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einestages

G7-Treffpunkt Biarritz

Wo Bismarck mit seiner heimlichen Geliebten fast ertrank

Einst war Biarritz der mondänste Badeort für Europas Adel. Hier betrog Otto von Bismarck seine Frau mit einer jungen russischen Fürstin. Beinah wäre das Paar im Atlantik ertrunken - der Retter wurde bald verflucht.

Apic/ Rue des Archives/ PVDE/ Getty Images
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Samstag, 24.08.2019   18:36 Uhr

Die Mittagshitze bot den besten Schutz vor ungewollter Aufmerksamkeit, fand Otto von Bismarck. Jedenfalls in Biarritz. Den Lebensrhythmus der Stadt geben Atlantikwellen und Sandstrände vor, mittags leeren sich die Strände - und Otto von Bismarck wünschte an diesem 22. August 1862 viel Diskretion.

Denn der preußische Diplomat hatte ein kleines Geheimnis: seine Geliebte, die er in einem Brief einmal als die "köstlichste aller Frauen" bezeichnete. Das Paar wollte ungestört am Strand flanieren und im Atlantik baden, ohne dabei allzu viele Blicke auf sich zu ziehen.

Derzeit schirmt sich Biarritz wieder vor neugierigen Blicken ab: Die Stadt ist beim G7-Treffen komplett abgeriegelt. Frankreichs Gastgeber Emmanuel Macron wird ein Hang zum Pathos, zur Selbstüberhöhung und zu historisch überfrachteten Gesten nachgesagt. Um das zu entkräften, hätte er einen anderen Tagungsort als Biarritz wählen müssen.

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Bismarck in Biarritz: Gefährliche Brandung

Die Küstenstadt im Südwesten Frankreichs war schon im 19. Jahrhundert der angesagteste Treffpunkt und Badeort für Europas Hochadel. Die Könige Belgiens und Portugals erholten sich hier ebenso wie Österreichs Kaiserin Sisi und ein Großteil der britischen und spanischen Oberschicht. An der wellenumtosten Küste des einst kleinen Fischerdorfes hatten Walfänger früher ihre Beute zerlegt. Die hochwohlgeborenen Touristen verwandelten Biarritz in einen mondänen Kurort mit dem bezeichnenden Beinnamen "Königin der Strände".

Europaweite Welle der Begeisterung

Dass es mit der Ruhe bald vorbei sein könnte, hatte 1843 schon Victor Hugo geahnt. "Ich kenne keinen charmanteren und großartigeren Ort als Biarritz", notierte der Schriftsteller - die Stadt werde bald "in Mode kommen" und nicht mehr das Biarritz sein, das er so liebe.

Hugo behielt recht. 1854 verliebte sich die französische Kaiserin Eugénie in Biarritz. Ihr Mann Napoleon III. baute ihr die "Villa Eugénie". Villa ist deutlich untertrieben für das pompöse Schloss direkt am Meer - heute ist es ein Luxushotel, dort tagen nun auch die G7-Staatschefs.

Apic/ Hulton Archive/ Getty Images

Die ehemalige Villa Eugénie, heute Hôtel du Palais

Insgesamt 14 Sommer verbrachten Kaiser Napoleon und seine Gattin in Biarritz. Sie lösten damit eine europaweite Begeisterung aus, die auch Otto von Bismarck an die Atlantikküste brachte.

Im Sommer 1862 war Bismarck noch nicht der gefürchtete Machtpolitiker und "Eiserne Kanzler", der das zersplitterte Deutschland am Ende mit Kriegen einigen würde. Der hünenhafte und schnauzbärtige Diplomat war noch recht unbekannt und hatte als preußischer Gesandter in Paris und St. Petersburg gearbeitet. Dadurch kannte er auch den russischen Botschafter in Brüssel, Fürst Nikolai Orlow - und bändelte mit dessen Frau Katharina an.

Verliebt in die "niedliche prinzipesse"

"Kathy" nannte er sie liebevoll, auch "Kathsch". Schwärmerisch schrieb er, sie sei "lustig, klug und liebenswürdig, hübsch und jung". Er habe sich "etwas in die niedliche principesse (Prinzessin) verliebt", gestand er seinem "Schwesterherz" per Brief: "Wir baden des Morgens, gehen dann in die Klippen, frühstücken in einer entlegenen Schlucht hinter dem Leuchtturm." Abends spielt Katharina ihm klassische Musik vor. Es war nicht seine erste Affäre, und so glaubte Bismarck, das tue seiner Frau Johanna keinen "Schaden" an.

Die "niedliche Prinzessin" war damals 21 - und damit 26 Jahre jünger als der preußische Familienvater. Wie tief die Beziehung der beiden tatsächlich ging, zeigen die Quellen nicht eindeutig. Klar ist: Für Katharina wandelte Bismarck seinen Kurzbesuch in Biarritz flugs per Arztattest in einen vierwöchigen Kuraufenthalt um. Und für Katharinas gehörnten, ebenfalls wesentlich älteren Ehemann fand er mitunter spöttische Worte: Nikolai hatte im Krim-Krieg ein Auge und einen Arm verloren - und laut Bismarck auch einen "Teil seiner Mannbarkeit".

