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einestages

D-Day vor 75 Jahren

Das Blutbad nebenan

Die Schlacht, in der Hunderttausende starben, begann in ihrer Nachbarschaft: Marguerite und Rémy Cassigneul erlebten 1944 die Landung der Alliierten in der Normandie. Den Strand meidet das Ehepaar seitdem.

privat
Von Elise Landschek, Tailleville
Mittwoch, 05.06.2019   08:49 Uhr

Vom Gartenzaun der Cassigneuls aus kann man das Meer riechen. Den Tang, das Salz in der Luft, die leichte Fäulnis, die das Watt ausdünstet, wenn das Meer sich fast bis zum Horizont zurückzieht. Weniger als einen halben Kilometer Luftlinie hinter dem hellblauen Einfamilienhaus von Rémy und Marguerite Cassigneul beginnt der Strand.

Doch Strandbesuche sind für sie seit 1944 unerträglich. "Ich gehe da nie hin", sagt Marguerite Cassigneul. Nur manchmal fährt das Ehepaar mit dem Auto in die Nähe des benachbarten Ortes Langrune: "Da schauen wir dann aufs Meer und sprechen über die Landung. Man kann nicht ans Meer gehen, ohne daran zu denken."

Marguerite Cassigneul war damals 17. Heute ist sie eine elegante alte Dame, schwarzer Pullover, seidenes Halstuch mit roten Mohnblumen, die blauen Augen schon etwas trübe, aber wach. Es fällt ihr nicht schwer, von der Besatzungszeit zu erzählen, den Kriegsjahren vor 1944. Aber als sie über den 7. Juni sprechen will, nach der Landung der Alliierten an den Stränden der Normandie, stockt ihre Stimme.

Die Deutschen wurden schon am Nachmittag des 6. Juni ins Landesinnere zurückgedrängt. "Am Strand blieben die zurück, die es nicht geschafft hatten", sagt Marguerite. Die Leichen waren noch dort. "Ein Soldat lag da ganz merkwürdig verkrümmt, ich wusste nicht, wo oben und unten war. Da sah ich: Er hatte keinen Kopf mehr." Sie weint. "Ich werde den Anblick nie vergessen."

Ihr Mann Rémy übernimmt und erzählt von einem toten Offizier, auf dem Bauch liegend, das Gesicht im Wasser. "Er war so einsam. Und wenn ich das Meer sehe, dann sehe ich immer wieder dieses Bild. Deshalb gehe ich dort nicht mehr hin."

Misstrauisch lauschten sie den Schritten der Deutschen

Im Zuge der "Operation Overlord" landeten am 6. Juni 1944 mehr als 150.000 britische, US-amerikanische und kanadische Soldaten in der Normandie, mit schwerem Gerät. Rémy Cassigneul war damals 19 Jahre alt, heute ist er 94. "Es war kein Wasser mehr zu sehen, so viele Boote kamen. Tausende Schiffe, große, kleine, vollbeladen mit Waffen, Soldaten, sogar Autos. Es nahm kein Ende. Einige bremsten nicht, als sie dem Strand näherkamen. Sie fuhren einfach auf Rädern weiter, Amphibienfahrzeuge. Das waren die Alliierten."

Die Cassigneuls, seit 1948 verheiratet, kannten sich schon als Teenager während des Krieges. Sie lebten damals vier Kilometer vom Strand entfernt, als Nachbarn im Dorf Tailleville. 70 Einwohner, ungefähr doppelt so viele Kühe und Pferde. Sie wohnte mit ihren Eltern und einer Schwester auf einem Bauernhof, er arbeitete und wohnte im "Schloss" nebenan, einem stattlichen Gutshaus.

Video: Als Bomben der Alliierten die Normandie trafen

Foto: SPIEGEL TV

Die Deutschen kamen 1942. "Der Bürgermeister kam zu uns und sagte: Die deutschen Soldaten sind jetzt überall in den Dörfern, sie werden bleiben. Ihr werdet zwei von ihnen aufnehmen", erzählt Marguerite Cassigneul. "Bei uns im Schloss sollte der Kommandant wohnen", ergänzt Rémy. Sales boches, "dreckige Deutsche", zischten die Leute im Dorf hinter vorgehaltener Hand.

"Aber mein Vater ermahnte uns: Seid freundlich zu denen, kein böses Wort. Das machte uns Angst", sagt Marguerite. "Wir wussten ja nicht: Was sind das für welche? Wenn die dann mit ihren schweren Stiefeln unsere Treppe hochsteigen? Unsere Zimmer waren ja direkt Wand an Wand mit deren Zimmern."

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"Kennen Sie Rommelspargel?"

Die dann kamen, trugen tatsächlich klobige Stiefel. Die Familie lauschte vom Esstisch im Erdgeschoss misstrauisch den Schritten unterm Dach. Niemand sprach. "Aber dann kam einer runter, ganz jung und schüchtern und sagte: Bonjour. Da sahen wir: Die waren wie wir", erinnert sich Marguerite. Sie seien gut miteinander ausgekommen, lebten nebeneinander her und manchmal auch miteinander, aßen zusammen, arbeiteten zusammen.

Aber natürlich lief alles nach den Regeln der deutschen Kommandanten, wie Rémy erklärt: "Wir mussten Sand transportieren und zu Beton zusammenrühren, für den Atlantikwall" - eine fast 2700 Kilometer lange Ansammlung von Bunkern und Festungen entlang der europäischen Atlantikküste. Die Deutschen verpflichteten die Bevölkerung als Zwangsarbeiter zum Bau des Bollwerks.

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Invasion in der Normandie: "Die Freude, die kam erst später"

"Und kennen Sie Rommelspargel?" Dazu fällte Rémy junge Bäume im Wald, schnitt die Äste ab, rammte die kahlen Stämme in langen Reihen auf Felder und Weiden: damit die feindlichen Fallschirmjäger und Flugzeuge keinen Platz zum Landen hätten. "Rommelspargel eben." Ab zehn Uhr abends galt Ausgangsperre für alle Dorfbewohner, "Gardinen geschlossen, Licht aus", ab und zu kamen die Offiziere mit ihren Hunden zu Kontrollgängen durch die Gassen. "Die mochten wir nicht", sagt Rémy, "aber die Deutschen, die mit uns die Bunker gebaut haben, mochten die auch nicht."

Auch er verliert kaum ein böses Wort über die Deutschen, die während der Besatzung im Dorf lebten. "Da waren gute Menschen dabei." Ein deutscher Soldat habe mal aus Deutschland einen Brief eines französischen Zwangsarbeiters an seine normannische Frau nach Frankreich geschmuggelt. "Dafür hätte er aufgehängt werden können."

Todesangst im Versteck

Marguerite Cassigneul sagt, sie hätte nach dem Krieg den beiden Deutschen, die auf ihrem Hof wohnten, gern noch Briefe geschrieben. Aber nach dem 6. Juni waren sie alle fort, eingezogen zum Kampf an den sich ständig verschiebenden Frontlinien der Normandieschlacht.

Die Landung der Alliierten in den frühen Morgenstunden des 6. Juni kam für die Dorfbewohner völlig überraschend. Am Abend des 5. Junis seien alle ganz normal zu Bett gegangen, sagen die Cassigneuls. Aber dann, gegen 7 Uhr, hämmerten Deutsche an die Tür und schrien: "Invasion!", alle sollten sich verstecken. Vom Meer drang das Donnern der Explosionen bis nach Tailleville, der Himmel war dunkel vom Rauch, es stank verbrannt.

DER SPIEGEL

Rémy drängte sich mit Dutzenden anderen im Schlosskeller. Marguerite war "im Stall versteckt, unter dem Heu". Bis zum späten Nachmittag harrten sie aus, ohne Wasser und Essen, unter Todesangst. Marguerite spricht jetzt schneller, als sprudelten die Erinnerungen in ihrem Kopf. "Plötzlich sind wir alle erstarrt", durch die Stalltür schob sich ein Gewehrlauf. "Wir dachten: Jetzt müssen wir sterben." Die Tür flog auf - kanadische Soldaten.

Sie forderten alle Bewohner auf, sich im Dorf zu versammeln. Mit erhobenen Armen und im Gänsemarsch lief die Familie auf den Marktplatz. "Mein Vater hat die Calvadosflasche rausgeholt, für die Soldaten extra vorgekostet und gezeigt, dass nichts vergiftet ist, dann haben wir uns in den Armen gelegen. Das war wirklich ein Moment der Freiheit für uns."

Ein Scharfschütze auf dem Kirchendach

Die Kanadier hatten eine Gulaschkanone dabei, es gab Suppe für alle und noch mehr Schnaps dazu. Rémy unterbricht Marguerite: "Jetzt erzähl doch das mit dem Soldaten." Denn die Freude währte nur kurz. Gerade habe sie sich mit einem jungen Kanadier unterhalten, nett, blond, gutaussehend, erinnert sie sich. Dann ein seltsames Geräusch, ein Pfeifen oder eher: ein Zischen. Aus dem Schädel des Kanadiers lief Blut, er kippte nach vorn. "Jemand rief: schnell, einen Druckverband!"

Ein deutscher Scharfschütze hatte sich auf dem Kirchendach verschanzt, die Bewohner flohen in ihre Häuser, den verletzten kanadischen Soldaten nahmen Marguerites Eltern mit zu sich. Er starb auf ihrem Wohnzimmertisch.

Video: Eine Handvoll Sand für den Gefallenen

Foto: REUTERS

Weil das Dorf als nicht sicher galt, wurden die Bewohner am Morgen des 7. Juni an den Strand evakuiert, wo die Schlacht gegen die Deutschen schon vorüber war. Dort sah Marguerite den Soldaten ohne Kopf, Rémy den einsamen Offizier mit dem Gesicht im Wasser. Dann durften sie zurückkehren in ihre Häuser, mit den Bildern im Kopf und dem Trauma, dass sie bis heute nicht loslässt.

"Danach kamen die Bomber. 75 Flugzeuge, wir haben sie gezählt", erinnert sich Rémy. Caen ist die nächstgrößere Stadt, etwa 15 Kilometer entfernt, die Flammen erleuchteten den nächtlichen Horizont. Die Innenstadt wurde von Bomben fast komplett zerstört, etwa 2500 Menschen starben.

Region zerstört, Europa befreit

Obwohl die Deutschen schon auf dem Rückzug waren, verfolgten die Alliierten die Strategie der "verbrannten Erde": Nichts sollte die Deutschen mehr an der Region interessieren, nirgendwo sollte es möglich sein, eine Stellung zu errichten. Also fielen die Städte, eine nach der anderen.

Den US-Streitkräften unter General Eisenhower ging es darum, in diesem schwierigen Terrain Tarnungs- und Rückzugsmöglichkeiten für die Wehrmachtssoldaten zu vernichten. So erklärt Emmanuel Thiébot, Historiker und Leiter des Museums für die zivilen Opfer in der Normandie im kleinen Ort Falaise, das drastische Vorgehen: "Die Deutschen sollten nicht nur aus der Normandie vertrieben werden, sondern jegliches Interesse an der Region verlieren und bei einer möglichen Rückkehr nichts Intaktes mehr vorfinden. Zivile Opfer und die Zerstörung eines ganzen Landstrichs wurden dabei ganz bewusst in Kauf genommen."

Eine Tante von Marguerite flüchtete mit ihrem Säugling von Caen nach Tailleville zu Marguerites Eltern auf den Bauernhof. Als die Feuer erloschen und die Bomber weitergezogen waren, radelten Marguerite und ihre Schwester in die zerstörte Stadt: "Überall lagen Trümmer. Die Straßen waren kaum noch wiederzuerkennen." Das Haus der Tante stand noch.

Drei Monate dauerte die Schlacht in der Normandie. Bis Ende Juli 1944 landeten etwa 1,5 Millionen alliierte Soldaten an den Stränden, sie kämpfen gegen rund 400.000 deutsche Soldaten. Über die Opferzahlen gibt es recht unterschiedliche Schätzungen. Am Ende waren fast eine halbe Million Menschen tot - Alliierte, Deutsche, Zivilisten. 180.000 Häuser waren komplett zerstört.

Auf einer Wiese nahe Tailleville errichteten die Kanadier einen provisorischen Flughafen. "Die Ambulanzen aus Caen kamen bei uns im Dorf an und fuhren weiter zum Flughafen, minütlich", sagt Rémy zum wochenlangen Ausnahmezustand.

Erst nach der Befreiung von Paris im August 1944 war das Chaos vorbei. Die Cassigneuls hatten zum Glück keine Verwandten, aber Freunde und Nachbarn verloren. Weiden, Felder, Ställe, alles war zerstört. Sie mussten von null anfangen. "Es war die Befreiung, ja", sagt Marguerite Cassigneul. "Aber feiern konnten wir erst mal nicht. Die Freude darüber, die kam erst später."

einestages-Autorin Elise Landschek ist freie Journalistin in Berlin und war im Mai sieben Tage in der Normandie unterwegs, ihre Recherche wurde teilweise unterstützt vom Verband Normandie Tourisme.


Anmerkung der Redaktion: Im Text hieß es zunächst, dass das Ehepaar Cassigneul seit 1944 nicht wieder am Strand war. "Ich gehe da nie hin", sagte Marguerite Cassigneul im Gespräch mit unserer Autorin im Mai; nach ihr besuchte ein kanadischer Journalist das Ehepaar und schilderte in seinem Artikel Anfang Juni einen Strandbesuch der Cassigneuls. Den Wortlaut des Zitats aus dem aufgezeichneten Interview haben wir daher ergänzt.

insgesamt 45 Beiträge
Reinhard Kupke 05.06.2019
1. Vor Arromanches
sieht man noch heute die Reste von Mulberry im Meer. Wer über die Invasion mehr wissen will, dem sei empfohlen "Der längste Tag" von Cornelius Ryan zu lesen. Das Buch beleuchtet die Invasion von beiden Seiten und ist [...]
sieht man noch heute die Reste von Mulberry im Meer. Wer über die Invasion mehr wissen will, dem sei empfohlen "Der längste Tag" von Cornelius Ryan zu lesen. Das Buch beleuchtet die Invasion von beiden Seiten und ist sehr informativ. Wer nicht gern liest: Der gleichnamige Film dazu ist auch gut.
Michael Herrmann 05.06.2019
2. Die Psyche der Menschheit
Eine Recherche von Frau Landschek, die zu Herzen geht. Bei etwas Nachdenken kann es nur eine Schlussfolgerung geben: Krieg sollte es nirgendwo auf dieser Welt mehr geben. Krieg ist eine Geisel der Menschheit. Dessen ungeachtet [...]
Eine Recherche von Frau Landschek, die zu Herzen geht. Bei etwas Nachdenken kann es nur eine Schlussfolgerung geben: Krieg sollte es nirgendwo auf dieser Welt mehr geben. Krieg ist eine Geisel der Menschheit. Dessen ungeachtet weiß ich, dass der Wunsch nach globalem Frieden nur ein frommer Wunsch ist und nie in Erfüllung gehen wird. Die Völker werden, so lange sie bestehen, aufeinander einschlagen. Ist wohl in der Psyche der Menschheit verankert.
blackbirdone 05.06.2019
3.
Man kann sich gar nicht ausmalen wie grausam der Krieg war. Was das für Europa und die Menschen bedeutet hat. Auch wenn immer alle jammern, ohne die Amerikaner und Kanadier die mit den Briten (die nie aufgegeben haben) wäre [...]
Man kann sich gar nicht ausmalen wie grausam der Krieg war. Was das für Europa und die Menschen bedeutet hat. Auch wenn immer alle jammern, ohne die Amerikaner und Kanadier die mit den Briten (die nie aufgegeben haben) wäre alles den Bach runter gegangen. und neben Russland und China hat es zur einzigen westlichen Supermacht geführt. Hätte schlimmer kommen können.
frenchie3 05.06.2019
4. Ich war einmal da
hab von einer Klippe runtergeschaut - und geflennt, einfach so. Bescheuert?
hab von einer Klippe runtergeschaut - und geflennt, einfach so. Bescheuert?
Otto Ilk 05.06.2019
5. Beklemmung und Freude ...
... habe ich vor 20 Jahren empfunden, als ich an diesem Strandabschnitt gestanden bin. Beklemmung wegen der vielen Toten die diese Befreiungsoperation gefordert hat - und Freude darüber, dass dadurch das furchtbare Regime beendet [...]
... habe ich vor 20 Jahren empfunden, als ich an diesem Strandabschnitt gestanden bin. Beklemmung wegen der vielen Toten die diese Befreiungsoperation gefordert hat - und Freude darüber, dass dadurch das furchtbare Regime beendet werden konnte und wir in Freiheit leben dürfen.

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