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einestages

Frontlage vor Chinas Küste

Kinmen, die zerrissene Insel

Kinmen wurde 1949 zum Brennpunkt eines jahrzehntelangen Konflikts. Die Bewohner waren über Nacht isoliert, Familien sahen sich nie wieder. Und dann prasselten Granaten nieder. Zu Besuch auf einer verbunkerten Insel.

Sven Peks
Von , Kinmen
Mittwoch, 14.08.2019   16:38 Uhr

Yaoming Kao wusste nichts über Kinmen. Nicht einmal, dass ein Ort so heißt. Mit 21 Jahren wurde er 1980 in Taiwan zur Armee einberufen und musste ein Los ziehen. Es entschied, wo er seinen Wehrdienst zu leisten hatte.

Kao musste unterschreiben, mit niemandem darüber zu sprechen. Sie gingen dann auf ein Boot und legten nach langer Fahrt an einer Insel an: Kinmen. 150 Quadratkilometer, 280 Kilometer von Taiwan entfernt - aber nur zwei Kilometer vom chinesischen Festland, in Sichtweite zum Feind.

Das Camp war kaum zu sehen. Eine kleine Festung, versteckt unter Bäumen. Der weit größere Teil lag unter der Erde, wie ein Maulwurfsbau mit Hohlräumen und unzähligen Gängen. Kao bekam einen Raum zugewiesen und legte sich schlafen - bis ihn Artilleriefeuer weckte. Draußen platzten Granaten, es hagelte Geschosse.

"Wir hatten Angst", sagt der heute 60-Jährige, "das Feuer kam von zwei Seiten! Wir wussten nicht, was passiert. Wir hatten überhaupt keine Erfahrung mit Krieg." Die Vorgesetzten gaben ihnen Waffen - "aber da waren keine Feinde, nur diese Explosionen". Kaos erste Nacht auf Kinmen, es war nur eine Übung.

Die Inselgruppe Kinmen - für Generationen taiwanischer Wehrdienstleistender stand der Name für blanken Horror. Für Bewohner war der Horror Alltag.

Auf Kinmen waren zeitweise bis zu 100.000 Soldaten stationiert, die meisten auf der mit Abstand größten Hauptinsel. Die knapp 50.000 Insulaner wurden 1949 über Nacht von der Außenwelt isoliert. Sie teilten ein ähnliches Schicksal wie die vom Mauerbau überraschten Berliner: Familien wurden auseinandergerissen, Paare getrennt. Deutschland konnte 1989 den Fall der Mauer und dann die Wiedervereinigung feiern. Kinmen dagegen blieb in seiner Sonderrolle zwischen den Fronten gefangen, bis heute.

Fotostrecke

Lost Places: Die Schlachtfeld-Insel

Die Geschichte des China-Taiwan-Konflikts reicht weit zurück. Als der kommunistische Bauernführer Mao Zedong am 1. Oktober 1949 auf dem Festland die Volksrepublik China ausrief, hatte sich Chiang Kai-sheks nationalchinesische Kuomintang-Partei auf die Insel Taiwan zurückgezogen. Ihre Truppen hatten sich auch auf küstennahen Inseln wie Kinmen und Matsu festgesetzt, die zur Provinz Fujian gehörten - ein Schönheitsfehler in der Topografie der geteilten Nation.

Dennoch ging das Leben dort zunächst weiter wie zuvor: Fischer, Geschäftsleute, Bewohner pendelten zwischen Festland und Inseln.

Ein Leben im Granatenhagel

Als die Menschen auf Kinmen am Nachmittag des 24. Oktober 1949 Richtung Festland blickten, bemerkten sie eine große Zahl an Fischerbooten, 200, vielleicht sogar 300. Und die setzten sich am folgenden Morgen in Bewegung: Mit 9000 Mann startete Maos Armee den Angriff, wollte an der schmalsten Stelle der schmetterlingsförmigen Insel landen und nach raschem Vorstoß zeitgleich beide Flügel erobern.

Doch der Plan ging nicht auf. Wind und Strömung trieben die Boote ab. Als Maos Soldaten im Nordwesten landeten, erwarteten sie bereits Chiang Kai-sheks Panzer und Truppen. Nach der dreitägigen Schlacht waren die Boote zerstört, Nachschub war unmöglich, Flucht auch. Maos Kämpfer kapitulierten.

SPIEGEL ONLINE

Während seine Schutzmacht USA fürchtete, in den Krieg hineingezogen zu werden, wollte Chiang Kai-shek die Küsteninseln halten - für den Fall, dass die Kommunisten Taiwan angreifen würden. Und weil er noch Ambitionen hegte, sich nach China zurückzukämpfen. Kinmen und Matsu sollten sein Sprungbrett aufs Festland sein.

Fünf Jahre nach der Blamage feuerte die Volksrepublik von Land aus auf die Inseln - monatelang. Im August 1958 dann mit Hilfe der Sowjetunion der nächste Angriff, diesmal dauerte das Bombardement volle 20 Jahre. Fast eine halbe Million Granaten sollen allein während der ersten 44 Tage auf Kinmen niedergeprasselt sein. Danach fand Chinas Artillerie zu einer perfiden Routine: Sie schoss an allen ungeraden Kalendertagen, an geraden Tagen feuerte Kinmen zurück. Neben reinen Sprengsätzen flogen später auch Granaten, die bei der Detonation in der Luft Propagandamaterial streuten.

Der Dauerbeschuss prägte Insel und Bewohner: Öffentliche Einrichtungen wurden in den Untergrund verlegt, überall entstanden Schutzbauten und Tunnelpassagen mit versteckten Eingängen. Die Bevölkerung organisierte sich in Zivilverteidigungsteams.

Das Militär dominierte die Insel

Als Yaoming Kao zum ersten Mal nach Kinmen kam, war die heiße Phase des Krieges gerade vorbei. China und die USA hatten in den Siebzigerjahren diplomatische Beziehungen aufgenommen. Doch auf Kinmen traute man dem Frieden nicht. Das Militär besetzte immer noch 50 Prozent des Territoriums.

Kao erinnert sich, wie sein Kommandeur zur Hochzeit auf Heimaturlaub ging. Als Vertretung erwarteten sie im Camp einen Offizier, der mit einem Begleiter die Insel erst am Abend erreichte. Ein junger Rekrut am Kontrollpunkt fragte nach dem Codewort, der Vorgesetzte antwortete lediglich "Ich bin der Offizier". Zweimal. Dann erschoss der verunsicherte Wachsoldat die beiden Neuankömmlinge. "Jetzt kann ich so was ja erzählen", sagt Kao.

Kinmen blieb noch Jahre Sperrzone, unerreichbar selbst für Zivilisten aus Taiwan - und damit auch den eigenen Landsleuten fast unbekannt. Senpo Tung wurde 1978 auf der Insel geboren. Die Fischer seiner Familie verkauften ihren Fang den Soldaten. Ein einträgliches Geschäft.

In seiner Kindheit sah er oft Panzer, "das Übungsgelände lag direkt hinter unserem Haus", erzählt der 41-Jährige. Zweimal seien Übungsgranaten im Dorf eingeschlagen. Der Bewegungsradius war mimimal: "Während Schüler in Taiwan auf Exkursionen in andere Städte fuhren, blieb man auf Kinmen immer nur auf Kinmen." Und konnte nicht einfach an den Strand, "weil die Armee überall ihre Festungen und Tunnel hatte". Ab 18 Uhr galt Verdunkelungspflicht, im Fernsehen gab es nur einen Kanal, den Soldatensender.

Video: Wie Maestro Wu scharfe Messer aus Granatenschrott formt

Foto: SPIEGEL ONLINE

Militärische Indoktrination durchdrang das Leben. Überall hingen Losungen wie "Chiang Kai-shek ist ein Held", erzählt Tung, heute Abgeordneter im Regionalparlament. Aus seiner Schulzeit erinnert er sich auch an Soldatenvorträge über Chiang Kai-sheks philosophische Lehren und Essay-Wettbewerbe zur politischen Theorie.

Erst 1992 wurde auf Kinmen das Kriegsrecht aufgehoben. Seit 2001 verkehren wieder Fähren zwischen der Insel und Chinas Küstenstadt Xiamen. Seitdem können Verwandte einander auf direktem Weg besuchen. Für die Großeltern von Kaos Frau allerdings kam die Fähre zu spät. Die Großmutter lebte ab 1949 allein auf dem Festland, der Großvater starb 1988 auf Kinmen, ohne je wieder von seiner Frau gehört zu haben.

Die Insel hatte ihre militärische Bedeutung verloren. Die Armee zog sich zurück, die Tunnel, Bunker und Verstecke wurden als Teil eines Nationalparks für Besucher geöffnet. Taiwan wandelte sich von einer Militärdiktatur zur Demokratie. Doch der Begriff "Wiedervereinigung" existiert zwischen China und Taiwan derzeit nur als Drohung - notfalls mit Gewalt werde er Taiwans Zugehörigkeit erzwingen, verkündete Chinas Präsident Xi Jinping zu Jahresbeginn .

