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einestages

Exil-Schicksale

Geboren in Shanghai

Eine deutsche Kindheit zwischen Rikschas und Pagoden: Sonja Mühlberger wurde 1939 als "Shanghai Baby" in der chinesischen Hafenstadt geboren - ihre jüdischen Eltern waren vor den Nazis in das Reich der Mitte geflohen. Doch das Ghetto holte die Familie selbst dort noch ein.

Sonja Mühlberger
Von Lydia Leipert
Sonntag, 25.05.2008   15:53 Uhr

Als die kleine Sonja in Berlin schließlich aus dem Waggon stieg, war sie einfach nur müde. Die Journalisten und Fotografen, die sie und die anderen Heimkehrer im August 1947 am Görlitzer Bahnhof bestürmten, nahm sie gar nicht wahr. Auch dass sie nun das erste Mal ihre Heimat betrat, war der Siebenjährigen in diesem Moment nicht wichtig. Sie wollte nur noch ins Bett. Eine anstrengende Reise lag hinter ihr: Vier Wochen lang war Sonja zusammen mit ihrem Bruder und ihren Eltern per Schiff und Bahn um die halbe Welt gereist. Jetzt lag das Exil in Shanghai hinter ihnen, wohin Sonja Mühlbergers jüdische Eltern acht Jahre zuvor vor den Nazis geflohen waren.

Vom Görlitzer Bahnhof - früher einer der großen Berliner Verkehrsknotenpunkte - steht heute nicht mehr viel. Nur ein helles Backsteingebäude, in dem früher Kohlen gelagert wurden. ist erhalten, darin befindet sich ein kleines, gammeliges Café mit Namen "Edelweiß". Sonja Mühlberger, geborene Krips, sitzt an einem Tisch in der Ecke, darauf steht ihr Laptop.

Die wache 68-Jährige klickt sich durch alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen. "Das ist das Foto von unserer Ankunft hier", sagt sie: Sonja an der linken Hand ihres Vaters, der mit der rechten ihren kleinen Bruder hält. Ihre Mutter strahlt. "Ich habe immer noch ein besonderes Gefühl für diesen Ort", sagt die ältere Dame. "Wenn ich zum Beispiel an der U-Bahn-Station Görlitzer Bahnhof vorbeifahre, werde ich ein bisschen nervös, immer noch."

Das Ghetto am anderen Ende der Welt

Doch auch Shanghai ist irgendwie ihre Heimat geblieben. Dort wurde sie 1939 geboren; hochschwanger war ihre Mutter zusammen mit ihrem Mann aus Nazi-Deutschland geflohen. Aber warum Shanghai? Die chinesische Metropole war eine internationale Stadt; anders als für die meisten anderen Fluchtziele auf der Welt brauchte man fürn Shanghai kein Visum, kein Geld, keine Beziehungen. Deshalb nutzten viele Emigranten aus Deutschland und ganz Europa die Chance, einfach einreisen zu können: Fast 20.000 Menschen flohen damals in letzter Not ans andere Ende der Welt.

Ihr Leben konnten sie so retten. Aber das Exil war alles andere als ein Zuckerschlecken. Denn da waren das tropische Klima, die unerträgliche Hitze und Krankheiten wie Cholera, Malaria oder Typhus. Sonja Mühlberger erkrankte als Baby so stark an Dysenterie, einer Durchfallerkrankung, dass sie nur mit einer direkten Bluttransfusion ihres Vaters gerettet werden konnte. Wie alle anderen hatten ihre Eltern Hab und Gut zurücklassen müssen, und so begann das neue Leben in China in Armut.

"Als Kind war das alles für mich nicht so schlimm", sagt Sonja Mühlberger, "ich kannte es ja nicht anders." Das unsichere Leben, der ständige Hunger - für sie war das der Alltag. Genau wie die Tatsache, dass es in dem kleinen Zimmer der Familie keine sanitären Anlagen gab. "Wir hatten sogar einen Luxuskübel als Toilette. Denn im Vergleich zu dem der meisten anderen, hatte unserer sogar einen Deckel", sagt Sonja Mühlberger und lächelt breit.

Wiener Schmäh in China

Um seine Familie durchzubringen, arbeitete ihr Vater als Übersetzer, Bäcker und Eierverkäufer. Als Sonja vier Jahre alt war, geschah etwas Angsterregendes: Die japanischen Besatzer Shanghais richteten ein Ghetto im heruntergekommenen Stadtteil Hongkew ein, in dem von nun an alle Juden wohnen mussten. Nur mit einer speziellen Erlaubnis konnte man es verlassen. Die Exilanten mussten am eigenen Leib erfahren, dass die Diskriminierung der Juden eben nicht an der deutschen Grenze endete.

Im Ghetto gab es keine Parks, kein Grün. Als Sonja Mühlberger deutsche Märchen von ihrer Mutter erzählt bekommt, fragt sie verwundert, was das denn sei, ein Wald. "Alles, was ich kannte, waren einzelne Bäume. Deshalb musste mir meine Mutter das erst einmal erklären", erzählt sie.

Trotz der Diskriminierung boomte das kulturelle Leben innerhalb des Ghettos. Beim deutsch-ungarischen Café "Fiaker" konnte man Sachertorte und Faschingskrapfen kaufen. Es gab europäische Kleidungsgeschäfte, Kanzleien, Arztpraxen und Friseure. Eigene Zeitungen wurden auf den Markt gebracht und Theater, Kabaretts ins Leben gerufen. Man spielte Richard Strauß und sang traditionelle jüdische Lieder. Sonja Mühlberger besuchte den Kindergarten und später die Schule für Exilantenkinder, in der auf Englisch unterrichtet wurde.

Bespuckt und beschimpft

Als der Krieg dann vorbei war, wollten alle weg. "Für meine Eltern war klar, dass sie Deutschland neu mit aufbauen wollten", erinnert sich Sonja Mühlberger. "Ich habe mich darauf gefreut und allen anderen davon erzählt." Doch die Reaktionen swa Umfelds fielen harsch aus: "Man hat mich angespuckt und dafür beschimpft, dass meine Eltern in das Land zurückgehen, in dem unsere Würde mit Füßen getreten wurde." Doch der Entschluss stand fest, und so bemühte sich Familie Krips um Schiffspassagen nach Europa.

In Berlin lässt sich die Familie im Ostteil nieder, schnell fanden sich die Mühlbergers wieder zurecht. Sonja war nicht nur wegen ihres schicken Lederfußballs, ein Geschenk ihres Vaters, sondern auch wegen ihrer guten Englischkenntnisse in ihrer Klasse enorm beliebt. "Ich musste den anderen immer vorzählen: One, two, three. Das fanden sie großartig." Später wird Sonja Mühlberger Lehrerin. Ihre ersten Lebensjahre im Ausland haben ihr gerade für ihre Arbeit viel gebracht, glaubt sie: "Dieses Internationale war für mich immer selbstverständlich. Ich bin die ersten Jahre mit Chinesen, Indern und Menschen aller möglichen Nationalitäten aufgewachsen", sagt sie. Dies habe ihr besonders geholfen, als sie später Deutsch für Ausländer unterrichtete.

Weil für sie die Exil-Erfahrung immer wichtig bleiben wird, hält sie regelmäßig Vorträge in Schulklassen oder Museen. "Ich bin auch eine Art Mittlerin zwischen den vielen Ex-Shanghaiern", sagt Sonja Mühlberger. Sie ist mit zahlreichen "Shanghai Babys" in Kontakt und nimmt regelmäßig an internationalen Treffen der Ex-Shanghaier teil. "Mir ist wichtig, dass dieser Teil der deutschen Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät."

Auch in ihre Geburtsstadt ist sie zurückgekehrt, einmal sogar auf Einladung des Shanghaier Stadtparlaments, um über ihre Zeit dort zu sprechen. Was sie Shanghai heute gegenüber empfindet? "Dankbarkeit. Es war gerade für meine Eltern sicherlich keine einfache Zeit. Aber ohne das Exil in Shanghai wäre ich heute sicher nicht am Leben."

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