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einestages

Formel 1 in den siebziger Jahren

Der Tod fuhr mit

Fahrer, die wilde Partys feiern, Rennen, die an Spannung kaum zu überbieten waren - die Formel 1 der sechziger und siebziger Jahre hatte wenig mit dem sterilen Kreisverkehr von heute gemein. Doch der Nervenkitzel hatte auch eine gefährliche Schattenseite.

Corbis
Von
Freitag, 25.10.2013   12:26 Uhr

Wenn man ein Gefühl für die Gefährlichkeit der Formel 1 in den siebziger Jahren bekommen will, muss man nur in das Gesicht von Niki Lauda schauen. Es ist von Brandnarben gezeichnet, die Folgen seines berühmten Nürburgring-Unfalls. Nahe des Streckenabschnitts Bergwerk blieb am 1. August 1976 sein zertrümmerter Ferrari liegen, der vorangegangene Aufprall war so brutal, dass Lauda der Helm vom Haupt gerissen wurde. Sein Bolide stand lichterloh in Flammen. Ein nachfolgender Wagen konnte nicht ausweichen, rammte ihn. Bis Lauda von seinem Fahrerkollegen Arturo Merzario aus dem Inferno gezogen wurde, vergingen mehrere Minuten.

In den siebziger Jahren war die höchste Rennklasse der Welt weit entfernt vom durchorganisierten Zirkus, der sie heute ist. Die Teams betrieben noch keine Hightech-Schlachten, die Etats und das Personal waren begrenzt. Einem Patriarchen wie Enzo Ferrari standen Lebemänner wie Lord Alexander Hesketh gegenüber, in dessen Rennstall James Hunt nicht nur seine Sporen verdiente, sondern auch die wildesten Partys im Fahrerlager feierte. Gewann ein Ferrari in Monza, enterten die Menschen schon dann die Pisten, als die Autos noch fuhren. Ebenso, wenn ein Brite auf heimischen Terrain triumphierte.

Die Formel 1 zu dieser Zeit war volksnah und unverkrampft. So also, wie sie sich viele Fans - und auch Journalisten - in Zeiten hermetischer Boxenabriegelung und paranoider technischer Geheimniskrämerei wieder wünschen würden. Fahrer wie Carlos Reutemann, Clay Regazzoni, Graham Hill oder Hunt sahen aus wie Hollywood-Stars - keine blassen Jungs, sondern kernige Männer, die nicht gerade asketisch lebten und auf Fitnesstraining pfiffen.

Gratwanderung zwischen Himmel und Hölle

Das konnten sie sich noch erlauben. Zwar hatte die technische Evolution Ende der sechziger Jahre mit der Einführung von Flügeln einen entscheidenden Schritt getan. Doch hielt sich der Effekt der Spoiler, die den Autos Anpressdruck verleihen, noch in Grenzen, die Querbeschleunigungskräfte in den Kurven wirkten weniger stark auf den Piloten. Auch zählte dieser im Zusammenspiel von Mensch und Maschine weit mehr als heute. Fahrzeugtechnische Benachteiligungen konnten nämlich durch herausragende fahrerische Fähigkeiten noch stark kompensiert werden.

In Sachen Ausgeglichenheit und Spannung war die Formel 1 in den siebziger Jahren äußerst attraktiv. In Sachen Sicherheit dagegen war die Rennserie nichts weiter als eine einzige makabre Gratwanderung zwischen Himmel und Hölle, Triumph und Tragödie. Die Fahrer saßen in fragilen Alu-Monocoques, die Strecken boten kaum Auslaufzonen und waren kaum gesichert. Technische Defekte waren bei den Piloten gefürchtet, Feuer wurde zu ihrem schlimmsten Feind. Lauda hatte Glück - Fahrer wie Piers Courage, Roger Williamson oder Jo Siffert fehlte zwischen 1970 und 1973 der Schutzengel, der sie aus den Flammen rettet.

Es konnte jeden treffen

Dabei hatten 1970 die beiden Spitzenfahrer Jackie Stewart und Jochen Rindt die Zeichen der Zeit längst erkannt. Unentwegt stritten sie sich mit den Streckenbesitzern über sicherheitstechnische Verbesserungen der Kurse. Als führende Mitglieder der Grand Prix Drivers' Association, der Fahrervereinigung, zettelten sie im Juli 1970 den Boykott des Rennens auf der hochgefährlichen Nürburgring-Nordschleife an. "Wir sind wirklich kein Verein, der ständig streiken will. Aber wir müssen eine Überlebenschance haben, wenn einer von uns hier rausfliegt", las sich eine Passage des Statements. Tatsächlich wurde dann das Rennen auf den sichereren Hockenheimring verlegt. Rindt sollte es gewinnen - nur um einen Monat später in Monza zu Tode zu kommen.

Aus heutiger Sicht gilt der Streik als Meilenstein der Sicherheitsbestrebungen in der Formel 1. Stewart ging danach beharrlich seinen Weg als Reformator weiter. Die Frucht seiner Anstrengungen sollte aber erst in den Achtzigern richtig reifen, zu langsam schlugen sich die Veränderungen auf den Kursen nieder. Vor seinem 100. und letzten Rennen, dem Grand Prix von Watkins Glen 1973, musste Stewart miterlebten, wie sein Teamkollege François Cevert auf der Strecke sein Leben ließ. Stewart verzichtete auf den Start und kehrte der Formel 1 trauernd den Rücken.

Der unauflösliche Konflikt zwischen Adrenalinrausch und Todesgefahr schwelte auch nach Stewarts Rücktritt weiter. Ob arrivierte Fahrer wie Mark Donohue und Peter Revson oder Neulinge wie Helmut Koinigg und der genannte Williamson: Der Sport fraß mit grausamer Willkür seine Kinder. Er verbrannte sie, köpfte sie, erschlug sie. Dazu starben Zuschauer, etwa beim Spanien-GP 1975 in Barcelona, als das Fahrzeug des Deutschen Rolf Stommelen sechs Menschen tötete.

Talent um Talent geht dahin

Niki Lauda wollte aber nicht sterben. 1976 kritisierte der amtierende Weltmeister den Sicherheitszustand der in der Zwischenzeit modifizierten, aber immer noch hochgefährlichen Nordschleife aufs Schärfste. Rennfunktionär Huschke von Hanstein, selbst ein ehemaliger Rennfahrer, ätzte zurück: "Lauda ist feige, wenn er da nicht mehr fahren will. Ich bin selber dort gefahren, ohne zu klagen." Lauda fuhr - und besiegelt mit seinem Unfall auf zynische Art und Weise das Ende des über 22 Kilometer langen Rundkurses. Jedenfalls in der Formel 1.

Damit war zwar die bedrohlichste aller Strecken aus dem Verkehr gezogen. Doch blieb der Sport noch längere Zeit eine hochriskante Angelegenheit. Bis zur Jahrzehntwende verletzten sich mehrere Fahrer schwer, die grossen Talente Tom Pryce und Ronnie Peterson starben aufgrund unglücklichster Umstände.

Beim Training zum GP von Kanada 1979 stieg Niki Lauda aus seinem Brabham aus und nicht wieder ein. "Ich bin draufgekommen, dass es in meinem Leben Sachen gibt, die wichtiger sind, als mit dem Auto im Kreis zu fahren", kommentierte es der Österreicher und trat zurück. Vielen anderen jedoch fehlte das Glück, irgendwann zu dieser Einsicht zu gelangen.

insgesamt 9 Beiträge
Peter Friedrich 27.10.2013
1.
Niki Lauda trat allerdings vom Rücktritt zurück, stieg wieder ins Auto, fuhr weiter im Kreis und wurde 1984 noch einmal Weltmeister.
Niki Lauda trat allerdings vom Rücktritt zurück, stieg wieder ins Auto, fuhr weiter im Kreis und wurde 1984 noch einmal Weltmeister.
Jürgen Schiffmann 27.10.2013
2.
>>Beim Training zum GP von Kanada 1979 stieg Niki Lauda aus seinem Brabham aus und nicht wieder ein. "Ich bin draufgekommen, dass es in meinem Leben Sachen gibt, die wichtiger sind, als mit dem Auto im Kreis zu [...]
>>Beim Training zum GP von Kanada 1979 stieg Niki Lauda aus seinem Brabham aus und nicht wieder ein. "Ich bin draufgekommen, dass es in meinem Leben Sachen gibt, die wichtiger sind, als mit dem Auto im Kreis zu fahren", kommentierte es der Österreicher und trat zurück. Vielen anderen jedoch fehlte das Glück, irgendwann zu dieser Einsicht zu gelangen.
Michael Curth 27.10.2013
3.
Niki Lauda hat damals im Sportstudio, als Fritz Huschke von Hanstein in onkelhafter Altherrenmanier sagte, er sei schliesslich auch am Nürburgring gefahren, sehr entspannt mit einem: "Auch in 6:58" gekontert.
Niki Lauda hat damals im Sportstudio, als Fritz Huschke von Hanstein in onkelhafter Altherrenmanier sagte, er sei schliesslich auch am Nürburgring gefahren, sehr entspannt mit einem: "Auch in 6:58" gekontert.
Martin Altmann 27.10.2013
4.
Sie unterschlagen in Ihrem Bericht, dass Niki Lauda bereits 1982, also 3 Jahre später wieder in ein F1-Cockpit eingestiegen ist, 1984 sogar Weltmeister geworden ist, was Ihre Schlussformulierung doch ein wenig relativiert.
Sie unterschlagen in Ihrem Bericht, dass Niki Lauda bereits 1982, also 3 Jahre später wieder in ein F1-Cockpit eingestiegen ist, 1984 sogar Weltmeister geworden ist, was Ihre Schlussformulierung doch ein wenig relativiert.
Peter Feuerborn 27.10.2013
5.
Sehr gut in der Kürze zusammengetragen, genauso nehme ich (Jg. 61) die Formel 1 seit 1970 wahr. Damals kam mein Vater betroffen nach Hause und erzählte, wie Jochen Rindt in den Tod gefahren war. Ergänzung: Niki Lauda war bei [...]
Sehr gut in der Kürze zusammengetragen, genauso nehme ich (Jg. 61) die Formel 1 seit 1970 wahr. Damals kam mein Vater betroffen nach Hause und erzählte, wie Jochen Rindt in den Tod gefahren war. Ergänzung: Niki Lauda war bei allem Können immer ein Effektheischer, der sich fürs Fahren und nicht fürs Parken bezahlt sah (Ihr wisst, was ich meine). Nach seinem Abgang kam er schnell zurück und wurde dann auch nochmal Weltmeister (1984).

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