Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Historische Mordfälle

Der Katakomben-Kommissar

Ein unscheinbares Stück Schnur - der entscheidende Hinweis in einem 60 Jahre alten Mordfall? Wenn Hans-Peter Schühlen mit einer vergilbten Akte aus dem Keller des Stuttgarter Polizeipräsidiums steigt wird daraus sein neuester Fall. Der Kommissar hat schon Täter überführt, die sich seit Jahrzehnten sicher fühlten. Einen verhaftete er sogar im Altersheim.

SPIEGEL ONLINE
Von
Mittwoch, 06.02.2008   21:43 Uhr

Hinter einer unscheinbaren Metalltür führt eine schmale Kellertreppe in den Bauch des Polizeipräsidiums Stuttgart. Eine Ahnung von Feuchtigkeit und Muff kriecht in die Nase, während man lange Gänge mit müde-weißen Wänden entlang geht, eine weitere Treppe hinabsteigt, die tickernde Ölheizanlage passiert, nur um dann noch ein paar Stufen hinunterzusteigen. Hier unten befindet sich das Aktenlager für abgelegte Mordfälle. Vier Regalreihen randvoll mit aufgeklärten Verbrechen. Auf eine fünfte, in der sich vergilbte Ordner und Mappen in halbleeren Fächern stapeln, steuert Hans-Peter Schühlen zielstrebig zu: die ungelösten Mordfälle seit 1945.

Seit November 2004 beginnt hier unten jeder neue Fall des Kriminalhauptkommissars vom Dezernat 1.1, der Mordkommission von Stuttgart. Seit gut drei Jahren ist Schühlen für die Aufklärung alter Morddelikte in seiner Heimatstadt zuständig. Dabei hat der 55-jährige mit den freundlichen Augen und dem achtlos zu einem Mittelscheitel frisierten Silberhaar seinen Fokus auf Morde nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt. "Das", sagt Schühlen, "ist der Zeitraum, wo ein Täter möglicherweise noch leben könnte." Der älteste Fall an dem er arbeitet, stammt aus dem Jahr 1946. Das Opfer wurde damals erdrosselt aufgefunden. Neben der Leiche achtlos liegengelassen, das Tatwerkzeug: ein Stück Schnur. Schühlen fand es in der Akte zu dem Fall, einem dünnen Mäppchen mit vergilbten Dokumenten.

Was vor über 60 Jahren so leichtfertig vom Täter zurückgelassen und vermutlich eher der Vollständigkeit halber von den Beamten archiviert wurde, ist für Schühlen heute eine heiße Spur. Weder der Mörder noch die Ermittler von damals hätten sich wohl träumen lassen, was dem Katakomben-Kommissar, wie er scherzhaft von seinen Kollegen genannt wird, heute für Ermittlungsmethoden zur Verfügung stehen.

"Nicht jeder stirbt mit einem Messer im Rücken"

In den letzten 25 Jahren hat die Kriminaltechnik gewaltige Fortschritte gemacht. Fortschritte, die auch das spärlichste Beweisstück in einem neuen Licht erscheinen lassen. Die wichtigste Neuerung erfand der britische Humangenetiker Alec Jeffreys im Jahre 1985: den genetischen Fingerabdruck, ein Laborverfahren, das es möglich macht, einzigartige Merkmale in der DNA eines Menschen zu ermitteln. Für seine Erfindung wurde der Wissenschaftler von der Queen geadelt. Zu Recht. Denn diese bahnbrechende Methode sollte es fortan ermöglichen, den Täter durch Spuren wie Blut, Haare oder Hautpartikel zu identifizieren und zu überführen.

1988 wurde das Verfahren erstmals bei einem Mordprozess in Deutschland anerkannt. Seitdem hat diese kriminaltechnische Revolution sich in rasender Geschwindigkeit weiterentwickelt. Mittlerweile müsste sich ein Täter sich schon komplett in Cellophan verpacken oder einen Astronautenanzug überstreifen, um keine Spuren zu hinterlassen. Brauchte es in den Achtzigern noch einen ungefähr fünfmarkstückgroßen Blutfleck, um die DNA des Täters zu bestimmen und Ende der Neunziger Jahre noch immer ein Haar mit Wurzel, so reicht heute ein Tropfen Schweiß, um daraus sogenanntes DNA-fähiges Material zu gewinnen - oder mikroskopisch kleine Hautschüppchen, die an einer Schnur hängengeblieben sind, mit der vor über 60 Jahren ein Mord verübt wurde.

"Den perfekten Mord", sagt Schühlen mit ruhiger Stimme, "gibt es nicht mehr." Es ist so gut wie unmöglich, an einem Tatort keine Spuren zu hinterlassen. Ausnahmen bilden dabei allerdings jene Morde, die bei der Leichenschau durch den Arzt vor Ort nicht erkannt werden. "Nicht jeder Ermordete stirbt mit einem Messer im Rücken", erklärt der Kommissar lakonisch. Dann steht Herzinfarkt oder Hirnschlag unter "Todesursache" und die Polizei wird gar nicht erst hinzugezogen. Wird ein Mord allerdings erkannt, liegt die Aufklärungsquote bei über 95 Prozent.

Beweisstücke einfach entsorgt

Laboranalysen, genetische Fingerabdrücke und Beweisstücke zu jahrzehntealten Verbrechen - das klingt doch nach Stoff für einen Krimi, nach einem Script für erfolgreiche US-Serien wie "CSI" oder "Cold Case" in denen Wissenschaftler und Ermittler Hand in Hand gehen, um am Ende des Tages den irren Serienkiller zu stellen. Schühlen lehnt sich in seinem Stuhl zurück und lächelt milde. "Diese amerikanischen Serien liegen mir nicht so. Deutsche Krimis, 'Tatort', ja. Aber ich mag diese ganze Action nicht."

Vielleicht nicht die schlechteste Voraussetzung für seinen Job. Denn bei den Ermittlungen des Nicht-TV-Kommissars ist vor allem Geduld gefragt. So begann seine neue Aufgabe 2004 erstmal damit, dass er feststellen musste wie viele ungeklärte Mordfälle es überhaupt gibt. Dafür musste der Kommissar drei Monate lang Stapel von Ermittlungsakten aus dem Keller auf seinen Schreibtisch schaffen und durcharbeiten. Am Ende war klar: es sind 64. Aus ihnen hat Schühlen die Fälle ausgewählt, bei denen es am wahrscheinlichsten ist, dass die nochmalige Untersuchung der Beweisstücke zu neuen Ergebnissen führen könnte.

Ein neuer alter Fall beginnt für Schühlen immer damit, dass er Akten durcharbeiten muss. Manchmal über hundert Ordner für einen Mord. Als nächstes gilt es dann die Beweismittel auszuwerten. Schon die Suche nach den Asservaten, kann ein kleines Abenteuer sein. Denn mit jedem neuen Mordfall kommen neue Beweismittel in die Asservatenkammern, manchmal fünf Umzugskartons voll. Bei ungefähr zehn bis zwanzig Tötungsdelikten, die jedes Jahr in Stuttgart begangen werden, treten schnell Platzprobleme auf. Aus diesem Grund wurde Ende der siebziger Jahre eine große Aufräumaktion in der Stuttgarter Asservatenkammer gemacht. Alle Beweisstücke zu Fällen aus früheren Zeiten wurden schlichtweg entsorgt. "Damals hat man gedacht, dass alle Untersuchungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind", erklärt Schühlen.

"Übertötung" bedeutet "Blutrausch"

Doch der Kommissar wird von seinen Vorgesetzten nicht umsonst für seine Akribie gelobt. Anstatt einfach aufzugeben, fing Schühlen an, nach den Asservaten zu fahnden. In der Rechtsmedizin machte er sich auf die Suche, bei der Staatsanwaltschaft, beim LKA und in den Kellern des Polizeipräsidiums Stuttgart, die der Katakomben-Kommissar nach drei Jahren kennt wie seine Westentasche.

