Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Fußballwahnsinn 2006

Als die Gefühle baden gingen

"Das gibt's nur einmal, das kommt nie wieder!" Im Sommer 2006 gab es nur eins: Fußball. Vier Wochen lang war Deutschland im Ausnahmezustand. Die 15-jährige Monique Bienge wurde zum Symbol des WM-Sommermärchens - und landete auf dem SPIEGEL-Titelbild.

AP
Freitag, 06.06.2008   08:29 Uhr

Seit wann ich Fußballfan bin, kann ich eigentlich gar nicht genau sagen. Vielleicht seit zwei Jahren - höchstwahrscheinlich schlummert aber schon länger das Fußballfan-Gen in mir. Schließlich hege ich von klein auf eine besondere Zuneigung für den Verein Borussia Dortmund - und es ist mir völlig schleierhaft, warum. Ich wohne nicht in Dortmund, nicht mal im Ruhrpott, sondern komme aus Mittenwalde, Brandenburg. Vielleicht war es einfach mein Umfeld, das mich zum Fußball brachte. Wenn jeder deiner Freunde selbst Fußball spielt und ständig zu Spielen fährt, dann findest du das auch toll und rutscht da einfach so hinein. So kam es, dass ich mit zur WM fuhr.

Am 9. Juni 2006 war es soweit. Meine Freunde und ich hatten uns schon lange auf diesen Tag gefreut. Nicht nur, weil es der Geburtstag eines Kumpels war, sondern weil wir alle gemeinsam mit dem Zug nach Berlin fahren würden, um uns das WM-Eröffnungsspiel Deutschland - Costa Rica auf großer Leinwand vorm Brandenburger Tor anzuschauen.

Am Morgen dieses aufregenden Tages schleppten wir uns alle noch in die Schule. Es war stechend heiß und insgeheim hofften wir auf hitzefrei. Der Schuldirektor muss uns erhört haben - pünktlich um 14 Uhr konnten wir aufbrechen. Natürlich nicht, ohne uns vorher Deutschlandfähnchen auf die Wangen zu malen und uns mit Hawaiiblumenkränze und Schals in den Farben Deutschlands zu behängen. In bester Laune quetschte sich unsere Zehner-Clique in eine überfüllte, stickige Bahn. Und je länger der Zug ratterte, umso aufgeregter wurde ich. Ich hatte schließlich keinen blassen Schimmer, was mich auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor erwarten würde. Es war mein allererstes "Public Viewing".

Spontanes Tauschgeschäft

Schon von weitem konnten wir hören. Als wir am Brandenburger Tor ankamen, stand eine riesige Menschenmenge in Schwarz-Rot-Gold vor uns. Überall Fahnen, Schals, Hüte und verrückte Gesichtsbemalungen. Voller Vorfreude drängten wir uns durch die Masse in Richtung Leinwand. Immer wieder hallten Sprüche oder Parolen von irgendwoher und sie wurden immer lauter. "Deutschland vor, noch ein Tor" schall es einstimmig wenige Minuten vor dem Anpfiff. All diese Leute waren da, um Deutschland und seine Fußballmannschaft zu unterstützen. So ein Gefühl hatte ich noch nie erlebt, ein solches Miteinander! Jegliche Scheu und Distanz war verflogen.

Wir schafften es ungefähr bis in die sechste Reihe vor der Bühne. Dort durfte ich - weil ich kleiner war als die anderen - auf die Schultern meines Kumpels klettern, um auch alles mitzubekommen. Als ich mich hoch oben umdrehte und in die Menge sah, bekam ich eine Gänsehaut. Was für eine gigantische Stimmung!

Ein Mann hinter mir regte sich nicht etwa darüber auf, dass ich ihm die Sicht versperrte, nein, er fragte mich gutgelaunt, woher ich denn die coole Sonnenbrille hätte. Prompt bot ich ihm ein Tauschgeschäft an: seinen famosen Deutschland-Schal gegen meine Sonnenbrille. Schließlich hielt ich meine WM-Kostümierung noch für unvollständig. Ohne zu zögern, schlug er ein. Voller Stolz auf meine neue Errungenschaft schrie ich laut auf, riss den Schal mit beiden Armen wie ein Banner hoch über meinen Kopf und stimmte ein Lied an. Schlagartig johlten die Umstehenden im Chor mit und ließen sich von mir antreiben. Ich konnte es kaum fassen - aber es fühlte sich gut an. Irgendwie kam ich mir stark und selbstbewusst vor. Dabei schlottern mir bei Referaten in der Schule gewöhnlich vor lauter Angst die Knie und ich bringe kaum zusammenhängende Sätze hervor.

Mein Bad der Gefühle - wahrscheinlich aber eher mein lautes Organ - schien auch den fünf Fotografen vor der Bühne nicht entgangen zu sein. Hastig richteten sie die Kameras auf mich. Von einer Sekunde auf die andere umgab mich ein Blitzlichtgewitter.

Berauscht vor Glück

Als das erste Tor fiel, lief es mir kalt den Rücken runter - so überwältigte mich die Stimmung. Alle jubelten und lagen sich in den Armen, obwohl man sich gar nicht kannte. So hatte ich Deutschland noch nie erlebt und ich war in dem Moment richtig stolz, dazuzugehören. Gemeinsam zog man die Luft durch die Zähne, sobald sich die Situation vorm Gegnertor zuspitzte und raunte zusammen bei jeder knapp verpassten Torchance. Nirgendwo gab es schlechte Laune oder Aggressionen. Man fühlte sich wie eine große Familie. Ein berauschendes Gefühl.

Der Abpfiff tat der Stimmung keinen Abbruch. Klar, wir hatten ja auch gewonnen! Euphorisch grölten sich die Menschen auf der Straße zu, während sie den Heimweg antraten. Meine Freunde und ich jauchzten lauthals mit. Ich konnte gar nicht anders. Alle war so ausgelassen, so glücklich. Auch noch im Zug.

Doch am Bahnhof Mittenwalde schlug die Stimmung um - zumindest bei mir. Die Aufregung des Tages war plötzlich wie ausgelöscht. Ich musste an meinen Opa denken. Er, der eingefleischte Fußball-Fan, hatte sich seit Wochen auf die WM in Deutschland gefreut - und jetzt bekam er von all dem schönen Trubel nichts mit. Seit ein paar Tagen lag er im Krankenhaus im Koma. Das machte mich fertig.

Während der ganzen WM wachte mein Opa nicht wieder auf und starb nach drei Monaten im Krankenhaus. Bis zuletzt hatten meine Familie und ich gehofft, dass er doch noch etwas mitbekam. Seine Enkelin so zu sehen, hätte ihm sicher sehr gefallen. Trauer und Freude waren in diesem Sommer so dicht beieinander wie Sieger und Verlierer auf dem Fußballfeld. Es sollte nicht leicht werden für mich, nach einem Spiel gut gelaunt nach Hause zu kommen und meine Mutter traurig vor Sorge um ihren Vater zu sehen. Durfte ich jetzt eigentlich glücklich sein? Bin ich es vorhin überhaupt gewesen, als Deutschland das Tor schoss? Solche Fragen schossen mir durch den Kopf.

Der Anruf von der Mama

Am Tag nach dem Eröffnungsspiel war ich mit meinen Freunden am Strand, als mich meine Mama anrief. Halb begeistert halb erstaunt flötete sie in den Hörer: "Du bist in der Zeitung!" "Soso", entgegnete ich und rätselte, ob das jetzt wirklich ernst gemeint war. Es stimmte: Mein Gesicht prangte auf nahezu allen Zeitungen und nicht bloß in Käseblättchen. Sogar RTL bediente sich mehrfach meines Antlitzes. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.

Nach dem ersten Schock habe ich mich riesig gefreut. Wer fühlte sich nicht geschmeichelt, im Großformat abgebildet zu werden auf einer Seite, auf der in der untersten Ecke ein Mini-Bild von Claudia Schiffer hängt? Und na klar, ich fand es schon ziemlich cool, mich selbst im Fernsehen zu sehen. Für ein paar Tage war ich so etwas wie berühmt. Es hat mir gefallen mit "Hey, du warst doch in der Zeitung!" oder "Ich hab' dich im Fernsehen gesehen" angesprochen zu werden, das gebe ich offen zu. Am 16. Juni 2006 war ich dann sogar auf dem Titelbild des SPIEGEL.

Nach der WM war dann allerdings wieder alles wie vorher. Die Leute waren nicht mehr so aufgeschlossen; von dem Miteinander war nichts mehr zu spüren. Das stimmte mich ein wenig traurig. Trotzdem: Ich habe den "Ausnahmezustand WM" sehr genossen und möchte ihn niemals missen. Für mich war es ein Märchensommer und ich wünschte, mein Opa hätte ihn auch noch erlebt.

insgesamt 2 Beiträge
Vitalis Eichwald 06.06.2008
1.
Hallo zusammen, das Gesicht von Monique Bienge wurde für das Spiegel-Cover total verändert. Die Augen sind offen anstatt geschlossen und der Mund hat eine etwas andere Form. Ich finde das absolut geschmacklos - [...]
Hallo zusammen, das Gesicht von Monique Bienge wurde für das Spiegel-Cover total verändert. Die Augen sind offen anstatt geschlossen und der Mund hat eine etwas andere Form. Ich finde das absolut geschmacklos - grundsätzlich. Aber hier auch deshalb, weil sie auf dem Originalbild viel sympathischer wirkt. Mich würde dazu die Meinung der anderen Leser und die der Monique Bienge interessieren. Viele Grüße, Vitalis
Dirk Lenke 16.10.2019
2.
Im Prinzip hast du recht - und es gibt weitere Veränderungen: der freigestellte Körper wurde gekippt, der Kontrast erhöht, die Farben verstärkt, die "Blumenkette" geradegerückt ... Man mag diskutieren, inwieweit [...]
Im Prinzip hast du recht - und es gibt weitere Veränderungen: der freigestellte Körper wurde gekippt, der Kontrast erhöht, die Farben verstärkt, die "Blumenkette" geradegerückt ... Man mag diskutieren, inwieweit das sinnvoll und erlaubt sein soll, aber kein Foto erscheint in einer Zeitschrift unretuschiert, schon gar nicht auf dem Cover. Ich war erfreut, durch spiegelonline die Antwort auf die Frage zu bekommen, die mich zwei Jahre beschäftigte: Wer ist dieses Mädchen?

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP