Schrift:
Ansicht Home:
einestages

Korruption bei Wohnungsbaukonzern

Der Skandal um die Neue Heimat

Die Neue Heimat war Europas größter Wohnungsbaukonzern, gemeinnützig und in DGB-Hand. 1982 enthüllte der SPIEGEL Missmanagement und Selbstbereicherung. Das Unternehmen zerbrach - und hinterließ eine große soziale Lücke.

HAA Hamburgisches Architekturarchiv
Von Ute Wiedemeyer
Sonntag, 23.06.2019   16:34 Uhr

Kaum ein größerer westdeutscher Ort war ohne "Neue Heimat": Mehr als 400.000 Wohnungen und Bürogebäude, Schwimmbäder und Einkaufszentren - die Neue Heimat baute kräftig mit am Wirtschaftswundergefühl im Nachkriegsdeutschland. Namhafte Architekten prägen mit ihren Bauten bis heute das Gesicht zahlreicher Städte.

Als Keimzelle der Unternehmensgruppe Neue Heimat gilt die gewerkschaftseigene Gemeinnützige Kleinwohnungsbaugesellschaft Gross-Hamburg, gegründet 1926. Die Nationalsozialisten enteigneten gewerkschaftliche Wohnungsbauunternehmen, unterstellten sie der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und benannten sie in "Neue Heimat" um. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben die Neue-Heimat-Unternehmen zunächst in Alliierten-Hand, bis sie Anfang der Fünfzigerjahre an den Deutschen Gewerkschaftsbund übergingen.

Der Kasseler Finanzmanager Heinrich Plett wurde Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender der Neuen Heimat Hamburg. In kürzester Zeit formte er aus den regionalen Neue Heimat-Gesellschaften einen schlagkräftigen bundesweit agierenden Wohnungsbaukonzern. 1982 war damit Schluss: Das gemeinnützige und gewerkschaftseigene Unternehmen wurde zum Schauplatz eines der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik - und ging daran zugrunde.

Foto: SPIEGEL TV

Doch mehr als 30 Jahre später scheint das alte Modell angesichts der angespannten Lage am Wohnungsmarkt erneut verlockend.

Wohnungen, Wohnungen und nochmals Wohnungen

Nach dem Krieg galt der Wohnungsbau als eine der drängendsten Aufgabe überhaupt, auch als wichtiger stabilisierender Faktor der jungen Demokratie: In den Städten fehlten rund fünf Millionen Wohnungen - und die Neue Heimat baute. "Wohnungen, Wohnungen und nochmals Wohnungen", so lautete ihr Mantra. Bereits 1959 vermeldete der Gewerkschaftskonzern die Fertigstellung der Hunderttausendsten Wohnung.

Nach dem Tod von Plett übernahm 1963 sein Stellvertreter und langjähriger Weggefährte Albert Vietor den Chefposten und baute die Aktivitäten massiv aus. Als die ersten auf dem Reißbrett geplanten Stadtteile wie Bremen Neue Vahr, München Neuperlach oder Frankfurt Nordwest entstanden, kamen die Kommunen mit der nötigen Infrastruktur nicht hinterher. Die Neue Heimat sprang ein und übernahm den Bau von Verwaltungsgebäuden, Schulen, Freizeitzentren.

Mit der Gemeinnützigkeit, die gegen Steuerentlastungen eine geringe Rendite von nur vier Prozent vorschrieb, war das nicht mehr vereinbar. 1964 entstand daher ein kommerzieller Zweig, die "Neue Heimat Kommunal", ab 1969 Teil der "Neue Heimat Städtebau". Dort bündelte das Unternehmen alle kommerziellen Töchter.

Fotostrecke

Neue Heimat: Meilensteine des Wiederaufbaus, jäher Untergang

Von der Öffentlichkeit beinah unbemerkt gab es seit 1962 bereits einen Firmen-Ableger für Auslandsgeschäfte, die "Neue Heimat International". Das Sahnehäubchen im Portfolio des Gewerkschaftskonzerns war das eigene Forschungsinstitut GEWOS, das sich in den wissenschaftsgläubigen Endsechzigern als unschätzbarer Wettbewerbsvorteil erwies.

Zwischen 1966 und 1973 erreichte die Neue Heimat den Höhepunkt ihres Erfolges. Ihr Einfluss in Bonn stieg mit der Regierungsbeteiligung der SPD. Unter der griffigen Formel der Gemeinwirtschaft diente die Neue Heimat als Instrument gewerkschaftlicher Strukturpolitik, expandierte ins Ausland und trug maßgeblich dazu bei, den Sanierungsbedarf der maroden Innenstädte auf die Agenda der Bundesregierung zu bringen.

"Bei uns können Sie eine ganze Stadt bestellen"

Der Gewerkschaftskonzern wurde zu Europas größtem Wohnungsbauunternehmen - Umsatz: 6,4 Milliarden DM, fast 6000 Beschäftigte, mehr als 100 Tochterunternehmen im In- und Ausland.

Von ganz oben führte der Weg nur noch abwärts: Mit der Ölkrise Anfang der Siebzigerjahre kam auch die Wirtschaft ins Rutschen. Baukosten explodierten, der Wohnungsmarkt war ausgeglichen, die öffentliche Förderung wurde zurückgefahren. Großsiedlungen an Standrändern, einst Experimentierfeld für die Idee von der Planbarkeit sozialer Strukturen, gerieten in Verruf. Es drohte Leerstand.

Spätestens jetzt hätte sich die Neue Heimat reformieren müssen. Ein gemeinwirtschaftliches Unternehmen mit einem Konzept aus den Sechzigerjahren war unter den Marktbedingungen der Achtziger nicht mehr lebensfähig, sagt Historiker Peter Kramper, der über die Unternehmenspolitik und -entwicklung der Neuen Heimat promovierte.

Vietor und Genossen traten die Flucht nach vorn an. Sie verstärkten das Auslandsgeschäft und das Engagement im Städtebau. Auf der Agenda standen jetzt auch Krankenhäuser, Hochschulen und Hotels. "Bei uns können Sie eine ganze Stadt bestellen", lautete der großspurige Slogan.

Selbstbereicherung und Schuldenberge

Hinter der schillernden Fassade aber bröckelte es längst. Der Ruf in der Öffentlichkeit war angeschlagen, Gerüchte über unlautere Machenschaften des Vorstands machten die Runde. Dem SPIEGEL wurden schließlich handfeste Beweise dafür zugespielt: "Neue Heimat - Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen" lautet der SPIEGEL-Titel, der am 8. Februar 1982 ein wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Beben auslöste. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar.

Über Jahre hatten die Neue-Heimat-Bosse bei ihren Mietern skrupellos abkassiert und sich über Tarnfirmen bereichert. Über Strohmänner waren sie an Privatfirmen beteiligt, die millionenschwere Aufträge von der "Neuen Heimat" erhielten.

Und nicht nur das - der Konzern war bankrott. Der Vorstand hatte einen Schuldenberg von mehreren Hundert Millionen Mark angehäuft, den größten Teil durch Missmanagement im Auslandsgeschäft.

Mit hektischen Entlassungen und Wohnungsverkäufen versuchten die Gewerkschaften, den Schaden an Image und Geldbeutel zu begrenzen. Tragischer Höhepunkt des Niedergangs war 1986 der Verkauf der Neuen Heimat für den symbolischen Preis von einer Mark an den Berliner Bäcker Horst Schiesser. Nach Einspruch der Banken wurde der Kauf rückabgewickelt.

Abschied von der Idee der Gemeinwirtschaft

Schließlich zog der DGB die Reißleine und trennte sich vom Unternehmen. Der gesamte Wohnungsbestand wurde verkauft. Die Neue Heimat, sie war Geschichte.

1990 nahm die Bundesregierung den Skandal um den einstigen Vorzeigekonzern zum Anlass, den Status der Gemeinnützigkeit abzuschaffen und sich Stück für Stück aus der aktiven Sozialbau-Politik herauszuziehen. Zurück blieb die Frage: Wie konnte es so weit kommen?

Hunderte von Beiräten, Gutachtern, Bankiers und Politikern müssen davon gewusst haben. Und die vielen Aufsichtsräte - waren sie alle ahnungslos? Dubios blieb auch die Rolle der Gewerkschaften. Selbst zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse konnten nicht alles klären.

Gut 30 Jahre später ist das Thema Wohnungsnot wieder zentral. Bezahlbarer Wohnraum gilt als die soziale Frage unserer Zeit. Auf der Suche nach neuen Instrumenten, um die aktuelle Krise zu lösen, fällt der Blick auch auf die alten Werkzeuge, mit denen einst die Neue Heimat Jahr für Jahr Tausende von Sozialwohnungen errichten konnte.

Es gab vor allem ein gemeinsames Ziel, das Politik, Gesellschaft und Unternehmer verband: die Schaffung von preisgünstigem Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung. Noch bis in die Achtzigerjahre war dieser Gedanke ein gesetzlich festgeschriebenes, gesamtgesellschaftliches Vorhaben. Die gemeinnützige Neue Heimat hat viel dazu beigetragen - bis sie im Strudel von Korruption und Missmanagement unterging.

insgesamt 15 Beiträge
Dieter Freund 23.06.2019
1. Typisch Gewerkschaft?
In den Untergangsstrudel der neuen Heimat gerieten auch die COOP und die BFG. Obwohl die Gewerkschaften ihre Existenzberechtigung haben, scheint es einigen mehr um den Eigen- statt Gemeinnutz zu gehen - fängt bei Nutzung der [...]
In den Untergangsstrudel der neuen Heimat gerieten auch die COOP und die BFG. Obwohl die Gewerkschaften ihre Existenzberechtigung haben, scheint es einigen mehr um den Eigen- statt Gemeinnutz zu gehen - fängt bei Nutzung der gewerkschaftlichen Kontakte zu Tupperpartys/Versicherungen/Vertriebsgeschäften und endet bei Vorteilsnahmen wie Steinkühler oder Volkert
Christos Kiosses 23.06.2019
2.
Der Autor fragt sich hier leider nicht, wie und warum Korruption entstand. Korruption ist Machtmissbrauch. Die Macht ist entstanden, weil Marktregeln ausgehebelt wurden (wie in der DDR). Sozialer Wohnungsbau kann nie sozial sein. [...]
Der Autor fragt sich hier leider nicht, wie und warum Korruption entstand. Korruption ist Machtmissbrauch. Die Macht ist entstanden, weil Marktregeln ausgehebelt wurden (wie in der DDR). Sozialer Wohnungsbau kann nie sozial sein. Derjenige, der entscheidet wer in die subventionierte Wohnung kommt, hat die Macht, ist also direkt korrupierbar. Es zieht auch nie jemand aus der Sozialwohnung aus, obwohl der ursprüngliche Grund für die Bevorzugung schon längst entfallen ist. Wirklich sozial ist es nur, wenn man die einfachen Bürger nicht anlügt was machbar ist und was nicht. Es kann nicht jeder in Berlin Mitte wohnen. Das ist Fakt.
Allan Smylie 23.06.2019
3. Das zu erwartende Ergebnis von Enteignungen
Diesen Beitrag sollten sich die Kevin Kühnerts dieser Welt durchlesen. Das gleiche sieht man am Berliner Flughafen den SPD-Politiker geplant haben. Wenn Politiker sich in den Immobilienmarkt einmischen entsteht immer [...]
Diesen Beitrag sollten sich die Kevin Kühnerts dieser Welt durchlesen. Das gleiche sieht man am Berliner Flughafen den SPD-Politiker geplant haben. Wenn Politiker sich in den Immobilienmarkt einmischen entsteht immer Misswirtschaft.
Martin Stübs 23.06.2019
4. Zwangsläufig
Der Untergang der Neuen Haimat war zwangsläufig. Auf die harte Weise haben SPD und Gewerkschaften daraus gelernt: Das Unternehmen sollte man den Unternehmern überlassen. Inzwischen geistern die Sozialträumer ja wieder mit ihrer [...]
Der Untergang der Neuen Haimat war zwangsläufig. Auf die harte Weise haben SPD und Gewerkschaften daraus gelernt: Das Unternehmen sollte man den Unternehmern überlassen. Inzwischen geistern die Sozialträumer ja wieder mit ihrer "Kapitalismuskritik" herum.
Harald Reichmüller 23.06.2019
5. Bauer, bauen, bauen!
Das kann und darf doch so nicht endlos weitergehen. Unser Volk wächst zahlenmäßig nicht mehr, sondern es stagniert. Nichtintegrierbare Ausländer in's Land zu holen, führt zu Ghettos, ausufernden Soziallasten für die [...]
Das kann und darf doch so nicht endlos weitergehen. Unser Volk wächst zahlenmäßig nicht mehr, sondern es stagniert. Nichtintegrierbare Ausländer in's Land zu holen, führt zu Ghettos, ausufernden Soziallasten für die Gemeinschaft, und zugehöriger Kriminalität und Verwahrlosung. Und das alles nur, damit Baukonzerne immer wieder Riesengewinne einfahren können? Und dazu die Banken, die sich an Krediten von Häuslebauern bereichern können. Die Stadt frißt sich allüberall immer mehr in's Kulturland hinein, welches Deutsche und Ausländer bei weitem nicht mehr ernähren kann. Nie war unsere Abhängigkeit von überseeischen Einfuhren aller Art größer und bedrohlicher als heute. Ich wundere mich, daß die ach angeblich so unweltbewußten GRÜNEN hierzu nie Stellung nehmen. Was, wenn es wieder eine Weltwirtschaftskrise geben wird? Werden dann Millionen in Deutschland lebende Menschen verhungern müssen - auch ohne Krieg? Und das nur, damit Bürgermeistereien sich immer mehr aufblähen, um alte Schulden durch die Grundsteuern neu ausgewiesener Baugebiete bedienen zu können?

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP