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Filmlegende Karlheinz Böhm

"Als ob wir stinken würden"

Vom Schwiegermutterschwarm zum Psychokiller: Nach seinen Erfolgen in den "Sissi"-Filmen spielte Karlheinz Böhm plötzlich einen Serienmörder - und ruinierte beinahe seine Karriere. 2008, zu seinem 80. Geburtstag, sprach einestages mit dem Schauspieler. In dem Interview erinnerte er sich an seine schwerste Rolle.

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Ein Interview von
Freitag, 14.03.2008   18:33 Uhr

Karlheinz Böhm wurde 16. März 1928 in Darmstadt geboren. Seine Eltern waren die Sängerin Thea Linhard und der Dirigent Karl Böhm. Von 1948 bis 1983 spielte er in mehr als 40 Filmen mit. Außerdem machte der Österreicher sich einen Namen als Theaterschauspieler. 1981 gründete Böhm die Hilfsorganisation Menschen für Menschenund lebte seitdem zusammen mit seiner Frau Almaz und seinen beiden Kindern in Äthiopien und Österreich. Am 29. Mai 2014 starb er im Alter von 86 Jahren in Grödig bei Salzburg.


einestages: Sie waren in den Fünfzigern der Schwarm aller Mädchen, der Liebling aller Schwiegermütter, sie waren Kaiser Franz Joseph aus "Sissi" - und dann spielen Sie in "Peeping Tom" auf einmal einen durchgeknallten Psychokiller. Wollten Sie ihre Karriere ruinieren?

Böhm: Auf keinen Fall. Ich war einfach von der ersten Sekunde an von dem Drehbuch fasziniert. Der Regisseur Michael Powell sprach mich 1959 auf dem Studiogelände an, als ich gerade in London "Too Hot To Handle" mit dem sexy Star Jayne Mansfield drehte. Das war natürlich alles andere als ein künstlerisch hochwertiger Film. Als Powell mir dann die Geschichte von "Peeping Tom" erzählte, war ich so begeistert, dass ich zwei Tage später einen Vertrag unterschrieb und wir mit dem Drehen anfingen.

einestages: Was hat Sie so beeindruckt?

Böhm: Zwei Aspekte des Films: Mark Lewis, die Hauptfigur, ist der Sohn eines Psychoanalytikers, der herausfinden wollte, was der Tod ist, und sein Kind dafür Nacht für Nacht terrorisiert hat. Diese Suche führt der Sohn als Erwachsener fort, indem er Frauen ermordet und sie im Moment des Todes filmt. Es geht also in "Peeping Tom" um zwei Dinge: Zum einen erzählt der Film die Geschichte eines Mannes, der zum Mörder wird, weil er das Geheimnis des Todes entdecken will. Zum anderen geht es um das Verhältnis eines Sohnes zu seinem Vater. Ich denke, dass es mir kaum ein zweites Mal gelungen ist, mich so gut in eine Rolle hineinzufühlen. Das lag bestimmt auch daran, dass ich selbst auch ein schwieriges Verhältnis zu meinem Vater hatte.

einestages: Hatten Sie schon während der Dreharbeiten das Gefühl, dass dieser Film für einen Skandal sorgen könnte?

Böhm: Überhaupt nicht. Powell und ich haben bis zuletzt gedacht, dass "Peeping Tom" ein Erfolg werden würde. Dann kam der Tag der Premiere in London. Wir saßen in der vorletzten Reihe des Kinos. Kurz vor dem Ende des Films, verließen wir den Saal, um später, wenn das Publikum ins Foyer strömt, Autogramme geben und Glückwünsche entgegennehmen zu können. Als die Vorführung dann zu Ende war, hörte ich keinen Applaus. Das fanden wir schon etwas merkwürdig. Dann kamen die Leute raus - und liefen alle einfach an uns vorbei. Keiner ist auch nur in unsere Nähe gekommen. Als ob wir stinken würden. Wir waren entsetzt! Am nächsten Morgen fanden wir dann im Manchester Guardian, einer der wichtigsten Zeitungen Londons, eine Besprechung von "Peeping Tom". Sie lautete in etwa: Das einzige, was man mit diesem Film machen kann, ist, ihn in die Toilette zu werfen und abzuziehen - und selbst dann stinkt er noch. Ich habe diesen Zeitungsausschnitt aufbewahrt.

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Filmlegende Karlheinz Böhm: "Als ob wir stinken würden"

einestages: Welche Folgen hatte das für Ihre Karriere?

Böhm: Ich war schon sehr enttäuscht, weil ich mir viel von dem Film erhofft hatte. Aber ich hatte kurz zuvor einen Vertrag über vier Filme in Hollywood abgeschlossen. Also war es damals für mich einfach ein Film, der in den Eimer gegangen war. Aber Michael Powell wurde von dem Misserfolg völlig aus der Bahn geworfen. Er musste seine Produktionsfirma aufgeben, ging erst nach Australien und dann nach Amerika und drehte fast nur noch für das Fernsehen.

einestages: Wie haben eigentlich Ihre Eltern auf den Film reagiert? Sie sind ja in einer Künstlerfamilie aufgewachsen. Ihr Vater ist der bekannte Dirigent Karl Böhm, Ihre Mutter die Sängerin Thea Linhard - haben die den Film verstanden?