Die Insulaner sind hin- und hergerissen

Ängstigt die Drohung die Menschen auf Kinmen? "Nein", sagt Carl Chang, 47, "die Einwohner haben keine Angst vor einer Wiedervereinigung mit China, sie fühlen sich China verbunden - mehr als Taiwan." Chang kam Mitte der Neunzigerjahre als Radarspezialist zum Militär auf die Insel und lebt dort seit sieben Jahren mit seiner Familie. "Mein Vater ging 1949 als Major mit der Armee von Chiang Kai-shek nach Taiwan. Wir haben unsere Wurzeln in China, also sind wir Chinesen."

Ob langfristig eine Wiedervereinigung oder ein unabhängiger Staat - auf der Hauptinsel Taiwan sind die Meinungen gespalten. Auf Kinmen fühlt sich die Mehrheit dem chinesischen Teil näher, wegen der familiären Beziehungen. Und weil viele China mit mehr Wohlstand verbinden.

Hsiang-yu Ma ist Wirtschaftsprofessor an der Universität von Quemoy, das ist der alte Name der Insel. "Man kann viel Geld machen in China, man kann da sehr reich werden", sagt er. Chinas Regierung räume den Taiwanern Vorrang vor einheimischen Geschäftsleuten ein. Taiwan ist einer der größten Investoren in China, die Volksrepublik sein wichtigster Handelspartner. Aber der Professor sieht einen Haken: "Wenn die Behörden deinen Besitz einkassieren wollen, geht das sehr einfach."

Eine Wiedervereinigung würde gemeinsame Regeln und Gesetze bedeuten. Dann müsse man auch über die Frage des Eigentums reden, sagt Ma. Der Schlüssel für politische Verhandlungen liege ohnehin bei den USA, und die hätten kein Interesse, ihre Militärpräsenz im westlichen Pazifik aufzugeben. Mit China könne man daher nur Wirtschaftsverhandlungen führen; für Taiwan sei es "das Beste, den aktuellen Status so lange zu halten, wie wir können".

"Wirtschaftlich ist Kinmen mit China verbunden, politisch aber mit Taiwan", sagt der Abgeordnete Tung. Bevor es Verträge gab, wurde viel geschmuggelt, mittlerweile laufen die meisten Geschäfte legal über China: "Wegen unserer Lage und ökonomischen Situation brauchen wir China einfach stärker. Wir bekommen unser Wasser von dort, die lokale Regierung denkt auch darüber nach, den Strom von dort zu beziehen."

Auf der Hauptinsel gebe es Stimmen, Kinmen an China zurückzugeben, weil es nicht zu Taiwan gehöre. "Aber für uns ist die kommunistische Politik nicht akzeptabel. Freiheit ist doch das Wichtigste", so Tung. Es sei wie Schach, "so wie Taiwan zwischen China und den USA steht, steht Kinmen zwischen China und Taiwan".

Ein Bild symbolisiert Kinmens verzwickte Lage ziemlich gut (siehe Fotostrecke). Beim Sonnenuntergang am Strand fällt der Blick über die rostigen, mit Seepocken bewachsenen Landungssperren auf die leuchtende Skyline von Xiamen: Man steht auf der Seite der Gewinner - aber es fühlt sich nicht so an.

insgesamt 3 Beiträge
Heinrich Peter Maria Radojewski Schäfer von Leverkusen 15.08.2019
1. Die großen Mächte lieben es, die Spielfiguren sind hilflos
Es ist immer eine riesige Tragik. Als eine Spielfigur von den übergeordneten Mächten nach deren Beliebigkeit behandelt zu werden. Hier in diesem Fall ist die USA wohl der Protagonist der Dunklen Seite. Ob sich das eines [...]
Es ist immer eine riesige Tragik. Als eine Spielfigur von den übergeordneten Mächten nach deren Beliebigkeit behandelt zu werden. Hier in diesem Fall ist die USA wohl der Protagonist der Dunklen Seite. Ob sich das eines späteren Tages noch rächen wird?
Heinrich Peter Maria Radojewski Schäfer von Leverkusen 15.08.2019
2. Die großen Mächte lieben es, die Spielfiguren sind hilflos
Es ist immer eine riesige Tragik. Als eine Spielfigur von den übergeordneten Mächten nach deren Beliebigkeit behandelt zu werden. Hier in diesem Fall ist die USA wohl der Protagonist der Dunklen Seite. Ob sich das eines Tages [...]
Es ist immer eine riesige Tragik. Als eine Spielfigur von den übergeordneten Mächten nach deren Beliebigkeit behandelt zu werden. Hier in diesem Fall ist die USA wohl der Protagonist der Dunklen Seite. Ob sich das eines Tages noch rächen wird?
Matthias Streitz 16.08.2019
3. Das ist nur ein Test
Das ist nur ein Test.
Das ist nur ein Test.

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