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einestages

Balkanroute anno 1947

Mutters Flucht

Nach dem Krieg floh die Mutter von TV-Moderator Andreas Wunn als donauschwäbisches Kind von Jugoslawien nach Deutschland. Genau 70 Jahre später suchten beide nach den Spuren der verlorenen Heimat - entlang der Fluchtroute.

Andreas Wunn
Mittwoch, 12.12.2018   12:37 Uhr

Zur Person

Plötzlich Hundegebell im Sonnenblumenfeld. Stiefel rammen sich ihren Weg durch die trockene Erde. August 1947: Ungarns Grenzpolizei macht Jagd auf deutsche Flüchtlinge, die aus Jugoslawien kommen. Meine Urgroßmutter und ihre beiden Enkel sind im Schatten der Sonnenblumenköpfe eingeschlafen, wach ist nur meine Großmutter, damals eine junge Frau Ende zwanzig.

Durch das Grün der Blätter sieht sie die Schnauze zuerst. Der Hund kommt schnüffelnd näher, Schritt für Schritt. Jetzt steht er direkt vor ihr und starrt sie an. Er hechelt, macht sonst keinen Laut. Ein einziges Bellen, und es wäre vorbei. Sie würden entdeckt und zurückgeschickt werden. Meine Großmutter ist davon überzeugt, dass dies den Tod bedeuten würde. Sie sieht dem Hund in die Augen und bewegt sich nicht. Sie starren einander an. Endlose Sekunden.

Und dann macht er kehrt und trottet davon. Niemand entdeckt meine Familie. Sie kann die Flucht fortsetzen. Richtung Deutschland.

Wann immer ich an die Flucht meiner Mutter denke, sehe ich das Sonnenblumenfeld vor meinem Auge. Und stelle mir meine schlafende Mutter als Kind vor und den Hund und die Grenzsoldaten. Eigentlich hat meine Mutter nie wirklich von früher erzählt. Von ihrer Kindheit als Deutsche in Jugoslawien, der Flucht, vom Ankommen in Deutschland. Für sie war das Dorf, in dem sie 1941 geboren wurde, ein untergegangener Sehnsuchtsort. Und jetzt werden wir genau an diesen Ort fahren, in das Dorf Setschan, in der nordserbischen Region Banat.

Eine Reise, genau 70 Jahre danach

Das Schicksal der Donauschwaben ist bis heute in Deutschland wenig bekannt. Rund 550.000 lebten bis zum Zweiten Weltkrieg als deutsche Minderheit im damaligen Jugoslawien. Ihre Vorfahren, meist Handwerker und Bauern, waren vor 250 Jahren dorthin ausgewandert. Mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich für die Donauschwaben alles. Viele von ihnen sympathisierten mit Hitler. Dafür wurden sie nach dem Krieg von jugoslawischen Partisanen verfolgt.

Historiker gehen davon aus, dass bereits in den beiden letzten Kriegsjahren mehr als die Hälfte der Donauschwaben vertrieben war, Zehntausende der übrigen starben in jugoslawischen Internierungslagern, darunter zahlreiche Kinder; viele verhungerten. Meine Mutter und der Großteil ihrer Familie überlebten nach 1945 zwei Jahre in jugoslawischen Lagern, bis ihnen 1947 die Flucht über die Grenze nach Ungarn gelang. Heute sollen in Serbien nur noch rund 4000 Deutschstämmige leben.

Fotostrecke

Mutters Flucht: Eine Reise zurück entlang der Balkanroute

"Ich habe aufgeschrieben, wie wir damals geflüchtet sind", sagte meine Mutter an einem kalten Februartag 2017. Draußen stürmte der dunkle Berliner Winter. Sie hielt mir sieben handgeschriebene Seiten hin, in ihrer akkuraten Lehrerinnenschrift. Sie hatte die wenigen Erlebnisse ihrer Flucht notiert, an die sie sich erinnern kann. Nach den Flüchtlingsbildern im Fernsehen war ihr klar geworden, dass sie auf demselben Weg nach Deutschland gekommen war: auf genau der Route, die im Sommer 2015 als Balkanroute bekannt wurde - von Serbien über Ungarn, Österreich und die Alpen bis nach Bayern.

Sie zeigte mir auch einen kleinen Zettel, den ich zum ersten Mal sah: Akribisch hatte meine Großmutter die Stationen ihrer Flucht festgehalten, mit Orten und genauen Daten. Aus diesen Skizzen und vielen Fragen entstand die Idee zu einer Reise - eine Fahrt zurück in die Vergangenheit meiner Mutter, auf den Monat genau 70 Jahre nach ihrer Flucht.

Kann ein Ort Heimat sein, an den man sich kaum erinnert?

Begonnen haben wir unsere Reise im kleinen pfälzischen Dorf Hauenstein, wo meine Mutter ab 1950 aufwuchs. Dann fuhren wir nach Bayern und Österreich, auf den Spuren ihrer ersten Jahre als Kind in deutschen Flüchtlingslagern. Wir kletterten zum 1700 Meter hohen Purtschellerhaus; diese Hütte in den Berchtesgadener Alpen steht genau auf der deutsch-österreichischen Grenze, wo meine Mutter, ihre Mutter und Großmutter und ihr kleiner Bruder auf der Flucht Station gemacht hatten.

Wir fuhren die ungarisch-serbische Grenze entlang und sahen Viktor Orbáns Grenzzaun. In Serbien standen wir vor einer verlassenen Fabrikhalle mit zerborstenen Fenstern, in der wahrscheinlich mein Großvater von jugoslawischen Partisanen erschossen wurde.

Andreas Wunn

Fluchtroute: In 21 Tagen quer durch Europa

Wir besuchten Orte, an denen früher die Lager standen, wo meine Mutter als Kind Hunger gelitten hatte. Wir sahen die Ruinen der Mühle meiner Urgroßmutter. Wir besuchten das heruntergekommene Geburtshaus meiner Mutter, die frühere Apotheke meines Großvaters.

Dort trafen wir einen ehemaligen Bewohner. Er schenkte uns alte, schmutzige Apothekerfläschchen, die er auf dem Dachboden gefunden hatte, und beteuerte, sie stammten aus der Vorkriegszeit, mein Großvater habe sie benutzt. Im Nachbarort suchten und fanden wir das Haus meines Urgroßvaters, die alte Poststation; es ist luxussaniert und gehört heute einer millionenschweren Geschäftsfrau aus Bukarest.

Unsere Reise in den serbischen Spätsommer war eine Reise voller Überraschungen und Unwahrscheinlichkeiten. Immer tiefer drangen wir in die Familiengeschichte meiner Mutter vor. Eine Geschichte von Idylle, Krieg, Vertreibung, Flucht, Heimat und Sprachlosigkeit - aber auch über das Wesen der Erinnerung.

Das Schweigen liegt in der Familie

"Findest du das nicht merkwürdig, dass du dich an nichts erinnerst?", frage ich meine Mutter irgendwann. "Bei der Flucht warst du immerhin fast sechs Jahre alt."

Sie überlegt. Es fällt ihr jedes Mal schwer, mit mir über das Vergangene zu sprechen. Sie trägt ihr Inneres nicht gern nach außen.

"Ich weiß es nicht. Meine Erinnerung beginnt erst 1947 in Deutschland."
"Vielleicht ist es ein automatischer Schutz, dass du alles verdrängt hast?"
"Ich weiß es nicht. Oder vielleicht habe ich irgendetwas gesehen, das mich schockiert hat."
"Und dein Bruder? Konnte er sich erinnern?"
"Ich glaube nicht. Aber ich weiß es nicht. Wir haben nie darüber gesprochen."
"Ihr beide habt nie miteinander darüber gesprochen?"
"Nein."
"Warum nicht?"
"Ich weiß es nicht."

Wie immer komme ich bei ihr nicht weiter - als gäbe es eine Tresortür in ihrem Kopf: Sie verschließt alles, was vor der Ankunft in Deutschland geschah. Sie weiß nicht, was sich hinter der Tür verbirgt, die sie fest verschlossen hält. Und sie will es auch nicht mehr wissen.

Verdrängen und Schweigen, das hat sie von ihrer Mutter gelernt, es liegt in der Familie. In so vielen Familien.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:58 Uhr
Ohne Gewähr

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Andreas Wunn
Mutters Flucht: Auf den Spuren einer verlorenen Heimat

Verlag:
Ullstein Hardcover
Seiten:
256
Preis:
EUR 20,00

Und dann stehen wir vor einem Sonnenblumenfeld an der ungarisch-serbischen Grenze. Es erstreckt sich fast bis zum Horizont. Die Sonne liegt warm und drückend auf dem Land.

"Gehen wir hinein", sage ich schließlich.
"Wirklich?", fragt meine Mutter.
"Na klar", antworte ich.

Ich schiebe die dicken Pflanzenstiele auseinander und bahne uns einen Weg. Die Blumen wirken schwer und trocken, ihre Köpfe neigen sich schon Richtung Boden, die Blütenblätter sind an vielen Stellen braun ausgebrannt. Bald werden sie geerntet werden.

"Es ist ein gutes Versteck"

Jetzt stehen wir mittendrin. Die Blumen reichen mir bis zum Hals. Sie überragen meine Mutter.

"Jetzt sind wir also hier", sage ich und gehe in die Knie, meine Mutter tut es mir nach. Jetzt hocken wir im Feld, sind völlig eingetaucht. Um uns herum die grünen Stiele und surrende Insekten.

"Eigentlich ein angenehmer Ort. Da wir so müde waren, haben wir geschlafen. Nur die Mutti hat gewacht", sagt meine Mutter.
"Die Geschichte mit dem Hund hast du oft erzählt bekommen, oder?"
"Ja, weil es doch fast ein Wunder war, dass der Hund uns nicht verraten hat."
"Irgendwo hier könntet ihr euch versteckt haben."
"Es ist ein gutes Versteck", sagt meine Mutter.
"Kannst du dir deine Flucht jetzt besser vorstellen?"
"Es muss schlimm gewesen sein. Die Angst, erwischt zu werden. Wir waren ja noch so klein. Für meine Mutter und meine Großmutter war das sicher nicht einfach. Es lag ja an uns Kindern, dass wir nicht so schnell vorankamen."

Wir reden nicht mehr viel. Es ist merkwürdig, dass wir beide nun hier in diesem Sonnenblumenfeld hocken. Es fühlt sich inszeniert und echt zugleich an. Zum Schluss möchte ich noch ein Foto machen. Genau in diesem Moment fliegt ein Hubschrauber in einem Bogen recht tief über uns hinweg, wie zur Kontrolle. Grenzpolizei. Ich winke kurz in die Luft.

Damals gab es hier keine Hubschrauber. Nur Hunde. Ein Glück.

insgesamt 2 Beiträge
Zeljko Krecelj 12.12.2018
1. Es ist gut....
... dass die Dame keinen Hass gegenüber Serben fühlt. Ich als Serbe, und Enkel meines ins Auschwitz Lager III verschlepten Großvaters fühle ebenfalls keinen Hass gegenüber Deutschen. Während die Geschichte meines [...]
... dass die Dame keinen Hass gegenüber Serben fühlt. Ich als Serbe, und Enkel meines ins Auschwitz Lager III verschlepten Großvaters fühle ebenfalls keinen Hass gegenüber Deutschen. Während die Geschichte meines Großvaters keinen Hintergrund hat, hat die der ermordeten und vertriebenen Deutschen aus Jugoslawien leider eine Vorgeschichte: siehe SS in Kragujevac, Massenmord von Novi Sad und vieles mehr. Leider wurden viele unschuldige Deutsche nach dem Kriegsende Opfer von Rache. Dieser Hintergrund fehlt in dieser Geschichte. Auch fehlt die Tatsache dass es in Serbien ein Entschädigungsprogramm für vertriebene Deutsche gibt. Mein Großvater hat vom deutschen Staat für mehrere Jahre Zwangsarbeit übrigens nichts bekommen mit der Begründung, er habe das Jahr 2000 nicht erlebt. Traurig, nicht wahr?
Hans W Berghoff 12.12.2018
2. Lassen wir die Alten berichten,
ohne ihnen Schaden zu bringen, denn bald gibt es sie nicht mehr und vieles bleibt unerzählt. Wir können noch viel daraus lernen.
ohne ihnen Schaden zu bringen, denn bald gibt es sie nicht mehr und vieles bleibt unerzählt. Wir können noch viel daraus lernen.

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