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einestages

Letzter Ostseeflüchtling Mario Wächtler

Der Freischwimmer

19 Stunden lang kämpfte er sich durchs kalte Meer: Mario Wächtler war der letzte DDR-Bürger, der über die Ostsee floh. Am 2. September 1989 kraulte er los - und entrann den Grenzern nur um Haaresbreite.

Manfred Uhlenhut/ ddrbildarchiv.de/ ullstein bild
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Montag, 02.09.2019   00:35 Uhr

Mario Wächtler bricht erst zusammen, als er nach der Einstiegsluke des Rettungsbootes greifen will. Mit einem Mal weicht alle Kraft aus seinem Körper, die Finger gehorchen ihm nicht länger. Die Offiziere der "Peter Pan" hieven den 90 Kilo schweren Mann wie ein Stück Holz an Deck, kurz darauf fällt er in Ohnmacht.

Als Wächtler erwacht, ist er - bis auf die Unterhose - nackt, weil ihm seine Retter den Neoprenanzug vom Leib geschnitten haben. Dafür ist er um 3.168,81 D-Mark, 1.533,90 schwedische Kronen, 12,80 dänische Kronen und 27 niederländische Gulden reicher.

So viel nämlich spendeten die 1500 Passagiere der Ostseefähre, die live dabei waren, als Kapitän Gerhard Haucke den gebürtigen Sachsen am 3. September 1989 aus dem 15 Grad kalten Wasser fischte. "Ein ordentliches Startkapital für meinen Neuanfang im Westen", sagt der heute 54-Jährige schmunzelnd.

Per U-Boot in den Westen

Wächtler, ein massiger, leiser Mann, sitzt in seinem Gelbklinkerhaus in der südlichen Lüneburger Heide. Auf dem Tisch liegen die Schwimmflossen von damals - sie passen noch immer. Der gebürtige Sachse ist der letzte DDR-Bürger, der über die Ostsee in den Westen floh. Ein riskantes Unterfangen.

Fotostrecke

Spektakuläre DDR-Fluchten: Swim & Fly West

Von den rund 5600 Menschen, die nach 1961 - schwimmend wie Wächtler, per Surfbrett, Luftmatratze, Schlauchboot oder selbst gebautem U-Boot - die unsichtbare Grenze überwinden wollten, wurden gut 80 Prozent von der DDR-Obrigkeit festgenommen.

Laut den Buchautoren Christine und Bodo Müller starben mindestens 189 Menschen - mehr als an der Berliner Mauer. Vermutlich letztes Opfer des DDR-Grenzregimes an der Ostsee: der 19-jährige Jörg Martelok, ertrunken im Mai 1989 beim Versuch, über die Lübecker Bucht zu schwimmen. Sein Leichnam wurde am Strand von Steinbeck geborgen. Zahlreiche andere Ostseeflüchtlinge werden bis heute vermisst - das Meer hat sie verschluckt.

Erster Fluchtversuch mit 15

Mario Wächtler indes gelang das Husarenstück: 19 Stunden lang kämpfte er sich durch die Fluten, 38 Kilometer legte er zurück, so hat es der Bundesgrenzschutz damals rekonstruiert. Angst erwischt zu werden, hatte er nicht, auch das offene Meer bereitete ihm keine Schwierigkeiten. "Gibt ja keine Haie in der Ostsee", scherzt er. Seine einzige Sorge bestand darin, körperlich durchzuhalten, nicht aufzugeben.

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"Der größte Feind war ich selbst", so Wächtler. Dabei hatte sich der gelernte Kfz-Schlosser optimal auf seine Flucht vorbereitet. In Karl-Marx-Stadt ließ er sich zum Rettungsschwimmer ausbilden, regelmäßig durchkraulte er die sieben Kilometer lange Talsperre Pöhl im Vogtland. Dort besaßen seine Eltern einen Campingplatz. Und führten ein Leben, wie er es niemals wollte:

"Ich sah sie an und wusste: 'Bis zur Rente passiert bei denen jetzt nichts mehr.' Ruckzuck rennen die Jahre weg, bis man tot ist. So war das in der DDR. Es ging mir nicht schlecht, aber ich wollte etwas machen aus meinem Leben - der liebe Gott gibt dir ja nur diese eine Chance."

Schon mit 15 Jahren hatte Wächtler genug vom Arbeiter- und Bauernstaat: Er setzte sich in den Zug, um Richtung Westen abzuhauen. Doch der Teenager wurde erwischt, landete eine Nacht im Gefängnis, eine Woche im Kinderheim. Die Strafe wegen versuchter Republikflucht wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Wächtler verhielt sich danach unauffällig, die Sehnsucht nach Freiheit blieb. Im Urlaub saß er an der Steilküste in Rerik, sah die Fähren, die nach Helsinki oder Malmö fuhren, sah den Leuchtturm von Dahme. Alles schien zum Greifen nah: "Ich dachte mir: Es muss doch zu schaffen sein, da rüber zu schwimmen." Am 2. September 1989, einem milden Samstagabend, machte Wächtler ernst - trotz Freundin und fünfjährigem Sohn.

Mit Sturmhaube, ohne Brille

Sein Bruder brachte ihn mit dem Trabant von Karl-Marx-Stadt an die Küste. Wächtler startete um 20.30 Uhr in der Wohlenberger Wiek, einer kleinen, nicht von den Scheinwerfern der Grenzbrigade erfassten Bucht südöstlich von Boltenhagen. Er trug einen kurzärmeligen Neoprenanzug, über dem Kopf eine schwarze Sturmhaube. Auf die Brille verzichtete er, um kein Licht zu reflektieren.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Als er gerade starten wollte, kam eine Grenzpatrouille mit Schäferhund vorbei. Wächtler duckte sich in eine Hecke und blieb unentdeckt. Dann rannte er los, glitt in die Fluten, tauchte die ersten 500 Meter, den Schnorchel mit einem Strick um den Bauch gebunden.

Wächtler schwamm die ganze Nacht durch, die Küste Schleswig-Holsteins fest im Blick, ab und zu bekam er einen Krampf. Als die Sonne aufging, sah Wächtler, dass er noch immer im Hoheitsgebiet der DDR schwamm: "Ich hatte mich völlig verkalkuliert mit der Zeit." Plötzlich näherte sich ein DDR-Patrouillenboot, erschrocken tauchte Wächtler ab.

"30 Sekunden später, und die hätten mich erwischt"

Er hatte Glück: Die Besatzung entdeckte ihn nicht, auch ein zweites Grenzboot glitt an ihm vorüber. Irgendwann erblickte er eine Fähre, mit Kurs auf Schweden. Wächtler verharrte dort, wo er die Fahrrinne wähnte. Am Nachmittag näherte sich das Schwesterschiff Richtung Travemünde, die "Peter Pan".

Wächtler reckte die Arme in die Höhe und winkte. Die "Peter Pan" fuhr vorbei, wurde langsamer, wendete. Was die Aufmerksamkeit eines unweit der Küste vor Anker liegenden DDR-Boots erregte. "Ein wahnsinniges Wettrennen begann: Grenzschützer gegen Fähre", erzählt Wächtler.

Das eilig zu Wasser gelassene Rettungsboot der "Peter Pan" machte das Rennen. Mehrere Männer hievten Wächtler um 15.45 Uhr an Bord und jagten zur "Peter Pan" zurück: "Das Rettungsboot wurde hochgezogen, die an Bord stehende Menge applaudierte, das DDR-Schiff drehte ab. 30 Sekunden später, und die hätten mich erwischt."

Shoppen mit dem BGS

In Travemünde fuhr ein Rettungswagen den unterkühlten Flüchtling ins Krankenhaus, anderntags holte ihn der Bundesgrenzschutz ab. "Die sind erst mal Klamotten mit mir einkaufen gegangen", erzählt Wächtler. Frisch eingekleidet ,fuhr er mit dem Zug zu seinem Onkel Gerhard nach Hannover.

Freundin Astrid erfuhr erst am Montagmorgen über den Sender Rias Berlin von der erfolgreichen Ostsee-Flucht eines 24-jährigen Kfz-Schlossers aus Karl-Marx-Stadt. "Sie hörte die Nachricht im Radio, als sie den Kleinen gerade für die Kita fertig machte. Kurz danach war die Stasi da", sagt Wächtler, seine Stimme kippt kurz weg. Das zweite Mal versagt sie, als er vom Wiedersehen mit Astrid erzählt, auf dem Bahnsteig in Hannover. Drei Tage vor dem Fall der Mauer war die Freundin mit dem Sohn ausgebürgert worden.

Die beiden heirateten im Februar 1990. Beruflich startete Wächtler durch: Der Kfz-Mechaniker wurde Taxiunternehmer, gründete einen Betrieb für private Krankentransporte und hat heute 35 Mitarbeiter. In seiner Freizeit fährt Wächtler Offroad mit dem Geländewagen durch die Welt. Elf Länder in acht Wochen bis nach Indien.

"1989 kam ich nackt hier an und schämte mich für mein Sächsisch, in der Disco sagte ich den ganzen Abend lang kein Wort. Nach einem halben Jahr hatte ich bereits das Grundstück für unser Haus gekauft. Ich realisierte: Du bist zwar Ossi, kannst denen im Westen aber locker das Wasser reichen."

Inzwischen ist Mario Wächtler zweifacher Großvater, der DDR weinte er nie eine Träne nach. Und ist doch heilfroh, dass er seine Kindheit und Jugend dort verbringen durfte: Keiner besaß Adidas-Schuhe oder einen Gameboy, auch ein Arztsohn nicht. "Wir standen sozial mehr oder weniger auf einer Stufe, Neid gab es nicht." Zudem hielt man zusammen - auch weil man aufeinander angewiesen war. Heute ruft Wächtler nicht mehr über den Gartenzaun, wenn er einen Klempner braucht. Heute greift er zum Telefon.

"Geld regiert die Welt", sagt der Unternehmer, sein Wellensittich gackert Applaus, die Klimaanlage surrt. Zum Nachbarn hin hat er sich mit einer hohen Thuja-Hecke abgeschirmt. Damals in Sachsen hätte er die nie gepflanzt, meint Wächtler.

Zum Weiterlesen: Christine und Bodo Müller: Über die Ostsee in die Freiheit, Delius Klasing 2001.

insgesamt 5 Beiträge
Jochen Metzger 02.09.2019
1. Respekt!
... da sieht man ganz klar, dass niemand sich zurück gesetzt fühlen muss, nur, weil er aus "dem Osten" kommt. Alles ist eine Frage der inneren Einstellung.
... da sieht man ganz klar, dass niemand sich zurück gesetzt fühlen muss, nur, weil er aus "dem Osten" kommt. Alles ist eine Frage der inneren Einstellung.
Paul Basler 02.09.2019
2.
Wo ein Wille da ein Weg. Respekt.
Wo ein Wille da ein Weg. Respekt.
Henrik Meyer-Hoffmann 02.09.2019
3.
Folgender Fehler ist Ihnen unterlaufen : das Foto der MS PETER PAN stellt das heutige Schiff (Baujahr 2000/2001) der Reederei dar aber mitnichten das Fahrzeug das bei der Flüchtlingsrettunt im Jahre 1989 zum Einsatz gekommen [...]
Folgender Fehler ist Ihnen unterlaufen : das Foto der MS PETER PAN stellt das heutige Schiff (Baujahr 2000/2001) der Reederei dar aber mitnichten das Fahrzeug das bei der Flüchtlingsrettunt im Jahre 1989 zum Einsatz gekommen ist ... Letzteres sieht so aus : https://en.wikipedia.org/wiki/MS_Princess_Seaways
Rainer Müller  03.09.2019
4. Freiheit
ist und bleibt das Größte im Leben. Alles dafür zu wagen, zu geben und am Ende erfolgreich zu sein, unbezahlbar.
ist und bleibt das Größte im Leben. Alles dafür zu wagen, zu geben und am Ende erfolgreich zu sein, unbezahlbar.
Thomas Bünder 04.09.2019
5. ich verstehe nicht
warum man heutzutage immernoch nach Ossi oder Wessi deklassifizieren muss. Klar kamen zu meiner Jugendzeit auch einige von drüben in die Klassen aber wir haben es alle überlebt. Ich sehe die Menschen und vorallem Freunde [...]
warum man heutzutage immernoch nach Ossi oder Wessi deklassifizieren muss. Klar kamen zu meiner Jugendzeit auch einige von drüben in die Klassen aber wir haben es alle überlebt. Ich sehe die Menschen und vorallem Freunde heutzutage bzw. schon seit langem nicht mehr als Ossis sondern einfach nur als Freunde oder Mitbürger. Wir haben ganz andere Probleme die heute abend im ZDF ja gut versucht werden zu "erörtern"
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