Und dann schleicht sich ein kleines Lächeln in Schühlens Mundwinkel. Denn einen Täter konnte er tatsächlich dingfest machen, weil einer seiner Kollegen per Zufall auf einen Karton mit Beweismitteln in einer kleinen Kammer im Keller gestoßen war. Was für ein Fall das genau war, darüber kann Schühlen nicht sprechen, die Verhandlung steht noch an. Überhaupt wird er etwas einsilbig, wenn es um seine Fälle geht, um all' diese Verbrechen aus Habgier oder Leidenschaft oder bloßer Wut. Und wenn er doch etwas erzählt, wird er sachlich, spricht davon, dass ein Opfer "übertötet" wurde. Und meint seinen jüngsten Fall, bei dem er einen seiner Kollegen unterstützt. Der 40-jährige Michael Sattler war am 13. Januar 2001 auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in Stuttgart tot aufgefunden worden - ermordet "in einer Exzesshandlung", erklärt Schühlen routiniert und meint: "im Blutrausch".

Von den 64 Morden hat er bereits drei gelöst. Einer der Täter, der in den neunziger Jahren kaltblütig einen Pensionär in seiner Wohnung niederstach, ist mittlerweile selber Rentner. Der über 70 Jahre alte Mann wurde von Schühlens Kollegen aus einem Altersheim direkt ins Gefängnis gebracht. Denkt man da nicht manchmal darüber nach, ob es sich gelohnt hat, den Täter noch zu überführen? "In dem Fall war es tatsächlich so", räumt Schühlen ein, "Der Mann kann kaum noch laufen, und eine Gefahr geht von einem über 70-jährigen auch nicht mehr aus." Trotzdem bestehe natürlich der Sühneanspruch der Bevölkerung bei solchen Kapitaldelikten, fügt Schühlen dann hinzu. "Mord verjährt nicht."

Mord verjährt nicht

Gibt es denn Fälle, die einem besonders am Herzen liegen? Zum Beispiel solche, die man früher selbst nicht lösen konnte? "Natürlich. Aber da ist es eher so, dass ich die zurückstelle", sagt Schühlen. "Wenn man sich Fälle vornimmt, an denen man früher selbst gearbeitet hat, ist man so auf eine bestimmte Theorie fixiert, dass man oft nicht weiterkommt. Da fällt es einfach zu schwer, den Fall ganz neutral zu bearbeiten."

Momentan arbeitet der Kommissar an vier weiteren krminalistischen Langzeiträtseln gleichzeitig. "Mehr geht nicht", erklärt er, "manchmal merke ich schon, wie ich Details durcheinander bringe." Zehn Morde stehen beim Morddezernat Stuttgart in diesem Jahr auf der Liste. Die will der 55-Jährige noch mit Hilfe seiner Kollegen lösen. Doch ob das gelingt, hängt nicht weniger von dem Kommissar ab, als von den Kapazitäten der kriminaltechnischen Labors. Denn mit den neuen Untersuchungsmethoden hat es einen regelrechten Run auf die DNA-Analytiker gegeben. Polizeipräsidien in ganz Deutschland rollen alte Fälle wieder auf, um durch die neuen Methoden aus Ermittlungs-Sackgassen zu kommen, in denen die Ermittlungen vor Jahren stecken geblieben sind. Und aktuelle Fälle gehen natürlich immer vor. So kann es schon einmal über ein Jahr dauern, bis ein Beweisstück untersucht ist.

Aber das Warten lohnt sich. "Viele Leute sind froh, wenn sie merken, dass die ungelösten Morde nicht einfach unter den Aktenbergen verschwinden", sagt Schühlen zufrieden. Bis er in drei Jahren in Rente geht, wird der Katakomben-Kommissar also weiterhin Fall für Fall aus den Kellern unter dem Polizeipräsidium holen und sie gewissenhaft und akribisch abarbeiten. Warum auch nicht. Die Zeit ist auf seiner Seite. Mord verjährt nicht.

Sagen Sie Ihre Meinung!

Verwandte Themen

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP