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einestages

Sportverrückte Nordmänner

Die spinnen, die Finnen

Sie hoben Getreidesäcke mit den Zähnen, warfen Wagenräder, balancierten auf Sensen: Über viele Jahre fotografierte ein finnischer Ethnologe die wildesten Wettkämpfe - und erlebte fiese Tricks und Prügel-Orgien.

Maximilian Stejskal/Edition Frey
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Mittwoch, 20.07.2016   09:38 Uhr

Das ausgeklappte Messer baumelt locker zwischen zwei Fingern in der Luft. Die Klingenspitze zeigt steil nach unten - auf einen männlichen Oberarm. Nun müssen die Muskeln richtig arbeiten: Schließlich ist dies ein ernster Wettkampf! Der Bizeps ist maximal angespannt. Gleich werden die Finger das Messer fallen lassen, es wird mit der Spitze auf den Bizeps fliegen.

Jetzt gilts: Wird sie sich ins Fleisch bohren? Oder prallt die Klinge am Muskelberg ab und springt zurück in die Luft? Und wem gelingt es, das Spielchen am besten auszureizen und das Messer aus möglichst großer Fallhöhe zurückfedern zu lassen?

Muskeln versus Messer: Das war einmal, zumindest in Skandinavien, ein beliebter Volkssport auf dem Land - nur eine von vielen längst vergessenen Disziplinen. Dazu zählten Wagenrad-Weitwurf, Kornsäcke-Schlachten auf einem Holzbalken oder Turnen an Holzleitern. Gemein war all diesen rauen Sportarten und akrobatischen Verrenkungen ein archaisches Prinzip: Wer beweist am besten seine Männlichkeit?

Nordisch by Nature - frühes finnisches "Planking"

Der finnische Ethnologe Maximilian Stejskal hat solche Wettkämpfe von 1929 bis 1948 bei der Landbevölkerung in Finnland und Estland beobachtet und akribisch dokumentiert - mit mehr als 2000 Zeichnungen, 433 Fotos und etlichen Tonbandaufnahmen. Stejskals randseitige Studie über die "folk-athletic games" schlummerte weitgehend ungelesen jahrzehntelang in Fachbibliotheken, bis kürzlich ein Schweizer Verlag daraus den wunderbaren Bildband "Folklig Idott" gemacht hat (Edition Patrick Frey).

Die Wettkämpfe gingen die jungen und alten Finnen durchaus ernsthaft an. Komisch ist der Effekt oft trotzdem und erinnert auch an Internet-Phänomene, die erst viel später aufkamen: etwa ans "Planking", das horizontale Ausharren auf allen möglichen Objekten. Oder an "Human Flags", die Kunst, seinen eigenen Körper an einen Baum oder Mast zu hissen.

Eine Frage drängt sich sofort auf: Wer war hier verrückter? Vielleicht waren es jene Männer, die über Getreidesensen balancierten, schwere Kornsäcke mit den Zähnen hoben, Stühle mit dem Mund in der Luft balancierten und durch Kamine tobten, bis sie umfielen. Vielleicht war es aber auch Stejskal selbst, der für seine Feldstudie derart viel Herzblut investierte, dass er für sie ein Vierteljahrhundert benötigte.

Fotostrecke

Volkssport finnischer Kraftprotze: Bitte nicht nachmachen

Stejskal war Turnlehrer und begeisterungsfähig. Ziemlich sportlich fuhr er bei seinen Finnland-Exkursionen mit seinem grünen Fahrrad und einem Rucksack mit zwei schweren Kameras wochenlang von Dorf zu Dorf, ohne zu wissen, in welcher Scheune er nachts unterkommen würde. Seine Geduld war beeindruckend - er paukte sogar örtliche Dialekte, bevor er eine Region besuchte.

Auf nach Ruotsinpyhtää

Seine erste Reise wurde trotz solch akribischer Vorbereitungen eine Fahrt ins Ungewisse. Am 25. Mai 1929 nahm Stejskal ein Schiff von Helsinki ins südfinnische Loviisa und radelte dann in die Einöde kleiner Gemeinden wie Ruotsinpyhtää. Auf dem Weg gab ein Schuldirektor ihm Tipps. "Mit seiner Hilfe rief ich ein paar Leute an, die ein gutes Gedächtnis haben und sich für Sportwettkämpfe interessieren", schrieb Stejskal zufrieden ins Tagebuch.

Denn seine Aufgabe war kompliziert. Der Ethnologe wollte neben aktuellen auch vergangene Volkssportarten dokumentieren und brauchte die Erinnerungen der Älteren, um die Wettspiele nachstellen zu lassen. Zudem musste sich Stejskal beschränken: Weil seine Studie von der "Swedish Literary Society" beauftragt war, ging es vorwiegend um Wettkämpfe der schwedischstämmigen Minderheit in Finnland und Estland.

Was er in all den Jahren sah, hatte mit regulärem Sport oft kaum zu tun - meist fehlte es an klaren Regeln und Disziplin. Stejkal beobachtete "Tricks, mit denen man einfach, aber unverdient gewinnen konnte: dem Gegner ein Bein zu stellen, ihn in den Mund, Bauch oder unter die Gürtellinie zu schlagen oder ihm das hölzerne Stöckchen beim Fingerhakeln mit einem Band zu klauen."

"Du Toilettentürklinke!"

Bei den Jugendlichen erlebte der Turnlehrer auch andere Folgen der trainierten Kraftmeierei. "Erst trinken sie", schrieb er. "Dann machen sie sich auf zu den Jugendlichen in den Nachbardörfern und erklären den Krieg." Für eine Eskalation reichten bisweilen schon harmlose oder seltsame Beleidigungen wie: "Du Stinker!" Oder: "Du Toilettentürklinke!"

Mit wissenschaftlicher Lakonie hielt der Ethnologe fest: "Die Kämpfe wurden manchmal so heftig und blutig, dass man danach ganze menschliche Augen auf der Straße fand."

Trotzdem kehrte Stejskal wieder, Sommer für Sommer. Natürlich seien die Sportwettkämpfe "primitiver als beispielsweise ein Gesangswettbewerb". Doch ihn faszinierten "Milieu, Tradition, der historische Wandel und die soziale Bedeutung der Wettkämpfe".

Ende der wilden Jahre

Teil seiner Mission: Der Finne wollte die seltsamen Ertüchtigungsübungen vor dem Vergessen bewahren, als seien es wertvolle Sprachen aussterbender Indianerstämme. Der Volkssport habe sich stark gewandelt, schrieb er fast bedauernd, eine Folge der Professionalisierung des Sports mit all seinen Verbänden und Statuten: "Regeln werden immer verbindlicher und umfangreicher."

Erst der Zweite Weltkrieg stoppte Stejkals Forscherdrang. 1940 wurde er zur Fliegerabwehr in die finnische Armee eingezogen. Mit einem irreparablen Hörschaden kehrte er aus dem Krieg zurück, heiratete und wurde bald zweifacher Vater. Er musste jetzt eine Familie ernähren und unterrichtete 40 Wochenstunden Sport. Und doch ließ ihn der urwüchsige Volkssport nicht los.

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1948 machte er sich noch einmal auf, eine letzte Exkursion in Finnlands Dörfer. Weitere sechs Jahre brauchte er, um den Berg an Aufzeichnungen auszuwerten und als Doktorarbeit an der schwedischsprachigen Abo Akademi der finnischen Stadt Turku einzureichen.

Nach dieser wissenschaftlichen Sisyphusarbeit muss man sich Maximilan Stejskal als einen glücklichen Mann vorstellen: Am Ende war er wohl viel ausdauernder als all die Athleten, die er so lange beobachtet hatte.

insgesamt 6 Beiträge
Silke Brodbeck 20.07.2016
1. Recherche für Anfänger
Sorry, aber auch gute Artikel werden durch schlechte Recherchen erheblich verschlechtert. Turku ist und war die erste Stadt Finnlands und hatte zudem die erste Universität. Sie ist bis heute eine der größten Städte in [...]
Sorry, aber auch gute Artikel werden durch schlechte Recherchen erheblich verschlechtert. Turku ist und war die erste Stadt Finnlands und hatte zudem die erste Universität. Sie ist bis heute eine der größten Städte in Finnland und Universitätsstadt mit zwei Universitäten. Und sie war immer in Finnland. Es gibt in Eestland keine Stadt namens Turku. Sorry jetzt, aber das sind grundlegende Informationen, die in einem Artikel einfach korrekt sein müssen.
Christoph Gunkel 20.07.2016
2. Turku
Liebe Frau Brodbeck, Sie haben völlig Recht, da hat sich ein Fehler eingeschlichen. Natürlich liegt Turku in Finnland. An der dortigen schwedischsprachigen Abo Akademi hat Stejskal seine Doktorarbeit eingereicht. Wir bitten [...]
Liebe Frau Brodbeck, Sie haben völlig Recht, da hat sich ein Fehler eingeschlichen. Natürlich liegt Turku in Finnland. An der dortigen schwedischsprachigen Abo Akademi hat Stejskal seine Doktorarbeit eingereicht. Wir bitten den Fehler, den wir inzwischen korrigiert haben, zu entschuldigen. Mit besten Grüßen, Christoph Gunkel
Robertus Koppies 20.07.2016
3. Muskeln versus Messer
Dieses Spiel kenne ich noch vom Großvater meines Jugendfreundes, der als Preisboxer durch die Lande und den Krieg gekommen war. Trotz seines fortgeschrittenen Alters hatte er noch mächtig definierte Bizepsmuskeln und das Spiel [...]
Dieses Spiel kenne ich noch vom Großvater meines Jugendfreundes, der als Preisboxer durch die Lande und den Krieg gekommen war. Trotz seines fortgeschrittenen Alters hatte er noch mächtig definierte Bizepsmuskeln und das Spiel mit dem Taschenmesser hat uns Jungs schwer beeindruckt.
Silke Brodbeck 20.07.2016
4. Herzlichen Dank und Balsam für das Finnenherz
Sehr geehrter Herr Gunkel, herzlichen Dank für die Korrektur und die Antwort. Schöner Artikel. Es gab noch einige merkwürdige Wettbewerbe der finnischen Herren auf dem Meer, bzw. mit Boot und in der Sauna. Besten [...]
Sehr geehrter Herr Gunkel, herzlichen Dank für die Korrektur und die Antwort. Schöner Artikel. Es gab noch einige merkwürdige Wettbewerbe der finnischen Herren auf dem Meer, bzw. mit Boot und in der Sauna. Besten Dank für den Artikel und viele Grüße. Silke Brodbeck
ludwig schaeferskuepper 21.07.2016
5. Kinderspiele
Einen Großteil der auf den Fotos dargestellten Spiele oder Wettkämpfe haben wir als Nachkriegskinder auch gespielt. Nicht in Finnland sondern im Ruhrgebiet. Beim Betrachten kamen doch so einige Erinnerungen aus frühen [...]
Einen Großteil der auf den Fotos dargestellten Spiele oder Wettkämpfe haben wir als Nachkriegskinder auch gespielt. Nicht in Finnland sondern im Ruhrgebiet. Beim Betrachten kamen doch so einige Erinnerungen aus frühen Kindheitstagen hoch.

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