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Eröffnung des Eurotunnels

Die Angst, die aus der Tiefe kam

Was hätte nicht alles passieren können, eine Invasion von Killermotten, tollwütigen Ratten, Terroristen - oder sogar Deutschen! Als am 6. Mai 1994 der Eurotunnel unter dem Ärmelkanal eröffnet wurde, waren die Befürchtungen in Großbritannien groß.

DPA
Von
Dienstag, 06.05.2014   16:12 Uhr

Am Ende blieb die große Katastrophe aus. Als Königin Elisabeth II. am 6. Mai 1994 von ihrer Jungfernfahrt durch den Eurotunnel aus Frankreich zurückkehrte, hatte sie keine tollwütigen Fledermäuse oder gefährlichen Giftspinnen im Gepäck. In ihrem Rolls-Royce in dem Autozug saß nur Frankreichs Präsident François Mitterrand.

Die Öffnung der ersten Landverbindung zum Kontinent seit der Eiszeit war in Großbritannien von einiger Nervosität begleitet worden. Mit der gewohnten Phantasie vertrieb sich der britische Boulevard die lange Wartezeit bis zur Eröffnung des Jahrhundertbauwerks: Tollwut und Kartoffelfäule würden auf die Insel zurückkehren, Killermotten vom Kontinent würden in Kent einfallen und die Bienenvölker im Garten Englands dezimieren.

Und was erst für Menschen kommen würden. "Wenn der Kanaltunnel geöffnet ist", orakelte die "Sun" düster, "wird es nicht lange dauern, bis die Horden mit ihrem Knoblauch-Atem hier sind." Im Namen ihrer Leser appellierte die Boulevardzeitung an die französischen Nachbarn: "Frog off".

"Züge voller Terroristen und Schmuggler"

Der "Sunday Telegraph" veröffentlichte 1993 eine "Ode an den Chunnel", die damals gängige Abkürzung für "Channel Tunnel". "There'll be carloads of Louises, From Parisian stripteases, Importing foul diseases, To Kent", begann das Gedicht, angeblich eingesandt von einem anonymen Leser. Französische Stripperinnen mit Geschlechtskrankheiten also. Und natürlich wurde auch vor den Deutschen gewarnt, die auf dem englischen Rasen ihre überdimensionierten Picknickkörbe mit Sauerkraut auspacken würden.

Er könne auf keine Dinner-Party mehr gehen, ohne mit Einwänden gegen den Tunnel bombardiert zu werden, hatte der britische Chef-Tunnelbauer John Reeve einige Jahre zuvor in der "Times" geklagt. "Tollwütige Ratten, die hindurchhuschen. Die Züge voller Terroristen und Schmuggler. Und wie die Deutschen 1940 hereingeströmt wären…" Und selbst wenn er alle Einwände widerlegt habe, so Reeve, schauten ihn die Gesprächspartner nur groß an und sagten: "Okay, okay, aber ich habe es einfach im Blut, Inselbewohner zu sein. Und das will ich bleiben."

Auch im Unterhaus hatte es zähen Widerstand gegeben. In einer von der Labour-Opposition beantragten Fragestunde am 10. Februar 1986 wandte sich Teddy Taylor, konservativer Abgeordneter aus Essex, an den britischen Verkehrsminister Nicholas Ridley: "Stimmt er zu, dass die Briten den Tunnel umso weniger mögen, je mehr sie über ihn erfahren?" Die Umfragen zeigten, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung den Tunnel ablehne, so Taylor.

Großbritanniens Alptraum

Ridley, selbst lange kein Fan des Tunnels, mahnte die aufgebrachten Abgeordneten zur Vernunft. "Da der Tunnel bald Realität wird, meldet sich der natürliche Konservatismus des britischen Volks", sagte der Tory. "Wird die Tollwut kommen? Werden die Russen durch den Tunnel einfallen? Sollte Großbritannien nicht eine Insel bleiben? Ich habe eine gewisse Sympathie für diese Gefühle, aber ich glaube nicht, dass sie rational sind."

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Der Tunnel zur Insel: Durchbruch unterm Ärmelkanal

Beobachter aus Übersee amüsierten sich über die tiefsitzenden Ängste im alten Europa. "Können die Engländer den Tunnel lieben lernen?", fragte das "New York Times Magazine". Der Kanal habe dem Inselvolk schließlich seit Jahrhunderten Schutz vor ausländischen Aggressoren geboten. Ein Reporter des "U.S. News and World Report" berichtete aus Dover: "Dies ist nicht Großbritanniens Traum. Eher ein Alptraum." Der Tunnel stelle "Britanniens Inselseele" auf den Kopf.

Es gab auch handfeste lokale Interessen. Die Bewohner der Grafschaft Kent, wo der Tunneleingang liegt, fürchteten den Dauerstau und ein Ende ihrer Ruhe. Die Fährbetreiber in Dover warnten vor ihrem Ruin. Die Landverbindung werde Tausende Jobs kosten und Dover in eine Geisterstadt verwandeln, sagte John Sherwood, Chef der Sealink-Fähren.

Todesstreifen unter dem Meer

Wie die meisten großen Infrastrukturprojekte wurde auch der Eurotunnel von den vertrauten Schlagzeilen begleitet: explodierende Kosten, Verzögerungen beim Bau, der Kampf großer Egos. Dazu kam die Angst, dass der Tunnel das perfekte Ziel für die Bomben der nordirischen Terror-Organisation IRA wäre.

Doch letztlich speiste sich der Widerstand der Briten aus jenem diffusen Unbehagen, das der frühere britische Premierminister Lord Palmerston bereits 1858 in einem legendären Ausspruch festgehalten hatte: Warum eine Entfernung noch weiter verkürzen, "die wir ohnehin für zu kurz halten"?

Noch 1994, kurz vor der Eröffnung, erklärten drei Viertel der Briten in einer Umfrage, sie bezweifelten, dass sie den Tunnel je benutzen würden. "Der Tunnel schien Großbritanniens nationale Identität zu bedrohen", schreiben Graham Anderson und Ben Roskrow in ihrem Buch "The Channel Tunnel Story".

Da half es auch nicht, dass Wissenschaftler erklärten, dass die Tollwut genau so gut mit einem infizierten Haustier per Schiff oder Flugzeug auf die Insel gelangen könnte. Die Tunnelbauer mussten sich verpflichten, unterirdische Todesstreifen zu errichten: Elektrische Zäune sollten sämtliches Getier aus Frankreich fernhalten.

insgesamt 13 Beiträge
Funni 06.05.2014
1. Tollwütiges Sauerkraut
Also was die Medien nicht so alles machen. Anfangs wollte jeder diesen Tunnel haben und befahren aber da Schlagzeilen ja Geld und Leser bringen, hat es die Presse des Vereinigten Königreichs Großbritannien geschafft, 3/4 der [...]
Also was die Medien nicht so alles machen. Anfangs wollte jeder diesen Tunnel haben und befahren aber da Schlagzeilen ja Geld und Leser bringen, hat es die Presse des Vereinigten Königreichs Großbritannien geschafft, 3/4 der Gesellschaft gegen den Tunnel aufzubringen... Genau wie der Rest der Welt glaubt, dass wir nur in Lederhosen rumlaufen, und nichts anderes als Sauerkraut essen! ;)
Oliver Hahn 06.05.2014
2. Fehlt da noch was?
Irgendwie hat der Artikel ein ziemlich abruptes Ende. Oder übersehe ich den Link auf die 2. Seite? Ein bisschen Information, wie der Tunnel jetzt gesehen wird, ob ihn die Kent'ler immer noch am Liebsten mit Beton ausgiessen [...]
Irgendwie hat der Artikel ein ziemlich abruptes Ende. Oder übersehe ich den Link auf die 2. Seite? Ein bisschen Information, wie der Tunnel jetzt gesehen wird, ob ihn die Kent'ler immer noch am Liebsten mit Beton ausgiessen würden, wäre schon interessant gewesen. Trotzdem aber sehr lesenswert und amüsant :-)
Christoh Scholz 06.05.2014
3. Wir Deutsche sind genauso
Als die Ladenöffnungszeiten dereguliert wurden, jammerte man, verzweifelte Käufer würden durch die Städte irren, weil keiner mehr wisse, wann welcher Laden schließe. Als die Rechtschreibung um Ungereimtheiten bereinigt [...]
Als die Ladenöffnungszeiten dereguliert wurden, jammerte man, verzweifelte Käufer würden durch die Städte irren, weil keiner mehr wisse, wann welcher Laden schließe. Als die Rechtschreibung um Ungereimtheiten bereinigt wurde, hieß es die Bücher würden unlesbar udn unsere Kultur würde zugrunde gehen, usw usw. Also es sind nicht nur die Briten.
Igor Wassilev 06.05.2014
4. Ich empfehle ein Nickerchen
Als ich den Tunnel befuhr schlief ich ein. Als ich aufwachte war ich plötzlich in Paris. Ich habe zum Glück also nichts gemerkt dass ich in einem vollen Zug voller Ratten,Terroristen und voller hübscher Pariser [...]
Als ich den Tunnel befuhr schlief ich ein. Als ich aufwachte war ich plötzlich in Paris. Ich habe zum Glück also nichts gemerkt dass ich in einem vollen Zug voller Ratten,Terroristen und voller hübscher Pariser Striptease-Tänzerinnen sass.Die Briten sind ein bischen bloody-Nerds about their Empire mais je vous adore UK.
Klaus Weinzierl 06.05.2014
5.
Eurotunnel ja ja, da werden alte Erinnerungen wach, und zur Information Bild 9 hat mit dem Eurostar nichts am Hut. Das Bild ist im Führerstand der Eurotunnel Lok 9022 aufgenommen worden. Grüße aus Finland
Eurotunnel ja ja, da werden alte Erinnerungen wach, und zur Information Bild 9 hat mit dem Eurostar nichts am Hut. Das Bild ist im Führerstand der Eurotunnel Lok 9022 aufgenommen worden. Grüße aus Finland

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