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einestages

"Kursk"-Tragödie

"Das hatte was von einem Endzeit-Film"

Sie galt als Superwaffe und wurde zum Massengrab: Der Untergang des Atom-U-Boots "Kursk" im Jahr 2000 wurde zum Desaster für Russlands Präsident Putin - und die Bergung zu einer riesigen Herausforderung. Auf einestages erinnern sich zwei deutsche Ingenieure, wie etwas gelang, was nie zuvor jemand versucht hatte.

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Donnerstag, 12.08.2010   13:09 Uhr

Das Schaukeln der "Giant-4" hatte sich im sanften Licht der Dämmerung abrupt eingestellt. Jetzt, am frühen Morgen des 8. Oktober 2001, vollführte der Ponton abgehackte, schnelle Bewegungen in den Wellen der Barentssee, etwa 180 Kilometer nordöstlich der nordrussischen Hafenstadt Murmansk. "Man spürte, dass etwas sehr Großes am Schiff hing", erinnert sich Ingenieur Siegfried Rotthäuser. An Bord der 140 Meter langen Schwimmplattform "Giant 4" reagierte die Besatzung verhalten. Obwohl sie ihren Job erfolgreich getan hatte, herrschte Stille. "Es lag ein merkwürdiger Schatten auf der Situation", sagt Rotthäuser. Nur kurz gab das Meer den Blick frei auf das, was wie ein verendeter Wal tief unter den Füßen der Männer im Wasser schwebte. Eine dunkle Flosse ragte wenige Meter aus den Fluten - das Heckruder des geborgenen russischen Atom-U-Boots "Kursk".

Mit dem gewaltigen schwarzen Titantorso hatten die niederländischen Bergungsfachleute und der deutsche Maschinenbauer den ehemaligen Stolz der russischen Marine am Haken. K-141, "Kursk", war mehr als nur irgendein reaktorgetriebenes U-Boot der Nordmeerflotte. Der 154 Meter lange Gigant galt im Nach-Wende-Russland der neunziger Jahre als Symbol ungebrochener militärischer Stärke. In den Siebzigern geplant und 1995 in Dienst gestellt, glich die "Kursk" einer tauchenden Festung: Angetrieben von zwei Atomreaktoren, bewaffnet mit 24 Marschflugkörpern und 28 Torpedos sollte sie nach den militärischen Planspielen des Kreml amerikanische Flugzeugträger auf allen Weltmeeren das Fürchten lehren.

Westlichen Militärs galt dieser über 14.000 Tonnen schwere, waffenstarrende Riese als einer der letzten Dinosaurier des Kalten Krieges: Länger als zwei Jumbo-Jets und beinahe doppelt so schwer wie die meisten U-Boote der US-Navy. Ein Ausdruck sowjetischer Rüstungs-Gigantonomie. In Russland umgab die junge, schlagkräftige "Kursk" ein Mythos. Als einziges U-Boot zierte ihren Turm das russische Wappen, der goldene Doppeladler auf rotem Grund. Und nicht wenige Russen bekamen feuchte Augen, wenn sie nur den Namen "Kursk" hörten. Erinnerte er doch gleichzeitig an den Ort der größten Panzerschlacht des Zweiten Weltkriegs, in der die Rote Armee 1943 der letzten Wehrmachtsoffensive unter hohen Verlusten widerstanden hatte.

Manövrierunfähig in 108 Meter Tiefe

Befehligt wurde das Prestige-Boot von einem Draufgänger: Kommandant Gennadij Ljatschin hatte seit seinem Husarenstück von 1999 den Ruf eines Volkshelden. Damals hatte er die "Kursk" unbemerkt von westlichen Sonarbojen und Marinefliegern durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer navigiert und die Nato-Flotte einige Tage während ihrer Einsätze im Kosovo-Krieg ausspioniert. Eine strategisch ertraglose Mission zwar, die den Sowjetzeiten nachtrauernden Russen aber signalisierte: Wir sind noch im Spiel!

War die "Kursk" unter Seeleuten ehemaliger Ostblock-Staaten eine Legende, hatten im Westen nur wenige von dem Mega-U-Boot gehört. In ihrem Essener Ingenieurbüro wurden Siegfried Rotthäuser und Wilhelm Hagemeister am 14. August 2000 erstmals auf die mächtige Atomwaffe aufmerksam: Eben hatte die russische Marine öffentlich bestätigt, dass die "Kursk" seit zwei Tagen manövrierunfähig in 108 Meter Tiefe auf dem Grund der Barentssee liege. 118 Mann Besatzung saßen nach einem Zwischenfall während eines Großmanövers im modernsten U-Boot der Flotte in der Falle. "Wir unterhielten uns nebenbei darüber, wie man technisch das Boot heben könnte", erinnert sich Ingenieur Hagemeister. Er ahnte nicht, dass er ein Jahr später an einer der spektakulärsten maritimen Bergungsaktionen beteiligt sein sollte.

Während Medien im August 2000 die zahlreichen Zwischenfälle auf Atom-U-Booten in Erinnerung riefen - erst 1989 starben 69 Männer in einem Feuer auf der "Komsomolez" – reagierte die russische Marineführung mit den Desinformationsstrategien des Kalten Krieges: vertuschen, vernebeln, verharmlosen. So wollten Taucher noch am Tag des Untergangs Klopfsignale der "Kursk"-Besatzung gehört haben. Unter den Angehörigen der Elitesoldaten keimte Hoffnung auf. Dass der frisch gewählte Präsident Wladimir Putin angesichts des Dramas in der Tiefe nicht einmal seinen Sommerurlaub am Schwarzen Meer unterbrach, passte ins Bild.

"Da ruft jemand an, der etwas Schweres heben möchte"

Einen Tag später nahm sich Marine-Oberbefehlshaber Wladimir Kurojedow bereits zurück: "Trotz aller Anstrengungen sind die Chancen auf einen glücklichen Ausgang in dieser Lage nicht sehr hoch." Tatsächlich überlebte den Untergang der "Kursk" niemand. Erst eine Woche nach dem Unfall nahm die überforderte Weltmacht ausländische Hilfe an - norwegische und britische Spezialtaucher berichteten von einem vollständig überfluteten U-Boot im Polarmeer. Die von russischer Seite verlauteten Informationen entpuppten sich als Lüge: Weder ein ausländisches "Spionage-U-Boot" noch eine deutsche Seemine aus dem Zweiten Weltkrieg hatte zur Katastrophe geführt. Die "Kursk" und der heuchlerische Umgang mit den Familien ihrer Mannschaft wurden zu Putins erstem Desaster.

Eine Untersuchungskommission gelangte zwei Jahre später zu dem Schluss, dass das defekte Flüssigkeitstriebwerk eines Torpedos vom Typ "Tolstuschka" - "Dickerchen" - an Bord explodiert war. Minuten später detonierte die gesamte Torpedokammer der "Kursk" und riss ihren Bug wie eine Blechbüchse auf. Der Gigant sank auf den Meeresgrund. Durch die gewaltige Sprengkraft wurden sofort 95 Mannschaftmitglieder getötet. In der letzten intakten Sektionen im Heck der "Kursk" kämpften 23 U-Boot-Männer noch sieben Stunden um ihr Leben. Die rettende Ausstiegsklappe des Flaggschiffs ließ sich aber nicht öffnen - einige der jungen Matrosen kritzelten im Dunkeln und unter Atemschutz ihre Abschiedsbriefe.

Die Katastrophe in der Barentssee lag neun Monate zurück, als in Essen das Telefon klingelte. "Da ruft jemand an, der etwas Schweres heben möchte", wurde Hagemeister im Mai 2001 mitgeteilt. Das Konsortium zweier niederländischer Spezialunternehmen sollte die "Kursk" im Auftrag der russischen Regierung heben. Als Experten für "Zustandsberechnungen von Gasen bei hohem Druck" waren die Männer der Ingenieurgemeinschaft IgH empfohlen worden. Ihre Aufgabe: Dafür sorgen, dass der Wellengang die Hebung des Unglücksbootes nicht gefährdete.

"Wie in Gummistiefel im Matsch"

Der Plan war innovativ – und gewagt: 26 Stahltrossen einer Hebeanlage sollten den zerstörten Giganten von einem Ponton aus sanft unter die Wasseroberfläche hieven. Dann könnte das Wrack vertäut und samt Plattform in einen Dock geschleppt werden. Die noch an Bord befindlichen Atomreaktoren durften dabei nicht beschädigt werden. Ebenso wenig durfte etwas aus der scheunentorbreiten Öffnung fallen, die entstanden war, nachdem man die Bugkammer wegen ihrer explosiven Munitionsreste abgesägt hatte. Die "Kursk" steckte zudem im Schlamm des Meeresgrundes – "wie ein Gummistiefel im Matsch", so Hagemeister. Damit sie sanft gelöst werden konnte, entwickelte er mit seinen Kollegen eine Software: Sie sollte während der Straffung der Stahltrossen den Wellengang auf der Plattform über gasgefüllte Zylinder ausgleichen.

Ab Juni 2000 saßen 15 optimistische Mitglieder des Bergungsteams und einige zurückhaltende russische Wissenschaftler vom Sankt Petersburger Krylow-Institut für Schifffahrt an westdeutschen Rechnern und simulierten, was noch niemand versucht hatte: Die Hebung eines 150 Meter langen Atom-U-Boots vom Meeresgrund. "Wir haben in dieser Zeit rund um die Uhr gearbeitet", sagt Hagemeister. Noch vor Ende des Jahres sollten die "Kursk" und die noch nicht geborgenen Leichname ihrer Besatzung russisches Festland erreicht haben. Putin selbst hatte es unter dem öffentlichen Druck vor Kameras versprochen.

Mehr als 2000 Arbeitsstunden steckten in den Computer-Berechnungen der Hebeanlage, als der Schlepper "Singapur" im September 2001 die Plattform "Giant-4" vom norwegischen Kirkenes zur Unglückstelle der "Kursk" zog. Rotthäuser und Hagemeister befanden sich mit an Bord. Das Deck war vollgestellt mit modernen Stahlkonstruktionen, armdicken Kabeln und schlichten Wohncontainern. "Das hatte was von einem Endzeit-Film", sagt Rotthäuser.

Die Bergung dauert acht Stunden

Bevor die Männer per Mausklick die "Kursk" auf ihre letzte Fahrt schicken konnten, mussten Taucher Löcher in die zähe Hülle des Todesschiffs bohren. Noch einmal wurde ihnen das Inferno unter Wasser vor Augen geführt: Über die Monitore flimmerten die Schwarzweißbilder der Unterwasserkameras. Sie zeigten das zerfranste Innenleben und die zerborstenen Panzergläser des Turms der einstigen Superwaffe. Mit etwa 8000 Grad, ermittelten Experten, muss die Torpedo-Explosion durch Schotten und Bootsbesatzung hindurch geschossen sein. Die schottischen Spezialtaucher mussten nicht nur permanent in der Druckkammer regenerieren – nach jedem Abstieg in die dunkle Tiefe des Polarmeeres und den offenen Leib der "Kursk" stand ihnen auch ein Psychologe zur Seite.

"Wir waren sehr auf die Aufgabe konzentriert", schildert Rotthäuser die Atmosphäre an Bord, als am 7. Oktober, kurz vor Mitternacht, die Hebung der "Kursk" begann. Die Wetterbedingungen waren perfekt: Acht Stunden lang dauerte die Bergung, schneller als erwartet, dann hing die "Kursk" fest in einem Stahlgeschirr unter der "Giant-4". Deren Bordkoch präsentierte der Mannschaft schließlich eine Überraschung: Nach der Bergung servierte er eine Torte, auf der die Hebung der "Kursk" mit Zuckerguss nachgebildet war, dazu gab es einen Pappbecher Sekt. Trotz der Freude über die erfolgreiche Mission habe das Team nur verhalten angestoßen, so Rotthäuser: "Allen war klar, dass es nicht der richtige Zeitpunkt zum Feiern war."

insgesamt 3 Beiträge
Johannes Ritter 13.08.2010
1.
Es macht sich natürlich gut wenn alles was aus Russland kommt immer "veraltet" ist und ein "Relikt", aber tatsache ist daß die NATO diese Boote der Klasse 949A "Antey" oder "Oscar" im [...]
Es macht sich natürlich gut wenn alles was aus Russland kommt immer "veraltet" ist und ein "Relikt", aber tatsache ist daß die NATO diese Boote der Klasse 949A "Antey" oder "Oscar" im NATO-Code bis heute als große Bedrohung einstuft. Der Hauptzweck dieser Uboote ist die Bekämpfung amerikanischer Flugzeugträger mit Marschflugkörpern vom Typ "Granit". Die Boote waren am Ende des kalten Krieges das modernste, was es in diesem Zusammenhang gab und stellten eine ziemliches taktisches Problem für die US Navy dar. Das hatte also weder etwas mit Gigantomanie noch mit Protzsucht zu tun, sondern war die Umsetzung der sowjetischen Doktrin, US-Flugzeugträger durch konzentrierte Marschflugkörperangriffe anzugreifen, in Zusammenwirken von Flugzeugen und Ubooten. Und da "Granit" ein ziemlich großer Flugkörper ist (etwa so groß wie ein Jagdflugzeug) braucht man eben als Trägersystem auch ein großes Uboot. Daß dieses nie so leise sein würde wie ein Jagduboot ist dabei nicht so wichtig, da die Boote ja nicht nahe an den Trägerverband heran müssen sondern ihre Flugkörper aus über hundert Seemeilen Entfernung starten können. Das Foto von einem solchen Flugkörper wie er geborgen wird hat übrigens Seltenheitswert, es gibt kaum gute Aufnahmen von P-700 Granit im Original.
Martin Rumbolz 13.08.2010
2.
naja, da gibt es sehr wohl neuere erkenntnisse über die kursk, über das mitgeführte waffensystem, die beteiligung der amerikaner und warum das ganze zum staatsgeheimnis gemacht wurde. wens interessiert.. [...]
naja, da gibt es sehr wohl neuere erkenntnisse über die kursk, über das mitgeführte waffensystem, die beteiligung der amerikaner und warum das ganze zum staatsgeheimnis gemacht wurde. wens interessiert.. http://nuoviso.tv/krieg-und-frieden/wer-schoss-die-kursk-ab.html
Reinhard Kupke 28.10.2012
3.
Das das Ding gesunken ist, war schon schlimm genug. Das aber die russische Marine und ganz Russland nicht in der Lage war, auch nur das Geringste für die Männer im Boot zu tun, war doch mindestens genau so schlimm. Die [...]
Das das Ding gesunken ist, war schon schlimm genug. Das aber die russische Marine und ganz Russland nicht in der Lage war, auch nur das Geringste für die Männer im Boot zu tun, war doch mindestens genau so schlimm. Die russischen DSRV waren verrottet und nicht einsatzfähig. Nicht einmal für das Öffnen der Notausstiegsluken von außen existierte ein Werkzeug. Aber laut posaunen vom angeblichen Rammstoß eines britischen oder amerikanischen U-Bootes, das konnten sie.

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