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einestages

Fußball-Pensionär Ottmar Hitzfeld

"Niederlagen haben mich fertiggemacht"

Als junger Fußballer war er ein Knipser, als Trainer ein Titelhamster. Hier spricht Ottmar Hitzfeld über die Schlappe im Champions-League-Finale 1999, seine Burn-outs und seine neue Liebe zum Fußball.

Heribert Proepper/ AP
Ein Interview von
Mittwoch, 06.11.2019   08:44 Uhr

einestages: Herr Hitzfeld, Ist Ihre Fußball-Leidenschaft größer oder kleiner, seit Sie kein Trainer mehr sind?

Hitzfeld: Größer. Mit einem angenehmen Unterschied: Früher bedeutete Fußball vor allem Arbeit, Stress, Druck und das tägliche Gefühl, um die eigene Existenz kämpfen zu müssen. Jetzt kann ich den Sport auf jene unbeschwerte Weise genießen, wie mir das zuletzt als Kind vergönnt war. Ich finde es großartig, als TV-Experte Spiele zu analysieren oder mich auf ein Interview vorzubereiten, ohne für irgendeinen Erfolg verantwortlich zu sein. Und ich liebe es, Livefußball zu schauen. Ob am Fernseher, im Stadion oder wie neulich bei meinem Heimatverein TuS Stetten in der Kreisliga, wo 1960 alles angefangen hat.

einestages: Woran haben Sie bei dem Besuch dort gedacht?

Hitzfeld: Wie sehr ich früher als Kind gelitten habe, wenn die erste Mannschaft ein Spiel verlor. Zwei Tage lang war ich todunglücklich. Wie soll man das einem Menschen erklären, der nicht so fühlt? Unmöglich. Ich habe das immer als Privileg empfunden: diese Leidenschaft, zu der nun einmal auch das Leiden gehört. Es macht alles so viel spannender.

einestages: Wann haben Sie sich in den Fußball verguckt?

Hitzfeld: Da war ich wohl neun Jahre alt. Mein Vater nahm mich mit zu einem Freundschaftsspiel des FC Basel gegen den Hamburger SV mit Uwe Seeler und Charly Dörfel. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich die Treppe zur Tribüne hochkletterte: Ein Abendspiel, die Flutlichter waren angeschaltet, der Rasen leuchtete so grün, wie ich es noch nie gesehen hatte.

einestages: Sie schafften es in den Olympia-Kader 1972, wurden für den FC Basel Schweizer Torschützenkönig und schossen 38 Tore für den VfB Stuttgart. Was für ein Spielertyp waren Sie?

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Ottmar Hitzfeld: Der Trainerfuchs im Trenchcoat

Hitzfeld: Kein Gerd Müller, kein Horst Hrubesch, ein eher durchschnittlich begabter, aber sehr schneller Stürmer, der die 100 Meter in 11,7 Sekunden laufen konnte. Läuferisch war ich als ehemaliger Leichtathlet generell stark, konnte gut dribbeln und hatte vor dem Tor gute Nerven.

einestages: 1983 beendeten Sie Ihre Profikarriere. Was denken Sie heute über Ihr Leben als Spieler?

Hitzfeld: Es war herrlich, der Druck vergleichsweise gering, die Freizeit ausreichend. Als Trainer war mein Berufsleben fünfmal intensiver. Eigentlich wollte ich als Lehrer arbeiten und hatte das Studium bereits zehn Jahre zuvor beendet. Aber dann verlangte das staatliche Schulamt eine Nachprüfung von mir, weil mein Studium schon so lange her sei. Das war mir zu blöd. Also wurde ich Fußballtrainer.

einestages: Acht Jahre lang arbeiteten Sie für den SC Zug, den FC Aarau, Grasshoppers Zürich. Woran haben Sie sich als Rookie die Zähne ausgebissen?