Böhm: Als mein Vater mich einmal bei den Dreharbeiten besuchte, war er sehr angetan. Als er sich den Film dann angesehen hatte, sagte er mir, er könne schon verstehen, dass die Leute den Film nicht mögen. Das hat mich sehr getroffen.

einestages: Würden Sie sagen, dass "Peeping Tom" auch eine Art Befreiungsschlag für Sie war? Vorher spielten Sie ja hauptsächlich eher seichte Rollen wie den Kaiser Franz Joseph in "Sissi" ...

Böhm: Ganz vorsichtig! Zu den "Sissi"-Filmen möchte ich etwas sagen, was mir sehr am Herzen liegt: Das sind tolle Arbeiten. Und Ernst Marischka, der nicht nur Regie geführt, sondern auch die Drehbücher geschrieben hat, ist meiner Meinung nach ein Genie. Natürlich sind das keine Kunstfilmchen oder historische Dokumentationen. Aber es sind ganz hervorragende Unterhaltungsfilme, die noch heute in der ganzen Welt gern gesehen werden! Vor kurzem hat mich in Äthiopien sogar ein chinesisches Fernsehteam besucht, um zu sehen, was der Kaiser Franz Josef heute so macht. Ich war völlig fassungslos, als sie mir erzählten, dass die "Sissi"-Filme im kommunistischen China gerade ein Riesenerfolg seien. Er brachte mir auch die drei DVDs mit. Die sind so gut synchronisiert, dass ich fast glaubte, ich würde da selbst chinesisch sprechen.

einestages: "Peeping Tom" gilt heute als Meisterwerk.

Böhm: Ja. Er wurde von der New York Times zu einem der zehn wichtigsten Filme des 20. Jahrhunderts gekürt und ist einer der Lieblingsfilme von Martin Scorsese. Ich freue mich sehr darüber, dass der Film heute als Kunstwerk anerkannt wird. Leider ist Michael Powell 1990 gestorben und konnte das nicht mehr erleben. Ich habe gehört, dass Scorsese zu meinem Geburtstag ein Interview zum Thema "Peeping Tom" gegeben hat. Das soll wirklich sensationell sein. Ich habe es noch nicht gesehen, bin aber sehr gespannt. Ein schönes Geschenk.

einestages: Als Sie in "Peeping Tom" den Fotografen auf der Suche nach dem Geheimnis des Todes spielten, waren Sie 32. Haben Sie heute, 48 Jahre danach, das Geheimnis des Todes für sich gelüftet?

Böhm: Durch meine Organisation Menschen für Menschen habe ich in den letzten 27 Jahren die Möglichkeit gehabt, die äthiopische Kultur sehr gut kennenzulernen. Und ich finde, dort hat man die richtige Einstellung zum Tod: In Äthiopien feiert man seinen Geburtstag nicht. Das heißt, nach eineinhalb Jahren wissen Mütter gar nicht mehr, an welchem Tag ihre Kinder geboren wurden, weil man dort einfach nicht darüber nachdenkt. Für die Einheimischen dort wird der Mensch einfach irgendwann geboren und kehrt irgendwann in die Natur zurück. Das finde ich ist die richtige Einstellung zum Tod.


Zum Weiterlesen:

Karlheinz Böhm: "Mein Leben - Suchen Werden Finden", aufgezeichnet von Beate Wedekind, Collection Rolf Heyne, München; 556 Seiten; 75 Euro.

insgesamt 9 Beiträge
Muri Eren 26.03.2008
1.
Das ist ein köstlicher Fauxpas, den Sie begangen haben: "Karl Heinz Böhm wurde 16. März 1828 in Darmstadt geboren." Karl Heinz Böhm waere demnach 180 Lenze alt. Da kann Jopi Heesters nicht mithalten.
Das ist ein köstlicher Fauxpas, den Sie begangen haben: "Karl Heinz Böhm wurde 16. März 1828 in Darmstadt geboren." Karl Heinz Böhm waere demnach 180 Lenze alt. Da kann Jopi Heesters nicht mithalten.
ben rae 16.03.2008
2.
Ganz schön frisch für sein Alter: Nach Euren Angaben wird er nämlich nicht 80, sondern 180 Jahre alt. Ihr schreibt: "Karl Heinz Böhm wurde 16. März 1828 in Darmstadt geboren." Herzlichen Glückwunsch.
Ganz schön frisch für sein Alter: Nach Euren Angaben wird er nämlich nicht 80, sondern 180 Jahre alt. Ihr schreibt: "Karl Heinz Böhm wurde 16. März 1828 in Darmstadt geboren." Herzlichen Glückwunsch.
Jürgen Neumann 16.03.2008
3.
Ist Herr Böhm nun 1828 geboren oder wars 1728?
Ist Herr Böhm nun 1828 geboren oder wars 1728?
Jürgen Heidenreich 16.03.2008
4.
>Karl Heinz Böhm wurde 16. März 1828 in Darmstadt geboren. Das ist dann aber doch etwas übertrieben... ;-)
>Karl Heinz Böhm wurde 16. März 1828 in Darmstadt geboren. Das ist dann aber doch etwas übertrieben... ;-)
cornelia arbaoui 16.03.2008
5.
>Ist Herr Böhm nun 1828 geboren oder wars 1728?
>Ist Herr Böhm nun 1828 geboren oder wars 1728?

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