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Karneval im Pott

Mini-Kosmos der Mega-Narren

Spaßparadies hinter der Lärmschutzwand: Abgeschottet von der Welt und dem restlichen Ruhrgebiet wird in Oberhausen-Vondern eine höchst eigenwillige Variante des Karnevals gefeiert. Fotograf Karlheinz Jardner wurde seltener Zeuge des Spektakels. Protokoll eines exzentrischen Exzesses.

Karlheinz Jardner
Mittwoch, 10.02.2010   15:08 Uhr

In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Es gibt verschiedene Arten, jeck zu sein. Eine ganz spezielle habe ich Anfang der achtziger Jahre in Oberhausen-Vondern, einer kleinen Bergarbeitersiedlung im Ruhrgebiet, kennen gelernt. Anders als Kölner oder Mainzer sind die Ruhrgebietler nicht gerade bekannt dafür, besonders ausgelassen Karneval zu feiern. Ich selbst bin in Essen aufgewachsen, und die närrische Zeit machte sich in meiner Kindheit vor allem dadurch bemerkbar, dass man sich als Cowboy verkleidete und mit einer Pistole in die Luft knallte.

Vom Karneval in Vondern erfuhr ich durch Zufall, als ich 1982 für einen Bildband sämtliche Stadtteile von Oberhausen besuchte. In Vondern fotografierte ich einen Brieftaubenzüchter - und der gab mir einen Tipp, der mich neugierig machte. Zur nächsten Karnevalssession wollte ich die beschauliche Siedlung noch einmal besuchen.

Vondern, muss man sich vorstellen, liegt wie eine kleine Insel hinter einer großen Mauer. Eine gewaltige, mindestens vier Meter hohe Schallschutzwand trennt die rund 100 Häuser des Ortes von der Autobahn A 42 und damit von der pulsierenden Lebensader des Ruhrgebiets, dem Emscherschnellweg. Womöglich hatte diese isolierte Lage dazu beigetragen, dass sich hinter der Mauer ein ganz eigener kleiner Kosmos entwickeln konnte. Die Zeche Vondern, für die die Arbeitersiedlung zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet worden war, war längst stillgelegt. Ihre Bewohner aber schienen sich ihre Authentizität bewahrt zu haben - wie man auch an der sehr eigenwilligen Art sehen konnte, wie sie Karneval feierten.

Gruß von Erwin

Es dauerte ein bisschen, in dieses Universum vorzudringen. Und eine Saison würde dafür womöglich nicht ausreichen. Ein erster Kontakt aber kam rasch zustande: Ich fuhr zur Karnevalsgesellschaft Blau-Gelb Vondern 1936 und bestellte einen schönen Gruß von Erwin, dem Taubenzüchter.

Fotostrecke

Karneval im Pott: Mini-Kosmos der Mega-Narren

Es funktionierte. Zwar sollte ich es in den folgenden Wochen und Monaten nicht schaffen, je mit meinem Namen angesprochen zu werden. Dafür informierte man mich bald schon über die wichtigsten Etappen der Session. "Du, Fotograf", hieß es dann etwa, "im Gartencenter bauen wir gerade die Wagen für den Umzug." Für mich war das die Einladung, Zeuge der emsigen Vorbereitungen für das Großereignis zu werden. Karnevalswagen zu bauen ist natürlich eine Kunst - und braucht viel Zeit.

Im Gartencenter von Vondern war es sehr kalt und es gab viel zu tun, also trank man auch das eine oder andere Fläschchen Bier. Womöglich nicht nur mit der Folge, dass die Arbeit zum Thema "Der blaue Engel" - Marlene Dietrich aus Styropor geschnitten - dadurch schneller von der Hand ging. Schließlich war es soweit: die Wagenpremiere! Dann der Schock. Beim Maßnehmen für die Diva war offensichtlich irgendetwas schief gelaufen, denn das imposante Gefährt passte nicht mehr durch die Werkstatttür. Also musste die schöne Marlene wieder runter, der Wagen ins Freie und ein weiteres Mal zusammengebaut werden.

Ätzepömmel essen

Die eigentliche Überraschung für mich aber war der Umzug selbst. Während ganz Oberhausen seinen Straßenkarneval traditionell am Sonntag begeht, rollen die Wagen von Blau-Gelb Vondern erst am Rosenmontag - und dann auch nur durch Vondern. Als Zuschauer hatte man sofort das Gefühl, mittendrin zu sein - was auch daran lag, dass die Wagen so dicht an den geöffneten Fenstern und Türen vorbeizuckelten, dass man nach ihnen greifen konnte. Umgekehrt wurde man als Gast direkt von der Straße weg zum Tanzen und Trinken in manches Wohnzimmer gezogen.

