Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Musik und Politik

Punkalarm beim Ministerpräsidenten

Eine Live-Band zum 18. vom Sohnemann? Nette Idee, meinte Niedersachsens Regierungschef Ernst Albrecht. Doch dann spielten im Partykeller des CDU-Politikers die Toten Hosen auf. Hollow Skai war dabei, als Porzellan zu Bruch ging, Betrunkene in die Beete pinkelten - und ein Staatsmann rot sah.

Eberhard Franke
Montag, 23.06.2008   10:18 Uhr

Die Toten Hosen waren bei weitem noch nicht so berühmt und bekannt wie heute, als ich im November 1986 von ihrem Manager Trini Trimpop zu einem Konzert im Haus des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht eingeladen wurde. Ich war damals Chefredakteur des hannoverschen Stadtmagazins "Schädelspalter" und ahnte noch nicht, dass Deutschlands letzte Punkband so groß rauskommen und ihr Sänger Campino eines Tages Angela Merkel interviewen und an der Seite von Bono und Bob Geldof auf Grönemeyers Rock-Gipfel gegen das G8-Treffen in Heiligendamm ansingen würde.

Ernst Albrecht war überhaupt nur mit den Stimmen von Überläufern aus dem gegnerischen Lager an die Macht gewählt worden und nicht nur wegen seiner Atompolitik in der Alternativszene verhasst, und die Toten Hosen waren sein genaues Gegenteil - aufmüpfig, ungezogen und immer zu einem Späßchen bereit.

Im Rahmen ihrer "Damenwahl"-Tournee, die von dem Kondomfabrikanten Fromms gesponsert wurde, hatten sie einen Monat zuvor auch in Hannover gastiert. Ihr Auftritt auf Helgoland war allerdings kurz zuvor vom Bürgermeister der Insel verboten worden, weil er Ausschreitungen von Punks befürchtete, die in großer Zahl angereist waren (um dann doch nur ganz friedlich Fußball zu spielen). So war ihr Konzert aus Sorge um das Inventar des eben erst eröffneten Clubs Capitol kurzfristig in die Rotation verlegt worden.

Begrüßt von der Ministerpräsidenten-Gattin

In der dortigen Garderobe kam es zum ersten Treffen der Hosen mit einem schüchternen jungen Mann, der sich als Sohn des Ministerpräsidenten zu erkennen gab. Er wollte die "Kinder von Johnny Rotten und Cherry Cola" für ein Konzert engagieren. Zielsicher erkannte der geborene Medienprofi Campino, welche Gelegenheit sich ihm bot. Er knuffte Barthold Albrecht, der bei der Bundeswehr zum Hosen-Fan geworden war, keineswegs unfreundlich in die Seite: "Mein Alter ist auch in der CDU."

Fotostrecke

Wohnzimmerkonzert: Tote Hosen bei Albrechts

Keine zwei Monate später war es so weit. Im Rahmen ihrer "Magical Mystery Tour" spielten sie für lau bei ihrem neuen Fan zu Hause. Der musste ihnen lediglich eine Schlafgelegenheit, etwas zu essen und vor allem zu trinken garantieren.

Gemeinsam mit dem Konzertveranstalter Klaus Ritgen und dem Fotografen Eberhard Franke fuhr ich nach Beinhorn, in die Höhle des Löwen. Das Anwesen der Albrechts war umzäunt und beleuchtet wie die Zonengrenze, und nachdem wir das Wachhäuschen passiert hatten, wurden wir von der Landesmutter mehr oder minder persönlich begrüßt: "Wie heißt der? Horror Skai?" Anschließend führte sie uns in den anliegenden Fetenraum, in dem auch schon mal Gäste der Landesregierung empfangen wurden.

Party statt Geiseldrama

Punks und Popper hatten sich brüderlich um einen Tisch vereint, der später im Pogo-Getümmel ebenso zu Bruch gehen sollte wie eine Toilette. Eher erstaunt als verärgert erzählte Barthold Albrecht, dass der damals noch dicke Hosen-Roadie Faust das kalte Büfett - Roastbeef- und Lachsschnittchen - fast allein "verspeist" hatte, um plötzlich aufzustöhnen: "Das sind ja echte!" Womit er Punks meinte, die nicht auf der Gästeliste standen, aber trotz aller Sicherheitsmaßnahmen problemlos aufs Albrechtsche Anwesen gelangt waren. Dass es nicht zu einem Geiseldrama, sondern zu einer stimmungsvollen Party kam, dafür sorgten die Toten Hosen mit ihrem eingängigen Liedgut: "Ficken, bumsen, blasen, draußen auf dem Rasen..."

Ausgetretene Zigarettenkippen verzierten schon bald den teuren Parkettboden, und Bier schäumte durch den Raum, in dem der "Strahlemann" Ernst Albrecht und der niedersächsische CDU-Chef Wilfried Hasselmann gewöhnlich beim Grünkohl die Landespolitik festklopften.

Während der Spross des Ministerpräsidenten und kleine Bruder der heutigen Familienministerin sich noch königlich amüsierte, pinkelten Punks, unbehelligt von den überall versteckt postierten Bullen, in die Blumenbeete der Landesmutter Heidi Adele. Als dann Schlagzeuger Wölli total ausrastete und mit einem Wandteller - ein Geschenk zur Silberhochzeit - nach einem Zivilpolizisten warf, weil er "keine Bullen mehr sehen" konnte, dräute aber auch dem Gastgeber, dass hier Gefahr in Verzug war. Woraufhin er laut Aussage der Toten Hosen großzügig 500 Mark anbot, wenn sie in einem Hotel und nicht in den Betten nächtigten, "in die auch schon Hans-Dietrich Genscher und Gattin gepupst hatten", wie Campino später feststellte.

"Wie 'Kir Royal', Folge 7"

Die Hosen hatten sich zu dem Zeitpunkt allerdings schon längst mit seinem kleinem Bruder Donatus angefreundet, der den elterlichen Weinkeller für sie plünderte, so dass ihnen das Aufstehen am nächsten Morgen nicht gerade leicht fiel.

"Am liebevoll gedeckten Frühstückstisch" (SPIEGEL) - Kaffee, Brot und Butter - kam es dann aber fast zur Prügelei zwischen dem Hausherrn, der den Abend, geschwächt von einer Sudan-Reise, angeblich auf dem Klo verbracht hatte, und den Punk-Geistern, die man gerufen hatte, nun aber nicht mehr los wurde. "Raus, jetzt reicht's, alle raus hier!", soll der Ministerpräsident laut Campino mit "feuerrotem Gesicht" und "in moosgrüner Jägerkluft" gebrüllt haben, um dann jedoch unverrichteter Dinge den Rückzug anzutreten, so dass die Toten Hosen schließlich doch noch zu ihrem Frühstück kamen.

Kommentar von Barthold Albrecht: "Das war wie 'Kir Royal', Folge 7. Da hätte nur noch gefehlt, dass sich einer an den Kronleuchter hängt." Punk hatte wieder seine Legitimation.

Zum Weiterlesen:

Hollow Skai: "The Music Makers - Die Toten Hosen". Hannibal Verlag, Innsbruck 2007, 182 Seiten.

insgesamt 1 Beitrag
Alain Ayadi 24.06.2008
1.
Hallo, schön von den Heldentaten humorloser, ergrauter Punkrocker der ersten Stunde zu lesen. Wie subversiv es doch ist, beim Ministerpräsidenten seine proletarische Gesinnung und Manieren zu präsentieren. Oder war es Kunst? [...]
Hallo, schön von den Heldentaten humorloser, ergrauter Punkrocker der ersten Stunde zu lesen. Wie subversiv es doch ist, beim Ministerpräsidenten seine proletarische Gesinnung und Manieren zu präsentieren. Oder war es Kunst? Massenhafte kreative Nachahmer gibt es dann ja heute 22 Jahre später in Berlin 36 zu beobachten. Ein wichtiger Beitrag zu Dekadenz und Dummheit. Vielen Dank!

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP