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einestages

DDR-Flucht über Ungarn

Zeltlager mit Stasiterror inklusive

Im Spätsommer 1989 strömten täglich hunderte DDR-Flüchtlinge in die Auffanglager von Budapest - für die Einsatzkräfte der Malteser ein Großeinsatz. Unser Autor Airen, damals sieben Jahre alt, war unter den Geflüchteten.

Malteser
Donnerstag, 03.10.2019   14:34 Uhr

Hier lesen sie den ersten Teil der Flucht-Erinnerungen unseres Autors Airen.

Dass wir zu den ersten Bewohnern des "Pionierlagers" von Csillebérc gehörten, war ein Riesenglück: Wir erwischten noch einen Platz in einem der Bungalows. Schon ab dem ersten Tag, dem 22. August 1989, waren alle Gebäude komplett belegt. Mit Hochdruck bauten die Malteser ein Katastrophenschutzzelt nach dem anderen auf das Gelände in den Budapester Bergen.

Während mein Vater beim Aufbauen half, versuchten Mutter und ich, die Zeit mit Brettspielen totzuschlagen. Ständig lief das Radio. Hinter den Kulissen rangen Politiker und Diplomaten um eine Lösung. Ungarn hätte die DDR-Bürger lieber heute als morgen ausreisen lassen, wurde aber von der SED-Regierung in Berlin unter Druck gesetzt. Und wie würde Russland reagieren? Gerüchte machten die Runde: Am 1. September, hieß es, würden die Ungarn die Grenze öffnen - also schon in einer Woche! Im "Stern" hingegen war von vier bis sechs Wochen die Rede. Letztlich wusste keiner, wie es weitergehen würde.

Der damals 32-jährige Rettungsassistent Markus Bank aus Freiburg war gemeinsam mit fünf Brüdern und seiner Mutter nach Budapest gereist, um zu helfen. In Csillebérc leitete der Malteser das "Pamperslager", versorgte Babys und Kleinkinder.

"Wir waren 24 Stunden am Tag im Einsatz.", erinnert sich Markus Bank, damals als Helfer der Malteser vor Ort. "Oft kamen abends noch so viele Menschen, dass wir nicht wussten, wie wir alle unterbringen sollten. Aber die Motivation war riesig. Zu sehen, wie sehr unsere Arbeit benötigt wurde, hat uns unheimlich viel Energie gegeben."

Nachtwache gegen Stasi-Entführungen

Wenn Markus Bank mit seinem Malteserfahrzeug auf den Straßen von Budapest unterwegs war, hielt er nach Flüchtlingen Ausschau. "Man erkannte sie am Blick. Ihre Augen waren voller Hoffnung, aber auch ängstlich. Alle hatten eine Riesenangst vor der Stasi."

Dass der DDR-Geheimdienst seine Agenten im Lager hatte, vermutete jeder. Neuankömmlinge montierten oft gleich nach Ankunft die Nummernschilder von ihren Trabis. Am 24.8. vermerkte meine Mutter: "Junge Frau wurde nachts auf Toilette überfallen. Vermutung, dass Stasi eine Entführung versuchte. Flüchtlinge organisieren Nachtwache."

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Am nächsten Abend drangen gellende Kinderschreie aus einem Gebüsch. Ein Dutzend Männer stürzte mit Taschenlampen in die Dunkelheit. Man fand ein Pärchen, das mit einem Kassettenrecorder vor dem Lagerzaun saß. "Wieder Vermutung, dass Stasi Unruhe unter die Lagerbewohner bringen will."

Während eines Ausflugs mit der "Pioniereisenbahn" fühlten auch wir uns verfolgt. Ein Mann machte Fotos von uns, folgte uns durch die Abteile. Erst als wir überraschend aus der Bahn ausstiegen und in eine abfahrende Straßenbahn sprangen, konnten wir ihn abschütteln.

Helfer Markus Bank erinnert sich, wie die Stasi von den Häuserdächern gegenüber der Zugligetkirche in das erste Flüchtlingslager hineinfilmte. Die Presse, so Bank, habe sich solidarisiert: "Immer, wenn Agenten auf den Dächern erschienen, richtete ein Kamerateam einen riesigen Scheinwerfer auf sie - plötzlich stand die Stasi im Fokus."

Ein Lichtblick: Am 28. August erhielten meine Eltern ihre BRD-Pässe. Sie unterschrieben, dass sie bei Rückkehr in die DDR zwei Jahre Haft erwarteten.

Warten auf die Abreise

Und dann begann es zu regnen. Der Boden verwandelte sich in Schlamm, die Menschen in den Zelten kauerten auf ihren Feldbetten. Zwischen den Katastrophenschutzzelten der Malteser drängten sich immer mehr kleine Zelte. 1200 Personen waren mittlerweile in Csillebérc. Auch das Rote Kreuz war gekommen, verteilte Babynahrung und Windeln.

"Überall wird Hilfe wirksam", schrieb meine Mutter. Gegen den einsetzenden Lagerkoller organisierten geflüchtete Lehrer Unterricht, boten Mal- und Bastelkurse an. Schüler aus Österreich schickten Carepakete, Ungarn brachten Kleiderspenden. Denn der Herbst rückte immer näher. Wie lange würde man mit Babys und kleinen Kindern in den Zelten übernachten können?

"4.9.1989 - Keine Abreise. Enttäuschung", notierte meine Mutter. Am Vorabend war noch eine Familie mit drei Kindern in unseren Bungalow gezogen. Nun waren wir 18 Personen in zehn Betten. "6.9. - Keine Anzeichen einer bevorstehenden Abreise."

Fotostrecke

DDR-Flucht über Ungarn: Zeltlager, Stasi-Terror inklusive

In der zweiten Septemberwoche wurde die Zahl der Flüchtlinge in ganz Ungarn auf 45.000 geschätzt. Kaum einer verließ noch die Lager - aus Angst vor Honeckers Häschern und davor, den Zeitpunkt der Ausreise zu verpassen.

"Wir sind glücklich, uns laufen die Tränen"

Der 10. September 1989 war ein warmer Tag. Die Sonne war wieder hervor gekommen, und man konnte spüren, dass an diesem Sonntag etwas in der Luft lag. Am Vormittag hatte Csilla von Boeselager, Vorsitzende der ungarischen Malteser, zu einer Pressekonferenz auf den Stufen der Zugligetkirche gebeten. Gemeinsam mit Wolfgang Wagner, dem Chef der Malteserlager, hatte sie bekannt gegeben, dass sich nun 6500 Menschen in den Lagern befänden. Weitere Details sollten am Abend bekannt gegeben werden. Bis dahin sollten alle in ihre Lager zurückkehren.

Gegen sieben Uhr abends hatte sich in Csillebérc eine riesige Menschenmenge versammelt. Alles wartete mit hoher Spannung. Schließlich nahm ein Beamter des BRD-Außenministeriums ein Mikrofon und sprach zu den Menschen.

Meine Mutter notierte: "19.20 Uhr - Herr Jansen vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten übergibt dem Roten Kreuz das Wort. Das Rote Kreuz teilt mit, dass ab 24.00 Uhr die Grenzen offen sind und jeder das Land in jede Richtung verlassen kann. Jubelschreie. Bewegende Momente für uns. Vielen kommen die Tränen. Fremde Menschen umarmen sich. Ich suche Lutz. Wir sind glücklich und bewegt, uns laufen die Tränen. Sitzen bis 22.45 Uhr zusammen und trinken Sekt. Unsere Gedanken gehen nach Hause - ob sie auf uns anstoßen?"

Am nächsten Tag verließen zehn Busse unter dem Blitzlichtgewitter der Presse das Flüchtlingslager von Csillebérc. Wir saßen in Bus Nummer 3. Draußen vor den Fenstern winkten uns die Bürger von Budapest zu. Markus Bank erinnert sich: "Die Menschen hatten uns manchmal gefragt, wie lange wir in Budapest bleiben würden. Wir haben immer gesagt: 'Wir bleiben, bis der letzte ausgereist ist.' Dieses Versprechen konnten wir gottseidank einhalten. Und das war eine wunderschöne Erfahrung."

Gegen halb sechs überquerten wir die Grenze nach Österreich. "Mit Personalausweis der DDR!", staunte Mutter. Pressehubschrauber begleiteten unsere Fahrt aus der Luft. Kurz vor Mitternacht erreichten wir die Nibelungenhalle in Passau.

Spuren der Stasi

Ein Empfang wie für einen Rockstar! Überall Kameras, jubelnde Menschen - "Überwältigend", schrieb meine Mutter. "Hunderte Bürger empfangen uns sehr herzlich. Ein Mann hilft uns beim Koffertragen und lädt uns für den kommenden Tag zum Essen ein." Jemand schenkte mir einen kirschfarbenen Helium-Luftballon. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Dieses Glitzern, das knallige, satte Rot!

Mein Vater gab Interviews für das französische Fernsehen, die BBC, den Londoner "Daily Express", Reporter aus Holland. Als mich ein Kamerateam fragte, was ich denn als erstes im Westen machen wolle, piepste ich ins Mikrofon: "Donald-Hefte kaufen!" In den ersten Tagen hat man mir auf der Straße so viele Bananen geschenkt, dass ich danach jahrelang keine mehr anfassen konnte.

Schon eine Woche nach Ankunft fand mein Vater eine Arbeit als Ingenieur und wir zogen nach Rosenheim. Die Demonstrationen in Leipzig und Berlin verfolgten wir nun aus dem Westen. "Brutaler Polizeieinsatz", notierte meine Mutter dazu. Auch meine Großeltern befanden sich unter den Demonstranten. Am Telefon erzählte Oma, dass immer wieder mal Mitarbeiter der Stasi zu Besuch kämen und nach uns fragten.

Schließlich machte meine Mutter den Eintrag: "9.11.1989 - Unglaublich. Die Grenzen zwischen BRD und DDR sind auf."

