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Gesundheit

"Über allem schwebt die Selbstanklage"

Getty Images/iStockphoto Heftige Gefühle, Fressanfälle, Erbrechen, Scham - das ist der Teufelskreis, in dem sich Bulimiker befinden. Die Ärztin Elisabeth Rauh erklärt, was daran so gefährlich ist und warum der Wille keine Rolle spielt.
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#1 - 02.08.2018, 15:01 von s. greer

Es muss nur Klick machen!

Ich litt als Jugendliche zweieinhalb Jahre lang unter Bulimie (13-15 Jahre), die durch Kommentare im Familien- und Freundeskreis ausgelöst wurde. Als Kind war ich sehr dünn und als ich in die Pubertät kam und ein paar Kilo zunahm, wurde das leider kommentiert. Der ständige Konsum von Zucker, Weißmehlprodukten und Fertiggerichten sorgt leider für einen ständigen, nicht leicht zu kontrollierenden Appetit, was weder mir, noch meinen Eltern damals bewusst war. Ich übergab mich mehrmals täglich nach meinen Fressattacken, was niemand in der Familie bemerkte. Eines Tages las ich im Internet, was die Bulimie mit mir macht (Nährstoffunterversorgung, kaputte Zähne, entzündete Speiseröhre etc.) und entschied in diesem Moment, dass ich damit aufhöre. Meine Bulimie war somit von einem Tag auf den anderen vorbei, weil mir bewusst wurde, dass ich mein Wachstum dadurch einschränke und wie befürchtet, waren meine Zähne bereits so stark beschädigt, dass ich zwischen den Frontzähnen überall Füllungen benötigte, weil der Zahnschmelz aufgeweicht war. Ich stellte meine Ernährung um, ersetzte Weißmehl durch Vollkorn, verzichtete überwiegend auf Zucker und gesüßte Getränke und das ist jetzt 18 Jahre her. Der Heißhunger bleibt bei einer vollwertigen Ernährung aus und ich bin nie wieder rückfällig geworden.

#2 - 02.08.2018, 15:49 von pariah_aflame

Verharmlost

"In Deutschland leiden nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 0,3 Prozent der Frauen und 0,1 Prozent der Männer im Alter von 18 bis 79 Jahren an Bulimie. Bei den jüngeren Betroffenen gibt es keine repräsentativen Daten. "

Das klingt wenig, doch

"Rund 30,1 Prozent der Mädchen im Alter von 17 Jahren zeigten Hinweise auf eine Essstörung. Die Daten stammen aus der vom Robert Koch-Institut im Rahmen des bundesweiten Gesundheitsmonitoring durchgeführten KIGGs-Studie."

Dazu gibt es offiziell etwa 70 bis 100 Personen, die in D pro Jahr selbstinduziert verhungern. Bei 11.000 Neudiagnosen von Bulemie und Anorexie darf hier getrost von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Insbesondere, wie ja auch im Interview betont, weil die Diagnose oft zu spät gestellt wird und davon auszugehen ist, dass viele Betroffene ihren Zustand nicht als Krankheit ansehen und gar nicht erst beim Arzt vorstellig werden. Ich bin selbst Ernährungswissenschaftler und habe schon Fachleute von vierstelligen Todeszahlen pro Jahr reden hören. Hier spielen gewiss auch Selbstmorde eine große Rolle.

Soweit die (unsicheren) Fakten, meine Meinung: Esstörungen sind die Leichen im Keller unserer Konsumgesellschaft. Warum trifft es drei mal mehr Mädchen als Jungs? Vielleicht weil das Schönheitsideal des superschlanken Modells dauerhaft über die Medien auf formbare, unsichere Jugendliche trifft? Weil selbst Werbung für Nahrung uns einredet, wir müssen stets super fit und super schlank sein?

Scheint Sinn zu ergeben, wenn Frau Doktor Rauh von Selbstanklage spricht. Unsere schöne, selbstverliebte Scheinwelt und ihre Glitzerreklame bringt unsere Kinder um, indem sie ihnen auf allen Kanälen ein falsches Ideal einbläut. Aber hinterher wills keiner gewesen sein, keiner hat Modells per Photoshop schlank gemacht! Aber die eine Dicke aufm Laufsteg, ja, die macht doch den Unterschied, nicht wahr? Und wenn schon die Foto-Software auf dem Handy Filter zum besseren Aussehen an Bord hat, dann muss das eigene Aussehen auch irgendwann mal zum Instagramm-Profil passen. Die Ursachen hier allein bei psychologischen Problemen Einzelner zu suchen, ist Heuchelei - zumal 30% aller minderjährigen Mädchen alles andere ist als "Einzelne."

#3 - 02.08.2018, 17:13 von lachina

Traurige Realität....

als mir eine der 14jährigen Schülerinnen gestand: " Bei uns in der Klasse gibt es keine, die nicht wenigstens versucht, sich den Finger in den Hals zu stellen." Am Anfang erscheint es als DER schlaue Ausweg von "Ich möchte essen UND richtig dünn sein", aber es führt in die Störung, in die Sucht und in die Krankheit. Im Gegensatz zu Magersüchtigen , die bemitleidet werden, finden viele Bulimikerinnen auch noch ekelig, denn das sind doch die "die kotzen". Vielleicht nochmal den Druck überdenken, der in punkto Gewicht gemacht wird :
Auch ein "gesundes" Körpergewicht bedeutet nicht, dass wir alle Größe XS oder S tragen können, denn wir haben verschiedene Körperformen - und das ist gut so.

#4 - 03.08.2018, 09:27 von schwelle

Solange in der Damen-Modewelt "Curvy" schon ab Konfektionsgröße 38 beginnt und man mit Konfektionsgröße 40/42 schon als stark übergwichtig dargestellt wird, werden gerade junge Mädchen immer in die diese völlig falsche Richtung gedrängt. Natürlich will da keine "dick" sein, also muss man auf jeden Fall dünner als Konfektionsgrösse 38 sein und das notfalls auch mit extremen Mitteln herbeiführen.

#5 - 04.08.2018, 11:36 von egonv

Ich möchte noch ergänzen, dass offenbar die Wahrnehmung des Wertes von Nahrungsmitteln fehlt. Sicherlich eine Folge des Überflusses der westlichen Welt.
Was das "Idealbild" des Gewichts betrifft, so haben wir zwei Fragen: Was ist gesund? Was ist schön? Ersteres müsste nochmal genauer bearbeitet werden. Es scheint keine wesentlichen Gründe zu geben, die z.b. eine Erhöhung des Normal-BMI ausschließen. Gerade im Bereich 25-29 (bisher Übergewicht) liegen bei sonst gutem Lebensstil (Sport, zumindest überwiegend ausgewogene Ernährung) kaum erhöhte Risiken für Krankheiten vor. Das könnte man mal öffentlich stärker verbreiten.
Die Frage nach der Schönheit hingegen ist schwieriger. Ich denke es sind nicht unbedingt die Marken, Konzerne etc. der Gedanke schlank sein zu müssen kommt aus der Gesellschaft. Die Models werden daran angepasst, wobei das nicht mehr zeitgemäß zu sein scheint und deswegen im Umbruch ist.
Ich finde es ohnehin affig, dass Schönheit so sehr an Gewicht gekoppelt ist. Man kann So und so schön aussehen. Gewicht ist nicht Aussehen und Gewicht ist nicht mal Figur!