Schrift:
Ansicht Home:
Forum
Karriere

Autisten im Bewerbungsgespräch: Alles, nur kein Small Talk

Corbis Akribisch und mit unbestechlichem Blick - wegen ihrer analytischen Fähigkeiten sind Autisten begehrt in der IT-Branche. Aber Personaler können im Vorstellungsgespräch viel falsch machen. Am besten verraten sie ihre Fragen vorher. Und lassen das Aftershave weg.
zum Artikel
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!
    Seite 2/9    
#10 - 03.11.2013, 12:42 von yogibimbi

Interessante These...

Zitat von a.vollmer
Der Asperger oder HFA-Autist ist der Normalzustand. Die emotional-sentimentale Verwirrtheit der so genannten "Normalen" ist eine Devianz, genauso wie der LFA-Autismus auf der anderen Seite. Die "Normalen" sind nur die "Üblichen", die Norm wird nicht durch die Mehrheit bestimmt. Disfunktionale Devianzen wie die Bereitschaft zu Lügen,das Verändern von Sinninhalten durch Sarkasmus und Ironie oder andere Beeinträchtigungen, die sich bei den "Üblichen" zeigen, sind die Normabweichung. Schon die Vorstellung, dass sich die Norm nach der Mehrheit richtet ist deviantes Denken.
...allerdings ist statistisch gesehen derjenige Teil der Gausschen Normalverteilung als "normal" definiert, der sich um die Mitte herum drubbelt, und das sind nun mal, Gott sei's geklagt, die Neurotypen. Ist ja auch klar, mit ihrem Zusammenseinsbedürfnis vermehren die sich halt wie die Karnickel, gemessen an Autisten;-)
Einen abstrakten und idealisierten moralischen Zustand als "normal" zu definieren ist schon alleine aus dem Grunde problematisch, weil sich dabei immer mal wieder sehr gerne Wishful Thinking einschleicht, von der Herrenmenschenideologie der Nazis (die im wesentlichen darauf basiert, dass die braunen Dumpfbacken, wenn sie in den Spiegel schauen, sich an dem einzigen festkrallen, was sie von anderen Dumpfbacken unterscheidet, und das ist im Zweifelsfalle dann die Hautfarbe und der Geburtsort), bis hin zum verklärenden Zerrbild des "edlen Wilden" der Aufklärung. Statistik lügt nicht, und da sind die Karnickel nun einfach mehr. Was lügt, ist die Interpretation der Statistik.
Dass man sich als Aspie/Autist, der von allen Seiten in der heutigen Gesellschaft mitbekommt, dass er nichts wert ist, solange er sich nicht dem Hokuspokus der Neuros unterwirft, sein Selbstwertempfinden gerne ein bisschen aufwertet, ist vollkommen verständlich; man sollte aber davon absehen, sich selbst als einen moralisch überlegenen, abstrakten Idealzustand zu definieren, weil sowas niemanden irgendwie weiter bringt und von der Evolution sowieso wegen mangelnder Flexibilität gerne mal einkassiert wird.

#11 - 03.11.2013, 13:27 von cola79

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt...

Zitat von vonwoderwestwindweht
aus dem Blickwinkel von Autisten häufig ganz bedauernswerte Zustand von neurotypischen Menschen, also "Normalos", als erstrebenswertes "Endziel" dargestellt und definiert wird. Von Autisten wird lebenslang eine unfassbare Anpassungsleistung erwartet - viele sind nicht mehr bereit, diesen Aufwand für nichts und wieder nichts zu leisten, weil die Schleifspuren an anderer Stelle so enorm sind, dass sowas existentiell bedrohlich werden kann. Think about it.
Bischen sehr eindimensional und lebensfremd, was Sie da schreiben. Selbstverständlich ist Autismus eine Störung, die mitunter leicht, oft eben auch massiv verlaufen kann.

Was Sie scheinbar völlig ausblenden ist, dass Autismus eben nicht dazu beiträgt, in der Natur überleben zu können. In der aseptischen modernen Großstadtwelt, in der allenfalls das After Shave die Bedrohung ausmacht, mögen Autisten eine Zukunft haben. Das industrialisierte Leben ist aber kein Normalzustand, das kann morgen schon vorbei sein.

