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einestages

Churchill in jungen Jahren

Blaublütiger Berufsabenteurer

Feldzüge waren für ihn "rare Leckerbissen": Der junge Winston Churchill hetzte im britischen Weltreich als Soldat und Kriegsreporter rastlos von einer Front zur nächsten. Er suchte die Gefahr, wurde gefangengenommen und galt schon als tot - die Falschmeldung wurde zum Karrieresprungbrett.

Corbis
Von
Mittwoch, 18.08.2010   09:41 Uhr

Eigentlich durfte er sich nicht beschweren. Was hatte er den Krieg herbeigesehnt, das Abenteuer, das Pfeifen der Kugeln, das er gerne mit dem Summen zorniger Hornissen verglich. Er hatte all seine Kontakte spielen lassen, um dabei zu sein, am besten in vorderster Front, entweder kämpfend oder als Kriegberichterstatter, meist beides gleichzeitig. Die Schlachten der britischen Kolonialtruppen in Indien und im Sudan waren für ihn "rare Leckerbissen" - doch jetzt, in Südafrika, saß er in der Falle.

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Heft 33/2010
Allein gegen Hitler
Wie Winston Churchill die Nazis stoppte

Es war der 15. November 1899, als Winston Churchill, Sprössling einer britischen Adelsfamilie und Berufsabenteurer, seine Freiheit verlieren sollte. Schon beim Einsteigen in einen mit dicken Stahlplatten gepanzerten Zug hatte er das ungute Gefühl, dass dieses Ungetüm ein Gefängnis werden könnte. Im Land tobte gerade ein unerbittlicher Krieg zwischen Briten und Buren - jenen Nachfahren europäischer Siedler, die 1806 ihre Heimat verloren hatten, als die bis dahin holländische Kapkolonie Teil des britischen Weltreichs wurde.

Churchills Befürchtung trat ein, kurz nachdem der Zug vom Örtchen Estcourt Richtung Front rollte. "Plötzlich erfolgte ein fürchterlicher Stoß und wir flogen alle Hals über Kopf zu Boden", schrieb der damals 24-Jährige später. Die Buren hatten angegriffen, die Schienen manipuliert und mehrere Wagen zum Entgleisen gebracht. Nun saßen zwei britische Kompanien in der Klemme. "Die Kugeln pfiffen uns um die Ohren und prallten gleich Hagelkörnern gegen die Stahlplatten."

Im Kugelhagel der Buren

Was Winston Churchill in dieser ausweglosen Situation tun würde, war an Torheit kaum zu überbieten. Doch gleichzeitig legte er damit den Grundstein zu seinem späteren politischen Ruhm. Bezeichnenderweise begann mitten im Krieg der Aufstieg jenes Mannes, der vier Jahrzehnte später seiner Nation "Blut, Tränen und Schweiß" abverlangte, Hitler die Stirn bot und zur Symbolfigur des britischen Freiheitsstrebens wurde.

An diesem Novembertag 1899 ignorierte Churchill einfach, dass er als Kriegsreporter für den "Morning Star" im Zug saß, und wechselte kurzerhand die Rollen. Eine Pistole hatte er sowieso dabei. Warum also nicht Verantwortung übernehmen? Schließlich hatte er eine militärische Ausbildung absolviert und bekleidete den Rang eines Leutnants. Aus dem Journalisten wurde der Soldat.

Glaubt man seinen Erinnerungen und den Aussagen von Kameraden, dann verließ Churchill den Panzerzug und sondierte "ohne jede Deckung" mitten im Kugelhagel die Lage. Er erkannte, dass die Schienen noch intakt waren, aber zwei entgleiste Zugwagen den Weg zurück versperrten. Schließlich kommandierte ausgerechnet der einzige Zivilist eine Gruppe Infanteristen, der es trotz des Dauerbeschusses tatsächlich gelang, die Strecke freizuräumen.

Es blieb ein Problem: Der ramponierte Zug konnte zwar wieder Fahrt aufnehmen, bot aber nicht Platz für alle. Ein Teil der Soldaten musste zu Fuß gehen, Churchill geriet zwischen die Fronten, wurde gefangengenommen und in ein Lager in Pretoria gebracht.

Ein adeliger Kriegstourist

Jetzt beklagte der blaublütige Draufgänger bitter seine Situation. "Die Stunden kriechen dahin wie gelähmte Tausendfüßler", schrieb er später, jede Minute in Gefangenschaft sei ihm zutiefst "verhasst" gewesen. Churchill beschwerte sich schriftlich bei den burischen Behörden über seine Internierung - mit dem scheinheiligen Argument, er sei Reporter. Doch längst hatte eine lokale Zeitung seinen Einsatz als Heldentat gepriesen. Das Lob wurde zum Bumerang. Churchill war für die Buren kein Zivilist mehr.

Die Festnahme stoppte abrupt die rastlose Unternehmenslust, die den jungen Churchill in den Jahren zuvor von einem militärischen Konflikt zum anderen getrieben hatte. Heute würde man ihn wohl einen Kriegstouristen nennen. Churchill brachte es ab 1895 fertig, in einer ziemlich friedlichen Zeit innerhalb von fünf Jahren an fünf Feldzügen teilzunehmen. Begierig schnappte er Neuigkeiten nach Konflikten auf und suchte auf der Weltkarte nach Brandherden mit britischer Beteiligung: Indien, Sudan, Südafrika.

Später hatte er Schwierigkeiten zu erklären, warum ihn Kriege derart angezogen hatten. "Die heutige Generation", gab er nach dem Ersten Weltkrieg zu, sei "moralisch und körperlich zerschunden und angeekelt vom Krieg". Sie könne nicht begreifen, mit welch "freudigen Empfindungen" sich damals ein junger englischer Offizier dem Schlachtfeld genähert habe.

Doch vor dem Massensterben zweier Weltkriege, die auch Churchill zutiefst erschüttern sollten, brannte der ambitionierte Offizier ungeduldig auf seine Feuertaufe. Dafür ließ er sich 1895 extra nach Kuba versetzen. Britische Einheiten unterstützten dort spanische Kolonialtruppen im Kampf gegen Aufständische. Ausgerechnet an seinem einundzwanzigsten Geburtstag geriet Churchill erstmals in ein Scharmützel - für ihn fast ein Geschenk. "Also war ich jedenfalls im Feuer gewesen", schrieb er stolz. "Das war schon etwas."

Im Nahkampf im Sudan

Nun war seine Leidenschaft geweckt. Sobald ein Konflikt ausbrach, ließ sich der junge Adelige dorthin versetzen - auf eigene Kosten. Ein Teil des Geldes kam von seiner Mutter, den Rest verdiente er sich als Kriegsreporter für britische Zeitungen dazu. Seine plastischen Beschreibungen wurden geschätzt, die Honorare stiegen auf stattliche fünfzehn Pfund pro Artikelspalte.

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Aus seinen Erlebnissen bei einer Strafexpedition 1897 gegen Aufständische an der Grenze Indiens entstand ein erstes Buch, das sogar der britische Premier Lord Salisbury lobte. Wie ein Gehetzter drängte Churchill nun auch noch auf seine Teilnahme bei einem Feldzug im Sudan. Der kommandierende General war zwar strikt dagegen, lenkte aber ein, nachdem der junge Ehrgeizling all seine Kontakte mobilisierte und sogar der Premier für ihn intervenierte.

Eingeteilt als "überzähliger Leutnant" fuhr Churchill auf eigene Gefahr und Kosten an die Front - und erlebte 1898 in der Schlacht von Omdurman die letzte große Kavallerieattacke der britischen Kriegsgeschichte. Die Engländer siegten - der draufgängerische Frontreporter geriet in den Nahkampf und feuerte mit seiner Pistole auf Säbel schwingende, muslimische Mahdi-Kämpfer.

Odyssee im Feindesland

Wieder entstand daraus ein erfolgreiches Buch. 1899 wähnte sich Churchill populär genug, um in die Politik wechseln zu können und kandidierte für das Unterhaus. Doch in seinem Wahlkreis, der Arbeiterstadt Oldham, hatte der konservative Kandidat keine Chance: Churchills politische Laufbahn begann mit einem krachenden Fehlstart. Sogar Parteifreunde kritisierten ihn, weil er ein Gesetzesvorhaben seiner eigenen Partei torpediert hatte. "Mit einem Gefühl von Depression" zog sich der Gescholtene zurück - und suchte sein Glück wenige Monate später erneut beim Militär, als in Südafrika der Burenkrieg ausbrach.

Seine kuriose Gefangenschaft durch die Buren machte ihn in England endgültig berühmt. Besonders, als die Medien eine traurige Nachricht verkündeten: Churchill ist hingerichtet worden! Wenige Wochen später die sensationelle Kehrtwende: Churchill lebt, meldeten die Medien, ihm sei sogar die Flucht gelungen. Die Presse überschlug sich nun. Was war da los?

Tatsächlich hatte es der Brite geschafft, eine Mauer des Internierungslagers zu überspringen und war dann seelenruhig an einem weiteren Kontrollposten vorbeispaziert. Jetzt befand er sich mit gerade einmal vier Tafeln Schokolade auf der Flucht. Ohne Wasser, Karte und Kompass. Mitten im Feindesland.

Er irrte durch die Grassteppe. Trank aus Tümpeln. Orientierte sich an den Zuglinien. Sprang nachts auf Güterzüge, versteckte sich unter leeren Kohlesäcken und hoffte, irgendwie ins hunderte Kilometer östlich gelegene, neutrale Mosambik zu gelangen. Was er nicht wusste: Die Buren hatten längst seine Verfolgung aufgenommen und ein Kopfgeld von 25 Pfund auf ihn angesetzt - tot oder lebendig.

Vom Kriegshelden zum Politstar

Doch Churchill hatte großes Glück: Als er nicht mehr weiterwusste, lief er zu einem Bergwerk und vertraute sich einem Fremden an - und der war zufällig britischer Abstammung. Er versteckte den Flüchtling mehrere Tage in einem unbenutzten Bergwerkstollen, in dem es vor Ratten wimmelte, und organisierte dann die Flucht: Churchill wurde zwischen Bergen aus Wolle auf einem Güterzug versteckt, der direkt nach Mosambik fuhr.

Der Coup gelang. "Ich jubilierte, sang und krähte, so laut ich konnte", erinnert sich der Flüchtling an den Moment, als er sich in Sicherheit wusste. Dann ballerte er vor Freude mit seiner Pistole in die Luft. Seine spektakuläre Rettung bescherte Großbritannien einen der wenigen Lichtblicke im Burenkrieg, bei dem sich die Weltmacht anfangs bis auf die Knochen blamiert hatte - und danach umso brutaler durchgriff, Hunderttausende Soldaten einsetzen musste und Konzentrationslager errichtete, in denen burische Zivilisten verhungerten.

Churchill schwamm dagegen auf einer Welle der Begeisterung - besonders, weil er sich sofort nach der Rettung wieder an die Front versetzen ließ. Im Oktober 1900 kehrte er triumphal nach England zurück und kandidierte in Oldham zum zweiten Mal für das Unterhaus - diesmal erfolgreich.

Er war jetzt ein gefragter Redner, kassierte bei Vorträgen über seine Kriegserlebnisse Gagen von hundert Pfund und mehr. In den USA präsentierte ihn einmal sogar Mark Twain persönlich. Der berühmte Schriftsteller pries Churchill als "Held von fünf Kriegen, Autor von sechs Büchern und künftigen Premierminister von England."

Twains launige Ansage war eher als Scherz gemeint. 1940 wurde die Prognose jedoch Wirklichkeit - und Churchill, nachdem er Hitler besiegt hatte, endgültig zur Legende.

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