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einestages

Kreuzberg in den Siebzigern

Der Hinterhof West-Berlins

Kinder toben durch Bruchbuden, Freaks proben den Aufstand: Kreuzberg war einst Aussteiger-Mekka, Armenviertel und Abenteuerspielplatz in einem. Amateurfotograf Steffen Osterkamp fing den morbiden Charme ein.

Steffen Osterkamp
Von
Sonntag, 05.06.2016   12:03 Uhr

Na, willst du mitspielen? Dann haben wir die Fußballmannschaft voll! Erwartungsvoll blicken die zehn Kids in die Kamera, mit ihrem Lederball, den Schlaghosen, den extrabreiten Krägen. Die älteren Jungs machen Faxen, posieren breitbeinig-cool. Die kleinen, vielleicht vier, fünf Jahre alt, sind einfach nur stolz, mit aufs Foto zu dürfen.

Die Fußballer-Gang scheint den Fotografen zu kennen, der sie da vor dem Schaufenster von Möbel Olfe in der Dresdener Straße Nr. 8 ablichtet. Doch der will gar nicht mitspielen. Steffen Osterkamp drückt auf den Auslöser - und zieht weiter durch den Kiez.

Besonders weit kommt er bei seinen fotografischen Streifzügen nicht. Dresdener Straße, Adalbertstraße, Oranienstraße, Bethaniendamm: Osterkamp flaniert mit seiner Minolta-Spiegelreflex-Kamera im Wesentlichen rund um das Kottbusser Tor und das 1974 fertiggestellte "Neue Kreuzberger Zentrum", ein zwölfgeschossiges, seelenloses Betongeschwür, errichtet als Puffer für die geplante Autobahntangente.

Sehnsuchtsort der Neinsager

Steffen Osterkamp

Amateurfotograf Osterkamp

Selten entfernte sich Osterkamp, Jahrgang 1941, aus "SO 36", jenem legendären Fleckchen Erde, das an drei Seiten vom real existierenden Sozialismus eingekeilt war. Wo Kinder durch Abrisshäuser tobten, das Klo auf halber Treppe nervte, die Bulldozer lauerten. Wo türkische Migranten, sozial Schwache und Rentner ebenso lebten wie schwäbische Studenten, Punks, Wehrdienstverweigerer und all die anderen Neinsager: vereint in der Sehnsucht nach alternativen Lebensentwürfen, vereint im Groll auf den bürgerlichen BRD-Mief.

Gehörte auch Osterkamp, der 1973 aus der ostfriesischen Provinz nach Kreuzberg gezogen war, zu den Aussteigertypen von damals? Sein Neffe Claas weiß es nicht so genau. "Links" sei er schon gewesen, der in Kreuzberg beim Jugendamt beschäftigte Sozialarbeiter. Doch wie eng Osterkamp mit der Szene verwoben war, die er ablichtete, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Der Hobbyfotograf, der bis 1980 in der Dresdener Straße Nr. 8 lebte, starb 1996 - und hinterließ seiner Familie einen wahren Fotoschatz: zwei dicke Aktenordner voller Klarsichtfolien, rund 6000 Negative. Davon knapp 950 Berlin-Bilder, allesamt unbeschriftet.

Neffe Claas entdeckte die beiden Ordner, als er die Wohnung seines Onkels ausräumte. Er nahm die Negative mit nach Hause und kümmerte sich nicht weiter darum. Erst jüngst hat der 49-jährige Vermessungsingenieur begonnen, sich mit dem Erbe auseinanderzusetzen. "Ich fand es einfach schade, dass die tollen Bilder weiter unbeachtet herumliegen", sagt Wahlberliner Osterkamp im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zumal er die Erinnerung an den verstorbenen Verwandten wachhalten möchte.

Auf den Spuren des Onkels durch den "Hinterhof West-Berlins"

Osterkamp scannte 1200 Negative ein und begab sich mit den Aufnahmen in der Hand auf Spurensuche durch den "Hinterhof West-Berlins", wie die "Berliner Zeitung" den Bezirk Kreuzberg einmal titulierte: Wo lief der Onkel damals genau entlang? In welchem Jahr könnten die Fotos entstanden sein? Es begann eine minutiöse Detektivarbeit, die noch immer nicht abgeschlossen ist.

Zahlreiche Fotos konnte Claas Osterkamp bereits lokalisieren, teilweise ließ sich sogar das Aufnahmejahr rekonstruieren. Mal half ihm ein spezielles Automodell oder Zeitschriftencover bei der Datierung, mal ein Veranstaltungsplakat. Etwa der Hinweis auf den "Tunix"-Kongress, zu dem sich Anfang 1978 Tausende Spontis in West-Berlin versammelten, um die Alternativbewegung einzuläuten.

"Ist doch ein guter Anlass, um durch Kreuzberg zu laufen. Der Jagdinstinkt kommt irgendwann von selbst", begründet Claas Osterkamp seine Hartnäckigkeit. Und wenn auf einem Foto beispielsweise nur die Hausnummer 12 als Anhaltspunkt zu sehen ist? Dann wird er eben alle Hausnummern 12 im Kiez abklappern, um das Foto zu verorten.

Selbst wenn sich nicht alle Bilder zweifelsfrei zuordnen lassen: Von den Aufnahmen geht just jene Faszination aus, die Ausgeflippte aller Couleur einst in den östlichsten und ärmsten aller West-Berliner Bezirke lockte. Dorthin, wo das bundesrepublikanische Establishment weit genug entfernt war und die Kinder sich noch nicht in DIN-genormten Sandkisten langweilen mussten - weil die Straße selbst der allerschönste Abenteuerspielplatz war.

insgesamt 21 Beiträge
Uli Zimmermann 05.06.2016
1. Wie bitte? Amateurfotograf?
Das sind ziemlich gute Schüsse, manche davon sogar sehr, sehr gut!! Da hat das ein oder andere Foto eine Qualität, die man bei so manchem "echten" anerkannten Fotokünstler nicht findet. Hut ab!
Das sind ziemlich gute Schüsse, manche davon sogar sehr, sehr gut!! Da hat das ein oder andere Foto eine Qualität, die man bei so manchem "echten" anerkannten Fotokünstler nicht findet. Hut ab!
Wolfgang Nádasi-Donner 05.06.2016
2. Anmerkung zu Bild Nr. 16
Es handelt sich um die damals in der Stadt übliche regelmässige Sperrmüllaktion. Jeder stellte den Kram, den er loswerden wollte, zu einem festen Termin auf die Strasse (in Karlsruhe ist das heute noch üblich). Viele Leute [...]
Es handelt sich um die damals in der Stadt übliche regelmässige Sperrmüllaktion. Jeder stellte den Kram, den er loswerden wollte, zu einem festen Termin auf die Strasse (in Karlsruhe ist das heute noch üblich). Viele Leute haben sich damals ihre Wohnungen auf diese Art und Weise eingerichtet. Ich kenne persönlich noch ein paar Spezialisten, die in ganz West-Berlin herumgefahren sind, um sich Stilmöbel bestimmter Epochen zu suchen.
Stefan Schmidt 05.06.2016
3. Schockierende Zeitdokumente
Ja, so war er, der triste und graue Westen.
Ja, so war er, der triste und graue Westen.
kugelsicher 05.06.2016
4.
Wirklich tolle Fotos. Bin ich der Einzige, dem beim Schauen der Fotos wirklich nur ein Lied unmittelbar in den Kopf schoss... "Berlin" von der Band Ideal. Allerdings in der viel rotzigeren live Variante auf dem Live [...]
Wirklich tolle Fotos. Bin ich der Einzige, dem beim Schauen der Fotos wirklich nur ein Lied unmittelbar in den Kopf schoss... "Berlin" von der Band Ideal. Allerdings in der viel rotzigeren live Variante auf dem Live Album "Zugabe". Passt einfach voll.
Hans-Gerd Wendt 05.06.2016
5. So wars
Da werden eigene Erinnerungen wach! In der Wrangelstraße, es muss die Nr. 8 +/- 1, gewesen sein, hab ich sogar damals 1976 für drei Monate gewohnt, zur Untermiete bei einem Freund. Und was das Foto mit dem Hinweis auf die [...]
Da werden eigene Erinnerungen wach! In der Wrangelstraße, es muss die Nr. 8 +/- 1, gewesen sein, hab ich sogar damals 1976 für drei Monate gewohnt, zur Untermiete bei einem Freund. Und was das Foto mit dem Hinweis auf die Bedürfnisanstalt angeht - ich sah es und dachte sofort: der Moritzplatz. Später befand sich hinter dem Zaun links gegenüber ein Flohmarkt... man möchte gerne alle Bilder sehen!

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