Wikimedia Commons

Katharina Orlowa

Am 22. August 1862 verlor Bismarck durch diese Affäre um ein Haar weit mehr als das: Zweimal täglich schwamm er im Atlantik. Als er mittags mit "Kathy" ins Wasser ging, zog die Strömung die beiden plötzlich hinaus. Die riesigen Brecher, die Biarritz gut ein Jahrhundert später zu Europas erstem Hotspot des Surfsports machen sollten, wären dem konservativen Diplomaten fast zum Verhängnis geworden.

Bismarcks Glück war, dass sein Kalkül nicht ganz aufgegangen war: Man hatte ihn nämlich doch beobachtet. Zumindest Pierre Lafleur, der Leuchtturmwärter. Was dann folgte, klingt wie ein Legende, ist aber dokumentiert: 2006 ließ sich ein Reporter der "Berliner Zeitung" in Biarritz Dokumente zeigen, die eine filmreife Rettung beschreiben.

Demnach zog Lafleur, damals 42 Jahre alt, zunächst die russische Fürstin aus dem Wasser, die bereits das Bewusstsein verloren hatte. Bismarck trieb derweil weiter ab, mit den Armen wild in der Luft rudernd. Lafleur brachte sich erneut in Lebensgefahr. Bescheiden gab er später zu Protokoll: "Es war nicht leicht, den fast leblosen Körper eines Mannes von 1,90 Meter Körpergröße und 100 Kilo Gewicht zu bergen."

Halbwahrheiten an die ferne Frau

Ein eilig herbeigeholter Arzt holte Bismarck ins Leben zurück. Heute warnen dreieckige, rot-gelbe Schilder mit einer brechenden Welle vor der "Gefahr durch das starke Meer".

Seiner Frau Johanna verschwieg Bismarck diesen Vorfall. Stunden habe er mit "Briefeschreiben nach Paris und Berlin" verbracht, ließ er sie über den Tag seiner Rettung wissen. Danach habe er einen "zweiten Trunk Salzwasser genommen", allerdings "im Hafen, ohne Wellenschlag". Vorgeblich vernünftig fügt er hinzu, dass "zwei Wellenbäder" im offenen Meer für ihn ja auch viel zu viel wären.

Der von Bismarck verschwiegene Retter hätte nur einen Monat später ebenfalls einen selbstlosen Retter gebraucht: Leuchtturmwärter Lafleur ertrank selbst beim Baden im Atlantik. Seine Frau war gerade hochschwanger. Bismarck, inzwischen in Preußen zum Ministerpräsidenten aufgestiegen, und Katharina Orlowa wurden Paten des Neugeborenen. Das Baby wurde Othon-Edouard getauft, benannt nach Otto Eduard Leopold von Bismarck; wäre es ein Mädchen geworden, hätte es nach der Russin Cathérine-Anne heißen sollen.

Doch Bismarck schien der Familie Lafleur wenig Glück zu bringen. Sein Patenkind Othon starb in recht jungen Jahren. Umgekehrt brachte Biarritz auch Bismarck kein Glück mehr. Noch mehrmals besuchte er das Atlantikbad, auch um Napoleon III. zu konsultieren. Zu seiner Enttäuschung sah er dort Katharina, die schwer erkrankt war, nie wieder.

"Ich habe hier den Brunnen der Jugend gesucht"

Deprimiert schrieb Bismarck ihr im Oktober 1865 aus Biarritz, er sei "demoralisiert", weil er Berlin inzwischen Biarritz vorziehe. "Es ist wenig wahrscheinlich, dass ich jemals hierher zurückkehre." Und, in der Vergangenheit schwelgend: "Als ich hier mit Ihnen war, habe ich leicht die Nachteile übersehen oder ignoriert; heute bin ich desillusioniert und belaste mich mit einem Gefühl von Langeweile und Traurigkeit."

Erst durch Katharinas Abwesenheit habe er gemerkt, dass die Weine von früher nun schlecht schmeckten, dem Wasser die Frische fehle und die Betten zu kurz seien. "Ich habe hier den Brunnen der Jugend gesucht. Ich bin um zehn Jahre gealtert", schrieb Bismarck.

Noch einmal aber sollte Bismarck auf französischem Boden Stolz über einen Triumph empfinden. 1871 besiegten die Deutschen Frankreich und gründeten in bewusster Demütigung der Besiegten im Schloss Versailles das deutsche Kaiserreich. Der deutsche Nationalstaat war die Erfüllung von Bismarcks politischem Lebenstraum.

