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einestages

Flucht von DDR-Punks

"Ich war siebzehneinhalb und total verliebt"

Punks waren im Visier der Stasi, Geralf Pochop wurde massiv verfolgt. Als er und seine Freundin Daniela 1989 nur noch weg wollten, gaben andere Punks alles, kurz vor dem Mauerfall. Ein Treffen 30 Jahre danach.

Geralf Pochop
Von
Donnerstag, 07.11.2019   15:36 Uhr

Bitte verliebt in die Kamera lächeln. Klick. Zwei Punks im Glück, Arm in Arm: Geralf, 24, und Antje, 21, im Oktober 1988 in Potsdam.

Doch diese Liebe ist eine Lüge. Geralf Pochop lebt in der DDR in Halle, Antje Nolte in der BRD in Braunschweig. Eben haben sie sich zum ersten Mal gesehen, arrangiert von einem Freund, der es aus dem Osten nach Braunschweig geschafft hatte. Antje hat sich so vorgestellt: "Ich bin Antje und heirate dich raus." Raus in den Westen. Damit die Stasi glaubt, dass sie verliebt sind, will Geralf die gestellten Fotos verschicken. Er weiß, die Stasi liest seine Post - schon lange.

Denn Geralf ist DDR-Punk der ersten Stunde, die Subkultur wird in den Achtzigern massiv verfolgt. Die Stasi hat ihn bespitzelt, bedroht, entführt; er landete im Knast. Sein Ausreiseantrag bleibt unbeantwortet. So hofft er auf diese falsche Hochzeit, weil die Behörden über Heiratsanträge kurzfristig entscheiden müssen.

Eike Berg

Foto für die Stasi: Geralf und Antje

Seine Gefühle sind gemischt. Denn Geralf hat eine Freundin, die er wirklich liebt - aber in der DDR: Daniela Biernoth, auch sie aus dem Umfeld der Punkszene.

Daniela aber kann nicht weg. Sie ist ja erst 16.

Beide zermartern sich den Kopf. Klappt der verrückte Plan, war es das wohl mit ihrer Beziehung. Daniela könnte frühestens mit 18 die Ausreise beantragen. So jung plant man nicht die Zukunft, schon gar nicht als Punk.

31 Jahre später stehen Geralf Pochop und Daniela Biernoth vor dem Altar in der evangelischen Christuskirche in Halle. Nicht weil sie heiraten wollen, sondern weil ihre Geschichte hier beginnen soll, an diesem besonderen Ort, der Unangepassten wie ihnen einst einen der seltenen Freiräume bot.

Pochop sucht sofort den bösen Punk auf dem Altarbild und murmelt: "Irgendwo muss er doch sein." Seine Augen wandern über das verblüffend unchristliche, expressionistische Bild: eine nackte Frau neben einem Sowjetsoldaten mit irrem Blick, dahinter ein Stasi-Spitzel. Doch wo ist der Punk, hat ihn seine Erinnerung getäuscht? Zuletzt war Pochop zu DDR-Zeiten hier.

Fotostrecke

Verfolgte Punks in der DDR: "Sie sind eine nagende Ratte am Fundament des Sozialismus"

Damals heißt der Altar noch "Punk-Altar" und Geralf ist in den Augen der Stasi selbst ein böser Punk. Er pogt in der Kirche mit Gleichgesinnten in einem wütenden Tanzstil, der an ein zuschnappendes Klappmesser erinnert. Punk bedeutet für ihn Freiheit, das Beste, was ihm in der DDR passieren konnte. Der hölzerne Kirchenboden bebt, wenn Bands mit markigen Namen auftreten: Größenwahn, Wutanfall, Restbestand, Namenlos.

Im obersten Stock der Schule gegenüber sitzt die Stasi und beobachtet oder verhindert ab 1983 solche Konzerte. In der Kirche brüllen die Punks: "Macht eure Glotzen zu, dann seht ihr unsere Fressen nicht, dann habt ihr eure Ruh!" Und: "Aufgepasst, du wirst bewacht vom MfS-SS."

Tanzen, bis einer den Stecker zieht

Die DDR sieht im "Pank" - so schreiben es manche Funktionäre - eine Gefahr für die Jugend und treibt Menschen wie Geralf in den musikalischen Untergrund. Kirchen sind oft die letzten Refugien für die deftigen Konzerttexte: "Rote Parolen, Sowjetmacht, haben uns nur Scheiß gebracht! Nazis, Nazis, Nazis wieder in Ost-Berlin!"

Manchmal wird es selbst den liberalen Kirchenleuten zu viel. Dann zieht jemand den Stecker und bittet die Punks, sich brav auf den Kirchenboden zu setzen; danach dürfe das Konzert weitergehen. "Beim ersten Takt sprangen alle wieder auf", erzählt Pochop.

Geralf Pochop

Punks in Halle 1987

"Ich war begeistert von der Geradlinigkeit der Bands und ihrem Mut", sagt er in die Stille der leeren Christuskirche. Wie ein Punk sieht der dreifache Familienvater nicht mehr aus. Dunkles Hemd, die einst wilden, tiefschwarzen Locken sind jetzt kürzer und grauer. Heute könnte er sie leichter färben; in der DDR mangelte es an starken Bleichmitteln, aus Not griff er daher zu einer Lösung gegen Fußpilz. "Die hat tolle pinke Haare gemacht", weiß Daniela Biernoth noch.

Auch sie ist schlicht gekleidet. Keine selbstgenähten Netzoberteile, keine schwarzgesprühten Stiefel mehr. In der DDR wechselte sie oft heimlich im Keller ihr Outfit. Und verschwieg ihren Eltern Geralf.

Der erlebte seine "glücklichsten Momente" in Kirchen. Das erste Punk-Konzert 1982 in der Lutherkirche, nachdem er die Musik jahrelang nur aus dem West-Radio mitschneiden konnte. 1983 das erste Punk-Festival der DDR in der Christuskirche, organisiert von einem mutigen Jugendpfarrer, der spätere Festivals etwa als "Orgel-Knup" tarnte; rückwärts gelesen wird aus "Knup" Punk.

"Bei Renitenz Samthandschuhe ausziehen"

"Ich hätte nie gedacht, dass ich im Osten mal eine Punkband sehen kann", sagt Pochop. "Und plötzlich gab es diese Musik live, sogar in meiner Stadt, ohne dass wir auf den Westen starren mussten. Das machte das Leben in der DDR viel lebenswerter." Bis das Regime die Zügel anzog.

Ihre Jugend stellt sich die SED nämlich anders vor: In der FDJ marschiert sie in Reih und Glied, in Jugendclubs gilt eine "sozialistische Kleiderordnung". In dieser Welt ist kein Platz für "Provokateure" wie Geralf, der mit einer Kommune ein verwaistes Haus bewohnt, den Wehrdienst verweigert und eine Ratte mit sich rumträgt. Als Punk fühlt er sich freier. Aber: "Für den Staat war ich auch vogelfrei."

1983 befiehlt Stasi-Chef Mielke "Härte gegen Punk". Schon auf das "unästhetische Äußere" können 500 Mark Strafe stehen. Musiker werden weggesperrt, Punks dürfen Kinos, Kneipen, Jugendtreffs nicht mehr aufsuchen, ein zweites Punk-Festival in der Christuskirche in Halle wird unterbunden. Ein Stasi-Befehl von 1983 gibt die Linie vor: "Sachlich angehen, bei festgestellter Renitenz Samthandschuhe ausziehen, wir haben keinen Anlass, mit diesen Figuren zart umzugehen."

Pochop erzählt, was er 1986 erlebte: Männer zerren ihn in ein Auto und fahren in einen einsamen Wald. Das Verhör schildert er als eine einzige Drohung. Geralf soll als IM die Punkszene ausspitzeln, lehnt ab und wird ein zweites Mal verschleppt, diesmal in ein geheimes Stasi-Büro in einem Abrisshaus. Wieder verweigert er alles.

Als die Männer ihn laufen lassen, verspürt er Todesangst. Ist er nicht Mitwisser des Geheimbüros? Von nun an will er nur noch weg, auch weil jede Perspektive fehlt: Der Staat behandelt ihn wie einen Geächteten und lässt den ausgebildeten Funkmechaniker nur Hilfsarbeiten als Gasbeleuchter oder Essensausträger verrichten.

Er beantragt die Ausbürgerung. Anfangs war Geralf widerspenstig, aber unpolitisch. Nun gilt er als Staatsfeind und wird im Oktober 1987 wegen "öffentlicher Herabwürdigung" der DDR zu sechs Monaten verurteilt, zeitweise mit Schwerverbrechern inhaftiert.

Der Musik bleibt er treu und lernt 1988 Daniela Biernoth kennen, die für The Cure schwärmt, aber auch Ost-Punkbands wie Schleimkeim hört. Bald darauf beginnt die Posse mit der Scheinehe. Dass ihr Freund eine andere heiraten will? "Kein so tolles Gefühl", sagt Biernoth heute.

Drei Tage durchgeheult

Am 20. Dezember 1988 verloben sich Geralf und Antje in Halle. Sie schenkt ihm feuerrote West-Haarfarbe. Wieder mimen sie das glückliche Paar. Die Stasi beißt an. Auf dem Rückweg nach Braunschweig wird Antje an der Grenze stundenlang verhört. Eine gemeinsame Silvester-Reise nach Ungarn folgt.

Plötzlich jedoch ist die beantragte Ehe überflüssig. Denn überraschend wird Geralfs Ausreiseantrag genehmigt, am 27. April 1989 darf er die DDR verlassen. Beim Abschied verliert Daniela die Fassung, flucht auf die Stasi. "Unsere Zukunft endete abrupt an diesem Tag um 10 Uhr am Bahnhof", erinnert sie sich. "Ich habe drei Tage durchgeheult."

Geralf Pochop

Daniela und Geralf in Budapest

Selbst das Telefonieren wird zum Problem. Danielas Familie hat keinen Anschluss, also müssen sich beide am Apparat einer Freundin verabreden und können nicht offen reden. Das Paar fiebert also einem Sommerurlaub in Ungarn entgegen. "Ich hatte nicht geplant zu fliehen und nur Sommerkleider mit", sagt Biernoth. "Aber als wir uns in Budapest am Bahnhof trafen, war unausgesprochen sofort klar: Wir trennen uns nicht mehr."

Geralf trampt in die BRD, mit dem Pass seiner Freundin. Er will für sie einen westdeutschen Pass ausstellen lassen, doch im Einwohnermeldeamt schaut man entgeistert und weist ihn ab.

Frustriert kehrt er nach Ungarn zurück. Was tun? Wieder helfen Punks, diesmal ungarische. Eine frappierend ähnlich junge Frau gibt Daniela ihren Pass; ungarische Bürger dürfen nach Österreich reisen. Jetzt hat Daniela eine ungarische Identität, spricht die Sprache aber nicht. Und wenn der Grenzbeamte etwas fragt? Ihre drei Begleiter im Auto vereinbaren Geheimzeichen. Wird sie etwa per Fuß angetippt, soll sie nicken.

Geralf fährt in einem zweiten Wagen vor und starrt in den Rückspiegel: "Jetzt stand es auf der Kippe, Freiheit oder Knast."

Dosenravioli und der Mauerfall

"Ich hielt die Luft an", erinnert sich Daniela Biernoth. Keine komplexen Fragen, ihr Wagen wird durchgelassen. Im Radio läuft "Satisfaction". Sie mag die Stones nicht und fühlt sich doch wunderbar: "Ich war siebzehneinhalb und total verliebt, die Welt stand mir offen."

Preisabfragezeitpunkt:
05.11.2019, 17:02 Uhr
Ohne Gewähr

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Geralf Pochop
Untergrund war Strategie. Punk in der DDR: Zwischen Rebellion und Repression

Verlag:
Hirnkost
Seiten:
200
Preis:
EUR 20,00

Einfach wird es nicht. Geralf hat auch im Westen Angst vor der Stasi. Um Spuren zu verwischen, senden die beiden extra von Amsterdam ein Telegramm in die DDR. Und aus Furcht, als Minderjährige könnten die westdeutschen Behörden sie zurückschicken, gibt Daniela ihren DDR-Pass als verloren an und macht sich ein Jahr älter. Wegen der fehlenden Dokumente bekommt sie keine Sozialhilfe, das Geld ist knapp, oft gibt es Dosenravioli.

Das Paar wohnt in West-Berlin, im Dezember 1989 wird Daniela 18 - kurz zuvor fällt die Mauer. Sie können es nicht glauben und fahren hin. An eine dauerhafte Öffnung glauben sie erst, als sie tags darauf selbst Brocken aus der Mauer hämmern und Freunde aus Halle treffen. "Vorher habe ich gedacht: Ich kann nur Geralf oder meine Familie haben", sagt Biernoth. "Plötzlich hatte ich beide. Das war so ein schöner Moment."

Und doch endet ihre Geschichte nicht ganz glücklich. Vier Jahre später zerbricht ihre Beziehung. Heute sind Geralf Pochop und Daniela Biernoth gut befreundet. Die Erinnerung verbindet, auch jetzt, als sie zusammen den Punk auf dem Altarbild in Halle suchen. Ist es vielleicht der Mann mit Kopfhörern und teuflischem Blick? Egal. Der Punk hat ihr Leben sowieso für immer verändert.


Geralf Pochop liest aus seinem Buch "Untergrund war Strategie", hier die nächsten Termine.

insgesamt 4 Beiträge
Thomas Kronberger 07.11.2019
1. selbst gewähltes Schicksal
Kaum jemand in der DDR hatte mit den Punks viel am Hut und das lag wohl daran, dass die Punks den sehr nervigen Drang hatten aufzufallen und das stets äußerst laut und negativ. Politische Botschaften waren in diesem nervigen [...]
Kaum jemand in der DDR hatte mit den Punks viel am Hut und das lag wohl daran, dass die Punks den sehr nervigen Drang hatten aufzufallen und das stets äußerst laut und negativ. Politische Botschaften waren in diesem nervigen Gehabe nicht zu erkennen. Arbeit wurde abgelehnt, die Kriminalität war in Folge dessen sehr hoch. Die Verfolgung durch die Polizei erfolgte meist aufgrund krimineller Delikte. Daher: selbst gewähltes Schicksal! Die unterschiedlichen Strömungen der DDR-Jugend hatten damals kaum Probleme untereinander; Skinheads und Punks konnte allerdings niemand leiden. Und jetzt bitte zu diesem Kommentar keine empörten Kommentare von Leuten, die weder zu dieser Zeit noch in diesem Teil Deutschlands gelebt haben.
Hans Melcher 07.11.2019
2. Punk
Mein Sohn war auch ein Punk. Der beste Schüler seiner Schule und ihm wurde das ABI verweigert. Er hat dann eine Lehre mit ABI - Abschluss bekommen und anschließend Kybernetik studiert. Jetzt, 30 Jahre später irgendwelche [...]
Mein Sohn war auch ein Punk. Der beste Schüler seiner Schule und ihm wurde das ABI verweigert. Er hat dann eine Lehre mit ABI - Abschluss bekommen und anschließend Kybernetik studiert. Jetzt, 30 Jahre später irgendwelche "heldenhaften" Behauptungen aufzustellen, ist nicht mehr nachvollziehbar. Man muss oder sollte sich immer irgendwie durch "wurschteln". Das war in der DDR so und wenn ich heute die Bundespolitik kritisiere bin ich ein NAZI. Es hat sich leider wenig geändert.
M. Lutz 08.11.2019
3. Das sind selbstrichtende Aussagen:
@2: Zwei wirklich erstaunliche Aussagen von Ihnen - Durchwurschteln als Lebensprinzip + kaum Veränderungen zwischen der DDR damals und der BRD heute. Zur DDR kann ich mangels eigener Kenntnis nichts sagen, aber wenn sie [...]
@2: Zwei wirklich erstaunliche Aussagen von Ihnen - Durchwurschteln als Lebensprinzip + kaum Veränderungen zwischen der DDR damals und der BRD heute. Zur DDR kann ich mangels eigener Kenntnis nichts sagen, aber wenn sie tatsächlich ähnlich der BRD heute gewesen sein soll - also weltweit eines der freiesten, liberalsten und wirtschaftlich erfolgreichsten Länder der Welt - muss ich die falschen TV-Bericjte und Zeitungen gelesen haben und gab es für die Bevölkerung nicht den geringsten Anlass auf die Straße zu gehen. Das finde ich mit Verlaub recht überraschend und kaum zu glauben.
Andrea Malik 09.11.2019
4. Zu meiner Zeit
Gab es Punks oder Teenies, die Punk gehört haben in allen Gruppen. Ich selber habe Punk durch Schallplatten in der Stadtbibliothek kennengelernt. Genauso verschieden haben die Lehrer darauf reagiert. Selbst der Major, bei dem wir [...]
Gab es Punks oder Teenies, die Punk gehört haben in allen Gruppen. Ich selber habe Punk durch Schallplatten in der Stadtbibliothek kennengelernt. Genauso verschieden haben die Lehrer darauf reagiert. Selbst der Major, bei dem wir Zivil Verteidigung (9.kl. damals und 11.kl wäre der 2. Kurs gewesen) hatten, war relaxed und hat mich nicht anders behandelt. Im Gegenteil sogar. Trotzdem gab es definitiv die im Artikel beschriebenen Aktionen der Stasi. Aufgearbeitet in " Jugend im Visier der Stasi". Da wurden gezielt die Lebensläufe von unangepassten Jugendlichen , im 2. Step nach versuchten Gesprächen, dann torpediert. Diese Jugendlichen als Kriminelle oder zumindest auch als unzuverlässig darzustellen , war genau das Ziel dieser Aktionen. Das ist belegt durch Protokolle Und das war ein Verbrechen des Staates.
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