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Fotograf Roger Melis

Die Antihelden der DDR

Paramilitärs beim Skat, fröhliche Teenager, halbnacktes Partyvolk - Roger Melis fotografierte DDR-Alltagsszenen, jenseits vom Wunschbild der SED. In Berlin läuft jetzt eine große Ausstellung seiner Straßenbilder und Porträts.

Roger Melis/ Lehmstedt Verlag, Leipzig 2019
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Dienstag, 23.04.2019   12:47 Uhr

Als im August 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde, erkannte Roger Melis sofort, dass da "etwas ganz Furchtbares" geschah. Mit einem Freund fasste er kurz darauf den riskanten Plan, von Potsdam aus durch die Kanalisation in den Westen abzuhauen, wie er später in einem Interview erzählte.

"Nein, das machst du nicht, das bringt uns in die Bredouille. Du bleibst hier" - mit diesen Worten hielten seine Eltern den damals 21-Jährigen in letzter Minute von der "Republikflucht" ab. Melis ließ den Freund allein flüchten und blieb in der DDR. Er avancierte zum Meister des ostdeutschen Fotorealismus.

Fotostrecke

Fotograf Roger Melis: Leidenschaft fürs Unspektakuläre

"Ich verzichte bewusst auf Raffinessen", wird Melis im Katalog zur Ausstellung "Die Ostdeutschen" zitiert, die noch bis Juli in den Reinbeckhallen in Berlin zu sehen ist. Viele Fotos aus dem Nachlass, kuratiert von Melis' Ziehsohn Mathias Bertram, werden zehn Jahre nach dem Tod des Fotografen jetzt zum ersten Mal öffentlich gezeigt.

Seine wichtigste Aufgabe, so Melis, habe er stets darin gesehen, "eindringliche Bilder von Menschen zu schaffen, möglichst in ihrem natürlichen Lebens- und Arbeitsumfeld, und ihnen dabei nicht die Seele zu rauben".

Von wegen angepasste Staatsbürger

Melis wurde 1940 in Berlin als Sohn eines Bildhauers geboren und absolvierte nach der Schule eine Fotografenlehre. Doch Passbilder zu machen und Brautpaare abzulichten, war ihm auf Dauer zu wenig. Melis heuerte bei der Berliner Charité an, wo er bei Operationen Stirnhöhlen und Blutergüsse in Kinderköpfen aufnahm. An den Wochenenden porträtierte er Künstler wie den Bildhauer Werner Stötzer und entwickelte die Aufnahmen nach Dienstschluss im Krankenhauslabor.

Danach arbeitete Melis regelmäßig als Modefotograf für die Zeitschrift "Sibylle". Für ihn war "die persönliche Ausstrahlung der Mädchen häufig interessanter als der Fall der Klamotte". Brotjobs sicherten Melis finanziell ab, so dass er in der übrigen Zeit fotografieren konnte, was ihn am meisten fesselte. Der Wirklichkeit um ihn herum so nah wie möglich zu kommen, sei immer sein größtes Ziel gewesen, erklärte er.

Preisabfragezeitpunkt:
10.12.2019, 21:13 Uhr
Ohne Gewähr

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Die Ostdeutschen / The East Germans: Fotografien aus dem Nachlass / Photographs from the estate 1964-1990

Verlag:
Lehmstedt Verlag
Seiten:
224
Preis:
28,00 €

Als Bildreporter lieferte Melis Aufnahmen für Medien in Ost- wie in Westdeutschland. Mit den Aufträgen in der DDR war es allerdings Anfang der Achtzigerjahre vorbei: Melis hatte gemeinsam mit dem in die Bundesrepublik übergesiedelten Schriftsteller Erich Loest an einer Reportage für das Magazin "Geo" gearbeitet. Wegen seiner regimekritischen Haltung rechnete die Regierung Loest in seiner Heimat ab den Fünfzigerjahren zu den "Systemfeinden".

Privat fotografierte Melis unter anderem Plattencover für seinen Nachbarn Wolf Biermann. In der Altbauwohnung des aufmüpfigen Liedermachers in der Chausseestraße 131, einem Widerstandsnest für oppositionelle Intellektuelle und Studenten, porträtierte Melis auch Intellektuelle wie Robert Havemann, Helga Nowak oder Sarah Kirsch. Daneben entstanden seine Straßenfotografien, auf denen er den DDR-Alltag festhalten wollte.

Stille Szenen am Straßenrand

So konzentrierte er sich am 8. Mai 1965, dem 20. Jahrestag der Befreiung von der NS-Herrschaft, nicht etwa auf die Panzer bei der gemeinsamen Parade von Roter Armee und Nationaler Volksarmee im Zentrum Berlins. Ihn interessierten eher die einfachen Leute am Straßenrand: Familien mit Säuglingen auf dem Arm oder ältere Frauen, die das Geschehen aus einer gewissen Distanz verfolgten. Oder Mitglieder der paramilitärischen "Kampfgruppen der Arbeiterklasse", die ganz unheroisch auf dem Pflaster saßen und Karten spielten.

Roger Melis/ Lehmstedt Verlag, Leipzig 2019

Fokus auf den Straßenrand: Parade der Roten Armee 1965 in Ost-Berlin

An der Stelle, wo die Sowjetunion und das SED-Regime ihre militärische Stärke demonstrierten, hatte noch wenige Jahre zuvor das im Krieg beschädigte Stadtschloss gestanden. Die DDR wollte sich vom lästigen Ballast feudaler Zeiten trennen und legte dort ein riesiges Areal für staatlich gelenkte Aufmärsche und Demonstrationen an.

Auch als Melis Ende der Sechzigerjahre Jugendliche auf einer Berliner Kirmes traf, entsprachen sie nicht dem Bild der angepassten Staatsbürger, die stets mit kämpferisch emporgereckter Faust für die Ideale des Sozialismus eintraten. Die Fotos zeigen Teenager, die heimlich rauchten, coole Klamotten liebten und wie Gleichaltrige im Westen einfach gemeinsam Spaß haben wollten.

"Roger Melis war mit seiner stillen Straßenfotografie einer der richtungsweisenden Künstler der DDR", sagt sein Kollege Harald Hauswald, Jahrgang 1954, im Gespräch mit einestages. Melis lernte er Anfang der Achtzigerjahre kennen: "ein gestandener Fotograf, zu dem ich aufschaute". Der Fürsprache von Melis habe er seine Aufnahme in den Künstlerverband der DDR zu verdanken gehabt.

"Es gibt nur noch den Einzelgänger"

Menschen auf der Straße zu fotografieren, sei damals viel einfacher gewesen als heute: "Die Leute waren nicht so misstrauisch", sagt Hauswald, der für sein eigenes dokumentarisches Werk nach der Wende das Bundesverdienstkreuz erhielt.

Roger Melis zeichnet sich durch Demut gegenüber seinem Sujet aus. Spürbar wird das etwa auf seinen Fotos aus der Uckermark: Auf einem Foto ruhen sich Landarbeiterinnen mit Kopftüchern und junge Helfer gemeinsam auf einer Wiese aus. Eher argwöhnisch schaut eine rundliche Frau in Richtung Kamera.

Der Fotograf brachte stets viel Zeit mit, um nach und nach das Vertrauen der Porträtierten zu gewinnen. So erzählte er in einem Interview, dass er einmal einen Seifensieder so lange begleitete, bis der sein Tagewerk tatsächlich vollbracht hatte.

Wenige Jahre vor seinem Tod 2009 wurde Melis einmal gefragt, was sich seit dem Mauerfall in der Fotografenszene in Deutschland verändert hat. "Früher konnte man mit allen Kollegen über das sprechen, woran man gerade arbeitete. Das ist jetzt unvorstellbar", antwortete der große Fotorealist. "Damals haben wir uns gegenseitig geholfen. Das vermisst man heute. Es gibt nur noch den Einzelgänger, den Einzelkämpfer."

Die Ausstellung "Die Ostdeutschen" von Roger Melis ist vom 12. April bis zum 28. Juli 2019 in den Reinbeckhallen in Berlin zu sehen. Mehr Informationen finden Sie hier. Der Katalog dazu ist im Lehmstedt Verlag erschienen.
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