Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Erfindung des Panzers

Tod auf Ketten

Panzer sind die Killermaschinen des Landkriegs. Doch als die Briten die Waffe 1915 erfanden, klappte wenig wie geplant: Motoren fielen aus, Ketten sprangen ab, die über 20 Tonnen schweren Fahrzeuge blieben im Morast stecken.

Von Kevin Witzenberger
Mittwoch, 09.09.2015   13:05 Uhr

Motorenlärm drang aus dem Nebel. Immer lauter wurde das Dröhnen, bis die Deutschen in ihren Schützengräben endlich Silhouetten ausmachen konnten. Blind um sich schießend überwanden Panzer Granattrichter und Stacheldrahtverhaue - in Richtung der deutschen Linien. Ihnen folgten Tausende britische Infanteristen.

"Schmerzhaft und langsam kriecht es dahin. Wie ein unbeholfenes Monster fällt es unbarmherzig in den Granattrichter hinein und klettert wieder hinaus - immer weiter vorwärts", beschrieb der kanadische Infanterist Donald Fraser in seinem Tagebuch diesen ersten Panzerangriff der Geschichte.

Verzweifelt feuerten die deutschen Soldaten mit ihren Gewehren auf die feindlichen Kampfwagen. Die Geschosse prallten einfach ab. Dann versuchten sie, die Stahlkolosse mit Pistolen zu bezwingen. Sie kletterten auf die Panzer und schossen in Luken und Lücken. Mit auf die Benzintanks geworfenen Handgranaten brachten sie einige der Gefährte zur Explosion.

Am Ende schlugen die Infanteristen den Panzerangriff mit Artillerieunterstützung zurück. Trotz Verlusten von fast 30.000 Mann konnten die Briten an diesem 15. September 1916 während des Ersten Weltkrieges nur einen kleinen Abschnitt der Frontlinie zwischen den französischen Orten Flers und Courcelette einnehmen. Was vor allem am Versagen der Panzer lag. Nur 35 von 49 bereitgestellten Kampfwagen schafften es überhaupt an die Front - der Rest blieb bereits auf dem Weg dorthin liegen. Motoren fielen aus, Ketten sprangen ab, oder die über 20 Tonnen schweren Fahrzeuge blieben im Morast stecken.

"Ohne Schwierigkeiten Schützengräben überwinden"

Die Briten ließen sich nicht entmutigen. Und griffen ein Jahr später in der Schlacht von Cambrai bereits mit über 400 Panzern an. Die ständig größer und effizienter werdenden stählernen Ungetüme sollten in den nächsten Jahrzehnten zur gefürchtetsten Waffe auf den Schlachtfeldern werden.

Dabei hat diese verheerende Landkriegswaffe ausgerechnet ein Marineminister gefördert. "Es wäre ganz leicht, in kurzer Zeit eine Anzahl von Dampftraktoren mit kleinen, gepanzerten Gefechtsständen zu konstruieren, in denen, gegen Kugeln geschützt, Mannschaften und Maschinengewehre untergebracht werden könnten", schrieb Winston Churchill in seiner Funktion als Erster Lord der Admiralität am 15. Januar 1915 an den britischen Premierminister. Bislang galt die Idee eines gepanzerten Maschinengewehrzerstörers, einer Art "Landschiff", als undurchführbar. Im Schlamm des Schlachtfeldes wäre jegliches Räderwerk unbrauchbar, so die herrschende Ansicht.

Dafür hatte Churchill eine Lösung parat: "Mit Raupenzug wäre die Möglichkeit gegeben, ohne Schwierigkeiten Schützengräben zu überwinden". Mittels der gepanzerten Fahrzeuge wollte er den zermürbenden Stellungskrieg an der Westfront beenden.

Fotostrecke

Erfindung des Panzers: Kolosse der Zerstörung

Am 20. Februar 1915 gründete der Politiker das "Landschiff-Komitee". Dessen Aufgabe war die Entwicklung eines gepanzerten geländegängigen Gefährts. Es sollte die Besatzung vor Maschinengewehrfeuer schützen, auf Ketten fahren und einen 1,5 Meter breiten Graben überwinden können. Das Projekt trug den Namen "Tank" - die Bezeichnung sollte deutsche Spione im Glauben lassen, es handle sich um einen fahrbaren Wasserbehälter zur Truppenversorgung.

Im Juli 1915 beauftragte das Komitee den Ingenieur William Tritton von der Firma William Foster & Co. mit der Entwicklung. Die kleine abgeschiedene Firma im nordenglischen Lincoln war eigentlich auf Agrarmaschinen spezialisiert. Der Ingenieur und Marineoffizier Gordon Wilson wurde dem Projekt ebenfalls zugeteilt.

