiner Erfahrung als Therapeut ist die Borderline-Etikettierung für einen Patienten oft nicht besonders hilfreich, weil er sich oft noch elender dadurch fühlt, dass er nun auch noch eine aus seiner Sicht dramatische Krankheit haben soll. - Etiketten wie, Depression, Borderlinestörung ect. behindern behindern oft dadurch den Psychotherapieverlauf, dass sich der Patient einer vermeintlichen schlimmen Krankheit schicksalhaft ausgeliefert sieht. - Die eigene Kreativität im Umgang mit den oft unerträglich scheinenden Wut- und Spannungszuständen muss erhalten bleiben und therapeutisch bearbeitet werden. Abwärtsspiralen von Selbsthass und Verzweiflung müssen ins therapeutische Gespräch geholt und in Worte gefasst werden können. Auslöser müssen entdeckt werden - oft banale Bemerkungen oder Assoziationen - die einen Stimmungsabbruch bis hin zu explosiver Wut und Verzweiflung herbeiführen können. - Selbstverletzung ist dann die Stopptaste, die gawaltsame Methode, sich selbst zu spüren, sich seiner selbst, wenn auch oft schuldhaft, zu vergewissern und den Horrortrip zu beenden. All das muss dem SelbstverletzungsJunkie in die reife Stube geholt werden, damit er wieder in cleverer Art Steuerung und Selbstvertrauen über sich gewinnt.

#4 - 04.11.2017, 19:54 von postina

Therapie

seit vielen Jahren wird an Psychiatrien die DBT Therapie angeboten. (Dialektische Behavorialej Therapie). Sie kam ursprünglich aus den USA. Ich habe selber daran teilgenommen und profitiert. Sie besteht aus den Modulen, Umgang mit Gefühlen, dem Erlernen von sogenannten Skills, (Handwerkszeug um nicht SVV zu zeigen), Umgang mit anderen usw

#5 - 05.11.2017, 01:23 von white_rd

Noch etwas, da dies ja ein Besserwisser Forum zu einem durchaus informativen Beitrag zu sein scheint: Es gibt keine wilden Araberhengste!

#6 - 05.11.2017, 16:36 von Ich-Schau-ins-Land

Heilung

...die Heilung kam bei mir mit dem Loslassen der Diagnose, mit dem Abschied von jeder Form von Therapie...
Viele Jahre habe ich in Freiburg alles probiert, was damals, als Dr. Bohus noch dort in der Uniklinik tätig war, zur Verfügung stand, ich habe mit ihm und vielen anderen Ärzten gesprochen, kenne alle Kliniken im Freiburger Raum persönlich, und hatte nur immer wieder das Gefühl, das tut mir doch alles gar nicht gut, ich muss damit wieder aufhören.
Wenn man jung ist, und auf der Suche nach einer eigenen Identität, fällt solch eine Diagnose schnell auf fruchtbaren Boden.
Schnell waren alle erhältlichen Bücher zum Thema gelesen, man fühlt sich teilweise verstanden, die Diagnose gibt auch Halt, füllt die innere Leere aus, jedoch mit katastrophalen Nebenwirkungen.
Denn die Spirale geht meist immer weiter nach unten, bis es lebensbedrohlich wird, und doch kann man nicht aufhören.
Schmerzhafte Jahre der Suche folgten, und es wurde alles schlimmer, verfahrener, man sieht nur noch das Pathologische, die gesunden Seiten verkümmern, und die Suche wird zur Sucht.
Die „Borderline-Scheinidentität“ übertönt die eigene, gefühlte Bedeutungslosigkeit, es findet also Leben statt, die „wilde Araberstute“ fühlt auch Kraft und Dramatik, jedoch meist auf sehr selbstzerstörerische Weise.
2002 gelang mir dann endlich der Abschied von dem Thema, es hat erst funktioniert, als ich es so richtig 150% satt hatte, und als ich mir eingestand, welche „scheinbaren Vorteile“ es vorher in mein Leben gebracht hatte. Ich wollte aus dieser Schublade, in der ich fast erstickt wäre, wieder raus, bevor es zu spät war. Ich war in einer Klinik und hatte das Angebot, an einem Buchprojekt teilzunehmen, meine eigene Geschichte in ein Buch einfließen zu lassen, und habe abgelehnt.

Und dann bin ich gesprungen, in die eigene, scheinbare Leere – und habe den Kontakt zu allen Therapeuten beendet.
Am Anfang war das Leben ziemlich „fad“, keine Hochdramatik mehr, wohin mit den Gefühlen-einfach aushalten-selbstgenügsam werden.
Es war wie ein Entzug, und der ging über Jahre. Es dauerte Jahre, bis mir das Thema emotional nicht mehr gefährlich werden konnte. Es dauerte Jahre, bis aus dem Gefühl, „ich möchte da nicht mehr dazu gehören“, ein „ich fühle mich nicht mehr zugehörig“ wurde.
Inzwischen sind 15 Jahre vergangen, und ich bin nie rückfällig geworden.

Ich möchte mit meinem Kommentar die Arbeit von Dr. Bohus und Kollegen nicht kritisieren, denn ich wüßte nicht, wie man es besser machen könnte, das Thema ist so komplex.
Jeder muss seinen eigenen Weg finden.
Ich habe in der Musik und der bildenden Kunst tolle Möglichkeiten gefunden, mich selbst auf positive Art zu spüren, und das macht mich glücklich.
Wenn es sein muss, wird dann auch mal eine Leinwand so „übel zugerichtet“, dass es mich emotional befreit, oder ein Stück Stein wird traktiert, und erstaunlicherweise entstehen dann oft richtig gute Bilder oder Skulpturen.

