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einestages

NDW-Sängerin Ixi

Der Knutschfleck bleibt

Die Neue Deutsche Welle spülte sie rasant nach oben. Genau ein Hit machte Gaby Christensen zum Star - als Ixi, die Süße mit dem Knutschfleck und der Dauerwelle. Wird sie heute noch erkannt?

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Von Stefanie Witterauf
Mittwoch, 21.08.2019   10:13 Uhr

Süß, frech, ein bisschen schrill. Eine junge Frau aus der norddeutschen Provinz kokettierte sich mit ihrem Hit "Der Knutschfleck" (Video) in die Top Ten der Deutschen Charts. Wie "Major Tom" von Peter Schilling war sie völlig losgelöst, wie Nenas "99 Luftballons" am Horizont des Pophimmels. Ixi wurde zur Ikone. Ihr "Knutschfleck" hielt sich 16 Wochen in den Charts, Platz acht war der beste Rang im April 1983. Dann verschwand Ixi von den Bühnen.

36 Jahre nach ihrem Hit trägt Gaby Christensen schwarz, dazu ein Armband mit Totenkopf aus pinken Strasssteinen. Ihren Latte Macchiato trinkt sie in einem Café am Hamburger Hafen mit viel Zucker. Süß sei sie immer noch, sagt sie. Und frech. Gaby ist Ixi. Und Ixi ist Gaby. Mal spricht sie in der dritten Person von sich, mal sagt sie "wir", mal ist Ixi nur der musikalische Teil von ihr.

Als Ixi 1983 die Charts eroberte, trug sie Miniröcke und Schleifen aus pinkem und blauem Tüll. Einmal klingelten Fans sogar bei ihr zu Hause und wollten Autogramme. Stylisten sagten ihr, wie sie die Haare tragen soll. Und welche Strumpfhosen. In fremden Städten saß sie nach Auftritten allein im Hotelzimmer.

Fotostrecke

NDW-Stars: "Ich bin nicht Ballermann"

Heute wohnt Gaby Christensen, geboren im November 1962 in Elmshorn, nicht mehr in einer hektischen Stadt, sondern im Umland, ist Mutter von drei Töchtern und muss sich mit Alltagsproblemen herumschlagen. An diesem Vormittag war es ein Wasserrohrbruch.

Mach' mir doch kein' Knutschfleck...

Frech und süß. Das ist Ixis Masche. Eine, die Christensen auch mit 56 Jahren noch fährt. Ob's klappt? Sie überlegt. Ja, geht. Dabei zieht sie die gleiche Kussschnute wie mit 20 auf ihrem Plattencover. "Sie haben mir das Kinn retuschiert", sagt sie kopfschüttelnd. Die Ohrringe hat sie gehasst.

Ihre Anekdoten schmückt sie mit berühmten Namen: wie sie einmal zusammen mit "Formel Eins"-Moderator Peter Illmann nicht in den Münchner Promi-Club P1 kam. Wie sie vor ihrem Fernsehauftritt in der ZDF-Hitparade so aufgeregt war, dass "Ich will Spaß"-Markus ihr die Hand halten musste. Jahre später hatte er Lampenfieber, und sie musste seine Hand halten, erzählt sie. Den "Bravo"-Starfotografen Wolfgang "Bubi" Heilemann hat sie beim ersten Treffen als Chauvinisten bezeichnet. Vorstellen kann man sich das gut.

Irgendwie süß war auch ihr Weg zum Plattendeal. Mit ihrem damaligen Freund saß Christensen in einem kleinen Café in Hamburg. Dort schüttete ein Mann Unmengen Zucker in seinen Kaffee. Deswegen kamen sie ins Gespräch. Er lud beide in sein Musikstudio um die Ecke ein. Christensen wollte erst nicht. Ihr Freund überredete sie.

...alles nur kein' Knutschfleck...

Christensen war gerade mit dem Fachabitur fertig und plante, als Au-pair ins Ausland zu gehen, nach San Diego oder Monaco. Sie blieb im Studio, sang ein paar Demos ein und lernte Balthasar Schramm kennen, der damals Komponist und Produzent war und später Chef von Sony Music Deutschland. Gaby wurde zu Ixi. Den Text und die Musik von "Der Knutschfleck" haben sie in einer Nacht in einer Hamburger Wohnung geschrieben. Dreimal klopfte die Nachbarin. Sie waren zu laut.

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Gaby Christensen blieb ein One-Hit-Wonder

Mit dem Titel kam Ixi 1983 gerade noch rechtzeitig. Die Neue Deutsche Welle hatte sich bereits in späten Siebzigerjahren allmählich formiert, speiste sich aber zunächst aus dem musikalischen Untergrund mit Synthesizern als Sound-Basis. Bands mit Wurzeln im Punk und New Wave, darunter DAF, Der Plan oder die Neonbabies, waren die Wegbereiter; mit Ideal, Fehlfarben oder Extrabreit gelang der Durchbruch.

Anfang der Achtzigerjahre wurde die NDW zusehends konventioneller und kommerzieller. Manche Künstler wie Nena mit ihrem "99 Luftballons"-Konsenspop, Peter Schilling mit "Major Tom" oder Falco mit "Der Kommissar" konnten sogar international auftrumpfen. Besonders überraschend stürmte die Großenknetener Provinzband Trio mit ihrem dadaistischen "Da Da Da" die Charts in Kanada oder Brasilien.

...so 'n Fleck hat nur den einen Zweck...

Die Spanne von anspruchsvoller Kunst bis Schlager war in der Neuen Deutschen Welle groß. Manche Texte waren versponnen-sperrig ("Goldener Reiter" von Joachim Witt, "Dreiklangdimensionen" von Rheingold oder "Eisbär" von Grauzone). Andere enthielten, wenn man danach suchte, Anflüge von Sozialkritik, etwa "Bruttosozialprodukt" von Geier Sturzflug oder auch "Skandal im Sperrbezirk" der Spider Murphy Gang.

In den Jahren 1982 und 1983 dominierte aber bereits die hitparadentaugliche Spaßfraktion mit halbironischen Songs wie "Im Tretboot in Seenot" (Fräulein Menke) oder "Sommersprossen" (UKW). Das klang beinah wie Schlager aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, nur moderner.

Zu den eher schlichten Liedern mit fröhlichem Nonsens zählte auch "Knutschfleck". So fand Ixi eine ideale Mitsurfgelegenheit, bevor die Neue Deutsche Welle langsam brach, an Kraft verlor, ausplätscherte. Bald endeten Glanz und Gloria, vorbei die großen TV-Auftritte.

...der Knutschfleck bleibt, und du bist weg

Auch für Gaby Christensen. Ihre Songs "Handkuss" und "Etagenbett" floppten. Die Plattenfirma wollte "einen Abklatsch von Knutschfleck", sagt sie heute. Die Teenagerkomödie "Plem Plem - Die Schule brennt", in der sie die Küchenhilfe Karin spielte und mit Tommi Ohrner herumknutschte, blieb fast unbeachtet. Von Ixi geblieben ist nur dieser eine "Gassenhauer", so nennt sie es.

Ihre Karriere war steil und kurz, 1985 liefen die Verträge mit der Plattenfirma aus. Durch Kontakte habe sie einen Job als "Bravo TV"-Moderatorin bekommen, erzählt Gaby Christensen. Sie interviewte Billy Idol, Supertramp, Talk Talk, Modern Talking. Auch Nena, die sie nie beneidete, wie Christensen sagt.

Songtexte-Quiz: Wovon handelte Ihr Lieblingslied wirklich?

Plötzlich war sie auf der anderen Seite und fand als Musikerin einen besonderen Zugang zu den Künstlern. Im Fernsehen zu moderieren, machte ihr Spaß, aber auch dort blieb sie nicht lange - "leider". Im Jahr 1986 fing sie bei Radio Schleswig-Holstein an, moderierte zehn Jahre lang Unterhaltungsshows, sprach Werbe-Jingles ein, synchronisierte Filme. Und bekam Kinder.

Manchmal wird sie "ausgebuddelt", dann tritt sie als Ikone der Neuen Deutschen Welle auf. Bei Chartshows spricht sie über die Künstler dieser Zeit. Sie sind fast vergessen. Wie sie selbst.

"Ich bin nicht Ballermann"

1995 gab es einen Comeback-Versuch: Die Plattenfirma produzierte eine Knutschfleck-Technoversion. Auch ein Musikvideo wurde gedreht - aber nie veröffentlicht. Den Grund kennt Christensen bis heute nicht. Die Remake-Idee findet sie ohnehin "nicht prickelnd", ebensowenig wie den Knutschfleck-Song mit Discofox zu unterlegen.

"Ich bin nicht Ballermann", sagt Christensen jetzt ernster. So was spreche ja eine gewisse Art von Publikum an. Dorffeste, bei denen Leute Alkohol bechern und einander dann auf die Nase hauen. Ihre Welt war das nie.

"Der Knutschfleck ist so ordinär", sagt Christensen. "Mit dem kann man nichts machen." Der Text sei anstößig, aber nicht politisch relevant. "Aus 'Detlev' hätte man was machen können!", findet sie. "Detlev" (hier im Video) war ihr erster Song, den sie mit 20 Jahren selbst geschrieben hatte, "das war mein feministischer Protest". Sie ist stolz, wenn sie vom Text spricht: Darin fordert Ixi mit süßer Stimme einen Detlev auf, sich für sie zu prostituieren. Der Titel war so provokant, dass ihn manche Radiosender boykottierten.

Statt "schweinischen Kram" auf "extra süß" zu singen, trat sie zwischenzeitlich mit der Band "Ixi und die Fachhochschüler" auf, heute regelmäßig mit "Ixi & the Sugar Daddies". Das Trio hat Oldies der Fünfziger, Sechziger, Siebziger im Programm. Den Knutschfleck spielen sie auch. Gelegentlich. Dann muss Christensen den Text noch mal nachschauen. Nach der zweiten Strophe kommt sie immer durcheinander.

Die Neue Deutsche Welle katapultierte etliche Bands in die Charts. In der Bildergalerie erinnert einestages an Stars und Sternchen - und verrät, was NDW-Musiker heute machen.

insgesamt 11 Beiträge
andreas wegner 21.08.2019
1. Hier fehlt jemand:
SPON hat Spliff und Morgenrot vergessen. Erstere sind deshalb nicht zu vernachlässigen, weil sie ursprünglich als Lokomotive Kreuzberg, dann als Nina Hagen Band und erst dann mit "Radio Show" (gab den Preis des [...]
SPON hat Spliff und Morgenrot vergessen. Erstere sind deshalb nicht zu vernachlässigen, weil sie ursprünglich als Lokomotive Kreuzberg, dann als Nina Hagen Band und erst dann mit "Radio Show" (gab den Preis des Deutschen Buchhandels) als Spliff auftraten. Sie waren neben Nena die Rock- und Popstars der NDW.
Chris Pott 21.08.2019
2. Vielen lieben Da Da Dank!
Vor allem für die Bilderstrecke!
Vor allem für die Bilderstrecke!
Michael Meyers 21.08.2019
3. Extrabreit
Ich war im Dezember beim Jubiläumskonzert der Breiten in Hagen. Die sind live immer noch so genial wie damals. Die Halle war voll, der Altersdurchschnitt des Publikums Ü50, aber alle noch textsicher. War ein genialer Abend mit [...]
Ich war im Dezember beim Jubiläumskonzert der Breiten in Hagen. Die sind live immer noch so genial wie damals. Die Halle war voll, der Altersdurchschnitt des Publikums Ü50, aber alle noch textsicher. War ein genialer Abend mit einem Ausflug in die Jugend.
Alfred Ratner 21.08.2019
4. Bildunterschrift zu Bild 14
"... Stephan Remmler (hier 2015 mit dem Synthesizer, der auf "Da, da, da" zu hören ist) ...". Der Synthi hat einen Namen: Florian Silbereisen! (Anm.: Tatsächlich ist auf dem Bild kein Synthesizer zu sehen).
"... Stephan Remmler (hier 2015 mit dem Synthesizer, der auf "Da, da, da" zu hören ist) ...". Der Synthi hat einen Namen: Florian Silbereisen! (Anm.: Tatsächlich ist auf dem Bild kein Synthesizer zu sehen).
Magnus von Benz 21.08.2019
5. Da bleibt kein Knutschfleck
Gerade wegen "Detlev" ist mir die Frau ungeheuer unsympathisch. Und wenn ich jetzt noch lese, dass sie den Text selbst geschrieben hat und darauf auch noch stolz ist, platzt mir als schwulem Mann der Kragen. Das ist [...]
Gerade wegen "Detlev" ist mir die Frau ungeheuer unsympathisch. Und wenn ich jetzt noch lese, dass sie den Text selbst geschrieben hat und darauf auch noch stolz ist, platzt mir als schwulem Mann der Kragen. Das ist mitnichten feministischer Protest sondern einfach nur eine widerliche Zurschaustellung stereotyper Klischees.

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