Kaiser Napoleon III. war geschlagen, floh ins britische Exil und sah seinen mondänen Strandpalast in Biarritz nie wieder. Spätestens nach dieser Niederlage verfluchen viele Franzosen den mutigen Leuchtturmwärter, der Bismarck einst aus den Fluten gezogen hatte.

insgesamt 8 Beiträge
Tomas Mariuson 24.08.2019
1. Der Anzettler des französisch-preussischen Krieges 1870/71
"1871 besiegten die Deutschen Frankreich ..." So elegant wird in diesem Artikel die Tatsache umschifft, dass Bismarck genau diesen Krieg mit List und Täuschung auch angezettelt hat. Für alle, die dies nicht sofort als [...]
"1871 besiegten die Deutschen Frankreich ..." So elegant wird in diesem Artikel die Tatsache umschifft, dass Bismarck genau diesen Krieg mit List und Täuschung auch angezettelt hat. Für alle, die dies nicht sofort als undeutsche Selbstbeschmutzung abtun, sondern mehr darüber lernen wollen: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Emser_Depesche
Michael Scherer 24.08.2019
2. Kein Deutsch-Französischer Krieg
Es waren nicht die Deutschen, die die Franzosen besiegten, sondern die Preußen mit ihren Verbündeten. Das Deutsche Reich entstand erst nach diesem Krieg bei der Proklamation Wilhelm I als deutschem Kaiser. Erst dann kann man von [...]
Es waren nicht die Deutschen, die die Franzosen besiegten, sondern die Preußen mit ihren Verbündeten. Das Deutsche Reich entstand erst nach diesem Krieg bei der Proklamation Wilhelm I als deutschem Kaiser. Erst dann kann man von "Deutschen" sprechen.
Jo Ludwig 25.08.2019
3. Es ist immer wieder mehr...
...als fragwürdig das bei solchen Treffen derart extreme Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden - wovor haben die Teilnehmer denn so die Hosen voll und wovor fürchten die sich? - Haben diese Leute denn soviel Mist an den [...]
...als fragwürdig das bei solchen Treffen derart extreme Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden - wovor haben die Teilnehmer denn so die Hosen voll und wovor fürchten die sich? - Haben diese Leute denn soviel Mist an den Hacken das die permanent um ihr Leben fürchten? Sieht ja ganz so aus - dann sind das ja alles charaktelose Lumpen die all die Menschen fürchten die sie doch zu deren Wohl regieren sollen.
Tom Miller 25.08.2019
4. dieser Schwachsinn über Bismarck
Als hätte Bismarck Deutschland mittels Kriegen, Blut und Schwert zusammen geschmiedet. Zum wahrscheinlich zwanzigesten Mal innerhalb von 150 Jahren hatte Frankreich den Deutschen Landen den Krieg erklärt. Einfach mal die [...]
Als hätte Bismarck Deutschland mittels Kriegen, Blut und Schwert zusammen geschmiedet. Zum wahrscheinlich zwanzigesten Mal innerhalb von 150 Jahren hatte Frankreich den Deutschen Landen den Krieg erklärt. Einfach mal die Emser Depesche lesen und wie es durch die heute wie damals aggressive französische Politik dazu kam. Das Deutsche Reich als Deutschland entstand durch eine Kriegserklärung Frankreichs. Wer sich für europäische Geschichte Interessiert sollte mal zusammen zählen wie oft das Frankenreich dem östlich gelegenen Reich den Krieg erklärte und wird auf 100 zu 1 für das Frankenreich kommen. Selbst zum Ende der "Französischen Revolution" erklärte man den östlichen Nachbarn einen Krieg. Vom Kriegsverbrecher Napoleon, der in seiner aggressiven Kolonialmacht Frankreich noch heute verehrt wird mal ganz abgesehen. Ich hatte gehofft, dass Deutschland und Frankreich auf Augenhöhe das Kriegsbeil begraben würden, jedoch Frankreich ist dabei sich erneut als Kolonial- und Europäisches Kaiserreich aufzuspielen. Wird scheitern, wenn nicht an Deutschland/Österreich jedoch spätestens an Russland, wie einst Napoleon, Hitler, Truman, G. W. Bush und Barack Obama
Axel Schudak 25.08.2019
5.
Von "deutschen" kann man schon ab etwa 900 sprechen. Ein Nationalstaat ist keine Notwendigkeit für eine Kultur - oder gibt es "Italiener" auch erst seit 1870? Gab es zwischen 1796 und 1918 keine Polen? [...]
Zitat von mschererEs waren nicht die Deutschen, die die Franzosen besiegten, sondern die Preußen mit ihren Verbündeten. Das Deutsche Reich entstand erst nach diesem Krieg bei der Proklamation Wilhelm I als deutschem Kaiser. Erst dann kann man von "Deutschen" sprechen.
Von "deutschen" kann man schon ab etwa 900 sprechen. Ein Nationalstaat ist keine Notwendigkeit für eine Kultur - oder gibt es "Italiener" auch erst seit 1870? Gab es zwischen 1796 und 1918 keine Polen? Abgesehen davon waren am Krieg 70/71 neben den Preussen auch viele andere deutsche Staaten beteiligt, die sich keineswegs als "Verbündete Preussens" sahen - Bayern, um nur mal den wichtigsten zu nennen. Einfach mal nachlesen...

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