In Vondern herrschte eine sehr familiäre Stimmung. Das galt erst recht für die Veranstaltungen in der Vereinskneipe "Großholdermann" - die mich irgendwie an die "Augsburger Puppenkiste" erinnerten. Das "Großholdermann" war eigentlich eine ganz normale Gaststätte mit einem kleinen Saal, in den vielleicht so an die hundert Leute passten. Die Prunksitzungen hatten im Prinzip die gleiche Struktur, wie ich sie von Karnevalsvereinen aus dem Fernsehen kannte, nur eben alles viel, viel kleiner. Die Bühne war gerade einmal drei oder vier Meter breit. Von vorn schaute man also in ein Kästchen, in dem sich das Programm abspielte, aber natürlich mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie in den großen Karnevalshochburgen.

Ähnlich war es auch beim Lumpenball am Faschingsdienstag, der die ganze Exotik der Vondernschen Karnevalstradition offenbarte - vom Verbrennen des "Bacchus", einer Puppe, wie man sie aus dem rheinischen Karneval kennt, und andernorts auch Hoppediz nennt, über den wilden Tanz in Masken und bunten Flickenkostümen wie bei einer alemannischen Fastnacht, bis hin zum kollektiven Verzehr gekochter Leber- und Blutwurst, dem sogenannten Ätzepömmel-Essen.

"Wir sagen hier nichts!"

Ich fand das Vondernsche Karnevalstreiben derart spannend, dass ich davon einem Journalisten erzählte, der im Ruhrgebiet für den Hörfunk arbeitete. Im folgenden Jahr fuhren wir gemeinsam zum Lumpenball. Im "Großholdermann" musste nun auch er erst einmal die Schwelle des Fremden überwinden. "Wir sagen hier nichts", bekam er zu hören, nachdem er sein Anliegen vorgetragen hatte. "Wer ein Interview haben will, der trinkt erstmal mit dem Elferrat!"

Trinken bedeutete in diesem konkreten Fall: ein Schnäpschen und ein Bier - und das ganze elf Mal. Im Saal war die Feier bereits in vollem Gange, so dass ich mich sogleich dem Fotografieren widmete und den Radiomann seinen Job machen ließ. Irgendwann sagte dann jemand so zu mir: "Hör mal, Fotograf, was ist denn mit Deinem Kollegen los?" Ich wusste nicht, was er meinte und fragte: "Entschuldigung, wie? Was soll denn sein?" Darauf er: "Ja, komm mal mit."

Und dann zeigte er mir den Ärmsten, der auf allen Vieren kniend in aller Ruhe versuchte, sein über den ganzen Boden abgerolltes Tonband wieder aufzurollen. Offensichtlich waren bei dem Interview mit dem Elferrat einige Biere zu viel geflossen. Ich bekam noch mit, wie einer der Interviewpartner zu ihm sagte: "Hör mal, lass sein! Kommst nächstes Jahr wieder. Wir feiern jetzt!" Ich glaube, der Kollege ist dann im nächsten Jahr tatsächlich noch mal hingefahren, weil er genau wie ich das Ganze so interessant fand.

Aufgezeichnet von Solveig Grothe

insgesamt 3 Beiträge
Achim Gregorius 18.06.2015
1. Himmlisch
Einfach nur himmlisch. Karneval,so wie er sein soll. Ich liebe es. Da muss ich hin!
Einfach nur himmlisch. Karneval,so wie er sein soll. Ich liebe es. Da muss ich hin!
Egon Speziale 19.06.2015
2.
Schön geschrieben. Aber trotzdem kann ich im Artikel nicht die versprochene "höchst eigenwillige Variante des Karnevals" entdecken. Alles wie woanders auch. Kleiner als in den Hochburgen, sicher. Aber auch das: Genau [...]
Schön geschrieben. Aber trotzdem kann ich im Artikel nicht die versprochene "höchst eigenwillige Variante des Karnevals" entdecken. Alles wie woanders auch. Kleiner als in den Hochburgen, sicher. Aber auch das: Genau wie woanders auch.
Sven Becker 19.06.2015
3.
Und wo ist jetzt der exzentrische Exzess zu finden. Hoert sich eher an wie ein normaler Kleinstadt- oder Dorfkarneval.
Und wo ist jetzt der exzentrische Exzess zu finden. Hoert sich eher an wie ein normaler Kleinstadt- oder Dorfkarneval.

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