Feiern wie früher
Sex, Swing, Smoking
"Swing ist so sinnlich!" Die junge Frau im hautengen, schulterfreien Kleid nippt an ihrem Glas Champagner. "Damals war einfach alles viel stilvoller." Sie und ihre Freundin - beide mit blutrot geschminktem Kussmund - wippen zum Takt des Orchesters.
Moment, war das nicht schon mal da?
Ja, ziemlich genau vor 80 Jahren, in den goldenen Zwanzigern, und ziemlich genau hier, in Berlin. Damals war Berlin die drittgrößte Stadt der Welt, und wer etwas auf sich hielt, ging in die Revuen am Potsdamer Platz oder am Kurfürstendamm. Jetzt sorgen die "Roaring Twenties" in Berlin wieder für Furore: An jedem Wochenende findet man Partys im Stil der wilden exzessiven Zeit, die bis heute als legendär gilt. Bevor sie abends losziehen, pilgern die Szenegänger zu Kostümverleihen, die schicke Zwanziger-Jahre-Outfits im Schaufenster haben. Danach geht es in die Bars zum Absinth. Denn wenn das Grammophon wieder spielt, will kein Berliner, der was auf sich hält, zur farblosen, unschicken Masse gehören.
Einstecktuch und Smoking
Sogar im "White Trash", dem Rock-'n'-Roll- und Punk-Schuppen der Hauptstadt, hält der Glamour inzwischen jeden Sonntag Einzug. Eigentlich ist dieser Laden alles andere als glamourös, sondern eher extrem trashig: Einstellungskriterium für Bedienungen ist ein überdimensionales Tattoo, und auch sonst sieht es nicht nach gewöhnlicher Kneipe aus. Geschmacklosigkeit prallt auf Kitsch - und das in krasser Dosis. Von der Wand blinken die roten Augen einer mit Plüsch umrahmten Bulldogge, über der chinesischen Deko schweben ausgestopfte Vögel und Lampenschirme, an denen die ausgerissenen Beine einer Barbie-Puppe baumeln.
Doch selbst hier zieht sonntags der Stil ein: Wo sonst Fritten und Burger die Speisekarte dominieren, gibt es ein Drei-Gänge-Menü, auf den dunklen Holztischen liegen weiße Tischdecken, und statt Rockabilly-Sound hört man ein achtköpfiges Orchester. "Das gehört eben zur Berliner Geschichte", sagt Wolfgang Sinhart, der die Party mit dem Namen "Coconut Grove" organisiert. "Während der Zwanziger war 'Coconut Grove' eine Partyreihe in Los Angeles", erklärt der Mann mit Schnauzer und Einstecktuch im schwarzen Smoking. "Aber auch Berlin war voller Revuen, Showtheater und Tanzpalästen."
Die goldene Berliner Zeit der Shows und Partys verdankte ihr Entstehen zum großen Teil dem damals allgegenwärtigen Elend. Die Erschütterungen des Ersten Weltkrieges waren für jedermann sichtbar: Hungersnot, Arbeitslosigkeit und Krankheit prägten das Nachkriegsdeutschland. Auch die politische Situation war mehr als unsicher: Auf den Kapp- folgte der Hitler-Ludendorff-Putsch; das Klima war aufgeheizt, Attentate auf Politiker waren fast an der Tagesordnung.
Tanz im Bananenröckchen
Deshalb wollten viele Menschen vor allem eines: leben und sich amüsieren. Die Hauptstadt war nicht nur das Zentrum politischer Konflikte, sondern auch der Vergnügungsindustrie. Im Westen der Stadt trafen sich die jungen Leute zwischen Nollendorfplatz und Kurfürstendamm. Dort standen die damaligen Unterhaltungs-Sensationen wie das "Capitol" und der "Ufa-Palast" - Großkinos, die am Ende der Stummfilmzeit ihr Publikum mit einem 70-köpfigen Orchester beglückten. Allabendlich strömten insgesamt 30.000 bis 40.000 Besucher in die vielen riesigen Premierenkinos. "Das Cabinett des Dr. Caligari" von Robert Wiene und "Metropolis" von Fritz Lang wurden hier zum ersten Mal der Öffentlichkeit gezeigt. Natürlich wollten alle Partygänger in die Revue-Säle wie den "Wintergarten" oder die "Scala", wo die Comedian Harmonists von ihrem "Kleinen, grünen Kaktus" sangen.
Doch es gab noch einen fantastischeren Ort der Zerstreuung: Am Potsdamer Platz stand das "Haus Vaterland", ein Geschäftshaus mit Kino und Cafés. Man konnte dort eine türkische Mokkastube, eine spanische Bodega, die "Rheinterrassen" oder einen Wild-West-Salon frequentieren. Außerdem hielt der Jazz Einzug in Berlin - genau die passende Musik für die angesagten rauchigen und verruchten Bars. Charleston-Hits von Duke Ellington wurden in den Clubs rauf und runter gespielt, und Josephine Baker beglückte die Berliner mit einem Tanz im Bananenröckchen. Amüsement überall - in der Nacht ließen viele ihr Vermögen in Opiumhöhlen und an Roulettetischen.
Tanz auf dem Vulkan
Dieses fast schon panische Partyfieber ist aber doch schon ziemlich weit weg von dem heutigen, trashigen Berlin, oder? Wolfgang Sinhart winkt ab: "Damals war das ein Tanz auf dem Vulkan, heute ist das gar nicht so anders. Denn jetzt gibt es so viele ernste Themen, Umweltkatastrophen, Terroranschläge - da wollen sich die Leute einfach wieder mal richtig amüsieren." Und das wird in aller Form ausgekostet: Mehrmals im Jahr organisiert Sinhart eine Swing-Party im Admiralspalast, einem der Tanzsäle von damals, mit mehr als 1500 Gästen. Dort gibt es einen Conferencier, Zauberer und Damen, die über die Köpfe der Gäste hinwegschaukeln. "Dress to impress" steht auf dem Flyer, der dafür wirbt, denn von jedem Gast wird das stilsichere Auftreten der Boheme erwartet: Ein Smoking wirkt auf keinen Fall overdressed, und die Damen sollten sich schon um ein kurzes, am besten paillettenbesticktes Kleid kümmern. Auch ins "White Trash" kommen die Gäste sonntags in Anzug und Melone oder mit Riesen-Glitzerohrringen. Und wie es nun mal zu den wilden Zwanzigern gehört, arten manche Partys richtig schön aus. "Einmal hat der DJ plötzlich alle dazu aufgerufen, sich die Tischdecken umzuschlingen und eine Toga-Party zu feiern", erzählt Sinhart grinsend. "Nicht wirklich zwanziger Jahre, aber es war trotzdem total witzig."
"Bei mir bist Du schön" singen mittlerweile drei Herren auf der Bühne. Auch eine Rentnerin, die relativ weit hinten in dem verrauchten Raum sitzt, bewegt ihre Lippen zum Song der Andrew Sisters. "Swing ist einfach meine Musik, sie macht so gute Laune", sagt sie. Davon, dass sie heute eigentlich stilgerecht mit Wasserwelle im Haar und Zigarettenspitze im Mund hätte kommen sollen, wusste sie gar nichts. "Wir können die Türpolitik einfach nicht so streng machen", entschuldigt Wolfgang Sinhart auch Gäste in Pulli und Jeans. "Das machen das normale Publikum und die vielen Touristen nicht mit." Schon tanzen die ersten Gäste einen Schieber. Eine Tanzfläche gibt es zwar nicht, aber wer braucht die schon? Solange man es mit Stil tut, ist im goldenen Berlin alles erlaubt.