Am Tag vor Weihnachten fuhren wir in die DDR. Wir betraten unsere Neubauwohnung, die wir vier Monate zuvor verlassen hatten. Es lag kein Korn Staub. Jemand hatte den Überbau von der Schlafzimmergarnitur abmontiert. Im Wohnzimmer lagen zwei Stapel mit Briefen. Auf dem einen stand: "Briefe von Herrn K. an Frau K.". Auf dem anderen: "Briefe von Frau K. an Herrn K.".

Im Herbst 2001 trat ich meinen Zivildienst beim Malteser Hilfsdienst in Rosenheim an. Unser "Fluchtalbum" liegt in einem Holzschrank im Wohnzimmer meiner Eltern. Dort holt es meine Mutter immer wieder einmal hervor, wenn es Herbst wird und sich der Tag unserer Ausreise jährt.

insgesamt 10 Beiträge
Jochen Hoffstätter 03.10.2019
1. ....
Was ist aus dieser Zeit der Hoffnung, der Solidarität der Menschen aus Ost und West geworden? Ein Land der Uneinigkeit in dem sich die Menschen aus Ost und West und untereinander mit Unverständnis, Fremdheit und mitunter Hass [...]
Was ist aus dieser Zeit der Hoffnung, der Solidarität der Menschen aus Ost und West geworden? Ein Land der Uneinigkeit in dem sich die Menschen aus Ost und West und untereinander mit Unverständnis, Fremdheit und mitunter Hass begegnen. Ich habe Tränen des Glücks, als Westdeutscher, über die Wiedervereinigung in einem Auge, in dem anderen Auge Tränen des Zorns über die innenpolitische Situation!
Errol Friedhelm Karakoc-Preussner 03.10.2019
2. Hoffentlich sind unter jenen ...
... ostdeutschen Flüchtlingen keine, die heute über andere Flüchtlinge wettern oder gar über diese hetzen!
... ostdeutschen Flüchtlingen keine, die heute über andere Flüchtlinge wettern oder gar über diese hetzen!
Rupert Kodrum 03.10.2019
3. Ich frage mich,
wo die vielen Stasi-Typen eigentlich abgeblieben sind, mit denen die DDR seinerzeit bevölkert war. Hundertausende willfähriger, brutaler Schweinebacken, die freiwillig ihre Mitbürger bespitzelt und gequält haben. Wo sind die [...]
wo die vielen Stasi-Typen eigentlich abgeblieben sind, mit denen die DDR seinerzeit bevölkert war. Hundertausende willfähriger, brutaler Schweinebacken, die freiwillig ihre Mitbürger bespitzelt und gequält haben. Wo sind die alle hin, und was haben die in den letzten Jahrzehnten getrieben? Wieso hört man von denen eigentlich fast nie etwas. Wenn mein Nachbar einer von denen gewesen wäre und ich das mitbekommen hätte, ich denke nicht, dass ich ihn das nach der Wende nicht hätte spüren lassen.
Bernhard Richert 03.10.2019
4. Am 03.10.1989 setzte die DDR den visafreien Reiseverkehr in die CSSR
und Polen aus. Wir waren 1988 und 1989 mit dem Wartburg bis nach Bulgarien gefahren. Damit sollte nun Schluß sein? Richtung Westen durften wir ohnehin nicht. Das war für mich der Punkt der inneren Abkehr.
und Polen aus. Wir waren 1988 und 1989 mit dem Wartburg bis nach Bulgarien gefahren. Damit sollte nun Schluß sein? Richtung Westen durften wir ohnehin nicht. Das war für mich der Punkt der inneren Abkehr.
Andreas Havlik 03.10.2019
5.
Diese Stasi-Typen haben nach der Grenzöffnung als erste das Weite gesucht. Ich war damals Pflegedienstleiter in einem Krankenhaus in Süddeutschland, an der Schweizer Grenze. Bei uns sind viele Krankenschwestern aus der DDR [...]
Zitat von Harry Hutloswo die vielen Stasi-Typen eigentlich abgeblieben sind, mit denen die DDR seinerzeit bevölkert war. Hundertausende willfähriger, brutaler Schweinebacken, die freiwillig ihre Mitbürger bespitzelt und gequält haben. Wo sind die alle hin, und was haben die in den letzten Jahrzehnten getrieben? Wieso hört man von denen eigentlich fast nie etwas. Wenn mein Nachbar einer von denen gewesen wäre und ich das mitbekommen hätte, ich denke nicht, dass ich ihn das nach der Wende nicht hätte spüren lassen.
Diese Stasi-Typen haben nach der Grenzöffnung als erste das Weite gesucht. Ich war damals Pflegedienstleiter in einem Krankenhaus in Süddeutschland, an der Schweizer Grenze. Bei uns sind viele Krankenschwestern aus der DDR aufgeschlagen - wir haben alle eingestellt, es herrschte damals schon Pflegenotstand. Immer der Mann dabei, der bekam dann einen Job im Hol-und Bringedienst und ähnlich. Da waren Lehrer darunter, Ingenieure, Akademiker. Später haben wir erfahren: Alles Stasileute. Sind soweit weg wie möglich, um etwelchen Aufdeckungen zu entgehen...

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