#7 - 08.11.2017, 20:19 von ergo-oetken

Weitergabe über Generationenfolgen hinweg

Zitat von
Bohus: Ein Teil der Patienten hat sexuelle oder körperliche Traumata erlebt. Der Missbrauch geschieht oft in der Familie oder im nahen Umkreis. Die meisten Opfer behalten die Gewalttaten daher für sich und haben niemanden, der ihnen in ihrer Verletztheit beisteht
Zitat aus einer Netzveröffentlichung, in der Prof. Joachim Bauer zum Thema Stellung bezieht:

Zitat von
diese Menschen wurden meist schwer traumatisiert. Mehrere wissenschaftliche Studien der letzten 10 Jahre zeigen, dass zwischen 60 % und 90% der Patienten, die sich immer wieder selbst verletzen, Opfer von schwerer körperlicher Gewalt (u. a. auch von sexuellem Missbrauch) waren. Diese Gewalterfahrungen werden in einem unbewussten "Trauma- Gedächtnis" gespeichert und hinterlassen schwere seelische Wunden, die nur durch eine längere psychotherapeutische Behandlung geheilt werden können. Die Therapie ist allerdings sehr schwierig: Weil Borderline-Betroffene zwischenmenschliche Beziehungen nur kurze Zeit ertragen können, brechen sie den Kontakt zu anderen Menschen -auch zum Psychotherapeuten- oft nach kurzer Zeit wieder ab, obwohl sie zu denen gehören, die Hilfe besonders dringend benötigen.
http://www.psychotherapie-prof-bauer...undtrauma.html

Ich möchte Folgendes zu bedenken geben: „Borderline“ oder präzise „Emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ“ entwickelt kein Kind einfach so, Prof. Bohus wies darin im Interview hin. Es fällt auf, dass fast nur Mädchen oder junge Frauen diese Diagnose bekommen. Meine These zur Entstehung ist, dass hier familiäre Disposition und transgenerational weiter gegebenes Fehlverhalten als Traumafolgestörung zusammen kommen. Jungen reagieren gemäß der immer noch prägenden traditionellen Geschlechtervorgaben anders auf Unruhe, Gewalt, sexuellen Missbrauch und Misshandlung sowie Parentifizierung, also der Umkehr der Eltern-Kind-Rolle als Mädchen und bekommen eher den „ADHS“-Stempel als das „Borderline“-Etikett verpasst. Wenn Mädchen Mütter haben, die Probleme haben, sich emotional zu regulieren, ist es für sie schwer, einen tragfähige Beziehung zu diesen aufzubauen. Sie wenden sich dann, falls vorhanden, ihren Vätern oder anderen älteren männlichen Bezugspersonen zu, was an sich eine normale und gesunde kindliche Reaktion darstellt.

#8 - 09.11.2017, 13:14 von lachina

Sie sind aber auch schwierig....

Ich selbst halte mich von den meisten Borderlinern fern. NICHT weil ich sie nicht verstehe oder weil sie mir bedrohlich erscheinen , sondern weil sie im Umgang fürchterlich anstrengend sein können, wahre Energie-Räuber.
Entweder lieben oder hassen sie einen, Schwarz oder Weiss, dazwischen gibt es nichts. Sehr gut in andere hineinversetzen können sie sich nicht, da sie alles auf sich beziehen. Ich finde, der Artikel beschreibt überhaupt nicht das typische Borderline.

#9 - 09.11.2017, 16:32 von ergo-oetken

Fortsetzung

Zitat von ergo-oetken
Sie wenden sich dann, falls vorhanden, ihren Vätern oder anderen älteren männlichen Bezugspersonen zu, was an sich eine normale und gesunde kindliche Reaktion darstellt.
Wenn nun diese Männer oder männlichen Jugendlichen ihrerseits ihre Emotionen über das kleine Mädchen und dessen natürliche Zutraulichkeit regulieren und sich dabei in den Bereich der sexuellen Stimulation bzw. Erregung bringen, Stichwort „Flirten“, dabei aber die selbstverständlichen Grenzen, die es zwischen Bezugsperson und Kind geben muss, nicht wahren, kann das in klassischen sexuellen Missbrauch übergehen. Das emotionale und sexuelle Stimulieren des älteren männlichen Vertrauten, damit dieser sich „wohl fühlt“ - ggf. auch weil dieser Mann so seine Depression oder Suchterkrankung zu kompensieren gedenkt- wird für das Mädchen so zu einem Überlebensmechanismus. Denn es fehlt ihm Zuwendung. Die der Erwachsene aber vom Grad der Kooperation des Mädchens im dysfunktionalen sexualsierten Gefüge abhängig macht. Dies stellt eine multimodale Misshandlung und Ausbeutung eines Kindes durch einen Erwachsenen dar. Gleichzeitig hat das weibliche Kinderopfer der massiven, auch von, im sexuellen Zusammenhang an sich normaler Aggression begleiteten Erregung, die die Sexualität des Erwachsenen ausmacht, nichts entgegen zu setzen. Dass aus dieser heftigen emotionalen und physischen Überforderung Zustände von Überanspannung, Impulsivität und Autoaggressionen erwachsen können, sollte jedem Erwachsenen, der selbst schon mal sexuellen Kontakt mit einer anderen Person hatte und sich ein wenig in die Perspektive von Kindern hinein versetzen kann klar sein.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

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