Was glauben Sie, wer überlebensfähiger wäre, eine Gruppe Autisten, oder die von ihnen belächelten Normalos? Suchen sie mal die Fehlerquellen von Autisten gemessen an den Anforderungen der Umwelt (nicht der gesellschaftlichen Umwelt), da siehts dann nicht mehr so rosig aus.

Diese Anpassungsleistung, die Sie beklagen, wird übrigens von allen geleistet, ob Autist oder nicht. Da sehen Sie dann auch ganz deutlich, warum Autismus als Entwicklungsstörung gilt. Während der Normalo mit den Umständen lebt und sich arrangiert (weil es eben nicht anders geht, vieles ist ja die Summe verschiedenster Anforderungen, und nicht mutwillige Gängelung), ist der Autist mitunter bockig und geht in die Verweigerungshaltung.

Gerade das macht ja oft das Störungsbild aus, dass eben obwohl möglich, die letzte Hürde nicht genommen wird, weil ein Entwicklungsdefizit besteht.

Es ist natürlich schön, wenn für jeden Menschen Arbeitsplätze geschaffen werden. Aber sich das jetzt so rumzudrehen, dass nun die Stunde des Autismus schlägt, ist abwegig. SAP schöpft einfach human capital ab, das sie benötigen. Entwickelt irgendwann irgendwer sich selbstprüfende Software, die auch funktioniert, ist der Nutzen für SAP obsolet.

#12 - 03.11.2013, 13:28 von vonwoderwestwindweht

***

Zitat von yogibimbi
Einen abstrakten und idealisierten moralischen Zustand als "normal" zu definieren ist schon alleine aus dem Grunde problematisch, weil sich dabei immer mal wieder sehr gerne Wishful Thinking einschleicht...
Ich habe das von a.vollmer eher als Denkanstoß in Richtung neurotypischer Menschen verstanden, denn jeder hochfunktionale Autist hat ja schon endlos oft die Erfahrung gemacht, dass man von neurotypischen Menschen einem neurotypischen Konzept unterworfen werden soll, obwohl dieses Konzept aus dem autistischen Blickwinkel oftmals eine Verschlechterung darstellt. Aus dem Blickwinkel eines Asperger-Autisten mit Extrem-Begabung auf einem speziellen Gebiet erscheinem einen natürlich alle "Normalos", die auf diesem speziellen Gebiet höchstens Durchschnitt sind, als "behindert" oder bestenfalls als Spezialgebiets-Legastheniker. Umso absurder erscheint es, wenn man dann ausgerechnet von solchen "umerzogen" werden soll.

Ich habe das so verstanden, dass a.vollmer auf das Phänomen des Blickwinkels bzw. Standpunkts hinweisen wollte.

Was das Thema Evolution betrifft, so ist dieses ohne Zweifel eines der am interessantesten unter Asperger-Autisten diskutierte Thema. Denn auch wenn Autisten niemals "die Mehrheit" bilden können, so dürften sie ohne jeden Zweifel auch einen evolutionären Sinn haben, da eine durchschnittliche Mehrheitsgesellschaft zwar einerseits für das Funktionieren einer Gesellschaft, also die Tragfähigkeit in der Breite Grundvoraussetzung ist, aber jede Gesellschaft auch Außenseiter braucht, die durch ungewöhnliche Ideen und Verhaltensweisen bestimmte Grenzen in konstruktiver Weise neu abstecken. Was nicht heißt, dass jeder Autist genial ist oder jedes Genie ein Autist. Aber es sind halt oft Leute mit ungewöhnlichen Denkkonzepten, die für Erfindungen, neue Ideen usw. verantwortlich sind. Eine Gesellschaft braucht beides, es ist ein Fehler, wenn die einen versuchen, die anderen zu unterdrücken oder gar "abzuschaffen".