Werkzeug der Zerstörung

Zwei Monate arbeiteten die beiden Tüftler an dem Projekt. Tag und Nacht kritzelten sie Baupläne auf Servietten und Zigarettenschachteln und arbeiteten an dem Prototypen. Am 9. September 1915 war der erste funktionsfähige Panzer der Welt fertiggestellt. Montiert auf einem Kettenlaufwerk, mit dessen Hilfe er Hindernisse überwinden sollte. Getauft wurde die Kriegsmaschine auf den Namen "Little Willie" - ein Spottname auf Kosten des preußischen Kronprinzen Wilhelm.

Trotz strengster Geheimhaltung geriet die erste Testfahrt der neuen Waffe zum Volksfest. Arbeiter kamen mit ihren Familien und feierten eine Art Picknick. "Little Willie" enttäuschte allerdings sowohl Zivilisten als auch Experten. Mit seinem 105-PS-starken Motor schaffte die rechteckige Büchse kaum fünf Kilometer pro Stunde. Zum Manövrieren war die sechsköpfige Besatzung auf zwei weitere Räder am Heck des grauen 14-Tonners angewiesen. Wendete sie jedoch zu abrupt, sprang die Kette von den Rädern, und das Fahrzeug entgleiste. Auch beim Versuch, einen Graben von 1,5 Metern zu überwinden, versagte die Technik. Immer wieder rutschte die Kette vom Räderwerk.

Nach weiteren Ergänzungen konnte Tritton die Kette auf dem Gefährt halten. Doch trotz funktionierendem Fahrwerk entsprach der Panzer nicht mehr den Anforderungen. Die Deutschen hatten ihre Schützengräben mittlerweile auf zwei Meter Breite vergrößert. Eine Entwicklung, die die Briten vorausgesehen hatten. Bereits im Dezember stellte Wilson einen rautenförmigen Prototyp namens "Big Willie" fertig. Sein Kettengespann verlief nun über das gesamte Gehäuse. Der Kampfwagen konnte damit auch weitere Gräben überwinden und mithilfe seiner bugförmigen Front selbst steile Anstiege hinauffahren.

Die neue Vernichtungswaffe überzeugte in den Tests. Noch im Dezember ordnete die britische Regierung die Serienproduktion von "Big Willie" an. Bereits im September 1916 sollten die Panzer unter dem Namen Mark I Panik bei den Truppen des Deutschen Reichs zwischen Flers und Courcelette verbreiten - die von ihren Feinden lernten. Im Zweiten Weltkrieg überrollte die Wehrmacht mit ihren Panzern wortwörtlich halb Europa - und ebnete der deutschen Vernichtungspolitik den Weg.

insgesamt 19 Beiträge
Mathias Völlinger 09.09.2015
1. Und heute
spielen die Armeen immer noch 2er Weltkrieg? Falls es in Europa nochmal krachen sollte, dann doch nicht mehr so.
spielen die Armeen immer noch 2er Weltkrieg? Falls es in Europa nochmal krachen sollte, dann doch nicht mehr so.
Sebastian Mazur 09.09.2015
2. warum
haben heutige panzer eigentlich keine seitenkuppeln (mehr)?
haben heutige panzer eigentlich keine seitenkuppeln (mehr)?
Michael Möller 09.09.2015
3.
"warum haben heutige panzer eigentlich keine seitenkuppeln (mehr)?" 1) Weil die in den Seitenkuppeln montierten Waffen zusätzliche Schützen erfordern - der trend geht aber eher zu einer kleineren Besatzung [...]
"warum haben heutige panzer eigentlich keine seitenkuppeln (mehr)?" 1) Weil die in den Seitenkuppeln montierten Waffen zusätzliche Schützen erfordern - der trend geht aber eher zu einer kleineren Besatzung Fahrer+Schütze+Kommandant ist die Regel. 2) Weil heutige Panzer einen um 360 Grad schwenkbaren Turm haben 3) Zur "Weichzielbekämpfung" mittels Maschinengewehr gibt es heute Schützenpanzer, die Panzergrenadiere können da auch aufgesessenen mit ihren Infanteriewaffen kämpfen. Ein Panzer hat heute primär die Aufgabe andere Panzer zu bekämpfen nicht Fronten mit Stacheldrahtverhau und Schützengräben zu durchbrechen.
Genezyp Kappen 09.09.2015
4.
"warum haben panzer keine seitenkuppeln mehr?" - Weil die Lösung Drehturm viel wirksamer und universeller einsetzbar ist sowie besseren Panzerschutz bietet.
"warum haben panzer keine seitenkuppeln mehr?" - Weil die Lösung Drehturm viel wirksamer und universeller einsetzbar ist sowie besseren Panzerschutz bietet.
Sebastian Mazur 09.09.2015
5. 3 und 4
danke sehr. schade, mit seitenkuppeln sehen die noch viel gefährlicher aus, abgesehen davon, daß jegliches kriesgerät doof ist.
danke sehr. schade, mit seitenkuppeln sehen die noch viel gefährlicher aus, abgesehen davon, daß jegliches kriesgerät doof ist.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP