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einestages

Frühe Farbfotos aus deutschen Kolonien

Menschenleere Traumziele

Kolonien gehörten für das Kaiserreich zum Weltmachtstatus, doch nach Afrika wollte fast kein Deutscher. 1907 sandte ein Berliner Verlag Fotografen aus. Sie brachten Farbbilder mit - so schön wie unwirklich.

Verlagsanstalt für Farbenphotographie Weller & Hüttig
Von
Mittwoch, 24.04.2019   11:06 Uhr

Weites Land, strahlend blauer Himmel, gediegene Architektur, üppige Natur - in den mehr als hundert Jahre alten Farbfotos wirken die deutschen Kolonien wie Traumziele. 1910 erschienen die Bilder in der zweibändigen Prachtausgabe eines Berliner Verlages. Noch heute werden sie gern genommen, um ferne Orte zu illustrieren.

Dass es in den Kolonien nicht so strahlend zuging, wie die Publikation weismachen wollte, ist lange bekannt. Doch wie kam diese Postkartenidylle zustande, und warum? Wie gelang es, dem Betrachter eine Welt vorzugaukeln, die es so nie gab?

Die Farbfotos aus der Ferne schienen geeignet, in Deutschland mehr Begeisterung für die Kolonien zu wecken. Im ausgehenden 19. Jahrhundert hatten sich Europas Mächte einen Wettlauf um neue Kolonialgebiete geliefert und vor allem den ganzen Kontinent Afrika unter sich aufgeteilt. Auch das Deutsche Reich strebte nun nach einem "Platz an der Sonne", in Afrika ebenso wie in Asien und in der Südsee. Und so wehte ab 1884 die schwarz-weiß-rote Reichsflagge über Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, sowie über Togo, Kamerun und Deutsch-Ostafrika, das sich heute auf die Staaten Tansania, Ruanda, Burundi und einen kleinen Teil Mosambiks verteilt.

Eine Reise erster Klasse

Die bunten Bilder aus den deutschen "Schutzgebieten", wie die gewaltsam besetzten Territorien euphemistisch genannt wurden, fanden im Kaiserreich ein großes Publikum. Im Rahmen eines von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderten Forschungsprojekts spürte der Kölner Historiker Jens Jäger den Fotografen nach: Bruno Marquardt, Eduard Kiewning sowie Robert Lohmeyer. Bei Lohmeyers Nachfahren wurde er fündig. Denn dieser hinterließ Aufzeichnungen, in denen er von seinen Reisen - 1907/08 nach Togo und Kamerun, 1909 nach Südwestafrika und Ostafrika - berichtete.

Lohmeyer war frisch promovierter Fotochemiker, als er mit der "Edea" von Hamburg nach Togo aufbrach. "Schweinskotelett, Rührei mit Sardinen, junger Käse, Kaffee, Tee" gab es auf dem Schiff morgens am 29. November 1907. "Nach dem Frühstück erkläre ich zwei Herrn den Dreifarbendruck, darauf holen wir unsere Waffen raus und knallen uns ein mit unseren Brownings."

Fotostrecke

Kolonien des Kaiserreichs: "Praktisch das bessere Deutschland"

Der 28-Jährige schilderte die Passage als Abenteuer: "Wellen gehen über Deck. Passagiere der zweiten Klasse können überhaupt nicht heraus, selbst in ihre Kajüten dringt das Wasser. Wir hier oben bekommen nur ab und zu mal einige Spritzer herauf." Lohmeyer reiste erster Klasse, ein Privilegierter unter Privilegierten, die sich ihre Langeweile mit Trinkspielen vertrieben. "Zur Feier des Tages wird ein Fass Bier angestochen."

Dreifarbenfotografie als willkommene PR

Lohmeyer stammte aus wohlhabender Familie, er war Sohn eines bekannten Schriftstellers und Experte für ein neues Verfahren, das es möglich machte, farbige Bilder in Büchern zu drucken. Erfunden wurde es in Deutschland: 1903 hatte Fotopionier Adolf Miethe seine Kamera für die "Dreifarbenfotografie" vorgestellt, eine echte Weltneuheit. Lohmeyer lernte bei ihm.

Berauscht vom Erfolg der ersten gedruckten Farbaufnahmen aus Deutschland schickte der Berliner Internationale Weltverlag Fotografen nun auch in die Kolonien. Als der Verleger überraschend pleiteging, realisierte der frühere Schutztruppenoffizier Kurd Schwabe das Projekt mit der Verlagsanstalt für Farbenphotographie Weller & Hüttich.

Die Kolonien waren zu dieser Zeit in Deutschland umstritten. Im Disput über das Budget und die Fortführung des Krieges in den "Schutzgebieten" wurde das Parlament aufgelöst und Anfang 1907 neu gewählt. Der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika und die Erhebungen der Herero und Nama im Südwesten waren gerade erst brutal niedergeschlagen, als Lohmeyer nach Afrika reiste.

DER SPIEGEL

Wettlauf um Afrika: Die Kolonien 1914

In Togo bezog er am 20. Dezember 1907 ein Zimmer mit "breitem bequemen Moskitobett" in einem "wunderschönen Haus" mit großer Veranda, alles "fein piko!". Für seine Mission konnte er sich der Unterstützung der kolonialen Behörden sicher sein. Im Februar 1908 bereiste Lohmeyer Kamerun - zu Pferd, während seine rund 20 einheimischen Helfer liefen: "Auf der Station waren die meisten nicht recht wohl. Ich brauchte vier neue Träger (zwei hatte ich weggesandt, weil sie schlimme Füße hatten und zwei waren fortgelaufen, ohne Bezahlung, weil sie sich fürchteten, weiter nach innen zu gehen. Zwölf Mark gespart). Endlich um 10 Uhr bekam ich die Kerle."

Wegen der anstrengenden Tour in großer Hitze spendierte Lohmeyer seinen erschöpften Begleitern Tabak - "nun sind sie alle wieder selig". Doch seine Nachsicht hatte Grenzen: "Ich musste auf den Rest der Kerle warten, ließ wieder satteln und schlage zurückreitend ab und zu einige Ermunterungshiebe mit dem Cachicot (Nilpferdpeitsche) vor treibend. Dieses Instrument (...) ist hier Goldes wert. Allein seine Erscheinung wirkt Wunder."

Munter - und auch grundrassistisch

Lohmeyers muntere Berichte vermitteln den Eindruck eines gewitzten Mannes, der neue Situationen zu nehmen wusste, liest Historiker Jäger daraus. "Aber er hatte auch diese Haltung eines weißen wohlsituierten Europäers, der sich per se überlegen fühlt, durchzogen von einer grundrassistischen Einstellung: Als typisch wilhelminischer Bildungsbürger - national, protestantisch, kolonialbegeistert - war er überzeugt von der Überlegenheit der 'Weißen' über alle anderen."

Die Ausflüge in den "Busch" blieben die Ausnahme. Lieber nahm Lohmeyer die Eisenbahn. Das ging einfacher, billiger, ohne Träger. So erreichte er gut erschlossene Orte. Und machte Bilder, wie man sie von ihm erwartete: europäisch anmutende Bauten, Kirchen, Schulen, Krankenhäuser, schöne Alleen, Häfen, Eisenbahnbrücken. In seinen Aufnahmen dominierten Architektur und Infrastruktur, Ordnung und Sauberkeit. Ein kolonialer Traum mit riesigen Gründerzeitvillen und parkartig gezähmter Natur, "praktisch das bessere Deutschland", so Jäger. Dazu ein bisschen Exotik - und viel Platz.

Bemerkenswert: Menschen fehlten fast völlig. Das war auch der Technik geschuldet, denn ein Farbbild brauchte nacheinander drei Aufnahmen mit unterschiedlichen Filtern. Wer nicht so lange stehen blieb, war später nicht zu sehen.

Die Botschaft, die Lohmeyers Bilder damit vermittelten, beschreibt Jäger als durchaus gewollt: "Es entspricht der Vorstellung im Kaiserreich, dass die kolonialen Räume eigentlich menschenleer sind oder zumindest die Menschen, die dort wohnen, nichts mit diesem Land anfangen." Denn Teil der Rechtfertigung für die Unterjochung war die Behauptung, die Einheimischen müssten an die Hand genommen werden. Die wenigen Aufnahmen von ihnen wirken geradezu pittoresk: Einzeln oder in kleinen Gruppen sitzen sie vor ihren Hütten.

Nichts ist zu sehen von der Plackerei auf Plantagen oder gar den Lagern mit eingepferchten Herero. Nichts vom Krieg oder von Tropenkrankheiten, deretwegen kaum ein Deutscher nach Afrika wollte. Die Hoffnung der Kolonialbewegung, dass die Leute dorthin statt in die USA auswanderten, erfüllte sich nie.

Die farbigen Bilder hingegen waren willkommene PR. Sie vermittelten den Eindruck einer friedlichen kolonialen Ordnung.