Hitzfeld: Das Wichtigste, das Fundament war für mich immer ein gutes zwischenmenschliches Verhältnis zur Mannschaft. Ich wollte meinen Spielern klarmachen, dass ich ihr Partner war, nicht ihr Chef und wir nur Erfolg haben konnten, wenn wir gemeinsam an einem Strang zogen. Dafür braucht es Vertrauen. Ich habe stundenlang überlegt, welche Worte ich wähle, um meine Spieler zu motivieren oder Fehler zu besprechen. Wenn man gewinnt, ist das ganz einfach. Spannend wird es erst, wenn es nicht so läuft. Kommunikation ist alles in diesem Job.

einestages: Es gibt praktisch keine Geschichten darüber, dass Sie mal die Fassung verloren. Wie waren Sie in der Lage zu so viel Selbstbeherrschung?

Hitzfeld: Ich bin überzeugter Optimist und wollte dieses positive Denken auch aktiv vorleben. Zudem ist Fußball ein ganz einfaches Spiel, wenn man die Regeln einhält - die Spieler und der Trainer. Eine dieser Regeln besagt, dass der Trainer Vorbild sein muss. Wenn er die Kontrolle verliert, verliert die Mannschaft sie auch. Damit kann man keinen Erfolg haben.

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einestages: Ständig den Optimisten zu mimen, kann sehr kräftezehrend sein.

Hitzfeld: Besonders wenn der Erfolg ausbleibt. Als ich 1991 nach Dortmund kam, erwartete man nicht viel von uns, der BVB hatte in der Vorsaison nur Platz zehn erreicht. Ich konnte also nur gewinnen. Am Ende wurden wir überraschend Vizemeister. In Erfolgsjahren sorgen die ständigen Adrenalinschübe dafür, dass man die Belastung gar nicht so merkt. Wenn aber die Mannschaft gegen den Abstieg und der Trainer um seinen Job kämpft, während er gleichzeitig jede Woche Zuversicht ausstrahlen muss, kostet das unglaublich viel Energie.

einestages: 1997 beim BVB und 2004 beim FC Bayern - zweimal sollen Sie kurz vor einem Burn-out gestanden haben.

Hitzfeld: Vielleicht stand ich sogar nicht nur kurz davor, sondern war mittendrin. Jedenfalls war beide Male der Akku total leer, all meine Energie aufgebraucht. Trotz der sehr erfolgreichen Jahre. Mit jedem Sieg und jedem Titel stiegen die Erwartungen - vor allem an mich selbst. Ich habe es gehasst zu verlieren, Niederlagen haben mich fertiggemacht. Ich habe es einfach nicht geschafft, auch mal abzuschalten, war 24 Stunden am Tag mit meiner Mannschaft und dem nächsten Spiel beschäftigt. Selbst in den Länderspielpausen, die man als Trainer so herbeisehnt, gelang es mir nicht, mal den Kopf freizubekommen.

einestages: Wie hat sich das ausgewirkt?

Hitzfeld: Ich hatte viele schlaflose Nächte, in denen der Druck fast greifbar zu sein schien. Dann versuchte ich ein Buch zu lesen - und dachte nach zwei Seiten doch nur wieder an meine Mannschaft. Ich bekam Rückenschmerzen, meine Lendenwirbelmuskulatur verhärtete sich, Körper und Geist waren total verspannt.

einestages: Was haben Sie dagegen getan?

Hitzfeld: Ich habe es mit autogenem Training versucht, mit Yoga und mit Atemübungen, das hat auch geholfen. Manchmal dehnte ich mich auf dem Boden vor meinem Bett und versuchte, irgendwie diese Anspannung aufzulösen. Doch irgendwann war das Ende der Fahnenstange erreicht. 1997 verließ ich den Trainerposten auf eigenen Wunsch, 2004 war ich dazu gar nicht mehr in der Lage und fast dankbar dafür, dass der FC Bayern meinen Vertrag vorzeitig auflöste. Nach dem Champions-League-Erfolg 1997 wollte mich Real Madrid unbedingt als Trainer verpflichten und der damalige Präsident Lorenzo Sanz sich mit mir dafür in Düsseldorf treffen. Drei Nächte lang überlegte ich und sagte dann doch ab.

einestages: Weil Sie sich den Stress nicht antun wollten?

Hitzfeld: Weil ich des Spanischen nicht mächtig war. Hätte ich vernünftig die Sprache beherrscht, wäre ich nach Madrid gegangen. So dachte ich mir: Bis du Spanisch sprichst, haben die dich eh schon wieder entlassen.

einestages: Bei allen Erfolgen steht Ihr Name auch in Verbindung mit einer der spektakulärsten Niederlagen der Fußballgeschichte. Wie haben Sie die 102-Sekunden-Pleite der Bayern im Finale der Champions League 1999 verarbeitet?

Hitzfeld: Der Schock saß auch bei mir tief, zumal mir schon nach dem Schlusspfiff klar war, dass man mich wegen der späten Auswechslungen von Lothar Matthäus und Mario Basler an den Pranger stellen würde. Aber erstens muss man als Sportler mit Niederlagen umgehen, zweitens wusste ich, dass ich als Trainer gerade jetzt, in der schlimmsten Stunde, gefordert war. Als die Spieler völlig erledigt in der Kabine saßen, sagte ich: "Männer, genau jetzt wird sich zeigen, ob wir wirklich ein Team sind!" Erst zu Hause gestattete ich mir den Luxus, an mich selbst zu denken. In dieser Nacht wachte ich schweißgebadet auf und dachte, ich hätte einen Albtraum gehabt. Dabei hatte ich lediglich im Schlaf die letzten Minuten von Barcelona noch einmal nacherlebt.

einestages: Vom etatmäßigen Bayern-Kapitän Thomas Helmer gibt es ein Foto, wie er Ihnen nach der Finalniederlage gegen Manchester den Stinkefinger zeigt, weil Sie ihn nicht eingewechselt hatten. Was lief mit Helmer schief?

Hitzfeld: Thomas war vor der Saison gemeinsam mit Lothar Matthäus mein Kandidat für den Libero-Posten. Als ich mich für Lothar entschied, ahnte ich schon, dass es Ärger geben würde. Ich habe versucht, Thomas meine Maßnahme zu erklären, konnte aber nicht zu ihm durchdringen. Wenn sich ein Spieler verschließt, muss man das als Trainer akzeptieren, damit man nicht seine ganze Energie verbraucht. Irgendwann war bei mir das Maß voll, da konnte und wollte ich mich nicht mehr mit ihm beschäftigen. Die Geste nach dem Spiel in Barcelona war äußerst respektlos und bedeutete für Thomas folgerichtig das Aus in München.

einestages: 2008 übernahmen Sie die Schweizer Nationalmannschaft, Ihr Heimatort Lörrach liegt nur fünf Kilometer vom Dreiländereck entfernt. Fühlten Sie sich noch nicht bereit für den Ruhestand?

Video: Hitzfelds letzter großer Auftritt 2014

Foto: DPA

Hitzfeld: Der Schweiz fühlte ich mich schon immer sehr verbunden, die "Nati" zu coachen erschien mir als idealer Übergang ins Rentenalter. Beinahe wäre ich nach wenigen Wochen wieder zurückgetreten, weil mich die heimische Presse völlig übertrieben als "Messias" feierte und mich diese enorme Erwartungshaltung störte. Letztlich blieb ich sechs Jahre im Amt und erlebte zwei Weltmeisterschaften mit, eine sehr anstrengende, aber auch lohnende Erfahrung. Als meine Auswahl im WM-Achtelfinale 2014 nach Verlängerung gegen Argentinien aus dem Turnier flog, wusste ich, dass meine Karriere endgültig beendet war.

einestages: Warum?

Hitzfeld: Weil ich bereits 65 war und mir immer fest vorgenommen hatte, rechtzeitig aufzuhören. Ich wollte nie einer von diesen Trainern werden, die so lange arbeiten, bis sie tot von der Bank kippen.

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