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einestages

Drogenschwemme auf Azoren

Als Inselbewohner nach Kokainpäckchen wettangelten

In einer Sturmnacht 2001 wurden massenhaft Drogenpäckchen auf São Miguel angespült. Insulaner fischten sie aus dem Wasser - mit dramatischen Folgen.

Gaspar Avila/ age fotostock/ mauritius images
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Dienstag, 30.07.2019   11:30 Uhr

Das Leben auf São Miguel hielt wenig Aufregendes bereit. Tag für Tag fuhren Männer mit ihren Fischerbooten auf den Atlantik hinaus, Jugendliche saßen am Pier des Fischerdorfes Rabo de Peixe und rauchten ab und zu Cannabis. Doch dann, im Juni 2001, nahm ein weißes Segelboot Kurs auf die abgeschiedene Vulkaninsel.

Was niemand wusste: Die Fracht im Bauch des Schiffes sollte das Leben der 7500 Bewohner bis heute verändern. An Bord waren mindestens 500 Kilogramm Kokain im Wert von 40 Millionen Euro, wahrscheinlich deutlich mehr.

Die See war rau an diesem 6. Juni 2001, ein Sturm zog auf. Bei starker Strömung schien die Zwölf-Meter-Jacht ziellos an der Küste umherzudümpeln, gefährlich nah an den scharfen Klippen. Alle vermuteten, dass ein unkundiger Hobbysegler das Steuer führen musste und gegen die Gezeiten vor São Miguel kämpfte, eine der neun größeren Azoreninseln.

Der Mann an Bord steckte tatsächlich in Schwierigkeiten. Aber Unerfahrenheit war nicht das Problem. Von Venezuela war er in See gestochen und nun sein Ruder kaputt. Bis an sein Ziel, die spanische Küste, würde er es nicht schaffen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als das Boot in einem Hafen auf São Miguel, rund 1600 Kilometer von Spanien entfernt, reparieren zu lassen. Doch erst musste die brisante Ladung zwischengelagert werden; es war viel zu riskant, mit Hunderten Kokainpaketen einzulaufen.

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Kokainschwemme: Das Azorenhoch

Die Entscheidung fiel schnell: Einige warf der Segler, der vermutlich allein unterwegs war, ins Meer, die meisten brachte er zu einem kleinen Felsenvorsprung an der Küste vor Rabo de Peixe. Die ziegelsteingroßen Kokainpakete waren in Plastik versiegelt. Später berichtete João Soares, damals leitender Ermittler der portugiesischen Polizei, dass sie auch in einem Fischernetz und an Ketten befestigt in der Bucht versenkt wurden, das Netz zusätzlich mit einem Anker gesichert. Ein wasserdichter Plan, so schien es.

Biergläser voll Pulver

Die Dämmerung brach herein, in der Nacht nahm der Sturm weiter zu, als einige Bewohner von Rabo de Peixe bemerkten, dass seltsame Pakete in der unruhigen See Richtung Pier trieben. Die Fracht hatte sich im aufgewühlten Wasser gelöst, im Unwetter begann eine hysterische Jagd. "Zeugen zufolge wagten sich in dieser Nacht Dutzende Menschen, vom Teenager bis zur Großmutter, auf den gefährlichen Quai, um nach den Päckchen zu angeln", schrieb die spanische Zeitung "El País".

Tagelang wurde São Miguel vom Kokain geradezu überschwemmt. Die Insel, im 15. Jahrhundert kolonialisiert, zählt zu den ärmsten Regionen Portugals. Neben der Fischerei leben die Menschen von Landwirtschaft, Viehhaltung und Sozialhilfe. Jetzt kam eine neue Einnahmequelle hinzu.

Die örtlichen Polizisten waren völlig überfordert. 400 Kilo konnten sie sicherstellen und gaben an, die Jacht habe höchstens 500 Kilo an Bord gehabt. Eine absurde Behauptung, schrieb Nuno Mendes in der Zeitung "El País": "Dieses Boot konnte bis zu 3000 Kilogramm transportieren. Und niemand überquert den Atlantik mit nur einem kleinen Teil dessen, was er wirklich laden kann", so der Journalist aus Lissabon, der vor Ort über die Ereignisse berichtete.

Die Folgen waren dramatisch. Auf der sonst so ruhigen Insel wurden einige Bewohner zu Dealern, hatten aber keine Ahnung von den Kokainmarktpreisen und schon gar nicht von den Risiken des Konsums. "Zahlreiche skrupellose 'Unternehmer' geben ihren Einstand im lokalen Drogenhandel und verkaufen Kokain in einigen Fällen sogar in Tassen, Gläsern oder gleich eine ganze Tasche voll", berichtete die englischsprachige Lokalzeitung "Portugal News" eine Woche später. Manche der neuen Drogenhändler boten ein Bierglas voll Kokain für umgerechnet 20 Euro an.

Fisch mit Kokain paniert?

Der britische Autor Matthew Bremner hat für den "Guardian" die Ereignisse von 2001 rekonstruiert. Er berichtet von einem Abhängigen, der mit seiner Familie mehr als ein Kilo Kokain in nur einem Monat konsumiert haben soll. Um den brisanten Fund entspannen sich viele Gerüchte, oft haltlos - etwa dass alte Fischer in kleinen Hafenbars das Kokain nun morgens in ihren Kaffee wie Zucker einrührten. Andere wollten gehört haben, dass Hausfrauen neuerdings ihren Bratfisch mit Kokain statt mit Mehl panierten.

Fatalerweise hatte das angespülte Kokain einen Reinheitsgrad von 80 Prozent. Bald wurden Jugendliche in die Notaufnahmen der Inselambulanzen eingeliefert. Die Gesundheitsbehörden sahen sich gezwungen, vor dem massiven Kokainkonsum zu warnen, im Lokalfernsehen baten Ärzte verzweifelt darum, den Irrsinn zu stoppen. In den ersten drei Wochen kam es zu zahlreichen Überdosen und mindestens 20 Toten, schätzte Nuno Mendes anhand inoffizieller Statistiken.

Die Polizei durchsuchte zahlreiche Boote im Hafen der Hauptstadt Ponta Delgada und fand in einer Jacht ein Kokainpäckchen, eingewickelt in ein Stück Zeitung. Zeitungstitel und -datum waren identisch mit anderen am Strand gefundenen Paketen. Der Sizilianer Antoni Quinzi, einziger Mann an Bord, leistete keinen Widerstand gegen die Verhaftung. Hoch verdächtig machten ihn auch seine vier Reisepässe und Personalausweise, je zwei aus Italien und Spanien. Alle zeigten denselben 44 Jahre alten Mann - mit verschiedenen Namen.

Im Inselgefängnis wurde Quinzi oft beobachtet, wie er am Telefon Spanisch sprach. In Verhören fand die Polizei später heraus, dass er Mitgefangenen immer wieder angeboten hatte, Pläne zu zeichnen und ihnen so zu verraten, wo noch mehr Kokain zu finden sei. Aber was verlangte er im Gegenzug?

Flucht aus dem Inselgefängnis

Am Morgen des 1. Juli 2001, gut eineinhalb Wochen nach seiner Festnahme, begann Quinzi wie jeden Tag seinen Hofgang. Um seine Unterarme hatte er zerrissene Bettlaken gewickelt, kletterte gegen 11.30 Uhr die niedrige Gefängnismauer hoch und versuchte, den Stacheldraht zu überwinden. Ein Wärter gab aus einem Wachturm einen Warnschuss ab, doch Quinzi kletterte weiter. Mithäftlinge feuerten ihn begeistert an. Der Wachmann beließ es beim Warnschuss und sagte später, er habe Sorge gehabt, Passanten vor dem Gefängnis zu treffen. Quinzi rannte die Straße entlang und flüchtete auf einem bereitstehenden Motorroller.

Nach zwei Wochen wurde der Sizilianer in einer Scheune aufgespürt - mit 30 Gramm Kokain und einem gefälschten Pass. Seine erneute Festnahme war der Schlüssel zur Lösung der Kokainmisere von São Miguel. "Als wir ihm erklärten, dass sich die Insel in ein Minenfeld verwandelt hatte, arbeitete er mit uns zusammen und gab Hinweise, wo weitere Pakete versteckt waren", erklärte João Soares, der die Jagd auf Quinzi als leitender Kommissar angeführt hatte.

Rasch wurde Quinzi in ein Gefängnis auf Portugals Festland überführt und später zu knapp zehn Jahren Haft verurteilt. Ursprünglich hatte er das Boot von Venezuela zu den Balearen segeln wollen und blieb der einzige Täter, der sich dafür verantworten musste.

Bis heute wird auf São Miguel über Quinzi gesprochen, bisweilen wie über eine Legende. Als Maß für die Reinheit von Kokain hat sich über die Jahre die Einheit "El Italiano" etabliert. Manche Inselbewohner hat der unerwartete Fund angeblich wohlhabend gemacht, sie sollen zum Beispiel Cafés und Bars eröffnet haben, die weiterhin existieren.

"Die Reinheit des Kokains hatte katastrophale Folgen", erinnerte sich Suzete Frías, früher Leiterin der Klinik von Ponta Delgada, in der Wochenzeitung "Canarian Weekly". "Der Entzug war so brutal, dass die Menschen Heroin nahmen, um schlafen zu können." Noch immer müsse auf der Insel regelmäßig Methadon verteilt werden.

Die Azoren bleiben ein wichtiger Zwischenstopp auf dem Weg der Drogenschmuggler von Südamerika nach Europa. Erst Anfang Juni 2019 wurden drei Männer im Hafen der Azoreninsel Faial festgenommen - an Bord ihrer Jacht hatten Drogenfahnder 600 Kilogramm Kokain entdeckt.

insgesamt 3 Beiträge
Martin Mahner 30.07.2019
1.
https://www.theguardian.com/society/2019/may/10/blow-up-how-half-a-tonne-of-cocaine-transformed-the-life-of-an-island
https://www.theguardian.com/society/2019/may/10/blow-up-how-half-a-tonne-of-cocaine-transformed-the-life-of-an-island
Luc Bauer 30.07.2019
2. Komische Insel
Das ist doch nicht mal ein halbes Pfund pro Einwohner, an einer anderen Stelle hätte nach 14 Tagen niemand mehr darüber gesprochen, da wär schon alles die Nase rauf gegangen.
Das ist doch nicht mal ein halbes Pfund pro Einwohner, an einer anderen Stelle hätte nach 14 Tagen niemand mehr darüber gesprochen, da wär schon alles die Nase rauf gegangen.
Christin Renner 09.08.2019
3.
Das ist doch eine geniale Geschichte um einen Film draus zu machen.
Das ist doch eine geniale Geschichte um einen Film draus zu machen.

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