"Ich könnte mir nichts Betrüblicheres denken"

Die Diskrepanz zwischen abgelichteter Idylle und Realität zeigt Lohmeyers Eintrag zur Ankunft in Swakopmund im damaligen Deutsch-Südwestafrika: "Ich muss gestehen, was Traurigeres kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen. Eine endlose Sandwüste mit Häusern, nicht ein Baum oder Strauch", notierte er am 14. März 1909. Fast die ganze Stadt bestehe aus kleinen schuppenartigen Wellblechhäusern; "ich könnte mir nichts Betrüblicheres denken, als hier an der Küste dauernd leben zu müssen".

Plötzlich ist die Welt ein bisschen bunter

Das Foto, das er von dort mitbrachte, leuchtend gelb und blau, gibt dem Ganzen indes etwas angenehm Warmes.

Wie gut die Bilder funktionierten, zeigte ihr Markterfolg. Die schwere "Prachtausgabe" mit Goldschnitt kostete gut 200 Mark, die etwas kleinere "Nationalausgabe" halb so viel. Die "Volksausgabe" mit weniger Bildern gab es für nur 3,50 Mark. Bis zum Ersten Weltkrieg dürfte der Umsatz rund eine Million Mark erreicht haben, schätzt Historiker Jäger aufgrund der Verlagsangaben beim Kolonialamt.

Und obwohl Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg seine Kolonien aufgeben musste, erschien das Werk 1924/25 neu - als "Jubiläumsausgabe zur 40-jährigen Wiederkehr des Beginns der deutschen Kolonialgeschichte". In der Weimarer Republik formierte sich eine kolonialrevisionistische Bewegung. Ihre Vertreter, sagt Jäger, seien davon überzeugt gewesen, dass es ein Fehler war, den Deutschen ihre Kolonien wegzunehmen, schließlich hätten sie es mindestens genauso gut gemacht wie die Briten oder Franzosen. "Und das hatte man nicht nur schwarz auf weiß - sondern viel besser noch: in Farbe."

insgesamt 11 Beiträge
Hans Ulrich Süss 24.04.2019
1. Schöne Bilder
Leider sind die politisch korrekten Kommentare etwas moderat intelligent. Erstens sind schon deshalb wenig Menschen auf den Bildern, weil es damals wohl weltweit nur etwa 1 Milliarde Menschen gab, zweitens war es wohl nicht [...]
Leider sind die politisch korrekten Kommentare etwas moderat intelligent. Erstens sind schon deshalb wenig Menschen auf den Bildern, weil es damals wohl weltweit nur etwa 1 Milliarde Menschen gab, zweitens war es wohl nicht einfach, während der drei Belichtungen still zu stehen , bzw. es war auch für den Fotografen am Einfachsten nicht bewegtes zu fotografieren. Der Zug dürfte wohl gestanden haben, deshalb gibt es keinen Rauch oder Dampf von der Lok.
Michael Clemens 24.04.2019
2. Michael Clemens Ohne Selbstkasteiung kein korrekter Artikel
Die deutschen Kolonien waren 1914 das an Fläche drittgrößte Kolonialreich nach dem britischen und französischen Kolonialreich. Gemessen an der Bevölkerungszahl lag es an vierter Stelle nach den niederländischen Kolonien. [...]
Die deutschen Kolonien waren 1914 das an Fläche drittgrößte Kolonialreich nach dem britischen und französischen Kolonialreich. Gemessen an der Bevölkerungszahl lag es an vierter Stelle nach den niederländischen Kolonien. Dänemark seinerseits bot 1865 vergeblich Dänisch-Westindien an, um den vollständigen Verlust Schleswigs zu verhindern. 1866 und noch einmal 1876 machte der Sultan der Sulu-Inseln ein Angebot seine Inseln unter den Schutz Preußens, beziehungsweise des Reiches zu stellen. Der Sultan von Witu bat den Reisenden Richard Brenner 1867, ein preußisches Protektorat über sein Land zu erwirken. Südwestafrika: 1868 wollten deutsche Missionare den König von Preußen für das Gebiet interessieren und baten um seinen Schutz, da sie unter den ständigen Kämpfen der Afrikaner sehr zu leiden hätten. 1876 versuchten die Briten von der Kapkolonie aus, das Gebiet in Besitz zu nehmen, konnten sich aber nicht durchsetzen. Als sich die im Inland lebenden Europäer, Missionare und Händler wegen mangelnden Schutzes aufgrund angeblicher Übergriffe durch Afrikaner beklagten, erklärten die britischen Kolonialbehörden, daß sie im Inneren des Landes keine Verwaltung ausübten (Auszug Wikipedia). Soviel zur generellen Behauptung von durch Deutsche gewaltsam besetzte Territorien. Übrigens, keine Postkarte bildet die Realität ab, sondern die Sichtweise des Fotografen. Dieser konnte ja nicht wissen, das seine Fotografien ca. 100 Jahre später bei Frau Grothe zum Politikum werden.
Markus Döring 24.04.2019
3. Wer im Glashaus sitzt...
Herr Süss, Ihren Kommentar, zumindest den ersten Teil, kann man seinerseits nur als - bestenfalls! - "moderat intelligent" bezeichnen. Im Übrigen stimmen Ihre Zahlen nicht: [...]
Herr Süss, Ihren Kommentar, zumindest den ersten Teil, kann man seinerseits nur als - bestenfalls! - "moderat intelligent" bezeichnen. Im Übrigen stimmen Ihre Zahlen nicht: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1694/umfrage/entwicklung-der-weltbevoelkerungszahl/
Uwe Jung 24.04.2019
4. Das Buch zum Text ...
... gibt es auf dem Server der Unibibliothek Frankfurt/Main Band 1: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialbibliothek/content/titleinfo/7867401 Band 2: [...]
... gibt es auf dem Server der Unibibliothek Frankfurt/Main Band 1: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialbibliothek/content/titleinfo/7867401 Band 2: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialbibliothek/content/titleinfo/7870627 Weitere Infos zu thematisch relevanten Dokumenten unter www.archivfuehrer-kolonialzeit.de
Oliver Miller 24.04.2019
5. Die liebe Kolonialzeit
Im Grunde waren bis auf Togo alle Kolonien Zuschußgeschäfte. Tsingtau sollte eine Musterkolonie werden, quasi eine große moderne deutsche Stadt auf chinesischem Boden. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges lag dort eine große [...]
Im Grunde waren bis auf Togo alle Kolonien Zuschußgeschäfte. Tsingtau sollte eine Musterkolonie werden, quasi eine große moderne deutsche Stadt auf chinesischem Boden. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges lag dort eine große deutsche Flotte, die dann im Verlauf bis auf ein kleineres Schiff von den Engländern vernichtet wurde, weil die englische Flotte bei den Falklandinseln stärkere Schiffe stationiert hatte. Tsingtau wurde übrigens von den Japanern 1914 angegriffen und unter hohen Verlusten erobert. Zu der Zeit war es schon klar, dass sich die deutschen Träume in Tsingtau nicht mehr verwirklichen liessen. Viele andere Kolonien hatten nur recht wenige deutsche Bürger, weil wie der Artikel richtig schreibt dort kaum einer hin wollte. So einseitig gewaltsam war die Besetzung bzw. die Inanspruchnahme der Gebiete nicht immer. Deutschland hatte tatsächlich in einigen Kolonien einen auserordentlich guten Ruf bei den Einheimischen, weil sie Wohlstand und Arbeitsplätze mitbrachten. Die Straßen und Eisenbahnen bauten sich nicht von alleine. Die lokalen kleinen Schutztruppen waren zu 90% mit Einheimischen besetzt, die im 1. Weltkrieg hingebungsvoll für die Kolonialmacht kämpften. Wären sie desertiert, hätte vor allem in Afrika kaum ein Kampf stattfinden können. Trotzdem kann man die damaligen Zeiten nicht mit heute vergleichen. Das macht leider der ziemlich schlechte Artikel. Alle europäischen Staaten waren zu der damaligen Zeit national unterwegs, es herrschte viel Patriotismus und ein großes Konkurrenzdenken. Es gab natürlich immer wieder Aufstände und eines der übelsten in einer deutschen Kolonie war wohl Südwestafrika. Man sollte also die Zeiten auch nicht verklären. Natürlich sind in den Kolonien überall auf der Welt viele Dinge geschehen, die heute unvorstellbar sind. Wohl am schlimmsten ist zum einen die Versklavung der Afrikaner über mehrere Jahrhunderte und die weitgehende Ausrottung der amrikanischen Urbevölkerung. Was wohl weniger bekannt ist, dass Dschingis Khan z.B. den persischen Raum weitestgehend menschenleer gemacht hat. Damals war man blutrünstiger als heute, aber heute sind wir auch nicht so schlecht. Das zeigen die armen Idioten in Sri Lanka und der Depp in Christchurch äußerst eindrucksvoll. Die Bilder sind übrigens sehr interessante geschichtliche Dokumente. Sehr eindrucksvoll zeigen sie eine Welt, die es nicht mehr gibt. Was mich noch interessieren würde: Wie ist der Titel des Buches, aus dem die Aufnahmen entnommen wurde?

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