Meiner Ansicht nach ist die Über-Therapiererei von Abweichlern von der Norm ein großer Fehler. Da fehlt es sehr an Vertrauen in die ungewöhnlichen Denk-Konzepte. Die Pianistin Clara Schumann beispielsweise (sicherlich keine Autistin, aber eine höchst begabte Abweichlerin) hat bis zu ihrem sechsten Lebensjahr nicht gesprochen. Offenbar war es für ihr musikalisches Empfindungskonzept bis dahin so absolut wichtig und richtig. Man hat sie damals gelassen und ihr höchstwahrscheinlich dadurch erst mitermöglicht, ihre Begabung innerlich "auf die richtige Spur" zu setzen. Heute wäre so etwas undenkbar, sie würde sofort in einem mehr oder weniger aufgezwungene "Therapie" gesteckt, mit für ihre Begabung höchstwahrscheinlich verheerenden Resultaten. Aber Hauptsache "normal". Im Umgang mit ungewöhnlichen Menschen macht unsere Gesellschaft eher Rückschritte und merkt es nicht einmal. Und daher kann der von a.vollmer angestoßene Perspektivwechsel nicht schaden.

Grundsätzlich bin ich aber pessimistisch. Sobald es einen Gen-Test geben wird, werden Autisten pränatal abgeschafft werden. Dann hat sich das mit der Herum-Therapiererei und Autisten-Zoos so oder so erledigt.

#13 - 03.11.2013, 13:35 von tuplapukki

Temple Grandin schrieb einmal,

sie sei überzeugt, dass die Menschheit heute noch in Höhlen hausen würde, wenn es keine Autisten gegeben hätte.

#14 - 03.11.2013, 13:41 von mrs.sophie

Ich bin auch Aspergerin

und weiß das seit fast 2 jahren. ich bin 54 Jahre und leide also schon fast mein ganzes Leben unter meinem eigenen, aber auch dem anderer, so zu sein wie die Anderen. Ich habe mich immer gewundert, warum ich so anders bin und nicht dazu gehöre. Nun weiß ich das. Und noch viel mehr: In meiner Familie sind die Aspies die Normalen, die Neurotypischen die Minderheit. 2 meiner drei Kinder sind ebenfalls Aspies. Wir arbeiten alle in qualifizierten Berufen. Soziales leben ist aber so eine Sache. Da muss uns was schon richtig interessieren. Dann gehts. Auch Freunde sind mehr so ein Gefühl als die Realität. Meint: Aus den Augen, aus dem Sinn. Man hat nur noch im Hinterkopf, das es da jemanden gibt, den man eigentlich mag.
Lettendlich ist es bei mir so: ich habe absolut keine Lust mehr, mich länger anzustrengen um nicht aufzufallen. Ich sage jetzt jedem, des es wissen will (oder auch nicht), dass ich Aspergerin bin und dies oder jenes eben nicht so gut kann. Zum Beispiel mir Namen oder Gesichter merken. So lebt es sich viel entspannter und ich spaziere nicht mehr am Rande eines Burn-Outs dahin. Wer nicht mit mir zurecht kommt, hat vielleicht selbst ein Problem, denke ich jetzt. Ach: ich bin Ärztin.

#15 - 03.11.2013, 13:43 von profsurgical

Echte Autisten oder falsche ??

Denn wir haben viele Autisten und Narzisten in Führungspositionen, wo sie nichts zu suchen haben !

#16 - 03.11.2013, 14:26 von vonwoderwestwindweht

Zitat von cola79
Selbstverständlich ist Autismus eine Störung
Sie haben den Passus nicht verstanden. Also nochmal: eine "Störung" bedeutet, dass es eine eingetretene Abweichung eines vorherigen Zustands gibt. Das trifft auf Autisten nicht zu: die waren immer so und werden immer so bleiben. Und wenn sie noch so viele "Entstörungsdienste" (Therapeuten) engagieren: Autisten können nicht "entstört" werden. Die können höchstens lernen, Normalo-Darsteller zu werden. So wie Homosexuelle "lernen" können, dass es in mancher Gesellschaft von Vorteil ist, einen Hetero zu mimen. Bei den Schwulen ist man heute weiter (zumindest in westlichen Gesellschaften), da macht man sowas heute nicht mehr, aber beim Thema Autismus ist das heute noch "State of the Art". Da gibt es viele "Normalos", die Autismus für eine "Störung" halten, die man dem Autisten bloß "abgewöhnen" muss. Dass Autisten eine komplett andere Wahrnehmung haben, hat sich bis zu Leuten wie Ihnen noch immer nicht herumgesprochen. Die denken wie Sie: dass es eine Frage von "gutem Willen", Disziplin und Anpassungsfähigkeit an eine wie auch immer geartete "Norm" ist.

Zitat von cola79
Was Sie scheinbar völlig ausblenden ist, dass Autismus eben nicht dazu beiträgt, in der Natur überleben zu können. In der aseptischen modernen Großstadtwelt, in der allenfalls das After Shave die Bedrohung ausmacht, mögen Autisten eine Zukunft haben. Das industrialisierte Leben ist aber kein Normalzustand, das kann morgen schon vorbei sein.
Dann setzen Sie mal einen neurotypischen Großstädter in der Pampa aus. Und die "moderne Großstadtwelt" ist für die meisten Autisten kein optimales Lebensumfeld, davon ganz abgesehen.


Zitat von cola79
Was glauben Sie, wer überlebensfähiger wäre, eine Gruppe Autisten, oder die von ihnen belächelten Normalos?
Es geht nicht um besser oder schlechter, sondern darum, dass man Menschen in ihrem So-Sein annehmen könnte und dass eine Gesellschaft von einer gewissen Bandbreite an Typen profitieren kann und darin nicht immer gleich eine auszuradierende Bedrohung sehen
muss.


Zitat von cola79
Während der Normalo mit den Umständen lebt und sich arrangiert (weil es eben nicht anders geht, vieles ist ja die Summe verschiedenster Anforderungen, und nicht mutwillige Gängelung), ist der Autist mitunter bockig und geht in die Verweigerungshaltung.
Autisten haben offensichtlich eine andere Sinneswahrnehmung als neurotypische Menschen. Besonders offenkundig wird das bei der Geräuschverarbeitung im Gehirn. Wenn Sie bestimmte Verhaltensweisen, die damit im Zusammenhang stehen, als "Verweigerungshaltung" bezeichnen, dann ist das genauso absurd als wenn man einem Blinden eine Verweigerungshaltung beim Sehen attestieren würden. Umgekehrt können Autisten bestimmte Dinge oft besser, also auch was das Hören betrifft. Genauso gut könnten nun ein Autist Ihnen als neurotypischen Menschen vorwerfen, ein mäßiges Hören, etwa die Unfähigkeit bei einer fünfstimmigen Fuge von Bach gleichzeitig alle Stimmen einzeln herauszufiltern, sei eine Verweigerungshaltung. Nicht alles hat gleich Krankheitswert oder ist ein "Defizit".

#17 - 03.11.2013, 14:35 von ixap

Gefährlich

Ist ja toll, wenn SAP bei der Einstellung einen Rahmen schafft, der es dem Bewerber erlaubt seine Stärken auszuspielen. Aber was bringt es, wenn die Sekretärin des Chefs mit Parfüm zur Arbeit kommt? Sprich der Alltag nicht der Bewerbungssituation entspricht?

#18 - 03.11.2013, 14:38 von owly

Surviving of the fittest

Sollte man eigentlich besser als Ueberleben des Passendsten uebersetzen. In diesem Sinn sind Aspies sicher eine guenstige Mutante in dieser technisierten Welt.

#19 - 03.11.2013, 14:42 von singlesylvia

Bei Autisten wird immer gerätselt, warum sie sich auf bestimmte Dinge so stark konzentrieren können bzw. besondere kognitive Fähigkeiten haben und ob das eine Störung ist.
Mich würde aber eher mal interessieren, warum wir sogenannten Normalos das nicht können bzw. nicht haben und ob deswegen wir Normalos nicht eine Störung haben.

    Seite 2/9